Die Kreuzigung war eine vor allem im Alten Orient und in der römischen Antike verbreitete Hinrichtungsart, bei der ein Verurteilter an einen aufrechten Pfahl, mit oder ohne Querbalken, gefesselt oder genagelt wurde. Sie entwickelte sich aus dem Hängen, sollte aber anders als dieses die Todesqual möglichst verlängern.Heinz Wolfgang Kuhn: Die Kreuzesstrafe, insbesondere in Palästina von 63 v. Chr. – 66 n. Chr. In: Kreuz II. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 19, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1990, S. 713f.

Im Römischen Reich wurden vor allem Nichtrömer, Aufrührer (latrones) und entlaufene Sklaven am Kreuz (arbor crucis) gekreuzigt, zum Beispiel tausende Anhänger des Spartacus sowie Jesus von Nazaret. Da der Kreuzigung Jesu zentrale Bedeutung für die christliche Theologie zukommt, wurde diese Hinrichtungsart nach der konstantinischen Wende (313) in Europa durch andere Methoden ersetzt. In einigen vom Islamismus geprägten Staaten ist die Kreuzigung bis heute als Strafe im Gesetz verankert.

Phönizien, Assyrien, Persien Das Kreuzigen ist zuerst von den Phöniziern bekannt, einem See- und Handelsvolk im Mittelmeerraum. Dort fesselte man Verurteilte an einen Baum – bei den Römern später arbor infelix („Unglücksbaum“) genannt – und überließ sie dann dem Erfrieren oder Verdursten. Daher dauerte der Todeskampf oft Tage.

Um 1000 v. Chr. erlebte diese Hinrichtungsmethode ihre erste Hochphase. Durch die Handelskontakte der Phönizier gelangte sie ins Zweistromland zu den damals dort herrschenden Assyrern und nach Persien. Dort wurde ein Verurteilter nur festgebunden, aber noch nicht angenagelt. Herodot berichtet im 5. Jahrhundert v. Chr. von Kreuzesstrafen besonders bei den Persern.Heinz Wolfgang Kuhn: Die Kreuzesstrafe, insbesondere in Palästina von 63 v. Chr. – 66 n. Chr. In: Kreuz II. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 19, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1990, S. 714.

Antikes Griechenland Das antike Athen kannte mit dem Apotympanismós eine der Kreuzigung sehr ähnliche Hinrichtungsart, bei der ein Delinquent auf einem Holzpfahl angekettet dem Verhungern und Verdursten preisgegeben wurde. In der jüngeren Geschichtsforschung geht man davon aus, dass es sich dabei um die häufigste Hinrichtungsart im Athen demokratischer Zeit gehandelt hat. Der Verurteilte wurde dabei mit Klammern an einem rechteckigen Brett befestigt. Je enger die Klammern angelegt waren, desto schneller fand der Verurteilte den Tod. Auf diese Weise konnte der Henker die Strafe variieren; sehr lockere Klammern waren mit tagelangem Todeskampf verbunden und galt als schlimmstmögliche Form dieser Strafe. Mit dem Apotympanismós verbunden war eine schwere soziale Demütigung vor und während der Hinrichtung, weil der Verurteilte zuvor in einer Strafprozession durch die Stadt zum Hinrichtungsplatz geführt wurde, der zudem noch öffentlich war.

Es wird davon ausgegangen, dass der Apotympanismós spätestens dort ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. die am häufigsten praktizierte Form der Hinrichtung gewesen ist. Während er in literarischen Texten des 5. und 4. vorchristlichen Jahrhunderts kaum erwähnt wird, ist aus Gerichtsreden bekannt, dass er bei Eigentumsdelikten die übliche Strafart war. Unter anderem daraus wird gefolgert, dass sie häufig praktiziert wurde und überwiegend Angehörige der verarmten Unterschichten betraf. Angehörige höherer Schichten konnten sich unter Umständen vom Tod am Brett gewissermaßen freikaufen. Es wurde in vielen Fällen geduldet, wenn der zum Tode verurteilte in seiner Todeszelle bezeugt und unter Aufsicht des Henkers einen Becher mit Schierlingsgift zu sich nahm und so seinen Tod selbst herbeiführte. Damit konnte man nicht nur dem öffentlichen Apotympanismós entgehen, sondern auch der Strafprozession. Bei Plutarch wird erwähnt, dass der Verurteilte das Gift vom Henker kaufen und selbst bezahlen musste. Der Preis stellte dabei eine soziale Barriere dar, denn die meisten Athener konnten sich diesen nicht leisten.

