Systemische Sozialarbeit wendet systemische Theorien, Methoden und Haltungen auf das gesamte Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit an.

Systemische Konzepte lassen sich mit großem Nutzen im beruflichen Alltag anwenden, etwa in der sozialen Arbeit mit Individualklienten der unterschiedlichen Altersstufen, beispielsweise mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen oder Alten, des Weiteren in der Arbeit mit besonderen Gruppen wie etwa mit Alten, Jugendlichen, Behinderten, psychisch oder körperlich Kranken, Drogenabhängigen, straffällig Gewordenen oder auch mit obdachlosen Menschen. Ein weiteres Feld liegt in der betrieblichen Sozialarbeit.

Grundlegendes Wesentlich für eine Systemische Sozialarbeit ist, dass sowohl die wissenschaftliche Fundierung als auch die methodische Ausrichtung auf systemischen Perspektiven, Theorien und Konzepten basiert. Dabei gibt es zwar verschiedene systemische Richtungen, ab der Jahrtausendwende haben sich aber vor allem systemisch-konstruktivistische Ansätze durchgesetzt. Seit den Achtzigerjahren lässt sich im Diskurs und in der Praxis der Sozialen Arbeit eine zunehmende Verbreitung systemischer Ansätze beobachten. Dabei haben sich im Rahmen des systemischen Paradigmas eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze etabliert.Deutsche Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit (DGSSA). Aufgaben und Ziele. https://www.dgssa.de/ziele.php Dabei begann die Etablierung systemischer Perspektiven vor allem in den 1980er Jahren. Grundlage waren sowohl systemisch-konstruktivistische Methodik (ursprünglich im Kontext von Therapie und Beratung entwickelt) als auch systemisch-konstruktivistische Systemtheorie (ursprünglich in der Soziologie entwickelt). In der sozialarbeiterischen Theorieentwicklung finden sich Gemengelagen, Konklusionen und Transformationen aus beiden Traditionslinien. Etwa die methodisch orientierten Arbeiten von Peter LüssiPeter Lussi (1995): Systemische Sozialarbeit. Praktisches Lehrbuch der Sozialberatung. Bern: Haupt., Walter MilowizWalter Milowiz (2009): Teufelskreis und Lebensweg – systemisch denken in der Sozialarbeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Ulrich Pfeifer-SchauppPfeifer-Schaupp, Ulrich (1995): Jenseits der Familientherapie. Systemische Konzepte in der Sozialen Arbeit. Freiburg: Lambertus., Wolf RitscherRitscher, Wolf (2007): Soziale Arbeit: systemisch. Ein Konzept und seine Anwendung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. und Wilfried HosemannHosemann, Wilfried/Geiling, Wolfgang (2005): Einführung in die systemische Soziale Arbeit. Freiburg: Lambertus., die postmodern-ambiguitätstheoretisch orientierten Arbeiten von Heiko KleveKleve, Heiko (2003): Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorie und Postmoderne: Grundlegungen und Anwendungen eines Theorie- und Methodenprogramms. Freiburg: Lambertus. und die grundlagen- und interaktionstheoretischen Arbeiten zu einer systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung und der darauf aufbauenden Relationalen Sozialen Arbeit von Björn KrausBjörn Kraus (2006): Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft. In: Kontext. Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie. Heft 37/02, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, S. 116–129. Auch hier: https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=12387, Björn Kraus (2019): Relationale Soziale Arbeit. Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Beltz/Juventa, Weinheim/Basel.

Heute ist in der sozialen Arbeit der systemtheoretisch (systemisch)-konstruktivistische Ansatz sehr verbreitet. Er ist eng mit Beiträgen und Arbeiten von z. B. von Dirk Baecker, Peter Fuchs, Johannes Herwig-Lempp, Wilfried Hosemann, Heiko Kleve, Björn Kraus, Roland Merten, Albert Scherr und Jan V. Wirth verbunden.

