Janaina Tschäpe (* 1973 in München), vgl. auch Eigenangabe im CV janainatschape.net. Abgerufen am 18. März 2021. ist eine deutsch-brasilianische Malerin, Bildhauerin, Fotografin, Installations-, Performance- und Videokünstlerin.
Leben Janaina Tschäpe wurde als Kind eines deutschen Vaters und einer brasilianischen Mutter in München (nach einigen Quellen abweichend in Dachau) geboren. Sie wuchs zunächst hauptsächlich in São Paulo auf. Als sie 11 Jahre alt war, kehrte sie mit ihrer Familie nach Deutschland zurück, lebte jedoch mit 15 erneut für ein Jahr in Brasilien. Ursache dieser Umzüge war der Beruf ihres Vaters,Joe Fig: Inside the Artist's Studio. Princeton Architectural Press, New York 2015, S. 234. der für einen brasilianischen Lebensmittel-Importeur tätig war.Linda Yablonsky: Janaina Tschäpe makes living, moving, misshapen sculptures out of whoite latex, rubber tubing, and a few friends. In: ARTnews. Band 102. ARTnews Associates, 2003, S. 105. Nach einem Zwischenaufenthalt in Berlin studierte Tschäpe von 1992 bis 1997 an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, wo sie unter anderem eine Schülerin von Franz Erhard Walther war. Sie besuchte für ein Jahr die School of Visual Arts in New York und schloss 1998 ihre Studien mit dem Master of Fine Arts ab.
Tschäpe nahm an den Artist-in-Residence-Programmen des Museu de Arte Moderna da Bahia in Salvador (1994), der Roger Ballen Foundation in Johannesburg (2009), Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (kurz TBA21) in Galápagos (2013) und Fidschi (2014) sowie Rønnebæksholm in Næstved (2016) teil.
Sie lebt und arbeitet in Brooklyn und Rio de Janeiro.Janaina Tschäpe. guggenheim.org. Abgerufen am 17. April 2021.
Werk Tschäpe widmete sich zunächst der Malerei, stellte jedoch – beeinflusst durch das Studium in Hamburg – diese Wahl vorübergehend in Frage und beschäftigte sich stattdessen mit der Bildhauerei. Es folgten Performances mit ihren Skulpturen sowie Fotografien, um diese aufzuzeichnen bzw. später als eigenständiges künstlerisches Medium. Dann begann sie zunehmend Videos zu nutzen, um Bewegung und Ton der Performances festzuhalten. Da diese Videoproduktionen inklusive Nachbearbeitung immer aufwendiger wurden, wandte sich Tschäpe parallel dazu auch wieder dem Zeichnen und Malen zu, welche sie als intimere Formen des künstlerischen Schaffens empfindet.Joe Fig: Inside the Artist's Studio. Princeton Architectural Press, New York 2015, S. 234, 238.
Bekanntheit erlangte Tschäpe unter anderem mit der Fotoserie 100 little Deaths, an der sie von ca. 1997 bis 2001 arbeitete. Diese zeigt Tschäpe mit dem Gesicht nach unten liegend an verschiedenen Orten der Welt, womit sie die Vergänglichkeit menschlicher Körper präsentiert und karikiert. In ihrer Fotoserie He drowned in her eyes as she called him to follow (1999) stellt Tschäpe sich selbst mit Hilfe von Veränderungen wie Schwimmhäuten an den Händen als eine Art Zwittergestalt zwischen Mensch und Fisch dar. Solche Metamorphosen des menschlichen Körpers, erzielt beispielsweise durch Umhüllung und Veränderung mit Stoffen, Ballons oder Schnüren, sind insbesondere in ihrem Frühwerk ein häufiges Thema. Auch finden sich Momente menschlichen Lebens mit Bezug zur Natur, oft in Form von Wasser und abstrahierten Pflanzen, wiederholt in ihrem Gesamtwerk wieder. Häufig werden ihre Werke als traumähnlich beschrieben.
Ab 2005 stellte Tschäpe Gemälde in den Mittelpunkt ihres Schaffens. Zunächst noch relativ figurativ (u. a. Wilt, 2009), wurden diese zunehmend abstrakter und stellten weniger konkrete Landschaften dar, als einen emotionalen Eindruck davon (Passiflora, 2010). Teilweise setzt Tschäpe auf das Werk tropfende Farben ein, was ihrer Arbeit einen zufälligen Aspekt hinzufügt. Sie verwendet Aquarellfarben, Farbstifte und Pastell zum Malen. Seit 2012 benutzt sie außerdem Kasein (Flatland), wodurch das von ihr bevorzugte wässrige Milieu sich auch auf Materialebene widerspiegelt. Charakteristisch für Tschäpes Schaffen ist das Aufeinandertreffen und Kombinieren eigentlich konträrer Elemente, wie zum Beispiel geometrischer und natürlicher Formen.