Seit dem Makedonischen Großreich wurde auch das Annageln häufig praktiziert. Nun schuf man auch besondere Richtplätze für die Kreuzigung – meist auf einem Berg oder Hügel – und benutzte eigens dafür vorgesehene Pfähle. 332 v. Chr. ließ Alexander der Große nach der Eroberung von Tyros etwa 2.000 Männer im wehrfähigen Alter kreuzigen.Diodor: Siculus, 17. Kapitel 46.4: Der König verkaufte alle Frauen und Kinder in die Sklaverei und kreuzigte alle Männer im wehrfähigen Alter. Dies waren nicht weniger als 2000.; Curtius: 2000 Männer wurden an Kreuze geheftet/genagelt („crucibus affixi“)

Judentum Die um 500 v. Chr. weitgehend schriftlich fixierte Tora sah die Steinigung, nicht die Kreuzigung als Todesstrafe für als todeswürdig geltende Vergehen vor. Das Judentum übernahm nur das Aufhängen, nicht jedoch das Annageln von den umgebenden Völkern und wandte es selber nur gegen Fremdherrscher oder bei extremen religiösen Vergehen wie Gotteslästerung an. Man ließ den Toten nur bis zum Abend nach seinem Tod zur Abschreckung hängen und begrub ihn dann, um das Land nicht im religiösen Sinn zu verunreinigen. Dies zeigen Notizen über ausländische Herrscher (Gen 40,18f.; Esr 6,11; Est 9,13ff.) ebenso wie über Hinrichtungen in Israel ().E. Brandenburger: stauros. II.1, In: Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament. 4. Auflage der Studienausgabe. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1986, S. 819.

Das „Aufhängen“ wurde nicht gefordert und galt, wo es geschah, als Zeichen für den Ausschluss aus Gottes erwähltem Volk: Verflucht ist, wer am Holz hängt (). Darin spiegelte sich ein Wissen um die ausländische Herkunft dieser Todesart und ihre Absicht, den Hingerichteten zu entehren und die Zuschauer abzuschrecken.

Zwischen 200 v. Chr. und 135 n. Chr. waren jüdische Aufstandsversuche gegen die seleukidischen Fremdherrscher aus Syrien und von ihnen abhängige Vasallenkönige häufig; daher waren jüdische Aufständische oft Opfer von Kreuzigungen. Doch bisher wurden nur einmal (1968) Überreste eines gekreuzigten Juden in einem Jerusalemer Massengrab mit 30 Skeletten gefunden.Ute Eberle: Kruzifix, noch mal. In: Die Zeit wissen. Februar 2007. Dass er nicht abgesondert von den übrigen Toten bestattet wurde, gilt als Zeichen dafür, dass die Kreuzigung damals nicht als Gottesfluch aufgefasst wurde: jedenfalls nicht, wenn sie als Todesmarter für Lebende, zumal gegen aufständische Juden, verhängt worden war.Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 78.

Die jüdische Dynastie der Hasmonäer übernahm die Kreuzigungsstrafe von den Römern. Um 82 v. Chr. ließ der damalige König Judäas, Alexander Jannäus, 800 seiner innerjüdischen Gegner auf einmal kreuzigen (Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae XIII 13,5-14,2). Den Frauen und Kindern dieser Rebellen wurden vor den am Kreuz hängenden und noch lebenden Männern die Kehle durchgeschnitten. Dieser Bericht wird von den Schriftrollen vom Toten Meer bestätigt. Im Nahum-Kommentar werden der jüdische Bürgerkrieg und die brutale Vergeltung von Jannäus danach ausdrücklich erwähnt. Die Funde aus den Höhlen von Qumran (200–100 v. Chr.) passten Dtn 21,22f der damaligen Praxis an und deuteten es als Verflucht ist, wer gekreuzigt wird. Das Kreuz (Holz) selber, nicht das Aufgehängtwerden daran, war zum Zeichen des Gottesfluchs geworden.

Auch Könige aus der Dynastie der Herodianer, darunter der Herrscher Judäas um die Zeitenwende, Herodes Archelaus, und der Herrscher Galiläas zur Zeit Jesu, Herodes Antipas, ließen ihre Gegner mitunter kreuzigen. Nachdem Galiläa mit Judäa direkt der römischen Präfektur unterstellt worden war, oblag das Hinrichten von als Kapitalverbrechern Verurteilten jedoch dem römischen Statthalter.

