mini|hochkant=1.4|Das Reichserntedankfestgelände nach dem Mähen. Der erhöhte Mittelweg ist ungemäht und dunkler, an seinem Ende in der Buschgruppe liegen die Reste der früheren Ehrentribüne mini|hochkant=1.4|Modell des Festgeländes von 1934
Auf dem Reichserntedankfestgelände etwa fünf Kilometer südlich von Hameln am Nordhang des Bückeberges bei Hagenohsen fand von 1933 bis 1937 jährlich das Reichserntedankfest statt. Das Veranstaltungsgelände war eine künstlich abgeflachte Rasenfläche von etwa 600 mal 300 Metern in ovaler Form. Es wurde von Albert Speer entworfen.
Gründe für den Bückeberg mini|hochkant=1.8|Das Veranstaltungsgelände der Reichserntedankfeste am Hang des Bückeberges, links der östliche Rand mit einer steilen Geländekante, rechts der westliche Rand mit jüngerer Wohnbebauung von Hagenohsen mini|hochkant=1.8|Blick über das Veranstaltungsgelände auf das Wesertal
Die Durchführung der Reichserntedankfeste hatte das Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels inne, der den Architekten Albert Speer mit der Ausgestaltung beauftragte.Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg. Die Bedeutung des NS-Kultortes Bückeberg. Bei geschichte-hameln.de Er sollte einen Platz für „ein bäuerliches Volksfest bisher ungeahnten Ausmaßes in der freien Natur“ gestalten.Bäuerliches Volksfest als Großkundgebung. Bei dokumentation-bueckeberg.de Eine Kommission des Reichspropagandaministeriums bereiste im August 1933 die Gegenden um die Städte Hoya, Bückeburg und Hameln auf der Suche nach einem geeigneten Platz für das große Fest. Waren anfangs noch die Weserwiesen in Hoya für die Massenveranstaltung ins Auge gefasst, entschied sich die Kommission für den Bückeberg bei Hameln. Offiziell wurde dies damit begründet, dass es sich hier um „ureigensten deutschen Boden“ und „germanisches Kerngebiet“ handele. Es sei von „freiem kämpferischem Bauerntum“ erfüllt und die Äcker seien „von den Kämpfen der deutschen Stämme um den deutschen Boden mit Blut getränkt“. Auch mit der angeblich unweit von hier stattgefundenen Varusschlacht wurde argumentiert, dem großen Sieg der Germanen über die Römer. Hauptargument war die Weser, die von der Quelle bis zur Mündung ein deutscher Fluss sei.Bernhard Gelderblom: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg – Warum Bückeberg?
All dies traf für Hoya als Austragungsort ebenso zu, sodass die Gründe für die Wahl des Bückebergs eher auf der praktischen Seite zu suchen sind. Das ursprünglich favorisierte Hoya erfüllte nicht die Anforderungen, die An- und Abfahrt der erwarteten Menschenmassen zu bewältigen. Günstige Bahnverbindungen waren Voraussetzung, da die Deutsche Reichsbahn einen großen Teil der Transporte zu leisten hatte. Zudem bot sich der Bückeberg wegen der günstigen Neigung seines breiten Nordhangs als Platz für die geplante Großkundgebung an, da man hier, im Gegensatz zu den Weserwiesen in Hoya, von jedem Standpunkt aus einen freien Blick auf Redner- und Ehrentribüne und einen weiten Blick in die Landschaft des Wesertals hatte. Dies erwies sich ab 1935 als wichtig für die weiträumigen militärischen Übungen und Schaukämpfe, die im Rahmen des Festes einen immer größeren Teil einnahmen.
Ein weiterer Grund, der für den Bückeberg sprach, war die Tatsache, dass die ausgewählte Seite des Berges Domänenland im Besitz des Staates Preußen und damit unkompliziert verfügbar war.
Beschreibung Der weiträumige grasbewachsene Festplatz wurde von Albert Speer entworfen und sollte als „Reichsthingplatz“ ausgebaut werden. Es handelt sich um ein zunächst 120.000 m², später 180.000 m² großes, wall- und heckenumstandenes Wiesenareal in ovaler Form. Das Gelände war von einem dreifachen, zur Niederung offenen Ring von Fahnenmasten mit Hakenkreuzfahnen umgeben. Sie bildeten einen Binnenraum, der das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu einer Volksgemeinschaft stärken sollte.Das Oval der Fahnen. Bei dokumentation-bueckeberg.de Das Festgelände liegt an einem leicht ansteigenden Hang am östlichen Ortsrand von Hagenohsen und erlaubt einen weiten Blick ins Tal mit der sich dahin schlängelnden Weser.
