Das Kastell Hauara beziehungsweise Auara, modern El-Humayma, ist ein römisches Militärlager an der während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) durch die Legio III Cyrenaica errichteten Via Traiana NovaHans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36. und lag am Limes Arabicus. Die Garnison gehörte zunächst zur Provinz Arabia und wurde während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) der neugegründeten Provinz Palaestina Tertia zugeschlagen. Die in dieser Fortifikation stationierten Einheiten waren für die Überwachung und Sicherung eines Grenzabschnitts verantwortlich. Das bis in die Neuzeit durch Steinraub bedrohte Kastell gehört heute zu den am besten erforschten und am besten erhaltenen frührömischen Garnisonen im Vorderen Orient. Hauara befindet sich heute bei der modernen Siedlung El-Humayma, einer Ortschaft im Gouvernement Aqaba im Süden von Jordanien.

Lage mini|Der Blick von El-Humayma aus in südliche Richtung. Im Vordergrund Reste der Zivilsiedlung mini|Gebäuderest in der Zivilsiedlung El-Humayma, das zum nördlichen Gebiet der Hisma-Wüste zählt, befindet sich im Süden Jordaniens rund 60 Kilometer nördlich des am Roten Meer gelegenen Seehafens Akaba und rund 25 Kilometer südwestlich von Zodocatha/Zadagatta, heute Es-Sadaqa, im Sheraʾa-Hochland.Robert Darby: The Late Roman military baths of the Wadi Arabah. A survey of recent archaeological work. In: Syria 92, 2015, S. 67–83; hier: S. 76. Die Siedlung dort ist als Auara bekannt, die der antike Geograph Claudius Ptolemäus (um 100–nach 160) erwähnt und in der Form Hauara auf der Tabula Peutingeriana bezeugt wird. Die Identifizierung von Auara mit El-Humayma wird unter anderem durch den Orientalisten und Historiker David F. Graf von der University of Miami unterstützt.Hani Hayajneh: Marcus Ulpius Suʿaidu in einem Bruchstück einer nabatäischen Inschrift aus Süd-Jordanien. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins, Band 117, Heft 2, 2001, S. 171–185; hier: S. 171. Die Lage der Ruinenstätte entspricht ziemlich genau den 20 römischen Meilen, die auf der Tabula Peutingeriana zwischen Zodocatha und dem südlich gelegenen Hauara an der Via Traiana Nova bezeugt sind. Ein im Jahr 2000 entdeckter Weihealtar aus dem Lagerdorf (Vicus), der im zweiten oder dritten Jahrhundert entstand, bestätigt den Namen:John Peter Oleson, M. Barbara Reeves, Barbara J. Fisher: New Dedicatory Inscriptions from Humayma (Ancient Hawara), Jordan. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 140, 2002, S. 102–121.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 193–198; hier: S. 193..

Pr(o) sal(ute) Augg(ustorum) [I]ovi Ammo- ni vexill(atio) leg(ionis) III Cyr(enaicae) Fel(icis) q(uae) d(onum) fec(it) Hav(arrae) cum Iul[i]o Prisco

Übersetzung: „Zum Heil der Kaiser dem Jupiter-Ammon. Eine Abteilung der Legio III Cyrenaica, der Erfolgreichen, hat zusammen mit Julius Priscus Hauara dieses Geschenk gemacht.“

Forschungsgeschichte Die Umfassungsmauer, das Osttor und viele der inneren Strukturen, wie das Stabsgebäude (Principia), wurden von dem kanadisch-amerikanischen Klassischen Archäologen John Peter Oleson zwischen 1993 und 2005 ausgegraben. Ergänzende Arbeiten nahm die kanadische Klassische Archäologin M. Barbara Reeves im Jahr 2012 vor. Reeves gehörte seit 1995 zur Grabungsmannschaft in Humayma und wurde in der Nachfolge von Oleson 2008 zur Projektleiterin ernannt. Die Klassische Archäologin Yvonne Gerber von der Universität Basel war für die Analyse der Keramik zuständig.

