mini|hochkant|Die Nonne Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Eingebung (Miniatur in einer Handschrift des 12. Jahrhunderts). Als Vision (von lateinisch visio „Erscheinung, Anblick“, videre – sehen) wird ein subjektives bildhaftes Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbarem bezeichnet, das aber dem Erlebenden – dem Visionär – als real erscheint und im religiösen Sinne von ihm auf die Einwirkung einer transzendenten Macht zurückgeführt wird. Zusätzlich treten oft Höreindrücke auf, meist als gesprochene Worte.

Mitunter erhält der Visionär auch Eindrücke, die von anderen Sinnesorganen zu stammen scheinen. Wenn es sich um ein reines Hörerleben handelt, spricht man in der Religionswissenschaft von „Audition“ (von lateinisch audire „hören“), aber umgangssprachlich wird der Unterschied zwischen bildlosen inneren Wahrnehmungen und bildhaften Erlebnissen kaum berücksichtigt.

Begriff und Begriffsgeschichte

Der Begriff visio war im Mittelalter in der lateinischen hagiographischen Literatur (Lebensbeschreibungen von Heiligen) geläufig und es gab auch eine Visionsliteratur als eigene literarische Gattung. Im frühen 14. Jahrhundert wurde das Wort aus der (mittel)lateinischen Sprache ins Deutsche übernommen. Teils wurde es eingedeutscht (visiôn, visiûn, visiûne), teils beließ man es in seiner ursprünglichen Form als visio und deklinierte es auch in deutschen Texten lateinisch, was bis Ende des 17. Jahrhunderts vorkam. Der älteste Beleg für Eindeutschung findet sich bei Meister Eckhart († 1327/1328).Hans Schulz u. a. (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 6, Berlin 1983, S. 217–220. Ein bereits im Mittelhochdeutschen gebräuchliches Synonym war „Gesicht“ (Plural „Gesichte“, im Sinne von „Gesehenes“).Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, Bd. 1, Stuttgart 1974 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1872), Sp. 913.

Da in der Frühen Neuzeit die Zahl der grundsätzlichen Skeptiker stark zunahm und den Visionen im Zeitalter der Aufklärung weithin eine objektive Bedeutung abgesprochen wurde, erhielt der Ausdruck „Vision“ auch die Konnotation „Trugbild“, „Wahnbild“, „(Fieber-)Traumbild“, „Phantasievorstellung“, „Einbildung“.Siehe den Artikel Vision, apparition in der Encyclopédie, Bd. 17, Stuttgart-Bad Cannstatt 1967 (Nachdruck der Ausgabe von 1765), S. 343 sowie die Beispiele in Hans Schulz u. a. (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 6, Berlin 1983, S. 218–220.

Wegen des Zukunftsbezugs vieler Visionen erhielt das Wort die allgemeine Bedeutung „Zukunftsvorstellung“ im Sinne einer Wunschvorstellung (seltener Befürchtung) oder einer für realisierbar gehaltenen Utopie. Auch außerhalb religiöser Zusammenhänge spricht man von „Zukunftsvisionen“. Gemeint sind meist kühne, in manchen Fällen phantastisch wirkende Konzepte, Entwürfe und Ideale, deren Verwirklichung geplant wird und die in dafür empfänglichen Kreisen Begeisterung auslösen. Insbesondere in Politik und Wirtschaft ist in diesem Sinne von Visionen die Rede, etwa der Vision eines geeinten Europas.Beispiele bei Hans Schulz u. a. (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 6, Berlin 1983, S. 218–220. Ein oft zitiertes Beispiel ist die 1963 gehaltene Rede I Have a Dream von Martin Luther King, in der er seine Vision einer geeinten und gerechten Gesellschaft von Schwarzen und Weißen entfaltete. Dieser säkularisierte Visionsbegriff wirkt seinerseits auf den religiösen Sprachgebrauch zurück, etwa wenn von Visionen einer künftigen Ökumene die Rede ist.Norbert Mette: Vision VI. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 35, Berlin 2003, S. 148–150.

