mini|Pflegerinnenschule 1905 mini|Pflegerinnenschule 1939 Die Schweizerische Pflegerinnenschule mit Frauenspital in Zürich wurde 1901 eröffnet. Sie war die Pionierleistung von drei Gründerinnen. Die gemeinhin «Pflegi» genannte Institution bot eine professionelle, konfessionsunabhängige Ausbildung in Krankenpflege und bestand als unabhängige Institution bis 1997.

Geschichte Gründung Anna Heer (1863–1918), die erste Schweizer Chirurgin, begann nach ihrem Medizinstudium an der Universität Zürich zunächst als Hausärztin zu arbeiten. Sie war mit Marie Heim-Vögtlin (1845–1916) befreundet. 1892 reichte Anna Heer ihre Dissertation im Fachbereich Chirurgie bei Rudolf Ulrich Krönlein (1847–1910) ein. Im selben Jahr traf sie in der Privatklinik des Schwesternhauses vom Roten Kreuz die Krankenpflegerin Ida Schneider. Die beiden Frauen befreundeten sich und pflegten von da an eine Form von Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, wobei sie nie eine gemeinsame Adresse hatten.

Nach Abschluss des Medizinstudiums war Anna Heer Anfang 1889 einige Monate in England gewesen und dort mit den Ideen der Pflegereformerin Florence Nightingale in Kontakt gekommen. Der Ruf nach fachlich qualifizierten Pflegekräften wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz immer lauter. Die drei Frauen, Anna Heer, Marie Heim-Vögtlin und Ida Schneider, setzten sich die Gründung eines konfessionell neutralen Frauenspitals mit angegliederter Pflegerinnenschule in Zürich – ein Spital von Frauen für Frauen – zum Ziel.

Vom 8. bis 12. September 1896 fand in Genf der erste Schweizerische Kongress für die Interessen der Frau statt. Anna Heer stellte dort ihre Idee mit dem Referat «Die Ausbildung in Krankenpflege» den Kongressbesucherinnen vor und warb um die nötigen Mittel. Die Kosten für ein solches Spital wurden auf 400'000 bis 500'000 Franken veranschlagt. Die Frauen machten sich in der Folge, unterstützt vom Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein (SGF) und seiner Präsidentin Gertrud Villiger-Keller (1843–1908) sowie der Vizepräsidentin Emma Coradi-Stahl daran, die nötigen finanziellen Mittel zu finden.

Im Januar 1898 brachte ein grosser Basar in der Zürcher Tonhalle 25'000 Franken ein. Ausserdem verstanden es die Initiantinnen, wichtige Männer mit ins Boot zu holen. Anna Heers Freund und Förderer, Stadtrat Johann Grob, leitete die Baukommission, welcher auch Kantonsbaumeister J. Fierz, der Kaufmann J. Spoerri, Ida Schneiders Vater Albert Schneider und Albert Heim, der Mann von Marie Heim-Vögtlin, angehörten. Man entschied sich für einen Bauplatz am «Römerhof» in Zürich-Hottingen. Die Stadt verkaufte das Land zu einem günstigen Preis. Am Ende belief sich die Bausumme auf 520'972 Franken. Durch Sammlungen und Schenkungen kamen 349'788 Franken zusammen. 262'000 Franken wurden durch Obligationen gedeckt.

Als Vorbild für Bau und Betrieb der Pflegerinnenschule diente das 1889 eröffnete Allgemeine Krankenhaus in Hamburg-Eppendorf, das damals als eines der modernsten Krankenhäuser galt. Die jüngste Schwester von Anna Heer absolvierte dort eine Ausbildung, und in den ersten Jahren wurden regelmässig Hamburger Schwestern als Oberschwestern an die Schweizerische Pflegerinnenschule berufen.

1899 wurde die «Stiftung Schweizerische Pflegerinnenschule mit Frauenspital» durch den Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein (SGF) ins Leben gerufen. Die Geschäftsleitung der Stiftung besorgte eine vom Verein gewählte Krankenkommission, die von Anna Heer präsidiert wurde. Im selben Jahr erfolgte die Grundsteinlegung. Den Auftrag für den Bau der Schweizerischen Pflegerinnenschule erhielt das Zürcher Architekturbüro Stadler und Usteri.

