mini|hochkant|Otto Hellmuth (ca. 1938) Otto Hellmuth (* 22. Juli 1896 in Markt Einersheim; † 20. April 1968 in Reutlingen) war ein deutscher Zahnarzt, Politiker (NSDAP), Gauleiter und Regierungspräsident von Mainfranken im nationalsozialistischen Deutschen Reich.
Jugend und Krieg Otto Hellmuth wurde am 22. Juli 1896 in Markt Einersheim (Landkreis Kitzingen, Unterfranken) als Sohn eines Oberbahnmeisters geboren. Er wurde streng katholisch erzogen. Nach der Reifeprüfung trat er 1914 als Kriegsfreiwilliger in die bayerische Armee ein und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Er erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse sowie 1918 das Verwundetenabzeichen in Silber.
Studium und Beruf Nach Kriegsende begann er das Studium der Zahnmedizin in Freiburg im Breisgau und Würzburg, das er 1922 mit seiner Promotion als Doktor der Zahnmedizin abschloss.Otto Hellmuth: Das Keloid. Würzburg 1922 (Würzburg, Universität, Dissertation, 1922). Anschließend betrieb er eine zahnärztliche Praxis in Marktbreit, wo er ab 1924 für die NSDAP in den Stadtrat gewählt wurde. Einer Studentenverbindung hatte sich Hellmuth während seines Studiums nicht angeschlossen, war aber Verkehrsgast der schwarzen Studentenverbindung Adelphia Würzburg gewesen. Seit dem 16. Juli 1933 gehörte er als Ehrenphilister der nunmehrigen Burschenschaft Adelphia Würzburg (DB) an.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 187. Nach 1945 wurde er hingegen nicht mehr als Mitglied ihres Altherrenverbandes geführt.Marc Schwenkert: Zwei Burschenschafter als Bürgermeister im Dritten Reich. Theo Memmel in Würzburg und Paul May in Halle im Vergleich, Inaugural-Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2024, S. 102; S. 473.
Politische Anfänge Bereits 1919 betätigte sich Hellmuth auch politisch, kämpfte im Kreiswehrregiment „Würzburg“ gegen die Münchner Räterepublik und gründete den Völkischen Kampfbund „Frankenland“, der später in die SA integriert wurde. 1920 wurde er Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund und machte hier schon eine kleine Karriere 1922 als Kreisleiter von Unterfranken und ab 1923 als Gauleiter von Nordbayern. So gewann Hellmuth am 17. Dezember 1922 die bekannte deutsch-mexikanische rechtsradikale Rednerin Andrea Ellendt für eine Versammlung im Würzburger Huttenschen Garten.
1922 trat Hellmuth der NSDAP bei und schloss sich der Partei nach ihrer Neugründung zum 3. Dezember 1925 erneut an (Mitgliedsnummer 22.815).Bundesarchiv R 9361-II/393489 Sein parteipolitisches Engagement verstärkte sich nach Auflösung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes. Seine eigentliche Karriere begann aber erst am 3. September 1928 mit seiner Ernennung zum Gauleiter der NSDAP im Gau Unterfranken. Im Jahre darauf wurde er Mitglied des Bayerischen Landtags. Am 19. November 1930 initiierte Hellmuth eine Protestkundgebung gegen die im Würzburger Stadttheater vorgesehene Aufführung des Stückes Dybuk von Salomon An-ski durch die hebräischsprachige Theatertruppe des Moskauer Theaters „Habima“. Nur durch massiven Polizeieinsatz konnten die antisemitisch motivierten Störungen durch Sprechchöre von mehreren Hundert Protestierern und das gewaltsame Eindringen ins Theater unterbunden und die Abendaufführung gesichert werden. Nicht erspart blieben den vorwiegend jüdischen Theaterbesuchern, darunter auch dem nichtjüdischen Oberbürgermeister Hans Löffler, vor der Vorstellung ein Spießrutenlauf durch eine fanatisierte Menge.
Nach der Vorstellung wurden die Besucher vom Mob wiederum belästigt und mehrere Menschen auch verletzt. Vom Würzburger Schöffengericht verurteilte NSDAP-Anhänger erhielten im Februar 1931 mildernde Umstände, da das Motiv der Angeklagten „kein unehrenhaftes“ gewesen sei.Roland Flade: Die Würzburger Juden von 1919 bis zur Gegenwart. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände. Theiss, Stuttgart 2001–2007, Band III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 529–545 und 1308, hier: S. 534.
