mini|300px|Alte und auf dem Hintergrund neue Gebäude der Stiftung
Die Evangelische Stiftung Alsterdorf ist eine Stiftung in Hamburg im Stadtteil Alsterdorf, bekannt ist sie in Hamburg vor allem unter dem früheren Namen Alsterdorfer Anstalten. Die Stiftung ist ein diakonisches Dienstleistungsunternehmen mit Angeboten für Beratung und Diagnostik, Wohnen und Assistenz, Bildung und Arbeit, Medizin, Pflege und Therapie für Menschen mit und ohne Behinderung. Sie gilt als eine der ältesten Einrichtungen der stationären Versorgung von Menschen mit geistigen Behinderungen in Deutschland. Seit April 2005 sind die Einrichtungen rechtlich selbstständige, gemeinnützige Gesellschaften.
Geschichte alternativtext=|mini|Gründer: Heinrich Matthias Sengelmann
Gründerjahre (1850–1899) Die Anfänge der Evangelischen Stiftung Alsterdorf gehen zurück auf das Jahr 1850. Am 16. April gründete der junge Pastor Heinrich Matthias Sengelmann in seinem Pfarrhof der kleinen Elbgemeinde Moorfleet eine „Christliche Arbeitsschule“. Er nahm geistig gesunde, aber sozial benachteiligte Kinder auf, unterrichtete sie in Kulturtechniken und vermittelte ihnen Kenntnisse und Fertigkeiten in Handwerk und Landwirtschaft.
Als er 1853 Pastor an der Hamburger St.-Michaelis-Kirche wurde, wandelte er seine Arbeitsschule in das „St.-Nikolai-Stift“ um. 1860 kaufte Sengelmann den Alten Brauhof in Alsterdorf und verlegte das St.-Nikolai-Stift dorthin. Nach Aufbau einer Gartenbauschule gründete er die Alsterdorfer Anstalten.
Verantwortung für den Nächsten mini|Hamburg-Moorfleet, Moorfleeter Kirchweg, Friedhof Moorfleet. Grab Heinrich Matthias Sengelmann
Als Seelsorger an der St. Michaelis-Kirche besuchte Sengelmann häufig das Hamburger Gängeviertel. In den ärmlichen Wohnquartieren aus dem 17. Jahrhundert traf er auf den geistig behinderten Carl Koops. Sengelmann erkannte die fehlenden Entwicklungschancen des Jungen.
Nach vergeblichen Versuchen, für ihn eine Pflegefamilie zu finden, startete er einen Spendenaufruf zur Gründung eines Asyls. Mit dem Geld kaufte er weiteres Gelände in Alsterdorf und baute ein kleines Fachwerkhaus, in das am 19. Oktober 1863 vier geistig behinderte Jungen und ein Hausvater einzogen. Die Behindertenbetreuung wurde bald Schwerpunkt der Alsterdorfer Arbeit. 1867 gab Sengelmann sein Predigeramt am Michel auf, um als unbesoldeter Direktor den Ausbau der Anstalten zu gestalten. Durch Erbschaften ein recht vermögender Mann geworden, brachte er sein gesamtes Privatvermögen als Darlehen, später als Erbe in die Stiftung ein.
Eine rege Bautätigkeit, die systematische Ausbildung geeigneter Mitarbeiter und die Entwicklung differenzierter pädagogischer Programme auf der Grundlage des damaligen Wissens begann. Sengelmanns Auffassung von Bildungsfähigkeit war weit gefasst: Er unterrichtete geistig behinderte Menschen und beschäftigte sie in Werkstätten, Gärtnerei und Landwirtschaft. 1895 holte er einen der führenden Heilpädagogen seiner Zeit, den Lehrer Johannes Paul Gerhardt, als Schulleiter nach Alsterdorf. Dieser baute den Unterricht mit Vorschule, Klassen für geistig und lernbehinderte Kinder und Angeboten der Erwachsenenbildung in den Wintermonaten mustergültig aus. Als Sengelmann 1899 starb, lebten mehr als 600 geistig, körperlich und seelisch behinderte Menschen sowie 140 Mitarbeiter und ihre Familien in den Alsterdorfer Anstalten.
