mini|Ein schwarzer Schwan in Australien Ein Black Swan () ist in der Wirtschaft der Anglizismus für unerwartete und unwahrscheinliche zukünftige Ereignisse mit erheblichen Auswirkungen.

Allgemeines Die Metapher bezieht sich auf den selten vorkommenden Schwarzschwan. Ein „schwarzer Schwan“ verkörperte bis in das 18. Jahrhundert hinein das Nichtvorstellbare, denn nach damaligem Wissensstand waren alle Schwäne weiß.Anja Kern/Albrecht Plewnia/Jürgen Ritte, Wirtschaft erzählen, 2017, S. 17 f. Diese These wurde 1697 mit der Entdeckung des seltenen Schwarzschwans durch Willem de Vlamingh in Westaustralien falsifiziert.Whitney Smith, "flag of Western Australia," Britannica Seine Seltenheit wird in der Wirtschaft, insbesondere in der Finanzwirtschaft, für Ereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit übernommen. Es handelt sich um zufällige und unerwartete Ereignisse, die den Menschen zwingen, seine Sicht der Dinge zu ändern.Edmund Conway, 50 Schlüsselideen Wirtschaftswissenschaft, 2009, S. 143

Mit „Schwarzen Schwänen“ befassen sich Organisationen wie Unternehmen im Rahmen des Krisenmanagements (ex post), ihre Einbeziehung in die Zukunftsplanung ist Gegenstand der Wahrscheinlichkeitstheorie (ex ante).

Theorie Der Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb definierte den „Schwarzen Schwan“ als ein „historisches, ökonomisches, wirtschaftliches oder persönliches Ereignis, das von Beobachtern einerseits nicht vorhergesagt wurde, andererseits massive Folgen hat“.Nassim Nicholas Taleb, Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen, 2010, FN 26 Taleb befasste sich erstmals 2001 konzeptionell mit der Theorie des „Schwarzen Schwans“ bei finanzwirtschaftlichen EreignissenNassim Nicholas Taleb, Fooled by Randomness: The Hidden Role of Chance in Life and in the Markets, 2001, ISBN 9780141031484 und veröffentlichte zum Phänomen des „Schwarzen Schwans“ zahlreiche Bücher, die der populärwissenschaftlichen Literatur zuzuordnen sind.

Von echten „Schwarzen Schwänen“ wird in der Theorie gesprochen, wenn sämtliche bekannten Fakten keinen Rückschluss auf ein zukünftiges Risiko zulassen und den Akteuren nicht bewusst ist, dass es Unerwartetes geben könnte. Um unechte „Schwarze Schwäne“ handelt es sich dagegen, wenn niemand das Risiko „auf dem Schirm hatte“, aber bei genauerer Analyse bekannter Fakten unter Einbeziehung bekannter Verhaltensmuster das mögliche Risiko hätte erkannt werden können.Stefan Voßschmidt, 24. Juli 2010: Tunnelblick und Schwarzer Schwan, in: Anna Daun/Dirk Freudenberg/Thomas Jäger (Hrsg.), Politisches Krisenmanagement, 2016, S. 103 Im Gegensatz zum nicht erwartbaren „Schwarzen Schwan“ ist das „graue Nashorn“ () „eine sehr unwahrscheinliche, mit wesentlichen Auswirkungen verbundene, jedoch vernachlässigte Bedrohung…“, die trotz Erkennbarkeit übersehen oder absichtlich ignoriert wurde.Michele Wucker, The grey rhino: How to recognize and act on the obvious dangers we ignore, 2016, S. 15 f.

In Prognosemodellen wie Börsentendenz, Chartanalyse, Trendextrapolation oder Trendmodell werden „Schwarze Schwäne“ meist als Worst Case wegen der zu geringen Eintrittswahrscheinlichkeit nicht berücksichtigt. Die Trendextrapolation setzt voraus, dass kein Ereignis wie der „Schwarze Schwan“ zu erwarten ist, das den vorangegangenen Trend brichtJörg B. Kühnapfel, Die Macht der Vorhersage, 2019, S. 39 oder alle Erwartungsparameter sprengt. Die Auswirkungen beim Auftreten eines „black swan“ können positiv sein, meistens werden mit ihm jedoch negative assoziiert. Als Schwarze Schwäne gelten vor allem die Terroranschläge am 11. September 2001, die Finanzkrise 2007, oder die Nuklearkatastrophe von FukushimaAnja Kern/Albrecht Plewnia/Jürgen Ritte, Wirtschaft erzählen, 2017, S. 18.

