Heide-Marie Härtel (* 26. Juli 1950 in Saarbrücken) ist eine deutsche Tänzerin, Kamerafrau, Filmregisseurin und künstlerische Leiterin des Deutschen Tanzfilminstituts Bremen.
Biografie Härtel verließ 1978 die Tanzcompagnie von Johann Kresnik am Bremer Theater und beendete damit ihre Laufbahn als ausgebildete Balletttänzerin. Ihr Tanzstudium absolvierte sie am Institut für Bühnentanz in Köln. Härtel tanzte in Bremen u. a. als Tänzerin mit Solo-Verpflichtung bei dem Pionier des deutschen Tanztheaters in Stücken wie Kriegsanleitung für Jedermann und Schwanensee AG. Sie studierte anschließend Kulturwissenschaften an der Universität Bremen. Parallel machte sie sich mit der Technik und Methodik des Filmens vertraut. Motivation war die Überlieferung der kurzlebigen, neuartigen Tanzstücke mit deren politischen Brisanz. Seit dem Ende ihrer aktiven Bühnenlaufbahn dokumentiert Härtel das Tanztheater kontinuierlich filmisch. Sie begründete dies mit der großen Vergänglichkeit vieler Produktionen und dem Wunsch, deren künstlerische und gesellschaftliche Wirkung belegbar zu machen.
1979 übernahm sie die Videobetreuung der Sparte Tanz am Bremer Theater, das von Reinhild Hoffmann und Gerhard Bohner geleitet wurde, und für das Folkwang Tanzstudio. Das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen e. V. gründete Heide-Marie Härtel mit Susanne Schlicher 1988/89 als non-profit Organisation, dessen künstlerische Leitung liegt bis heute in ihren Händen. Im Auftrag des Goethe-Instituts reiste sie ab 1992 mit Vorträgen über die Geschichte und Gegenwart des Deutschen Tanztheaters durch Europa und andere Kontinente. Im selben Jahr wurde das erste 90-minütige Tele-Tanzjournal auf 3sat ausgestrahlt, für das ihr ein Jahr später eine besondere Erwähnung beim Grand Prix International Video Danse ausgesprochen wurde. Mit einfachen Mitteln begann sie ihre Laufbahn als „Chronistin“ der deutschen Tanzszene – klassisch und zeitgenössisch. Heide-Marie Härtel arbeitet in den Bereichen Regie, Kamera, Produktion für NDR, ZDF, arte und den Theaterkanal sowie für Tanzcompagnien und Kulturinstitutionen des Landes.
Härtel initiierte und leitete das EU-Projekt „Terpsychore“ (1999–2002) zum Aufbau eines europäischen Archiv-Netzwerkes zur Rettung des audiovisuellen Tanzerbes Europas. 2004–2007 erarbeitete sie im Auftrag der National Library Singapur, des Goethe-Instituts und der Kulturstiftung des Bundes das Projekt „Dance on Demand“ gemeinsam mit der Universität Bremen ein audiovisuelles Tanzportal mit 400 Texten, 100 Filmen und 3000 Fotos zum deutschen Tanz. Sie ist Mitbegründerin des Dachverband Tanz Deutschland e. V., Sitz Berlin und seit 2010 Vorstandsmitglied. Gemeinsam mit anderen Archiven hat sie 2007 den Verbund Deutscher Tanzarchive (VDT) gegründet.
2004 etablierte sich das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen neu im Forum am Wall. Das Deutsche Tanzfilminstitut beherbergt ein Medienarchiv mit einem Materialstock von ca. 40.000 Datenträgern, bestehend aus diversen Aufzeichnungsnormen – analog und digital. Die Hauptsammlungsgebiete ergeben sich aus der Produktionstätigkeit um die Geschichte des deutschen Tanztheaters mit Johann Kresnik, Reinhild Hoffmann, Susanne Linke und Pina Bausch sowie deren Nachfolger und rund um das klassische Ballett mit Arbeiten von John Cranko, John Neumeier und die Choreographen der großen Staatstheaterensembles. Es sammelt und bereitet audiovisuelle Zeugnisse des Tanzes auf und zählt zu den weltweit bedeutendsten Tanzfilmarchiven.
Seit 2006 werden im Deutschen Tanzfilminstitut Bremen umfangreiche Videobestände namhafter Choreographen sowie Archivbestände großer Ballettcompagnien restauriert und digitalisiert. Härtel unterstreicht die politische Dimension des Tanzes und gibt zu bedenken, dass auch scheinbar ungestalte Bewegungen viel über die Handelnden aussagen können; zugleich diene Tanz in autoritären Inszenierungen der Machtdemonstration. Vor diesem Hintergrund erinnerte sie an die historische Machtinszenierung des französischen Königs Ludwig XIV., der 1661 in Paris die königliche Tanzakademie gründete und damit das klassische Ballett institutionalisierte. Härtel weist auf die nachhaltigen Folgen der Mediatisierung hin: Seit Merce Cunningham habe Film und Video die Bewegungssprache des Tanzes geprägt – bis hin zu Avataren und KI-gestützter Bewegungsgenerierung. Für künftige künstlerische Antworten auf gegenwärtige politische Choreografien brauche es Choreografen, die Mut und Intelligenz zu einer eigenen Bewegungssprache vereinen; als positive Beispiele verweist sie auf Yoshiko Waki/Bodytalk und äußert sich anerkennend über Florentina Holzinger.
