mini|hochkant=1.6|Karte der Hep-Hep-Krawalle 1819 (von 2022, s. Liste der Orte der Hep-Hep-Krawalle)
Die Hep-Hep-Krawalle („Hep-Hep“ oder „Hepp-Hepp“, wahrscheinlich abgeleitet vom Ruf der Viehtreiber; auch Hep-Hep-Unruhen) 1819 waren eine Welle gewalttätiger antijüdischer Ausschreitungen in vielen Städten und Ortschaften des Deutschen Bundes und über seine Grenzen hinaus, insbesondere in Dänemark. Die Krawalle begannen am 2. August 1819 in Würzburg. Weitere schwere Ausschreitungen ereigneten sich kurz darauf in Frankfurt am Main und in Städten von Franken und Baden, Ende August in Hamburg sowie im September in Kopenhagen und Danzig. Aus etwa 70 Orten sind zwischen August und Oktober 1819 kleinere Vorfälle überliefert.
Bei den Hep-Hep-Krawallen handelte es sich um die „erste weiträumige Judenverfolgung seit dem Mittelalter“S. Stefan Rohrbacher: Gewalt im Biedermeier. 1993, S. 99. und „die bedeutendste Welle antijüdischer Ausschreitungen im frühen 19. Jahrhundert“.S. Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, S. 137. Weiter gefasst waren sie der größte überregionale Aufruhr im Deutschen Bund in der Restaurationsphase bis zur Revolution 1848 überhaupt.
Hintergrund der spontanen und unkoordiniert stattfindenden Unruhen war die damals kontroverse Debatte um die unter napoleonischer Herrschaft eingeleitete Judenemanzipation. Als maßgebliche Anstifter der Ausschreitungen gelten vor allem Kaufleute oder Handwerker, die vor Ort den vermehrten Zuzug oder den sozialen Aufstieg jüdischer Bürger missbilligten. An den Schauplätzen schwerer Ausschreitungen zog ein gewaltbereiter Mob durch die Städte und warf die Fenster jüdischer Wohn- und Geschäftshäuser ein. Relativ häufig wird auch von körperlichen Angriffen auf jüdische Personen berichtet. Zu Plünderungen von Geschäften oder zur Verwüstung von Synagogen kam es in Einzelfällen. Während es unter den angegriffenen Juden keine Todesopfer gab, wurden bei den Ausschreitungen in Würzburg ein Soldat und auf Seiten der Angreifer ein Kaufmann erschossen. Bei den zahlreichen kleineren Vorfällen handelte es sich meist um einzelne Steinwürfe, Menschenaufläufe, „Hep-Hep“-Rufe oder Drohungen verschiedener Art.
Polizei, Militär und Regierungsbehörden begegneten den Krawallen regional unterschiedlich und in der Anfangsphase oft zögerlich. Ab September griffen sie energisch gegen aufkommende Unruhen durch. Die geheime Ministerialkonferenz, die zeitgleich ab dem 6. August 1819 in Karlsbad zusammentrat, missdeutete die Ausschreitungen als organisierte „revolutionäre Umtriebe“, weshalb die Hep-Hep-Krawalle maßgeblichen Einfluss auf die Verhandlungen und rasche Verabschiedung der Karlsbader Beschlüsse hatten.
Übersicht: Orte der Hep-Hep-Krawalle mini|Karte Verbreitung der Juden im Deutschen Reich in den 1890er Jahren
Im Zusammenhang der Hep-Hep-Krawalle kam es in über 80 Städten und Ortschaften zwischen August und Oktober 1819 zu Ausschreitungen oder Vorfällen. Würzburg, Frankfurt am Main, Hamburg und Kopenhagen waren Schauplätze besonders schwerer Ausschreitungen,Zur Einschätzung, dass es sich bei diesen vier Städten um die schwersten Krawalle handelte, vgl. Jacob Katz: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819, 1994, S. 57. die über mehrere Tage andauerten und bei denen erst der Einsatz von Militär die Unruhen beenden konnte. Schwere Ausschreitungen ereigneten sich im August 1819 in Bamberg, Bayreuth, Darmstadt, Heidelberg, Heidelsheim, Karlsruhe, Rimpar und Sommerach, im September 1819 in Danzig und Odense sowie Mitte Oktober 1819 in Dormagen.Vgl. hierzu die Angaben unter Verlauf und auch die Liste der Orte der Hep-Hep-Krawalle 1819.