Der Ausdruck „Visionär“ wurde ebenso wie auch das zugehörige Adjektiv „visionär“ aus dem Französischen (visionnaire) ins Deutsche übernommen. Das Wort wurde im 18. Jahrhundert eingedeutscht. Dabei war von Anfang an die Konnotation „Träumer“, „Schwärmer“, „Phantast“ präsent. Heute wird der Begriff oft nichtreligiös zur Bezeichnung von Personen verwendet, die – etwa als Politiker oder Erfinder – mutige, bahnbrechende Ideen formulieren und verwirklichen.Hans Schulz u. a. (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 6, Berlin 1983, S. 221f. (mit Belegen) In norddeutschen Gegenden sind nichtreligiöse Visionen auch als Spökenkiekerei bekannt.

Visionsarten

Eine Vision kann auch im Traum empfangen werden, dann spricht man von einer Traumvision. Deren Unterscheidung von gewöhnlichen Träumen wird im religiösen Kontext analog der Unterscheidung zwischen Wachvisionen (Visionen im Wachzustand) und Halluzinationen vorgenommen. Dabei wird der mit Traumvisionen verbundene Wahrheitsanspruch in religiösen Kreisen, in denen die Möglichkeit „echter“ Visionen bejaht wird, oft grundsätzlich skeptischer beurteilt als bei Wachvisionen.Siehe dazu Ernst Benz: Die Vision, Stuttgart 1969, S. 104–130.

Eine Sonderform der Vision stellt die Offenbarung (lateinisch revelatio) dar. Bei einem visionären Offenbarungserlebnis meint der Visionär eine Botschaft zu empfangen, mit der göttliche Wahrheit enthüllt wird, meist mit der Anweisung sie zu verkünden. Bei manchen Visionen glaubt der Visionär, vergangene, künftige oder räumlich entfernte Ereignisse optisch und akustisch wahrzunehmen, als würden sie sich in seiner Gegenwart abspielen. Wenn der Anspruch erhoben wird, in der Vision werde etwas Zukünftiges enthüllt, handelt es sich um eine prophetische (seherische) Vision, die verbal als Weissagung Ausdruck findet. Von gewöhnlicher Wahrsagung unterscheidet sich die Weissagung durch das spezifisch religiöse Anliegen, das den Kern der Botschaft ausmacht. Oft geht es um die Zukunft der Kirche oder des eigenen Ordens des Visionärs oder um das künftige Schicksal der ganzen Menschheit oder bestimmter Völker. Aber auch Prophetie über das Schicksal von einzelnen Persönlichkeiten spielt eine große Rolle.Siehe dazu Ernst Benz: Die Vision, Stuttgart 1969, S. 131–149. Neben der prophetischen Vision bildet die Lehrvision einen Sondertypus. Sie zielt primär auf Belehrung und Vermittlung von Erkenntnissen oder sittlichen Geboten ab. Daher treten die bildhaften Elemente gegenüber den auditiven zurück.Ernst Benz: Die Vision, Stuttgart 1969, S. 150–162.

In der Regel ist von einer Vision nur eine Person, der Visionär, unmittelbar betroffen, alle anderen haben keinen direkten Zugang zu dem Erlebnis. In manchen Fällen behaupten aber ganze Gruppen, die bildlichen Phänomene der Vision gleichzeitig wahrgenommen zu haben. Dies ist insbesondere bei manchen Marienerscheinungen der Fall.Beispiele bei Gottfried Hierzenberger, Otto Nedomansky: Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter Maria. Vollständige Dokumentation durch zwei Jahrtausende, Augsburg 1997, S. 38, 250–260.

Deutung und Erforschung

Als sehr verbreitete kulturgeschichtliche Phänomene sind Visionen und ihre traditionellen religiösen Deutungen ein bedeutender Gegenstand religionswissenschaftlicher, ethnologischer, historischer und literaturgeschichtlicher Forschung. Historiker fragen insbesondere, inwieweit religiöse oder auch politische Vorstellungen, Wünsche, Befürchtungen und Ziele der Visionäre und ihres Umfelds die überlieferten Darstellungen und Deutungen der Visionserlebnisse beeinflusst haben. Sie untersuchen auch, wie Visionen für politische und religiöse Zwecke instrumentalisiert wurden.Siehe beispielsweise die einschlägige Monographie von Paul Edward Dutton: The politics of dreaming in the Carolingian empire, Lincoln 1994, und Roland Pauler: Visionen als Propagandamittel der Anhänger Gregors VII. In: Mediaevistik 7, 1994, S. 155–179.