Stellenvermittlungsbüro 1899 Wer im 19. Jahrhundert in Zürich Hilfe für die private Pflege suchte, musste froh sein, jemanden zu finden, ebenso ging es umgekehrt jenen, die eine Stelle suchten. Zudem gab es wenig ausgebildetes Personal, Informationen fand man allenfalls beim Portier des Kantonsspitals. Seit 1893 besass der zürcherische Wärterinnen- und Wärterverband – wie man die Krankenpfleger damals bezeichnete – ein Vermittlungsbüro in einem Sanitätsgeschäft. Eine Professionalisierung der Vermittlung tat not, auch dafür setzten sich Anna Heer und Ida Schneider ein. Bereits 1899 eröffnete die Krankenpflegekommission der «Pflegi» ein Stellenvermittlungsbüro für Pflegepersonal, das nach der Inbetriebnahme des Spitals in den Betrieb der «Pflegi» integriert wurde. Das städtische Gesundheitsamt leistete einen jährlichen finanziellen Beitrag.

Eröffnung 1901 Am 30. März 1901 wurde die Schweizerische Pflegerinnenschule mit Frauenspital an der Carmenstrasse 40 am Zürichberg eröffnet. Sie erhielt schnell den Übernamen «Pflegi». Anna Heer war die Klinik- und Schulleiterin sowie die chirurgische Chefärztin. Marie Heim-Vögtlin leitete die Kinderabteilung, die sogenannte Kinderstube, Jenny Thomann-Koller leistete Geburtshilfe und Oberin Ida Schneider stand den sechs Oberschwestern, 19 Schülerinnen und 12 Hausangestellten vor. Man startete mit 50 Betten für Erwachsene und 10 für Kinder. Im ersten Jahr wurden 90 Kinder in der Pflegerinnenschule geboren und 422 Patientinnen behandelt.

Haube, Uniform und die Bezeichnung «Schwester» für die Pflegerinnen orientierten sich an den katholischen Ordensschwestern und den reformierten Diakonissen. Zur Unterscheidung trugen die fortgeschrittenen Schülerinnen eine kleine und die diplomierten Schwestern eine grössere Brosche vorne am Kragen. 1904 wurden die ersten 13 Krankenschwestern diplomiert.

1907 wurde weiteres Land erworben und ein Schwesternhaus errichtet, das 1908 eröffnet wurde.

Krankenpflegeverband Zürich 1909 Am 25. November 1909 gründeten die Verantwortlichen der Schweizerischen Pflegerinnenschule den «Krankenpflegeverband Zürich» als Verein. Dieser sollte unter anderem für eine unentgeltliche, rationelle Vermittlung von Pflegepersonal sorgen, deren Anstellungsverhältnisse verbessern, Art und Dauer der Ausbildung festlegen, ein Krankenpflegeexamen einführen und für die Weiterbildung der Mitglieder sorgen. 1925 trennte sich der Verband von der Pflegerinnenschule und siedelte in eigene Räume über.

Schule und Spital 1910 bis 1936 mini|Schulungsraum mit Säuglingsbetten 1950 Schule und Spital wuchsen in den ersten zehn Jahren stetig. 1910 besuchten bereits 126 Schülerinnen die Pflegerinnenschule, im Spital wurden 933 Patientinnen behandelt und 473 Kinder geboren. Im Ersten Weltkrieg waren Krankenschwestern der Pflegi im Einsatz, auch im Ausland. Da sie in der Schweiz zu wenig gebraucht wurden, lieh man sie an die Kriegsmächte aus.

1916 starb Marie Heim-Vögtlin nach längerer Krankheit an Tuberkulose. Zwei Jahre später starb auch Anna Heer 55-jährig an einer Infektion, die sie sich durch eine kleine Schnittwunde während einer Operation zugezogen hatte. Oberin Ida Schneider war bereits 1913 aufgrund von Spannungen mit zwei Ärztinnen von ihrem Amt zurückgetreten.

Nachdem die umtriebige Klinikleiterin Anna Heer 1918 so plötzlich verstorben war, folgte eine unruhige Zeit. Eine Nachfolgeregelung bestand nicht. Am Ende übernahm die Ärztin Frieda Ottiker 1919 die Leitung. Sie verstarb nach einer Magenoperation 1923. Nun kam die einstige Hausärztin Anna Baltischwiler (1876–1952) als Leiterin der Pflegerinnenschule zurück und führte sie bis 1945.

1926 übernahm, als erster und für lange Zeit einziger Mann im Spital, Dr. Alfred Reist die Leitung der Abteilung Geburtshilfe und wurde stellvertretender Leiter. Er war – wie die Klinikleiterin Anna Baltischwyler – ein Anhänger der Eugenik, der Zwangssterilisation von Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung. In den 1930er-Jahren wurden solche Zwangssterilisationen offenbar auch in grösserer Zahl an der Pflegerinnenschule durchgeführt. Alfred Reist arbeitete 37 Jahre lang in der «Pflegi», bis 1963, als er mit 71 Jahren und nach der Begleitung von fast 2000 Geburten zurücktrat.