Systemischer Ansatz nach Lüssi Der systemische Ansatz nach Peter Lüssi geht im Gegensatz zum linearen nicht von einem kausalen Ursache – Wirkung – System aus, sondern betrachtet die Wechselwirkungen von Elementen eines Systems im Gesamtzusammenhang. Dabei wird zudem das Verhalten der einzelnen Elemente im System und das Verhalten des Systems zu seiner Umwelt beachtet. Hier wird ein Problem nicht als Wirkung einer bestimmten Ursache gesehen, sondern als eine Systemstörung definiert, die beseitigt werden muss. Die betroffenen Personen werden nicht als ganzheitliche Persönlichkeiten, sondern als Elemente des Systems in ihrer speziellen Rolle, die für den entsprechenden Zusammenhang relevant ist, betrachtet.

Die systemische Sozialarbeit ist vor dem theoretischen Hintergrund des Konstruktivismus entstanden, der sich infolge der Positivismuskritik weniger mit den bloßen Fakten einer Tatsache beschäftigt, sondern vielmehr die Strukturen und Mechanismen betrachtet, die Menschen dazu bringen über Kommunikation und Konsens zu verbindlichen Aussagen zu kommen.

Wirkweise der systemischen Sozialarbeit In der systemischen Sozialarbeit ist jedes Problem eine Systemstörung. Als Störung sieht Peter Lüssi entweder eine Störung im Zweck des Systems oder eine Störung in den Beziehungen der Systeme. Auf dem Weg dieses Vorgehens zur Problemlösung ist eine ständige Reflexion unabdingbar, um zu klären, ob der Ansatz, wo das Problem liegt und was das Problem ist, noch stimmt oder ob man seinen Ansatz revidieren muss.

Systemzugehörigkeit Dazu muss zunächst bestimmt werden, welches System man untersucht. Hier stellt Lüssi mehrere Systemkategorien zur Verfügung: die soziale Kategorie oder drei Möglichkeiten für eine andere Kategorie: entweder psychologisch betrachtet eine Persönlichkeit, medizinisch gesehen ein Organismus oder ein Kulturwesen. Das betrachtete System nennt man Referenzsystem. In der Sozialarbeit sind meist soziale Systeme relevant. Dabei gibt es verschiedene Systemebenen, größere Systeme können kleinere enthalten, es entstehen Supra- und Subsysteme. Beispielsweise wäre eine Schulklasse ein Subsystem einer Schule. Die Umwelt des Referenzsystems ist stets sein Suprasystem, von dem es sich durch seine Systemgrenzen abgrenzt. Innerhalb eines Systems müssen seine Mitglieder spezielle Rollen einnehmen.

Die Störung kann nun entweder in der Systemfunktionalität oder in der Systembeziehung liegen.

Systemfunktionalität Betrachtet man die Systemfunktionalität, so kann das System funktional, d. h. entsprechend seinem Zweck, funktionieren oder dysfunktional sein. Im Falle der Dysfunktionalität liegt eine Störung vor, für die Peter Lüssi drei Möglichkeiten nennt: eine Fehlfunktion: z. B. in einem Hilfssystem wird ein Hilfebedürftiger immer abhängiger und passiver, statt dass ihm zur Selbsthilfe verholfen wird; ein Funktionsausfall: z. B. eine unbesetzte Arbeitsstelle in einem BetriebDies wäre dann etwa ein thematischer Gegenstand in der betrieblichen Sozialarbeit.; ein Funktionskonflikt: z. B. Machtkampf in einer ArbeitsgruppeDies wäre dann ebenfalls ein thematischer Gegenstand in der betrieblichen Sozialarbeit..