Im religiösen Kontext wird eine Vision, wenn sie als „echt“ (also nicht als Halluzination) betrachtet wird, auf einen realen äußeren Verursacher zurückgeführt. Dabei handelt es sich bei positiver Interpretation des Erlebnisses um eine Gottheit oder eine im Namen der Gottheit handelnde Instanz (beispielsweise einen Engel oder Heiligen), bei negativer Interpretation um einen Dämon oder Teufel. Man nimmt an, der Urheber der Vision wolle auf diesem Wege dem Visionär und über ihn auch einem bestimmten Personenkreis oder der Menschheit eine Mitteilung zukommen lassen. Berichte über Visionen dienen oft der Legitimierung oder Bestätigung religiöser Weltbilder oder der Beglaubigung und Bekräftigung einzelner religiöser Lehraussagen und Anweisungen. Eine solche religiöse Deutung eines Visionserlebnisses wird oft damit begründet, dass in der Vision eine Botschaft übermittelt worden sei, deren außergewöhnlicher und außerordentlich beeindruckender Inhalt den Wissensstand und Alltagshorizont des Visionärs übersteige und kaum auf normale Weise erklärbar sei, was für die Authentizität spreche. Außerdem beschreiben Visionäre die Art der Wahrnehmung während der Vision als so mitreißend, ergreifend und erschütternd, dass aus ihrer Sicht als Urheber nur eine Macht mit übermenschlichen Fähigkeiten in Betracht kommt.Eine religionspsychologische Darstellung bietet Wilhelm Pöll: Religionspsychologie, München 1965, S. 413–437, 441–444, 486–496.

Da es sich bei religiösen Visionen um subjektive Erlebnisse handelt, die ausschließlich aus den nachträglich gegebenen Beschreibungen der Visionäre bekannt sind, entziehen sie sich weitgehend einer naturwissenschaftlichen Untersuchung. Möglich ist allerdings ein Vergleich der beschriebenen Erlebnisse und begleitender körperlicher und mentaler Symptome mit optischen und akustischen Halluzinationen psychisch Erkrankter und mit Phänomenen bei vorsätzlich erzeugten Ausnahmezuständen (Rausch, Ekstase). Auf solchen Vergleichen fußen psychologische und neurotheologische Deutungen, deren Vertreter den Visionserlebnissen bzw. den psychosomatischen PhänomenenPeter Dinzelbacher: Visionen. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1447 f. zumeist ein objektives Korrelat absprechen. Skeptiker und Gegner der religiösen Weltbilder halten die Visionen für krankhafte Sinnestäuschungen, Wahnbilder bei veränderten Bewusstseinszuständen oder schlicht Erfindungen zum Zweck vorsätzlicher Täuschung. Verteidiger einer religiösen Interpretation der Visionen halten dem entgegen, allfällige Ähnlichkeiten mit psychopathologischen Phänomenen seien nur scheinbar oder äußerlich und es handle sich in Wirklichkeit um Unvergleichbares, da bei den Visionären keine psychische Erkrankung vorliege.Siehe zur kontroversen Diskussion dieser Thematik Ernst Benz: Die Vision, Stuttgart 1969, S. 85–88; Marco Frenschkowski: Vision. I. Religionsgeschichtlich. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 35, Berlin 2003, S. 117–124, hier: 122 (und Bibliographie S. 124).

C. G. Jung definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, aber sich im wachen Zustand abspiele. Sie trete aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung und sei „nichts anderes als ein momentaner Einbruch eines unbewußten Inhaltes in die Kontinuität des Bewußtseins“. Wie in Träumen und Halluzinationen sei auch in Visionen das Hervortreten autonomer Komplexe der Psyche deutlich erkennbar. Daraus sei zu ersehen, dass die Psyche als Ganzes keine unteilbare Einheit sei, sondern „ein teilbares und mehr oder weniger geteiltes Ganzes“.Carl Gustav Jung: Die Dynamik des Unbewussten (= Gesammelte Werke, Bd. 8), Zürich/Stuttgart 1967, S. 347f.

Religiöse Traditionen Bei vielen Völkern Nordamerikas und regional Südamerikas ist die bewusste Visionssuche eine wichtige spirituelle Praxis der jeweiligen ethnischen Religionen.Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 398–399.

Hinduismus