Der Deutsche Arbeiter-Esperanto-Bund (DAEB, Germana Laborista Esperanto Asocio - GLEA) wurde auf dem 1. Bundestag vom 15. bis 17. April 1911 in Leipzig als Germana Laborista-Esperantista-Ascoio (GLEA, Deutscher Arbeiter-Esperantisten-Bund) gegründet. Ab 1922 nannte er sich Arbeiter-Esperanto-Bund für das deutsche Sprachgebiet (AEB, Laborista Esperanto-Asocio por la germanlingvaj regionoj – LEA). Er entstand als eine der Arbeiterkulturorganisationen im Umfeld der SPD.
Ende der 1920er Jahre orientierte sich der Bund zunehmend kommunistisch, so dass viele SPD-Mitglieder 1929/1930 den Bund verließen und einen separaten, den Sozialistischen Esperanto-Bund gründeten.
Der DAEB wurde 1933 in Deutschland verboten. Ein Teil der Mitglieder war weiter illegal tätig.
Geschichte
Vorgeschichte bis 1911 In Deutschland hatten sich Anfang des 20. Jahrhunderts bereits viele Esperanto-Gruppen gebildet, denen es darum ging, die internationale Sprache Esperanto zu lernen, zu lehren, in verschiedenen Bereichen anzuwenden und sie zu verbreiten. Humanistisch-pazifistische Kreise spielten hier eine große Rolle. Sie betonten den Beitrag der Esperanto-Bewegung zu Frieden und Verständigung. 1906 war eine landesweite Organisation entstanden, die Germana Esperantista Societo (Deutsche Esperantisten-Gesellschaft, ab 1909 Germana Esperanto-Asocio, Deutscher Esperanto-Bund).
Erste Arbeiter-Esperanto-Gruppen entstanden in Deutschland ab 1905 in Frankfurt am Main, Hamburg, Dresden, Leipzig, Breslau, Chemnitz, München und Nürnberg. Der 4. Esperanto-Weltkongress in Dresden 1908 gab besondere Impulse.
Sehr erfolgreich warb der Kaufmann Leopold Schlaf aus Dresden in Arbeiterkreisen. Er kündigte seine Vorträge zum Esperanto in der sozialdemokratischen Presse an, verkaufte nach dem Vortrag Esperanto-Lehrbücher und initiierte Kurse und Arbeiter-Esperanto-Gruppen.
1910 gründete er ohne Mandat den fiktiven Deutschen Arbeiter-Esperantisten-Bund (Germana Laborista Esperantista-Asocio) mit Sitz in Dresden und sich selbst als Vorsitzendem. Von August 1910 bis April 1911 gab er die Zeitschrift „Der Arbeiter-Esperantist“ heraus (8 Ausgaben).
Als die Vertreter der Arbeiter-Esperanto-Gruppen sich 1911 zum 1. Bundestag trafen, wurde sein Verhalten verurteilt und er ausgeschlossen.
Adolf Sproeck (1890–1978), ab 1922 Redakteur der Bundeszeitschrift, bemerkte im Rückblick dazu:„Schlaf handelte überall auf ähnliche Art. Er inserierte in der Parteipresse und berief eine öffentliche Versammlung ein. Er war ein guter Redner, und es gelang ihm leicht, die Arbeiter für Esperanto zu begeistern und einen, eventuell auch mehrere Kurse zu eröffnen. (...) Es sei nun dahingestellt, ob Schlafs Tätigkeit zu verdammen ist oder nicht, jedenfalls hat er in einer größeren Zahl von Städten die Esperantobewegung unter der Arbeiterschaft in Fluss gebracht.“Adolf Sproeck: Aus der Geschichte des Arbeiter-Esperanto-Bundes. In: Festgazeto por la Va Asocia Tago de la Laborista Esperanto-Asocio Germanlingva. Franz Leuschner (Hrsg.), Chemnitz 1924, S. 6–7.
Der DAEB 1911 bis 1918 Tatsächlich wurde dann der Deutsche Arbeiter-Esperantisten-Bund (Germana Laborista Esperantista Asocio) von 29 Vertretern der 47 Gruppen gegründet, die vom 15. bis 17. April 1911 im Leipziger Volkshaus versammelt waren. Dieser 1. Bundestag fand statt auf Betreiben der Hamburger Gruppe und organisiert von der Leipziger Gruppe unter Leitung von Reinhold Voigt (1885–1969), die im Vorfeld klarstellte, dass nicht nur von Leopold Schlaf autorisierte Gruppen teilnehmen dürfen.
Ein Statut wurde angenommen und Ferdinand Zuckarolli aus Hamburg zum Vorsitzenden des DAEB gewählt. Ab Juni 1911 erschien die Verbandszeitschrift Antaŭen (Vorwärts).Ino Kolbe: Zur Geschichte des Deutschen Arbeiter-Esperanto-Bundes in Leipzig Teil 1. Von den Anfängen bis zum „Völkerspiegel“ (1924). Herausgegeben, kommentiert und bearbeitet von Detlev Blanke. Esperanto-Verband im Kulturbund e. V., Berlin: 1991, 64. S. + VIII S. Ill, S. 15–23.