„Ritualmord“ in Manau mini|„Mordstein“ der Nationalsozialisten im Wald bei Manau – Inschrift: „Hier wurde d. Kind Karl Kessler a. 17. März 1929 von ruchloser Hand ermordet Ev. Math. 18. 6.“ (d. h. Matthäus-Evangelium, Vers 18:6) Zu den schon früh ausgebildeten Eigenschaften Hellmuths gehörte neben einem radikalen Antiklerikalismus seine Judenfeindlichkeit. Bereits 1919 verbreitete er im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund antisemitische Flugblätter in Marktbreit. Aber erst der sogenannte Ritualmord von Manau bot ihm die Gelegenheit, sich als strammen Antisemiten zu profilieren. Hintergrund war der Mord an dem viereinhalbjährigen Jungen Karl Keßler am 17. März 1929 in Manau bei Hofheim in Unterfranken. Das in dem kleinen Ort aufgekommene Gerücht, das Kind sei einem jüdischen Ritualmord zum Opfer gefallen – eine Ritualmordlegende –, griff der eifrige Gauleiter willig auf und kombinierte in der antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer als Sonderberichterstatter Behauptungen über jüdische Sitten zur Verwendung von Menschenblut beim Mazzenbacken mit blutrünstigen Details des Verbrechens. Obwohl die Staatsanwaltschaft von einem Lustmord ausging und die Ritualmordanschuldigungen zurückwies, gelang es Hellmuth, einen großen Teil der Bevölkerung – unter anderem mit der kostenlosen Verteilung des Stürmers und einer Massenversammlung im Huttenschen Garten in Würzburg am 30. April 1929 unter dem Motto „Die geschichtliche Wahrheit über die jüdischen Blutmorde“ – so aufzuhetzen, dass neben der Kirche auch die Justiz einschritt und den Stürmer-Herausgeber Julius Streicher wegen der Kampagne zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilte. Hellmuth als Urheber im Hintergrund konnte allerdings nicht belangt werden. Selbst Jahre später versuchte Hellmuth – dann schon als Gauleiter und Regierungspräsident von Unterfranken und Aschaffenburg –, einen jüdischen Religionslehrer und einen Schächter als Täter zu überführen. Trotz Anwendung der bekannten Gestapo-Methoden konnte weder der Beweis ihrer Täterschaft erbracht noch der Fall aufgeklärt werden. Der Mörder ist bis heute nicht bekannt. In Manau wurde 1930 ein sogenannter Mordstein am Fundort der Kinderleiche aufgestellt und ab 1937 jeweils am Todestag Karl Keßlers eine propagandistische Gedenkfeier abgehalten.Christiane Kolbet: … was ein jeder Stamm dem Herrn Christo zum Schmach: Siebzig Jahre Ritualmordlegende von Manau. In: haGalil.
Gauleiter und Regierungspräsident Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zog Hellmuth als Abgeordneter in den nunmehr parlamentarisch bedeutungslosen nationalsozialistischen Reichstag ein. Zu seinen bisherigen Rängen und Titeln als Gauleiter (seit 1928), SA-Standartenführer und NSKK-Obergruppenführer kam am 1. Juli 1934 (als Nachfolger des am 1. November 1933 vorzeitig in den Ruhestand versetzten Bruno GünderPeter Weidisch: Würzburg im „Dritten Reich“. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I–III/2. Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 196–289 und 1271–1290, hier: S. 232.) das Amt des Regierungspräsidenten von Unterfranken und Aschaffenburg bzw. (nach Umbenennung des Regierungsbezirks am 1. Juli 1937) Mainfranken. Schon drei Wochen vor der ersten großen reichsweiten Boykottaktion gegen Juden erzwang Hellmuth am 11. März 1933 in Würzburg die zeitweise Schließung jüdischer Geschäfte, Kanzleien und Praxen.
Heirat und Familienleben Seine ausgeprägte Vorliebe für Pomp und große Gesten konnte er bei seiner Heirat mit der aus Kassel stammenden Zahnärztin Erna Maria Stamm in einer sogenannten deutschen Hochzeit demonstrieren. Die Trauung des Gauleiters fand am 13. Juni 1936 im Wenzelsaal des Würzburger Rathauses statt, da der eigentliche städtische Trauungssaal hierfür zu klein war. Das in einer Pressebesprechung schon eine Woche vorher vorgestellte Festprogramm sollte nach dem Bericht des Fränkischen Volksblattes vom 12. Juni 1936 wie folgt ablaufen:
Im Kaisersaal der Residenz wurde vor einem großen Hakenkreuz zwischen Eichenbäumchen die sogenannte deutsche Trauung durch den stellvertretenden Gauleiter und Oberbürgermeister von Schweinfurt, Ludwig Pösl, anstelle eines Priesters vorgenommen.