Nach kurzer Krise erlebte das Spital Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre einen Aufschwung. So wurden jährlich um die 2500 Patientinnen behandelt und zwischen 900 und 1100 Kinder in der Pflegi geboren.

Bessere Arbeitsbedingungen Die Pflegi wurde in verschiedener Hinsicht wegweisend für den Beruf der freien Krankenschwester (im Gegensatz zu den bis zur Jahrhundertwende vorwiegend in kirchlichen Institutionen ausgebildeten und gebundenen reformierten Diakonissen und katholischen Schwestern). Die Gründerinnen hielten von Anfang an eine dreijährige Ausbildung und ein ausreichend grosses Schulspital für nötig. Beides wurde in der Schweiz zur Norm.

1926 führte die Pflegerinnenschule als erste in der Schweiz einen dreimonatigen «Vorkurs» für den praktischen und theoretischen Unterricht ein. Die Schülerinnen mussten mindestens 19 Jahre alt sein. Dies waren Vorgaben, die in der Folge von anderen Schwesternschulen übernommen wurden.

Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Anforderungen an die Schwestern hart. Schmaler Lohn, Präsenzzeiten inklusive Essenspausen von 14 Stunden, ein halber freier Tag pro Woche, alle vier Wochen ein ganzer Tag sowie vier Wochen Ferien: Dies waren die Bedingungen an der Pflegerinnenschule bis Ende der 1930er-Jahre. Hinzu kamen strenge Vorschriften in Bezug auf Kleidung und sittliches Verhalten. Weil die Absicherung im Alter ein Problem war, führte die «Pflegi» bereits 1927 eine obligatorische Rentenversicherung für die Schwestern ein. Ende der 1930er-Jahre wurden die Regeln bezüglich Arbeits- und Freizeit verbessert.

1940 traten die Oberin der Pflegerinnenschule Lydia Leemann (1885–1979) und die Schulschwester Anna Riesen zurück. Danach setzten sie sich gemeinsam für die bessere soziale Absicherung des Schwesternberufs nach dem Vorbild der Pflegi ein. Sie gründeten eine Beratungsstelle für die Schwestern der «Pflegi» und führten Anfang der 1940er-Jahre mit Zustimmung des Vorstands der Vereinigung Schweizerischer Krankenanstalten (VESKA) eine breit angelegte Befragung in Schweizer Spitälern durch. Das Resultat war, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Schwestern 78 Stunden betrug, bei einem Gehalt von monatlich 130 Franken plus Kost und Logis.

Was an der Pflegerinnenschule bereits eingeführt war, formulierten Lydia Leemann und Anna Riesen nun als generelle Vorschläge: maximal 60 Arbeitsstunden pro Woche, wöchentlich ein Ruhetag von 24 Stunden, Versicherung bei Krankheit, Altersvorsorge und ein Minimallohn von 140 Franken, Ferien und Berufsausübung nach Bewilligung der Behörden. Die Vorschläge flossen in den vom Bundesrat erlassenen «Normalarbeitsvertrag für das Pflegepersonal in Anstalten» von 1947 ein.

1930er- bis 1960er-Jahre mini|Pflegerinnenschule 1945 1936 änderte die «Pflegi» ihren Namen. Aus der «Schweizerischen Pflegerinnenschule mit Frauenspital» wurde die «Schweizerische Pflegerinnenschule mit Krankenhaus». Ausserdem erweiterte man die Gebäude mit Um- und Neubauten für das Kinderkrankenhaus.

1939 wurden bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 200 Schwestern mobilisiert. Allein im Jahr 1940 absolvierten 217 Schwestern der Pflegerinnenschule in Militärsanitätsanstalten, Sanitätszügen und chirurgischen Ambulanzen 20'520 Diensttage.

Anfang der 1940er-Jahre nahm die «Pflegi» jährlich rund 100 neue Schülerinnen für die Ausbildung auf. Im Laufe der 1940er-Jahre gab es jährlich um die 1000 Geburten und man behandelte über 3000 Patientinnen.

Die Spitalrechnung verzeichnete jeweils ein Defizit. 1946 entstand deshalb der Verein «Freunde der Schweizerischen Pflegerinnenschule». Mit den Mitgliederbeiträgen konnte der von der Stiftung zu tragende Anteil des Betriebsdefizits jedes Jahr weitgehend gedeckt werden.

In den 1950er-Jahren wuchs das Spital weiter. Die Patientinnenzahl lag nun bei 4000 jährlich.