Die ersten beiden Bände des von Oleson und seinen Mitarbeitern vorgelegten Abschlussberichts des seit 1991 gelaufenen Ḥumayma-Ausgrabungsprojekts, die 2010 und 2013 veröffentlicht wurden, befassten sich mit der Geschichte und dem Wasserversorgungssystem, einem nabatäischen Lagerplatz und der Nekropole, den byzantinischen Kirchen und den frühislamischen Gehöften. Der Abschlussberichts über das Kastell, mit dem sich dieser Artikel beschäftigt, wurde als Band drei ausgeliefert.

Baugeschichte Der Ort ist durch eine Reihe schriftlicher Quellen bekannt, die ihn als Gründung des nabatäischen Königs Aretas III. (87–62 v. Chr.) ausweisen. Anschließend war Hauara eine Grenzstadt im Römischen Reich und zwischen 690 und 750 eine wichtige Residenz während des Abbasiden-Kalifats.

Das bald nach der Annexion des Nabatäerreiches unter Trajan im Jahre 106 n. Chr.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Rmanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. und der Gründung der Provincia Arabia errichtete Kastell befindet sich im Nordosten des Fundplatzes, abseits der meisten anderen sichtbaren antiken Strukturen. Es bildet ein fast perfektes Rechteck von 700 × 500 römische Fuß, also 206,32 × 148,32 Metern (= 3,05 Hektar). Für die Archäologen entstand während der Ausgrabungen der Eindruck eines Bauwerks, das aus vielen Spolien errichtet wurde. Die großen Mengen an nabatäischer Keramik in den Schichten der Phase I unterstützen diesen Eindruck und lassen auf ein bedeutendes früheres nabatäisches Gebäude schließen, das ursprünglich anstelle der Kastells bestanden haben könnte oder in dessen Nähe stand. Die Datierungsnachweise aus der Zivil- und Militärgeschichte der Siedlung reichen von den Nabatäern des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis in die frühislamische Zeit.

Um ein grundsätzliches Verständnis für die Bauphasen dieses Kastells zu entwickeln, wird anschließend das von Oleson entwickelte Schema dargestellt:

Strata (Phasen) Befunde Ungefähre Datierung I vorrömische, nabatäische Keramik, ohne bekannte bauliche ResteJohn Peter Oleson: The Trajanic Auxiliary Fort at Hawara (modern Humayma), Jordan. In: Studies in the History and Archaeology of Jordan (SHAJ) 13 (2019), S. 395–406; hier: S. 396. erstes Jahrhundert n. Chr. II Bau des Kastells einschließlich der Innenbebauung und der Wasserversorgung, mit späteren stückweisen Umbauten. Bau des Militärbades im Vicus. ca. 106/110 bis ca. 285 III Mögliche Aufgabe des Kastells, entweder als Folge der militärischen Expansionen durch die Königin Palmyras und des römischen Orients, Septimia Zenobia, im Jahre 270 oder als Teil der während der Regierungszeit des Kaisers Diokletians (284–305) durchgeführten Reorganisation der römischen Reichsgrenze in den 290er Jahren. spätes drittes bis frühes viertes Jahrhundert IV Renovierung oder Wiederbesetzung von Teilen des Kastells einschließlich einer Einheit, der Equites sagittarii indigenae sowie eine Mitnutzung der Anlage durch Zivilisten. Diese Phase endet mit der Zerstörung durch das Erdbeben von 363 oder vielleicht mit Ereignissen im Zusammenhang mit dem Aufstand der arabischen Königin Mavia von 375 bis 378. ca. 320 bis 363 V Renovierung von Teilen des Kastells für die militärische und zivile Nutzung; Ablagerung von Schutt in vielen verlassenen Räumen. ca. 363 bis frühes 5. Jahrhundert VI Aufgabe des Kastells (frühes fünftes Jahrhundert), Steinraub und allmähliche Erosion der Mauern durch Wetter- und Wassereinwirkung. fünftes bis achtes Jahrhundert VI A Kleinräumige, temporäre Besiedlung des Kastellbereichs. Mitte des sechsten Jahrhunderts