Der Platz wurde von unten bis oben von einem damals 800 Meter langen Mittelweg durchzogen, der größtenteils erhalten ist. Der seinerzeit als „Führerweg“ bezeichnete Weg ist um einen halben Meter dammartig erhöht und acht Meter breit.Der Mittelweg. Bei dokumentation-bueckeberg.de Am unteren Ende des Weges stand die 40 Meter breite pyramidenähnliche Rednertribüne. Auf ihr standen SA-Angehörige mit Standarten und Fahnen.Die Rednertribüne. Bei dokumentation-bueckeberg.de Am oberen Ende vor dem Waldrand stand die vier Meter hohe und etwa 100 Meter breite, 3000 Personen fassende Ehrentribüne der Nationalsozialisten und Ehrengäste aus dem Reichsnährstand. Im Inneren befanden sich eine Telefonzentrale und ein Rundfunkstudio.Die Ehrentribüne. Bei dokumentation-bueckeberg.de Das gesamte Gelände hat eine doppelte Neigung. Die Hanglage ermöglichte allen Besuchern den Blick nach unten zur Rednertribüne. In sich fiel das Gelände von außen zur Mitte leicht ab, so dass an allen Stellen eine gute Sicht auf den Mittelweg herrschte.Die doppelte Neigung des Platzes. Bei dokumentation-bueckeberg.de 76 Lautsprecher sorgten für eine ausreichende Beschallung. Außer den Tribünen war ab 1936 auch der „Führerweg“ mit Mikrofonen ausgestattet. Mehrere Podeste für Film- und später auch Fernsehkameras verteilten sich über den Platz und auch von Zeppelinen aus wurde gefilmt.Frankfurter Rundschau, 28. Februar 2001 Beide Tribünen waren aus Holz errichtet, die jeweils nach den Veranstaltungen wieder abgebaut wurden. Die größere Ehrentribüne ruhte auf Fundamenten aus Beton, die noch erhalten sind.Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg. Der Ort. Bei geschichte-hameln.de Um den Eindruck eines bäuerlichen Festes zu erwecken, bestanden die Installationen meist aus Naturmaterial, wie Holz bei Tribünen, Treppen, Geländern und Fahnenmasten. Die technischen Installationen, wie die Telefon- und Rundfunkzentrale, Elektrokabel, Wasserleitungen, waren möglichst wenig wahrnehmbar gestaltet.Die Grundelemente der Platzgestaltung. Bei dokumentation-bueckeberg.de
Bau mini|Skizze des Festplatzes im Zustand von 1933 mini|Die durch Aufschüttungen entstandene steile Geländekante am östlichen Rand
Mitte August 1933 begannen rund 1800 Männer des Reichsarbeitsdienstes, den Berg zu planieren und seitlich aufzuschütten. Zwischen 1934 und 1937 wurde an der Erweiterung und Einebnungen des Festplatzes gearbeitet. Hierzu waren ständig 450 Arbeiter des Reichsarbeitsdienstes im Einsatz, die in drei Lagern im Wald des Bückeberges in Baracken untergebracht waren. Sie legten Leitungen für Lautsprecher, Mikrophone und Beleuchtung, bauten ein Elektrizitätswerk im benachbarten Dorf Hagenohsen und verlegten im Jahre 1935 eine Drainage auf dem felsigen Gelände.
Die unbefestigten Straßen und Wege in der Umgebung wurden ausgebaut und mit Kopfsteinpflaster versehen. Neue Straßen entstanden auf dem Bückeberg und ein großer Parkplatz wurde an der Ehrentribüne für die Busse der Ehrengäste und Diplomaten angelegt. Östlich von Tündern wurde ein viergleisiger „Führerbahnhof“ mit besonders langen Bahnsteigen für Hitlers Sonderzug fertiggestellt. Kurz vor den Veranstaltungen stieg die Zahl der Arbeiter auf bis zu 1500 an. Neben dem Reichsarbeitsdienst waren auch örtliche Baufirmen im Einsatz.Bernhard Gelderblom: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg – Baustelle.
Pläne Speers und des Reichsbauernführers Walther Darré, die Anlage mit festen klassizistisch angelegten Bauwerken zu versehen, den umlaufenden Wall zu erhöhen und mit acht breiten Zugangstreppen zu versehen, den „Führerweg“ als 600 Meter lange Treppe auszubauen und den Bückeberg an eine neue Autobahn anzubinden, wurden nicht realisiert.