Werke von Tschäpe befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean,Janaina Tschäpe. mudam.com. Abgerufen am 17. April 2021. Centre Georges-Pompidou,Janaina Tschäpe. Photographe, Vidéaste, Dessinateur, Illustrateur, Sculpteur. centrepompidou.fr. Abgerufen am 17. April 2021. Solomon R. Guggenheim Museum, Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro, Irish Museum of Modern Art, National Gallery of Art (Washington, D.C.) und Stedelijk Museum voor Actuele Kunst.
Werke (Auswahl) mini|Wandbild Paisagem Desaguando im SESC Guarulhos (2019) He drowned in her eyes as she called him to follow, 1999, Fotoserie 100 little Deaths, 1997–2001, Fotoserie Exercises, 2002, Videos und Foto-Exzerpte After the Rain, 2002, Fotoserie Blood Sea, 2004, Video-Installation, Centre Georges-Pompidou Lacrimacorpus, 2004, Video (3 min., 36 s.), Sammlung des Solomon R. Guggenheim MuseumsJanaina Tschäpe. Lacrimacorpus. guggenheim.org. Abgerufen am 17. April 2021. Wilt, 2009, Öl auf Leinwand Flatland, 2012, Kasein, Pastell auf Leinwand Forest Spirits, 2011, Wandbild in der Lobby der USF School of Music, TampaJanaina Tschäpe. Forest Spirits, 2011. ira.usf.edu. Abgerufen am 17. April 2021. Paisagem Desaguando, 2019, Wandbild im Sport und Kulturzentrum SESC GuarulhosTatiane de Assis: Sesc Guarulhos é inaugurado neste sábado. In: Veja São Paulo. 10. Mai 2019. Abgerufen am 17. April 2021.
Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 2001: Janaina Tschäpe. Sala de espera. Museo Reina Sofía, MadridJanaina Tschäpe. Sala de espera, 4 june, 2001 - 8 july, 2001. museoreinasofia.es. Abgerufen am 17. April 2021. 2004: Janaina Tschäpe. He drowned in her eyes as she called him to follow. Centre Georges-Pompidou, Paris 2006: Janaina Tschäpe. Melantropics. Contemporary Art Museum St. LouisJanaina Tschäpe Melantropics Sep 15 – Dec 31, 2006. camstl.org. Abgerufen am 17. April 2021. 2008: Janaina Tschäpe: Chimera. Irish Museum of Modern Art, DublinJanaina Tschäpe: Chimera. 25 Jun 2008–28 Sep 2008. imma.ie. Abgerufen am 17. April 2021. 2014: New Media Series – Janaina Tschäpe: The Ocean Within. Saint Louis Art MuseumNew Media Series—Janaina Tschäpe: The Ocean Within. August 1–October 19, 2014. slam.org. Abgerufen am 17. April 2021. 2014: Janaina Tschäpe: Floating Worlds. Museum of Contemporary Art (MOCA), TucsonJanaina Tschäpe: Floating Worlds, 15 February – 18 May 2014 moca-tucson.org. Abgerufen am 4. März 2021. 2020: Janaina Tschäpe. Blood, Sea. Musée de l’Orangerie, Paris musee-orangerie.fr. Abgerufen am 4. März 2021.
Gruppenausstellungen 2003: Ordnung und Chaos. Fotomuseum Winterthur 2005: Jogo da memoria. Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro 2005: Landscape Confection. Wexner Center for the Arts, Columbus, Ohio 2008: Garten Eden. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen 2008: Der große Wurf. Faltungen in der Gegenwartskunst. Kunstmuseen Krefeld 2009: Dress Codes – Third ICP Triennial. International Center of Photography, New York 2010: Schöne Neue Welt. Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg 2010: Haunted: Contemporary Photography/Video/Performance. Solomon R. Guggenheim Museum, New York 2011: Once Upon a Time: Fantastic Narratives in Contemporary Video. Deutsche Guggenheim, Berlin 2019: Live Dangerously. National Museum of Women in the Arts, Washington, D.C.Live Dangerously. Sep 19, 2019 to Jan 20, 2020. nmwa.org. Abgerufen am 17. März 2021.
Literatur
Janaina Tschäpe. In: Joe Fig: Inside the Artist's Studio. Princeton Architectural Press, New York 2015, ISBN 978-1-61689-468-9, S. 232–241 (online). Janaina Tschäpe. Hirmer, München 2017, ISBN 978-3-7774-2633-4. Chimera. (Ausstellungskatalog) Irish Museum of Modern Art, Dublin 2008, ISBN 978-1-903811-89-4. Melantropics. (Ausstellungskatalog) Contemporary Art Museum St. Louis, St. Louis 2006, ISBN 0-9777528-1-X. Janaina Tschape: 100 little deaths. Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Frac Champagne-Ardenne, Reims 2004, ISBN 2-913323-78-2.
Weblinks
Homepage von Janaina Tschäpe
Einzelnachweise
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