Phase III: Mögliche vorübergehende Aufgabe des Kastells Grundsätzlich schwierig zu Deuten ist das wahrscheinliche Aussetzen aller Aktivitäten innerhalb des Kastells während der Phase III. Eine klare Lücke in der Münzreihe könnte auf eine vorübergehende Aufgabe der Garnison im späten dritten Jahrhundert hinweisen. Oleson konnte Prägungen von fünf der sechs Kaiser, die Diokletian direkt vorausgingen während seiner Grabungen identifizieren. Diese Münzen wurden an verschiedenen Stellen innerhalb des Kastells gefunden. Weder auf dem Gelände der Fortifikation noch sonst wo in Humayma ließen sich während der Forschungen durch Oleson indes Prägungen Diokletians finden. Auch die Münzen aus der Regierungszeit der anderen frühen Tetrarchen – Maximian (286–305), Constantius Chlorus (293–306) und Galerius (293–311) – fehlen. Allerdings dokumentieren Prägungen anderer Herrscher ab 305 n. Chr. ein Wiederaufleben des Münzumlaufs. So finden sich Münzen des Maximinus Daia (305–313), des Maxentius (306–312), von Konstantin dem Großen (306–337), Licinius (308–324) und dessen Sohn Licinianus Licinius (317–324).John Peter Oleson: The Trajanic Auxiliary Fort at Hawara (modern Humayma), Jordan. In: Studies in the History and Archaeology of Jordan (SHAJ) 13 (2019), S. 395–406; hier: S. 399.

Die geborgenen Münzen der späteren Tetrarchen zeigen, dass das Kastell bereits um 320 wieder besetzt gewesen sein muss. Denkbar wäre nach Oleson auch eine neue Nutzung nach Konstantins Aufstieg zum Alleinherrscher im Jahre 324. Bis heute konnte die Bewertung des keramischen Fundmaterials, der Münzen und der Stratigraphien allerdings nicht unwiderlegbar beweisen, dass das Kastell tatsächlich für eine kurze Zeit im späten dritten beziehungsweise frühen vierten Jahrhundert von der Truppe verlassen wurde, doch sprechen einige gewichtige Befunde dafür. So stürzten während der Phase III in den Principia, dem Stabsgebäude, mehrere Dächer und Wände ein. Auch sammelte sich in und um einige der Diensträume Schutt an. Im Untersuchungsareal N wurde ein Handwerksbetrieb mit fünf Becken, die höchstwahrscheinlich durch eine Brauerei genutzt wurden, am Ende von Phase II aufgegeben und in Phase IV nicht wieder in Betrieb genommen.John Peter Oleson: The Trajanic Auxiliary Fort at Hawara (modern Humayma), Jordan. In: Studies in the History and Archaeology of Jordan (SHAJ) 13 (2019), S. 395–406; hier: S. 400.

Wahrscheinlich spiegelt sich in der gemutmaßten zwischenzeitlichen Aufgabe des Kastells die diokletianische Reorganisation der Reichsgrenze nach 285 wider. Oleson dachte allerdings auch an Auswirkungen durch die Machtbestrebungen Zenobias, doch fanden sich keine zeitlich passenden Zerstörungen im Kastell. Allerdings wurden ein Heiligtum und mehrere Gebäude im Vicus zu jener Zeit aufgegeben.

Phase IV: Wiederbesetzung und teilweise Nutzung durch Zivilisten Während der Phase IV, die Oleson von circa 320 bis 363 angesetzt hat, wurden viele Bereiche innerhalb des Kastells renoviert oder umgestaltet. Aufgrund der Ausgrabungen konnten diese Tätigkeiten insbesondere für das Stabsgebäude und das Wohnhaus des Kommandanten (Praetorium) nachgewiesen werden. Die reichen Keramikfunde aus dem vierten Jahrhundert sowie die zahlreichen Münzen der konstantinischen Ära zeugen von einer kontinuierlichen Nutzung während dieser Zeit. Deutlich wurde bei den Ausgrabungen, dass die Renovierungsarbeiten, beispielsweise bei den Principia, nachlässig ausfielen. Dennoch wurde durch das Hinzufügen von mindestens einer Geschützplattform an die Innenseite der Umfassungsmauer der Wehrcharakter dieser Anlage verstärkt. Die schmale Plattform war rund 4,85 Meter lang und 1,80 Meter breit und wurde während der Untersuchungen durch Oleson im südöstlichen Quadranten des Kastells zwischen zwei Türmen entdeckt. Es fanden sich zudem mögliche Spuren für weitere solcher Einrichtungen der Phase IV, die an verschiedenen anderen Stellen der Umfassungsmauer bestanden haben könnten.