Es handelt sich um Ereignisse, die eigentlich nie vorkommen dürften, was jedoch ständig geschieht und unser Leben gewaltig beeinflusst. Der „Schwarze Schwan“ wird mit Hilfe statistischer Modelle permanent aus unserem Denken ausgeblendet.Nassim Nicholas Taleb, Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, 2010, S. 1 Diese Ausblendung löscht das Vorkommen „Schwarzer Schwäne“ in den Erwartungen, so dass bei einem „unerwarteten“ Eintritt der Überraschungseffekt sehr groß ist. Forscher an römischen Universitäten schlugen 2022 die Quantifizierung Weißer, Grauer und Schwarzer Schwäne zur evidenzbasierten Politikgestaltung und öffentlichen Debatte vor.

Als grüner Schwan werden Ereignisse bezeichnet, die aus massiv veränderten natürlichen Rahmenbedingungen resultieren. Angesichts der desaströsen Auswirkungen durch den Klimawandel wurde dieser Begriff 2020 durch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich geprägt.Manager Magazin: 'Corona und die Folgen: Wer hat Angst vorm grünen Schwan?', vom 15. Mai 2020, geladen am 13. September 2021

Wirtschaftliche Aspekte Das Black-Scholes-Modell kann den Anlegern und Investoren den Schein vermitteln, dass aus vergangenheitsbezogenen Trends für die Zukunft eindeutige Tendenzen abgeleitet werden könnten. Da es sich um ein mathematisches Modell handelt und keine Abbildung der Wirklichkeit, setzt dieses Modell diverse mathematische aber auch psychologische Simplifizierungen voraus, wie es auch andere Prognoseverfahren tun.

Zum Beispiel die Annahme, dass die Aktienpreise einer geometrischen Brownschen Bewegung folgen oder dass sich Märkte, vor allem Finanzmärkte, irrational verhalten können.Edmund Conway, 50 Schlüsselideen Wirtschaftswissenschaft, 2009, S. 143 Auch können äußerst seltene Ereignisse auftreten, wie zum Beispiel die Terroranschläge am 11. September 2001 oder den schwarzen Donnerstag im Jahr 1929, die zu einem nicht kalkulierbaren Einfluss auf die Volatilität führen.

Die Aussage „es wird mindestens einen schwarzen Schwan geben“ kann endgültig niemals falsifiziert werden, da sie voraussetzt, dass man alle jetzigen oder auch zukünftigen Schwäne kennen müsste. Selbst wenn es lange Zeit keinen gegeben hat, kann zu keiner Zeit mit Sicherheit behauptet werden, „es gebe keine schwarzen Schwäne“.Helmut Seiffert, Einführung in die Wissenschaftstheorie, Band 1, 2003, S. 189 f.

Gleichwohl gehen viele Prognoseverfahren davon aus, dass es erlaubt ist, extrem unwahrscheinliche, aber disruptive Ereignisse aus einer Prognose auszuschließen, denn ihre Einbeziehung würde nichts nützen. Wenn auf dem Schulweg ein Meteor alles Leben in einer Stadt auslöscht, wäre das Prognoseziel „Kind abholen“ sowieso hinfällig.Jörg B. Kühnapfel, Die Macht der Vorhersage, 2019, S. 25 Der „Schwarze Schwan“ sei Taleb zufolge ein auszuklammernder Paradigmenwechsel (), der nach einer grundsätzlichen Neuordnung der Zukunft verlange.Nassim Nicholas Taleb, Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, 2010, S. 46 f.

„Schwarze Schwäne“ müssen keine ökonomischen Ursachen haben (wie dies etwa bei Naturkatastrophen der Fall ist), wirken sich jedoch meist auf die Wirtschaft durch Personen- und/oder Sachschäden aus. Dort können sie je nach Umfang zu volkswirtschaftlichen Schocks führen und im Rahmen des Contagion-Effekts auf andere Staaten übergreifen. Diese kumulative Verschärfung vergrößert die Auswirkungen nicht nur für einzelne Volkswirtschaften, sondern kann sich auf die Weltwirtschaft in Form einer Weltwirtschaftskrise ausdehnen.

Rezeption Das Bild des Schwarzen Schwans wird bis heute vielfach rezipiert. Trebor Scholz schlug zu deren Entgegnung beispielsweise agileren Wissenstransfer aus den Universitäten in lokale Gemeinschaften und vulnerable Gruppen vor. Er wirbt zu dem anteiligen Besitz an Unternehmungen durch die Beschäftigten, um Schwarzen Schwänen mit mehr sozioökonomischer Resilienz zu begegnen.

Literatur Nassim Nicholas Taleb, Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, 2010, Dt. Taschenbuch-Verlag, ISBN 9783423345965

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