Nach dem Ende der Eigenstaatlichkeit Israels und nachdem die unter Alexander Jannai verfolgten Pharisäer zur Führungsgruppe des Judentums aufgestiegen waren, verbot der Talmud (Traktat Sanhedrin) das Hängen und damit das Kreuzigen als Hinrichtungsmethode und ließ nur das symbolische Aufhängen des bereits Getöteten zur befristeten Abschreckung zu, um der Toravorschrift zu genügen.

Römisches Reich Betroffene Gruppen und Zweck mini|Fjodor Andrejewitsch Bronnikow: Gekreuzigte Sklaven Von den Makedonen und Karthagern übernahmen die Römer das Kreuzigen. Im Römischen Reich kreuzigte man vorzugsweise Sklaven, um andere Sklaven von der Flucht oder anderen Vergehen abzuschrecken. Auch Aufständische wurden besonders in eroberten Gebieten so hingerichtet. Die Kreuzigung war demnach eine politische Strafe zur Sicherung und Aufrechterhaltung der Pax Romana nach innen und außen. mini|Archäologischer Fund von Givat HaMivtar, um 1. Jahrhundert n. Chr.Nachbildung des 1968 im Norden von Jerusalem ausgegrabenen Fersenbeins mit einem durchbohrenden Eisennagel Julius Caesar ließ etwa 30 Seeräuber, die ihn 76 v. Chr. auf einer Seereise überfallen hatten, später kreuzigen.Nach Plutarch: vitae parallelae. Sueton: De vita Caesarum; siehe Stephen B. Aranha: Caesars politische Anfänge. Vom Amt des Flamen Dialis bis zu seinem Kriegstribunat (72 v. Chr.) (1999/2000) Nach der endgültigen Niederlage des aufständischen Sklavenheerführers Spartacus 71 v. Chr. wurden um die 6.000 seiner Anhänger entlang der Via Appia von Rom bis Capua gekreuzigt.Nach Appian von Alexandria: Bürgerkriege 1.120; Seither verbreitete sich die Kreuzigung auch als Strafe gegen Nichtrömer (Peregrinen).

Eine aus heutiger Sicht kurios anmutende Begebenheit, die Plinius der Ältere in einem Reisebericht aus Africa überliefert, ist die Kreuzigung von Tieren. Altersschwache Löwen, die der leichten Beute wegen Händler aus der Stadtbevölkerung angefallen, getötet und gefressen hatten, anstatt auf die Jagd zu gehen, wurden „zur Abschreckung“ anderer Löwen, wie Plinius offenbar ernsthaft annimmt, an den Ausfallstraßen mehrerer afrikanischer Städte in langen Reihen zum Sterben an Kreuzen aufgehängt.Paul von Otting: Die siebenfach Enthauptete (= Studien und Texte zu Antike und Christentum. Band 140). Mohr Siebert, Tübingen 2025, ISBN 978-3-16-164301-9, S. 152.

Römische Bürger durften bis zur Bürgerrechtsreform 212 nicht gekreuzigt werden. Je nach sozialer Stellung drohte Verurteilten in der Frühzeit der Felssturz, später und seltener die Enthauptung, der Zwang zum Freitod oder die Verbannung. Für die römische Klassenjustiz galt die Kreuzigung als schmachvoller Sklaventod, von dem römische Bürger nichts wissen wollten. So schrieb Cicero:

Dennoch erwähnen römische Quellen gelegentlich die Kreuzigung von römischen Bürgern als besonders drastische Maßnahme von Befehlshabern oder Statthaltern.Peter J. Bräunlein: Passion/Pasyon. Rituale des Schmerzes im europäischen und philippinischen Christentum. Wilhelm Fink, München 2010, ISBN 978-3-7705-4944-3, S. 129. So ließ Scipio Africanus am Ende des Zweiten Punischen Krieges römische Deserteure kreuzigen. Galba verurteilte als Statthalter von Hispanien einen römischen Bürger zur Kreuzigung, der sein Mündel ermordet hatte, um an dessen Erbschaft zu gelangen. Als der Verurteilte sich auf sein Bürgerrecht berief, ließ ihn Galba an einem besonders hohen, weiß gestrichenen Kreuz aufhängen.Heinz-Wolfgang Kuhn: Die Kreuzesstrafe während der frühen Kaiserzeit. Ihre Wirklichkeit und Wertung in der Umwelt des Urchristentums. In: ANRW II 25.1 (1982), S. 648–793 (hier: S. 703 f., 739).