Von einem ausgeprägten Selbstwertgefühl zeugt auch sein Anspruch auf eine angemessene Privatresidenz. Zu diesem Zweck übernahm Hellmuth die Villa des jüdischen Apothekers Max Mandelbaum. Die Familie Mandelbaum entschloss sich zur Emigration und wollte die in der Ludendorffstraße (heute Rottendorfer Straße) 26 in Würzburg gelegene Villa 1938 noch vor der „Reichspogromnacht“ über einen Makler für 100.000 RM verkaufen. Von dem bereits vorhandenen Kaufvertrag, der zur Beurkundung bei einem Notar vorlag, erhielt Hellmuth in seiner Eigenschaft als Regierungspräsident Kenntnis und drängte die Stadt Würzburg zur Ausübung ihres Vorkaufsrechtes. Die Stadt kaufte schließlich das Villengrundstück für 100.000 RM und veräußerte die Liegenschaft sogleich für 80.000 RM an Hellmuth. Der Gauleiter konnte jedoch nur 20.000 RM aufbringen, weshalb die Restsumme zu vier Prozent Zins als unkündbare Hypothek gestundet wurde. Ob die Stadt Würzburg jemals zu ihrem Geld gekommen ist, ist nicht bekannt.
Die Villa war fortan der Treffpunkt für Parteigrößen, die Würzburg besuchten. Hellmuths Frau, die er mit dem Titel „Hohe Frau“ anreden ließ, übernahm offensichtlich schnell den Stil ihres Mannes und beschäftigte nach Unterlagen des Würzburger Arbeitsamtes zwischen 1936 und 1945 mindestens 28 Hausgehilfinnen. Die zeitliche Inanspruchnahme und die herablassende Behandlung sowie teilweise Lohnzurückhaltungen führten zu einem schnellen Personalwechsel in der Gauleitervilla.Nationalsozialistische Einrichtungen in Würzburg. Privatvilla des Gauleiters Dr. Otto Hellmuth. In: Website des Friedrich-Koenig-Gymnasiums Würzburg.
Das erste von insgesamt drei Kindern wurde nach der fränkischen Herzogin Gailana, die die Ermordung des Frankenapostels Kilian veranlasst hatte, „Gailana“ genannt und nicht kirchlich getauft. Ein im November 1938 geborener Sohn erhielt als Vornamen den Nachnamen des Bauernführers Florian Geyer. In Würzburg ging das Gerücht um, der Hund des Gauleiters werde „Kilian“ gerufen. Nach Zeugenaussagen hieß der Hund Hellmuths jedoch „Senta“. Sein öffentliches und privates Verhalten und vor allem seine antikirchlichen Ausfälle machten Hellmuth zur unbeliebtesten Parteigröße in Würzburg.
Selbstdarstellung und Ämter Als Leiter eines der kleinsten Gaue im Deutschen Reich und unmittelbar im Schatten des „Frankenführers“ Julius Streicher ließ Hellmuth das enteignete Würzburger Gewerkschaftshaus in der Augustinerstraße „Dr.-Otto-Hellmuth-Haus“ benennen. Auf dem „Adolf-Hitler-Feld“ vor der Florian-Geyer-Ruine in Giebelstadt legte er im April 1938 folgendes Gelöbnis ab:
Der Gauleiter erlebte mit Beginn des Zweiten Weltkrieges eine Enttäuschung, als ihm aufgrund der „Verordnung über die Bestellung von Reichsverteidigungskommissaren“ vom 1. September 1939 im Gegensatz zur Mehrzahl der Gauleiter das neue Amt des Reichsverteidigungskommissars nicht übertragen wurde, da der Gau Mainfranken keinem der 18 Wehrkreise entsprach. Erst mit der „Verordnung über die Reichsverteidigungskommissare und die Vereinheitlichung der Wirtschaftsverwaltung“ vom 16. November 1942 wurden die Parteigaue zu Reichsverteidigungsbezirken und damit jeder Gauleiter zum Reichsverteidigungskommissar gemacht.
Im Laufe seiner politischen Tätigkeit erhielt Hellmuth die Dienstauszeichnung der NSDAP in Silber, das SA-Sportabzeichen, das Ehrenzeichen des Deutschen Roten Kreuzes 1. Klasse, das Verdienstkreuz des Deutschen Roten Kreuzes und das Goldene Parteiabzeichen.