Daneben gab es in verschiedenen Städten und Ortschaften innerhalb und außerhalb des Deutschen Bundes kleinere Vorfälle wie Menschenaufläufe, „Hep-Hep“-Geschrei, einzelne Steinwürfe oder Androhungen von Gewalt, darunter auch Berlin, Breslau, Dresden, Düsseldorf, Graz, Halle, Kassel, Köln, Königsberg, Krakau, Leipzig, Mainz, Mannheim, Regensburg, Schwerin, Straßburg und Wien.Angaben finden sich hierzu bei Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, zu Breslau (S. 140), Kassel und Mainz (S. 157), Regensburg (S. 152), bei Stefan Rohrbacher: Gewalt im Biedermeier, 1993, zu Berlin, Dresden und Leipzig (S. 118), Düsseldorf und Köln (S. 114), Graz (S. 122), Halle (S. 115), Königsberg (S. 116 f.), Krakau, Straßburg und Wien (S. 122 f.), Mannheim (S. 111) und Schwerin (S. 120).
Die Krawalle fanden vor allem in Städten und Regionen in Südwestdeutschland statt, in denen vergleichsweise viele Juden lebten.Diesen Zusammenhang zu den zahlreichen Orten der Hep-Hep-Krawalle in Franken, Baden und Kurhessen verdeutlicht die Karte Verbreitung der Juden im Deutschen Reich vom Ende des 19. Jahrhunderts. S. Meyers Konversationslexikon, 5. Auflage (1893–1897). Eine solche Karte ist für das frühe 19. Jahrhundert nicht belegt. Während des ganzen 19. Jahrhunderts ereigneten sich antijüdische bzw. antisemitische Krawalle und Ausschreitungen auch in vielen anderen Städten und Ortschaften der deutschen Länder, ab 1871 im Deutschen Reich sowie in den Nachbarstaaten, insbesondere um 1830, 1848, 1866, zwischen 1881 und 1883 sowie zwischen 1898 und 1900.Vgl. hierzu die Liste bei Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, S. 767–794. Zu keiner Zeit aber gab es gleichzeitig so viele Ausschreitungen wie während der Hep-Hep-Krawalle.
Verlauf Würzburg – 2. bis 8. August 1819 mini|hochkant=1.6|Johann Michael Voltz: „Würzburg 1819“ – „Hepp! Hepp!“, Kolorierte Radierung von 1819. Siehe hierzu den Abschnitt Überlieferung.
Die Hep-Hep-Krawalle nahmen am Montag, dem 2. August in WürzburgZu den Ereignissen in Würzburg vgl. Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, S. 142–150, Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation, 1989, S. 219–232, Jacob Katz: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819, 1994, S. 15–39, Stefan Rohrbacher: Gewalt im Biedermeier, 1993, S. 99–102. ihren Anfang.Gelegentlich wird auch Meiningen als Ausgangspunkt der Hep-Hep-Krawalle genannt, wo es bereits Ende März 1819 zu Vorfällen kam. Angesichts der Bedeutung der Würzburger Ereignisse für die unmittelbar danach um sich greifenden Gewaltexzesse erscheint dies aber wenig plausibel. Vgl. zu Meiningen Christoph Gann: Meiningen als Ausgangspunkt der antijüdischen Krawalle von 1819 („Hep-Hep-Krawalle“), in: Hennebergisch-Fränkischer Geschichtsverein (Hrsg.): Jahrbuch 2017, Kloster Veßra/Meiningen/Münnerstadt 2017, S. 253–284. Würzburg gehörte erst seit 1814 zu Bayern und zählte 1819 bei insgesamt rund 20.000 Einwohnern etwa 400 jüdische Bewohner, von denen viele seit Beginn des 19. Jahrhunderts zugezogen waren.