Auszeichnung 1993 Besondere Erwähnung beim Grand Prix International Video Danse 2019 Ehrenmitgliedschaft Koinzi-Dance 2021 Hauptpreis des Deutschen Tanzpreises für ihr Lebenswerk. 2025 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Filme (Auswahl) Als Kamerafrau, Regisseurin und / oder Produzentin tätig:
Filmreihe der Tele-Tanzjournale Sieben Ausgaben biennal à 90 min für 3sat und die Internationalen Goethe-Institute von 1993 bis 2007 Arbeit für den ZDFtheaterkanal “Choreographische Avantgarde” über fünf Choreographen (je 45 min) – Stephan Thoss, Anna Huber, Joachim Schlömer, Urs Dietrich, Tanzcompagnie Rubato und Daniel Goldin Mind your step. Fünf Tanzarchive in Deutschland Folkwang meets Africa. Henrietta Horn und ihre Arbeit mit Tänzern in Kamerun, 2006 Film-Porträts “Die Sinnlichkeit des Boxhandschuhs” über Reinhild Hoffmann (100 min) ZDF, 1982 “Four days. Wera Goldman”, Porträt für das Tanzarchiv Tel Aviv, 2006 Zeugen des Tanzes, ein Projekt von Tanzfonds Erbe der Kulturstiftung des Bundes. Porträts über Susanne Linke, Claus Geitel, Gisela Peters-Rohse, Nele Hertling und Johann Kresnik, 2016–2018 Studioaufzeichnungen von Tanzwerken Solo mit Sofa, Reinhild Hoffmann. Theater Bremen, NDR, 1982 “Callas”, Reinhild Hoffmann. Concordia Theater Bremen, NDR, 1983 Four for Nothing, Amanda Miller. ZDF / 3sat, 2002 Nothing Hurts, Falk Richter / Anouk van Dijk. Choreografischen Inszenierung, Schaubühne Berlin, 2000
TV-Features und Kulturberichterstattung (Auswahl) Der Spiegel im Tanz. 3sat, 1996 Beweg-Gründe, Eine Zeitreise durch zwei Jahrzehnte Deutsches Tanztheater, ZDF / arte, 2001 Zwischen-Räumen, Rui Horta und das Nederlands Dans Theater 2, ZDF / arte 2001 Improvisation im Tanz. 3sat, Foyer3sat, Paris, Berlin, 2004 Veranstaltungsbegleitung mit Stückaufzeichnung Deutscher Tanzpreis. 1995 bis 2020 Internationale Tanzmesse NRW, biennal 1997 bis 2006 “Tanzplattform Deutschland”. biennal 1994 Politische Körper. Akademie der Künste Berlin 2007–2009
Auftragsproduktionen diverser Institutionen (Auswahl) Eine Region in Bewegung. Filmserie über den Tanz in NRW, 1994 Vereinte Kräfte in Bewegung. Festival mit behinderten und nichtbehinderten Tanzschaffenden, 1994 It Rusts. Über das EU-Projekt “Terpsychore” zur Vernetzung der europäischen Tanzfilmarchive, 2002 Jagniatkow. Move The Mount. Interdisziplinäres Laboratorium für Choreografen, Jagniatkov, Polen 2005 e-motion in motion. Symposium der Gesellschaft für Tanzforschung, Bern 2005 Wissen in Bewegung – Tanzkongress Deutschland. Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2006 Live Legacy Project. Filmdokumentation zur amerikanischen Tanzmoderne, 2013 Filmreihen im Kontext des Internet-Projekts “Dance on Demand”, National Library Singapur Tanz im Film, 17 Stückdokumentationen, 2004–2006 Tanz Unterwegs, Filmzusammenstellungen zu 13 Choreographen Tanzpädagogische und -wissenschaftliche Filmproduktionen (Auswahl) Vielfalt als Programm. 75 Jahre Palucca Schule Dresden, 2001 Vom Klang der Bewegung. Rhythmik. Impressionen eines Berufsbildes, 2001 E-motion in Motion. Symposium der Gesellschaft für Tanzforschung, Bern 2005 Wissen in Bewegung. Film über den Tanzkongress Deutschland 2006
Ausstellungsbeteiligung (Auswahl) Tanztheater Heute. 30 Jahre Deutsche Tanztheatergeschichte, Goethe-Institut München, 1998 Aufbruch zum Solotanz. Dialogische Videoinstallation, Kunsthalle Bremen, Goethe-Institut Neapel, 2002 Augenblick der Blicke. Videoinstallation zur Neueröffnung des Deutschen Tanzarchivs Köln, 2002 Krokodil im Schwanensee. Tanz in Deutschland seit 1945, Akademie der Künste Berlin, 2003 Das Jahrhundert des Tanzes. Akademie der Künste Berlin 2019 bauhaus.film.expanded, ZKM Karlsruhe 2020Kurator Härtel beim ZKM Karlsruhe, kunstaspekte.art, abgerufen am 5. Mai 2021.
Groß-Projekte
Terpsychore. EU-Projekt zur Vernetzung der europäischen Tanzfilminstitutionen (1999–2003). Mit Tanzfilmarchiven aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Ungarn. Dance on Demand. Audiovisuelles intranetbasiertes Portal zum deutschen Tanz für die National Library Singapur (2003–2005).
Weblinks Biograf. Profil Heide-Marie Härtel beim Dachverband Tanz Deutschland Profil der Künstlerischen Leiterin beim Deutschen Tanzfilminstitut Bremen
Einzelnachweise
Kategorie:Filmregisseur Kategorie:Kameramann Kategorie:Tänzer (Deutschland) Kategorie:Person (Bremen) Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1950 Kategorie:Frau