Systembeziehung Bei der Systembeziehung geht es um die Relationen verschiedener Systeme zueinander. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten. Die Beziehung kann zwischen Systemen unterschiedlicher Kategorie sein, d. h. beispielsweise zwischen der sozialen Kategorie einer Familie und der Persönlichkeit eines behinderten Kindes in der Familie. Diese Beziehung kann kongruent oder inkongruent sein. Bei Inkongruenz liegt eine Störung vor und das Ziel ist wieder Kongruenz herzustellen. Des Weiteren kann eine Systembeziehung zwischen zwei Systemen gleicher Kategorie, also z. B. zwischen zwei sozialen Systemen „Familie“ vorliegen. Diese Beziehung kann positiv oder negativ sein, im letzteren Fall liegt eine Systemstörung vor, für die Lüssi wieder drei Möglichkeiten nennt: Beziehungsmangel: Es besteht gar keine oder eine mangelhafte Beziehung, z. B. eine Schule informiert die Eltern nicht über sonderpädagogische Hilfsmöglichkeiten für ein Kind das Probleme hat zweckfremde Beziehung: Die Systeminteraktionen scheinen ohne Probleme, aber sie widersprechen dem Zweck des Systems, z. B. durch zu starke persönliche Verflechtungen von Behörden wird ein aktives Eintreten für die Klientel durch Beschwerde innerhalb dieser Behörden ineffektiv die Systeme behindern sich gegenseitig im zweckentsprechenden funktionieren, z. B. eine psychiatrische Einrichtung und das Arbeitsamt agieren bei der Hilfeleistung für einen Klienten kontrovers

Problemlösung Zur Problemlösung schafft der Sozialarbeiter ein Problemlösungssystem, das das Referenzsystem mit verschiedenen Hilfssystemen verbindet bzw. durch das die Systeme die ein Beziehungsproblem haben miteinander verbunden werden.

Aufgabe der sozialen Arbeit Als Aufgabe der sozialen Arbeit nennt Lüssi die soziale Problemlösung. Ein soziales Problem nach Lüssi liegt vor, wenn folgende Kriterien erfüllt sind: (im)materielle Not subjektive Belastung Lösungsschwierigkeit

Für die soziale Problemlösung beschreibt Lüssi Mittel, Methoden und Handlungsarten.

Mittel und Methoden Mittel Als Mittel, die der sozialen Arbeit zur Erfüllung ihrer Aufgaben zur Verfügung stehen, nennt Peter Lüssi folgende: die Institution Sachmittel freiwillige Helfer andere Dienstleistungen rechtliche Grundlagen Berufswissen Sprache als Kommunikationsmittel Persönlichkeit des Sozialarbeiters

Methoden Im Rahmen der Methoden erläutert Lüssi drei Prinzipien: konzeptionelle Prinzipien: Prinzipien, die das individuelle Fallverstehen, die Wechselwirkung von Verstehen und Handeln, die systemischen, soziallogischen und sozialethischen Prinzipien sowie die Kreativitätsprinzipien betreffen. Handlungsprinzipien: Prinzipien, die das Problemlösungsvorgehen und die Beziehung zwischen Sozialarbeiter und Klient betreffen Akzeptanzprinzipien: Prinzipien, die die Glaubwürdigkeit und Effizienz des Vorgehens begründen

Im Rahmen der Methoden seiner Handlungsprinzipien nennt Lüssi verschiedene Handlungsarten:

Beratung Betreuung beschaffendes Agieren Vertretung Verhandlung Intervention

Kritik Man muss bei Lüssis Theorie klarstellen, dass es sich um eine Handlungstheorie für eine Aufgabe der sozialen Arbeit handelt, denn die soziale Problemlösung ist eben nur ein Teil des Aufgabenbereichs. So beinhaltet soziale Arbeit auch Prävention, die zwar indirekt der Problemlösung durch Problemvermeidung dient, doch wesentlich andere Zielsetzungen und einen anderen Ausgangspunkt hat. Zudem gehört auch gestalterisches Agieren im Rahmen der Gesellschaft zur sozialen Arbeit. Außerdem ist der Aspekt der Kontrolle im Rahmen des doppelten Mandates (Einsatz für das Klienten- und Gesellschaftsinteresse) beispielsweise in der Bewährungshilfe nicht wegzudenken.

Peter Lüssi nennt also eine Aufgabe der sozialen Arbeit und beschreibt für diese Mittel, Methoden und Handlungsarten.

Neben Peter Lüssi gibt es weitere Vertreter der systemischen Sozialarbeit, die sich – obwohl alle unter dem Label systemisch versammelnd, unterschiedlichen Richtungen zuordnen.