Ende 1911 gehörten zum Bund 30 Gruppen mit 713 Mitgliedern, Ende 1912 bereits 63 Gruppen mit 1070 Mitgliedern.
Für die Arbeiter bedeutete das Erlernen des Esperanto einerseits Zugang zu Fremdsprachen, zu Bildung und Kultur, Kontakte mit Esperantisten anderer Länder und Kulturen und zum anderen die Verwirklichung des Ideals der internationalen Arbeiterverbrüderung.
Der Begründer des Esperanto Ludwig Zamenhof schrieb in einem Brief an Leopold Schlaf, der ihm seine Zeitschrift „Der Arbeiter-Esperantist“ zugesandt hatte 1910:„…vielleicht hat für niemanden in der Welt unsere demokratische Sprache eine solche Bedeutung wie für die Arbeiter, und ich hoffe, dass früher oder später die Arbeiterschaft die stärkste Stütze unserer Sache sein wird. Die Arbeiter werden nicht nur den Nutzen des Esperanto erfahren, sondern auch mehr als andere das Wesen des Esperantismus fühlen.“Brief Zamenhofs an Schlaf vom 20. September 1910 (rh; w-447). In: Ludovikito: destino de la ludovika dinastio 1907–1910. Iom reviziita plena verkaro de l.l.zamenhof. originalaro 3, eldonejo ludovikito, Tokio 1991.Mit Esperantismus ist der Zusammenhang des Esperanto mit Verständigung und Frieden gemeint.
Diskutiert wurde über die Beziehungen zu den bürgerlichen Esperantisten. In Berlin beispielsweise wurde 1912 ein Esperanto-Verband Groß Berlin gebildet, dem auch die Arbeiter-Esperanto-Gruppen angehörten. Adolf Sproeck, der Vorsitzende der LEUB (Laborista Esperanto-Unuiĝo Grand-Berlino) begründete das in der Bundeszeitschrift damit, dass man die Kursleiter benötige.Adolf Sproeck: Socialistaj kaj burĝaj Esperantistoj. In: Antaŭen 2/1912, S. 10.
Bedingungen für den Zusammenschluss waren 1. Die Propaganda der einzelnen Gruppen des Verbandes ist wirklich selbstständig. 2. Für die Verbandszusammenkünfte müssen Orte gewählt werden, die für Arbeiter zugänglich sind. 3. Unterlassung jeglicher monarchistischen Manifestationen (wie Kaisertelegramme, offizielle Teilnahme an patriotischen Festen und anderes).Adolf Sproeck: Pri kritika ĉirkaŭrigardo okaze de la jarfino. In: Antaŭen 1/1914, S. 6.
Der Bund nahm Kontakt auf zum internationalen Bund Liberiga Stelo.
Der 1. Weltkrieg, in dem viele Mitglieder ihr Leben verloren, bedeutete einen herben Rückschlag für den Bund. Dennoch gab er ein Zirkular anstatt Antaŭen heraus.
In Berlin erschien die handgeschriebene Esperanto-Zeitschrift La rondiranto (Der Rundgänger), die von Hand zu Hand weitergegeben wurde und in der einige Arbeiteresperantisten ihre Gedanken zum Krieg, zu den Verhältnissen in Berlin und zur Gestaltung des Lebens nach dem Krieg festhielten. Redakteur war Adolf Sproeck.6 Hefte aus den Jahren 1916 bis 1919 sind in der Sammlung der Esperanto-Liga Berlin-Brandenburg zu finden. Siehe: Fritz Wollenberg: La Rondiranto (Der Rundgänger) – eine Berliner Esperanto-Zeitschrift aus dem 1. Weltkrieg spiegelt Meinungen zu Krieg und Frieden: In Fritz Wollenberg (Red.): Esperanto. Lingvo kaj kulturo en Berlino kaj Brandenburgio 111 jaroj, Jubilea Libro 1903–2014, Esperanto-Asocio Berlino-Brandenburgio (Hrsg.), Mondial, Novjorko – Berlino 2017 (Kontribuoj en la germana kaj en Esperanto), ISBN 978-1-59569-340-2, S. 182–211.
Der DAEB 1918 bis 1929 Bald nach dem Krieg formierte sich der Bund neu. Die Bundeszeitschrift erschien schon 1919 wieder, beim 3. Bundestag 1920 kamen 25 Delegierte von 18 Gruppen zusammen. 1922 zählte der Bund 85 Gruppen mit etwa 2000 Mitgliedern. 1926 hatte er 4000 Mitglieder.
Seine Struktur wurde nun geprägt durch die Distriktorganisationen, von denen es 1925 15 gab und 1928 20.