Die Stiftung wurde weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt.
Schwierige Zeiten (1899–1932) Pastor Paul Stritter, der Nachfolger Sengelmanns, passte zunächst den Ausbau der Anstalten der allgemeinen wirtschaftlichen und technischen Entwicklung des neuen Jahrhunderts an. Er ließ große massive Wohnhäuser bauen mit Schlafsälen für bis zu 100 Personen. Die Alsterdorfer brauchten Platz, denn in nur 15 Jahren nach Sengelmanns Tod wurden weitere 400 Personen aufgenommen. 1914 – mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges – lebten 1.000 Menschen in den Anstalten. Die Zeit des Krieges und der Inflation danach bewältigten sie dank eigener leistungsfähiger Landwirtschaft ohne Hungersnot – die Einrichtung war weitgehend selbstversorgend. Allerdings forderten Grippe- und Tuberkulose-Epidemien mehr als 300 Todesopfer.
Medizin statt Pädagogik 1913 schenkte der Hamburger Senat anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Stiftung ein neues Schulhaus. Es wurde im März 1914 seiner Bestimmung übergeben. Drei Monate später begann der Erste Weltkrieg. Der regelmäßige Schulunterricht wurde eingestellt, das Gebäude als Militärlazarett hergerichtet. Zwar begann 1918 wieder ein begrenzter Unterricht, die Schule erhielt ihre personelle und räumliche Ausstattung jedoch nicht wieder. Die Pädagogik hatte bei den Verantwortlichen nicht mehr die Priorität wie zu Sengelmanns Zeiten – sie setzten verstärkt auf Forschung und medizinische Behandlungs- und Heilmethoden. Schulleiter Johannes Gerhardt verließ 1920 enttäuscht die Stiftung.
Sozialdarwinismus 1920 erschien auf dem Büchermarkt eine kleine Schrift: Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Seine Wurzeln hatte das Gedankengut der Autoren, des Strafrechtlers Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche, im sogenannten Sozialdarwinismus, der um die Jahrhundertwende auch in Deutschland rasche Verbreitung fand. Seine Anhänger übertrugen die Theorie Darwins, wonach das Kranke und Schwache in der Natur durch natürliche Auslese zugrunde geht, auf gesellschaftliche Verhältnisse. Durch systematische Auswahl „wertvollen“ Erbgutes wollten sie eine Verbesserung der eigenen Rasse erzielen, „minderwertiges“ Erbgut auslöschen. Aus Kosten- und Nützlichkeitsgründen forderten die Autoren die Tötung unheilbar Kranker und die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Die politisch wie wirtschaftlich schwierigen 20er-Jahre erwiesen sich als geeigneter Nährboden für diese radikalen Thesen – trotz energischer Proteste aus Fachkreisen. Die Alsterdorfer hatten zunächst andere Sorgen: Die Stadt Hamburg kam näher. Ein Grundsatz der Stiftungsarbeit – das Leben fernab von den „Anfechtungen der Großstadt“ – wurde damit hinfällig. Die Anstalten verkauften landwirtschaftlich genutztes Gelände in Alsterdorf und erwarben mit dem Erlös das „Adelige Gut Stegen“ am oberen Alsterlauf. Stritter hatte vor, die gesamte Einrichtung umzusiedeln, was sich dann jedoch als finanziell undurchführbar erwies. So wurde das 250 ha große Gut Stegen die erste landwirtschaftliche Außenstelle. 1930 ging Paul Stritter in den Ruhestand. In seine Amtszeit fiel der erste grundlegende Paradigmenwechsel der Behindertenhilfe: Die immer stärker werdende Dominanz der Medizin zu Lasten der Pädagogik. Gegen Ende der 20er-Jahre war jeder Ausbau der Versorgung eng gekoppelt mit ärztlichen Sichtweisen und medizinischen Heilungsgedanken.
Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) Die Stiftung wurde ab 1930 unter Direktor Friedrich Karl Lensch, evangelischer Theologe, bis 1927 Seemannspastor, Oberscharführer der SA, Volkssturmführer, Mitglied in der Deutschen Arbeitsfront und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, geführt. Unter ihm wurden die Anstalten zu einem „Spezialkrankenhaus für alle Arten geistiger Defektzustände“ und „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“, Lensch erhielt ein Gaudiplom für hervorragende Leistungen. Gerhard Kreyenberg, Mitglied der NSDAP und SA, Gaustellenleiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle der NSDAP und Gutachter und Beisitzer des Erbgesundheitsgerichts in Hamburg, war seit 1931 Leitender Oberarzt, später Mitglied des Vorstandes und schließlich Stellvertreter des Direktors der Anstalten. Er unterwarf dort zahlreiche Bewohner zwangsweise experimentellen Behandlungen: Röntgenbestrahlungen des Gehirns, Insulin- und Cardiazol-Schockbehandlungen, Dauerbäder, Schlaf- und Fieberkuren. Auch außerhalb der Anstalten unterstützte er die Zwangssterilisation von geistig Behinderten, Landstreichern, Bettlern, „Zigeunern“, Prostituierten, Homosexuellen und Hilfsschülern.
Sterilisation und Euthanasie Seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich weltweit in Wissenschaft und öffentlicher Meinung zunehmend die Auffassung durchgesetzt, bei der Entstehung von Behinderungen und Erkrankungen spiele Vererbung im Gegensatz zur Umwelt die bei Weitem überragende Rolle. Nach der Machtergreifung beansprucht das totalitäre NS-Regime das Recht, aus seiner Sicht derart „minderwertiges Leben“ zu Gunsten der Gesunden und Leistungsfähigen „arischer Rasse“ von Staats wegen zu unterdrücken und schließlich aus dem „Volkskörper“ zu entfernen. Der nationalsozialistische Staat wird auch in der christlichen Anstalt Alsterdorf voll und ganz bejaht: Die meisten Mitarbeiter sind Parteigenossen, Mitglieder der SA, der SS oder anderer Gliederungen der Partei. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 wird in Alsterdorf begrüßt und zunächst in Form von Zwangssterilisationen in die Tat umgesetzt. Die evangelischen medizinischen Anstalten erhalten zahlreiche nationalsozialistische Auszeichnungen.
Deportation und Vernichtung 500px|mini|links|„Stolperschwelle“ auf dem Bürgersteig der Dorothea-Kasten-Straße. Inschrift: „Von hier fuhren 1941 und 1943 die Busse der Euthanasie-Transporte ab. 539 Bewohnerinnen und Bewohner der damaligen Alsterdorfer Anstalten wurden von hier deportiert - Fast alle in den Tod“ mini|Gedenkstein zur Erinnerung an die Euthanasieopfer in den damaligen Alsterdorfer Anstalten. Inschriften: „Den gewaltsam Getöteten 1938-1945“, „Der nach Blutschuld fragt, gedenkt der Elenden und vergisst nicht ihr schreien. Psalm 9,13“
1938 – nur wenige Tage nach dem 75-jährigen Stiftungsjubiläum – wurden ohne äußeren Druck 22 jüdische Bewohner selektiert und in andere Einrichtungen zur dortigen Ermordung verlegt. Ein Jahr später, die Stiftung hatte inzwischen 1900 Bewohner, wurden im Schatten des Zweiten Weltkrieges die NS-Vernichtungsaktionen ausgeweitet, 1940 begann die systematische Euthanasie. Unter Lensch als Direktor und ausgewählt von Kreyenberg, wurden 1941 insgesamt 71 Bewohner, im August 1943 nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg weitere 469 Bewohner der Alsterdorfer Anstalten in solche Anstalten deportiert, die eigens zur Tötung der Neuankömmlinge eingerichtet worden waren. Die meisten dieser Deportierten waren Erwachsene, die Euthanasie-Ärzte durch systematisches Verhungernlassen und Überdosierung von Medikamenten ermordeten. Erwachsene und Kinder wurden auch in die Fachabteilung des Krankenhauses Rothenburgsort verlegt, wo sie Opfer medizinischer Experimente und der sogenannten Kinder-Euthanasie wurden.
Wandbild des arischen Christus