Geplante Napola 1938 gab es Planungen, in der Nähe des Festgeländes eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) als NS-Eliteschule zu errichten. Dazu suchte eine Delegation unter Führung des SS-Obergruppenführers August Heißmeyer mehrere Orte in der Umgebung Hamelns und des Bückebergs auf, um einen geeigneten Platz zu finden. Vorgesehen war eine Stelle am Südhang des Bückeberges nördlich des Dorfes Latferde, die eine Blickbeziehung zum Horst-Wessel-Denkmal auf dem Süntel zuließ.Bernhard Gelderblom: Nazis planten Nationalpolitische Erziehungsanstalt am Bückeberg in Dewezet vom 15. Mai 2021 Der Schulbau wurde nicht realisiert. Es wäre der zweite Neubau einer Napola gewesen.Kaderschmieden für den Nachwuchs in Dewezet
Reichserntedankfeste 1933–1937
mini|Der erhöhte Mittelweg heute, 2021
Am Tag des Reichserntedankfestes ging Adolf Hitler unter den Klängen des Badenweiler-Marsches langsam den 800 Meter langen Mittelweg, der als „Führerweg“ bezeichnet wurde, zur Ehrentribüne hinauf. Dort wurde er bei Fanfarenklängen und mit einer kurzen Begrüßungsrede durch Joseph Goebbels empfangen und eine Bauersfrau überreichte Hitler die geschmückte Erntekrone. Danach ging er mit den Reichsministern den Mittelweg vorbei an der begeisterten Menge der Festteilnehmer wieder hinunter zur Rednertribüne, wo er eine dreißigminütige Rede hielt. Das Abschreiten des Mittelwegs war zentraler Programmpunkt und wurde offiziell als Weg durch das Volk bezeichnet. Im Rahmen der Aufrüstung der Wehrmacht fand ab 1935 unterhalb des Festplatzes in der Ebene ein Manöver fast aller Waffengattungen mit Artillerie, Panzern und Bombenflugzeugen statt.
Am ersten Reichserntedankfest 1933 nahmen etwa 500.000 Menschen teil während es beim letzten Fest 1937 etwa 1,2 bis 1,3 Millionen Teilnehmer laut dem Reichspropagandaministerium gewesen sein sollen. Das 6. Reichserntedankfest wurde kurzfristig abgesagt, weil aufgrund der Sudetenkrise die Transportmittel zur Verlegung von Wehrmachtsteilen benötigt wurden.
Heutige Bedeutung Historiker messen dem Gelände der Reichserntedankfeste am Bückeberg bei Hameln eine Bedeutung als historischer Erinnerungsort auf nationaler Ebene bei. Es gehöre neben dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, den Ruinen des KdF Seebades Prora auf Rügen und dem einstigen Reichssportfeld Berlin zu den wenigen noch bestehenden Orten, an denen die Nationalsozialisten um Zustimmung in der Bevölkerung warben und die Volksgemeinschaft manipulativ inszenierten.Detlef Schmiechen-Ackermann: Inszenierte „Volksgemeinschaft“: Das Beispiel der Reichserntedankfeste am Bückeberg 1933–1937. In: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln. Nach Albert Feiber von der Dokumentation Obersalzberg stelle der Bückeberg einen zentralen Ort der Selbstinszenierung des NS-Regimes dar. Er sei eine Ergänzung zu Gedenkstätten, wie dem Dokumentationszentrum KZ Bergen-Belsen, und in Norddeutschland der einzige Ort, an dem sich das Thema des Führerkults darstellen lasse.Ein wichtiger Ort der Ergänzung. Bei Deutschlandfunk, 13. März 2018 Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege betrachtet das Gelände als hochrangiges Kulturdenkmal und stufte es 2011 mit seinen restlich erhaltenen Anlagen als Baudenkmal im Sinne des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes ein.Henning Haßmann: Das Gelände der Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg als Kulturdenkmal und seine Umgebung als gestaltete Kulturlandschaft. In: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln. Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, 2010. Diese Bewertung beruht auf der Tatsache, dass das Gelände noch heute als solches erkennbar ist. Das gesamte Areal ist wegen der umfangreichen Planierarbeiten, Abtragungen und Aufschüttungen in den 1930er Jahren als bauliche Anlage zu sehen. Laut dem niedersächsischen Landesarchäologen Henning Haßmann ist es „eines der am besten erhaltenen und eindrucksvollsten Zeugnisse monumentaler Landschaftsarchitektur und gestalteter Kulturlandschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus“.Christian Branahl, Frank Henke: Antworten zur geplanten Dokumentationsstätte auf dem Bückeberg. In Dewezet, 26. Januar 2018