1922 wurde der Name geändert in Arbeiter-Esperanto-Bund für die deutschsprachigen Gebiete (bzw. für das deutsche Sprachgebiet). Dadurch erweiterte er sein Wirkungsgebiet. 1922 kam der Distrikt Böhmen hinzu. Die sozialdemokratisch orientierte Österreichische Arbeiter-Esperantisten-Liga (ALLE) allerdings behielt ihre Selbstständigkeit.
Diese Umbenennung hatte wohl auch etwas zu tun mit der Hinwendung zu der 1921 gegründeten internationalen Arbeiter-Esperanto-Organisation Sennacieca Asocio Tutmonda (SAT), die nur Einzelmitglieder akzeptierte und eine Untergliederung nach Landes- oder Parteizugehörigkeit ablehnte.
Ulrich Lins beschreibt den durch Eugèn Adam (Lanti, 1879–1947) geprägten Geist in dieser Organisation so:„Originell allerdings war seine Absicht, Esperanto in den Dienst des Klassenkampfes unabhängig von parteipolitischen Präferenzen zu stellen: Lanti wollte seine Organisation von Anfang an für Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten gleichermaßen offenhalten und sie keinen Erschütterungen durch die Leidenschaften und das taktische Hin und Her der verschiedenen Arbeiterparteien aussetzen.“Die gefährliche Sprache. Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin. Bleicher, Gerlingen 1988, ISBN 3-88350-023-2, 326 S. (deutsch, gekürzte Ausgabe), S. 141.Auch der DAEB betrachtete sich dem Kampf der Arbeiter für ihre Rechte verpflichtet, dabei aber ebenso wie SAT offen für alle Richtungen.
Inzwischen gab er neben der Bundeszeitschrift auch Bücher und Broschüren heraus, vor allem Lehr- und Wörterbücher, aber auch Liederbücher und Informationsschriften.
In Leipzig hatte sich, angeregt durch SAT, 1922 der Proletarische Esperanto-Pressedienst (PEP) gegründet, der ab 1924 eine Einrichtung des Bundes wurde.
Die deutschsprachige Arbeiterpresse wurde durch den PEP mit Berichten, Meldungen und Notizen versorgt, die aus der Zeitschrift der SAT Sennaciulo und eigenen Korrespondenzen entnommen und ins Deutsche übersetzt wurden. Ab 1924 gab es eine Zusammenarbeit mit ähnlichen Pressediensten in anderen Ländern.
Der PEP wurde bis 1925 durch Erich Lämmerhirt, danach von Otto Bäßler (1897–1981) geleitet.Ino Kolbe: Zur Geschichte des Deutschen Arbeiter-Esperanto-Bundes in Leipzig Teil 1..., S. 40 ff.
Die Konflikte zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in der Weimarer Republik erreichten auch den DAEB. Noch 1926 beschwor der Redakteur der Bundeszeitschrift Adolf Sproeck den Zusammenhalt:„In der Arbeiter-Esperantobewegung finden sich Angehörige der verschiedensten Parteirichtungen zusammen. Das ist selbstverständlich, denn sie ist eben eine Kulturbewegung, der Beitritt zu ihr ist unabhängig von einem Parteistandpunkt. Die Gemischtheit, wenn ich so sagen darf, der Mitgliedschaft legt selbstverständlich der Gruppe bzw. der Organisation überhaupt, gewisse Verpflichtungen auf. Ich meine, sie muss versuchen, immer möglichst neutral zu sein. Es darf niemals auch nur der Anschein erweckt werden, dass eine bestimmte Parteirichtung oder –gruppe vernachlässigt wird. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass die Leitung einer Gruppe nur aus Sozialdemokraten besteht, weil eben zufällig die besten Genossen an dem betreffenden Ort sich unter ihnen befinden. Das darf nie dazu führen, dass nun in diesem Ort die Propaganda auf diese eine Parteirichtung beschränkt bleibt.“Adolf Sproeck: Die Arbeiter-Esperantobewegung und ihre Stellung zur politischen Arbeiterbewegung. In: Der Arbeiter-Esperantist. 2/1926, Arbeiter-Esperanto-Bund für das deutsche Sprachgebiet, Leipzig, S. 1.Doch der Bund orientierte sich zunehmend kommunistisch, so dass 1928 bereits einige Gruppen mit sozialdemokratischer Richtung, den Bund verließen.Detlev Blanke: Germana Laborista Esperanto-Asocio. Historia skizo..., S. 22. Adolf Sproeck verließ 1929 den DAEB und gründete in Berlin die Freie Arbeiter-Esperantisten-Vereinigung Berlins. Siehe: Arbeiter-Esperantist 4/1930, Leipzig.
Der DAEB 1929 bis 1933 Den entscheidenden Bruch brachte dann der 8. Bundestag des DAEB in Essen. Hier schloss sich der DAEB der KPD-nahen Organisation Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur an. Der Vorschlag sozialdemokratischer Esperantisten, in jeder Ortsgruppe eine zweite sozialdemokratische Gruppe zu bilden, wurde abgelehnt