Nina Gourfinkel, seltener Gurfinkel (* 1898nach anderen Quellen 1900. in Odessa, Russisches Kaiserreich; † 6. Februar 1984 in Dijon, Département Côte-d’Or) war eine jüdisch-französische Schriftstellerin russischer Herkunft und Mitglied der Résistance.
Leben Gourfinkel war die ältere Tochter eines Kinderarztes, der in Odessa und Sankt Petersburg praktizierte, ihre jüngere Schwester war die Journalistin Juliette Pary.
Während der Revolution begann Gourfinkel ihr Studium an der Universität Petrograds. Dort war sie neben anderen mit Lydia Ginzburg (1902–1990) befreundet. Da sich nach Abschluss ihrer Ausbildung kein Arbeitsplatz fand und die Repressalien immer stärker wurden, ging sie 1925 zusammen mit ihrer jüngeren Schwester nach Frankreich und ließ sich in Paris nieder.
Ihren Lebensunterhalt verdiente Gourfinkel mit Beiträgen für jüdische Zeitschriften bzw. Zeitungen, u. a. für „Cahiers juifs“, „La Revue juive“ und „L’univers israëlite“. Bei einer dieser Zeitschriften machte sie auch die Bekanntschaft von Irène Némirovsky. Diese ermutigte sie auch zu ihrer ersten eigenständigen Veröffentlichung, „Théâtre russe contemporain“ und schuf Kontakte zum jüdischen Weltkongress.
Ende der 1930er Jahre war Gourfinkel bei einem Zusammenschluss der internationalen Presse beschäftigt, den Nationalsozialismus zu dokumentieren. Während der deutschen Besetzung Frankreichs ließ sie sich in Moissac (Département Tarn-et-Garonne) im unbesetzten Frankreich (→Vichy-Regime) nieder. Sie war dort an der Gründung des von Shatta und Édouard (Bouli) Simon geleiteten Maison des enfants de Moissac beteiligt sowie am Aufbau des dem Maison angeschlossenen Schulbauernhofs in Charry, dessen Leitung 1941 ihre Schwester Juliette Pary zusammen mit ihrem Mann Isaac Pougatch übernommen hatten.Marc Fineltin: GOURFINKEL Nina auf der Webseite der Les Amis de la Fondation de la Résistance
Von Moissac aus wechselte Gourfinkel nach Toulouse, wo sie die Leitung eines Flüchtlingshilfekomitees übernahm, dem Comité d'assistance à la population juive frappée par la guerre, das mit amerikanischen Mitteln unterstützt wurde. Im Rahmen dieser Tätigkeit unterzeichnet sie 1941 ein Projekt zur Gründung der „Direction de Centres d’Accueil“ (D.C.A.) für Flüchtlinge und arbeitete dabei mit Joseph Weill vom Œuvre de secours aux enfants (OSE) und Alexandre Glasberg (Abbé Glasberg) zusammen. Ziel war es, Internierte zu befreien, um sie vor den Deportationen in die Konzentrationslager zu retten. Während der vollständigen Besetzung Frankreichs richtete sie das Hauptquartier ihres Komitees in Lyon ein.Michèle Bitton: Nina Gourfinkel auf der Webseite ajpn.org. Auf der gleichen Webseite findet sich allerdings auch der Hinweis, dass sich der Sitz der Orgasnisation bereits 1941 in Lyon befunden habe. Auf der Webseite des Nina-Gourfinkel-Fonds heißt es, sie sei „ab Sommer 1942 als Jüdin und Widerstandskämpferin in den Untergrund ab[getaucht]“. (Nina-Gourfinkel-Fonds auf der Webseite NUMERISLAV – Archives numériques - Institut d'Études Slaves)
Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützte Gourfinkel weiter Abbé Glasberg am Centre d’orientation social des étrangers. Sie kümmerten sich um Menschen aus den Internierungslagern (Displaced Persons) und nach dem Algerienkrieg besonders um die Harkis.
Am 6. Februar 1984 starb Nina Gourfinkel in einem Altersheim in Dijon, das sie selbst initiiert und mitgestaltet hatte.
Rezeption Nach eigenen Aussagen wurde Nina Gourfinkel gerade in ihren schriftstellerischen Werken vom russischen Formalismus beeinflusst. Neben ihren Dozenten in Petrograd zählen dazu u. a. Boris Michailowitsch Eichenbaum und Wiktor Borissowitsch Schklowski. Durch ihre Theaterkritiken sowie andere Veröffentlichungen galt Gourfinkel in Frankreich bald schon als Spezialistin für das „moderne russische Theater“. Aber auch ihre Biographien wurden von der Literaturkritik wie auch den Lesern überwiegend gelobt.
Werke (Auswahl) Als Autorin Aufsätze Les théâtre hébraïque et yiddish à Moscou. In: Denis Bablet, Jean Jacquot (Hrsg.): L’expressionisme dans le théâtre européen. CNRS, Paris 1971, ISBN 2-222-01391-7, S. 313–323. Repenser Stanislavski. In: Revue d’histoire du Théâtre, Band 2 (1971), S. 103–123, The Stanislavski-Method. In: Le théâtre dans le monde, Band 4 (1954), Heft 1, S. 5–14. Le nouvelles méthodes d’histoire littéraire en Russie. In: Le monde slave, Band 6 (1929), S. 234–263.
Autobiographisches Aux prises avec mon temps. Seuil, Paris 1953. Naissance d’un monde. L’autre patrie. Deutsch: Unter dem Himmel zweier Welten. List, München 1957 (übersetzt von Elisabeth Koch)
Biographien Tolstoi sans tolstoisme. Seuil, Paris 1946. Dostoïevski. Notre contemporain. Calman-Lévy, Paris 1961. Constantin Stanislavski (= Le théâtre et les jours; 5). L’Arche, Paris 1955. Nicolas Gogol, dramaturge (= Les grands dramaturges; 14). L’Arche, Paris 1956. Lénine (= Le temps qui court; 15). Seuil, Paris 1968. Gorki par lui-même (= Écrivains de toujours; 23). Seuil, Paris 1964. Deutsche Ausgabe: Maxim Gorki in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Aus dem Französischen übersetzt von Rolf-Dietrich Keil. (= Rowohlts Monographien, Bd. 9). Rowohlt, Hamburg 1958 u. Reinbek bei Hamburg 1981, ISBN 3-499-50009-4. Anton Tchékhov. Textes, documents, chronologie, répertoire des œuvres, bibliographie, illustrations (= Théâtre de tous les temps; 4). Seghers, Paris 1966.
Monographien Théâtre russe contemporain (= Bibliothèque de l’amateur de théâtre; 2). Albert, Paris 1930.
Als Übersetzerin Konstantin Stanislawski: Ma vie dans l’art. Albert, Paris 1934 (zusammen mit Léon Chancerel). 1980 erneut ins Französische übersetzt von Denise Yoccoz. Anton Tschechow: Iwanow. L’Arche, Paris 1958 (zusammen mit Jacques Mauclair). Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold: Le théâtre théatral. Pratique deu théâtre. Gallimard, Paris 1963. Alexander Weißberg-Cybulski: L’histoire de Joël Brand. Seuil, Paris 1957.
Fußnoten
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