Als möglicher Anlass der Unruhen gilt die Ankunft des aus München zurückkehrenden liberalen Landtagsabgeordneten Wilhelm Joseph Behr am Mittag des 2. August, der zwar kein Gegner der Judenemanzipation war, sich aber bei den kontrovers geführten Verhandlungen über das bayerische Judenedikt für bestimmte Bedingungen zur Verleihung des Bürgerrechts an Juden eingesetzt hatte. Er wurde von einer großen Menschenmenge empfangen, darunter viele Studenten.In den Wochen zuvor war die Frage der Judenemanzipation in Würzburg Gegenstand scharfer Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern der Judenemanzipation wie Sebald Brendel und Jakob von Hirsch auf der einen und scharfen Kritikern wie Theodor A. Scheuring (der im Sommer 1819 die antijüdische Streitschrift Das Staatsbürgerrecht der Juden in Würzburg veröffentlicht hatte) auf der anderen Seite gewesen, weshalb die Ankunft Behrs laut Jacob Katz möglicherweise der Auslöser der Unruhen gewesen sei. Behr hat selbst nicht zu Ausschreitungen angestachelt. Vgl. Jacob Katz: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819, 1994, S. 17–22. Abends formierten sich hunderte Angreifer, die unter „Hep-Hep“-Rufen randalierend durch die Würzburger Innenstadt zogen. Wodurch oder von wem die Unruhen an diesem Abend konkret ausgelöst wurden, lässt sich nicht belegen.Die mittags anwesenden Studenten hatten sich nicht an den Krawallen beteiligt. Bergmann macht deutlich, dass sich unter den Angreifern „respektable Würzburger Bürger“ beteiligt hätten. S. Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, S. 146 Die Krawalle richteten sich vor allem gegen jüdische Geschäftsinhaber und ihre Familien. Ihre Läden, Warenlager und Wohnhäuser wurden attackiert, Fensterscheiben eingeworfen, die Firmenschilder abgerissen und vereinzelt auch Waren und Auslagen geplündert. Berichte erwähnen eine nicht genauer überlieferte Zahl verletzter Personen, die sich gegen die Ausschreitungen wehrten.Detaillierter zu den Ereignissen in Würzburg vgl. Ursula Gehring-Münzel: Vom Schutzjuden zum Staatsbürger – Die gesellschaftliche Integration der Würzburger Juden 1803–1871. Schöningh, Würzburg 1992, ISBN 3-87717-768-9 (zugleich Dissertation an der Universität Würzburg 1987) und dies.: Die Würzburger Juden von 1803 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. Band III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. Theiss, Stuttgart 2007, , S. 499–528 und 1306–1308, sowie als Primärquelle auch der Bericht (Zirkular) des königlich bayerischen Staatsrats und Generalkommissärs des Untermainkreises, Freiherrn von Asbeck zu Würzburg, 11. August 1819, zitiert nach Stefan Rohrbacher: Gewalt im Biedermeier, 1993, S. 297 f. Am 3. und 4. August erreichten die Gewaltexzesse ihren Höhepunkt, und zwei Menschen wurden getötet. Ein Stadtpolizist, der das Wohnhaus des Bankiers Jakob von Hirsch schützen sollte, erschoss am Abend des 3. August den judenfeindlichen und an den Angriffen beteiligten Kaufmann Josef Konrad, am folgenden Tag erschoss ein Schuhmacher einen Wachsoldaten. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die meisten der jüdischen Familien aus der Stadt in die umliegenden Dörfer und Städte geflohen. Viele fanden keine Unterkunft und übernachteten unter freiem Himmel. Das von der Würzburger Kreisregierung am 5. August auf 700 Soldaten aufgestockte Militär konnte die Situation erst nach drei Tagen unter Kontrolle bringen. Die meisten jüdischen Familien kehrten ab dem 8. August in ihre Häuser zurück. 16 Angreifer wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Krawalle flammten in der Folgezeit immer wieder auf. Drei Wochen nach den Krawallen wurde die Würzburger Synagoge verwüstet. Aus der Zeit nach den Krawallen sind außerdem verschiedene Drohschriften überliefert, die sich unter anderem gegen den Würzburger Hochschullehrer Sebald Brendel richteten, der sich in der Debatte um die Judenemanzipation für deren Gleichberechtigung eingesetzt und sich kritisch zu den Positionen seines Universitätskollegen Behr geäußert hatte.Vgl. zu den Drohschriften Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, S. 147 ff., Jacob Katz: Die Hep-Hep-Verfolgungen des Jahres 1819, 1994, S. 34 ff., Stefan Rohrbacher: Gewalt im Biedermeier, 1993, S. 101.
Die Würzburger Ereignisse erregten in der zeitgenössischen Presse große Aufmerksamkeit. In einem Bericht des Frankfurter Journals vom 7. August 1819 wurde die Schilderung der dortigen Gewaltexzesse mit antijüdischen Ressentiments verwoben:
Von Würzburg aus griffen die Krawalle in den kommenden Tagen zuerst auf verschiedene Städte und Orte in der näheren Umgebung über.
Frankfurt am Main – 8. bis 12. August 1819 mini|hochkant=1.1|Bekanntmachung der Stadt Frankfurt vom 11. August 1819Zur Warnung des Senats vor antijüdischen Ausschreitungen (Historisches Museum Frankfurt, Inv. Nr. C27689, Sonn1058) vgl. Werner Bergmann: Tumulte – Excesse – Pogrome, 2020, S. 155.: „Es ist in verwichener Nacht auf der Straße vor den Wohnungen einiger hiesiger Juden durch einen Zusammenlauf vieler junger, meistens fremder Leute, die öffentliche Ruhe und Sicherheit auf eine höchst sträfliche Weise gestört worden.“