mini|Lounuat aus Neuirland, 19. Jahrhundert. Gegenüber der Spielposition verkehrt herum montiert. Lounuat, auch lunut, lounut, lounot, loanuat, lounuet, ferner livika und kulepa ganez, kulepaganeg, ist ein einzigartiges Reibholz (englisch friction block) oder Reibidiophon, das nur in der Malanggan-Kulturregion auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Neuirland vorkommt. Drei aus einem Holzblock geschnitzte Zungen erzeugen beim Überstreichen mit der Hand unterschiedlich hoch tönende Klänge. Früher wurde der mit einem strengen Tabu belegte Klangerzeuger bei magisch-religiösen Zeremonien verwendet. Das im Verborgenen aufbewahrte und unsichtbar gespielte Reibholz gehörte mit seinen als Geisterstimme oder Vogelruf erlebten durchdringenden Tonfolgen hauptsächlich zum Totenbeklagungsritual für einen verstorbenen bedeutenden Mann.

Verbreitung Die in Melanesien gelegene Insel Neuirland erstreckt sich in einem schmalen Streifen über 350 Kilometer lang von Nordwesten nach Südosten zwischen dem 2. und 5. Breitengrad. Auch wenn Neuirland nur wenig südlich des Äquators liegt, kann es durch den Südostpassat regional zu längeren Trockenperioden kommen, die bei den wasserdurchlässigen kalkhaltigen Böden für die Landwirtschaft manchmal zum Problem wurden. Dagegen versuchte die Bevölkerung mit Regenmacherzeremonien anzugehen, für die entsprechende hölzerne Figuren gebraucht wurden. Die Mehrzahl der in der Ethnologie und Kunstwelt unter dem Begriff Malanggan berühmten Kultfiguren und anderen Schnitzwerke hatten jedoch eine rituelle Bedeutung für die aufwendigen Totenfeiern der einzelnen Verwandtschaftsgruppen. Malanggan umfasst als Oberbegriff die traditionellen Kunstschöpfungen (den Stil und die geschaffenen Objekte) und die mit ihnen verbundenen Kultpraktiken bestehend aus Ritualen und Festen, im Besonderen die Totenfeiern. Das lounuat ist ein kleiner Aspekt der äußerst vielfältigen Holzschnitzereien im Malanggan-Stil, zu denen stehende Figuren (totok), zwei bis fünf Meter hohe, aus einem Stamm gefertigte Bildsäulen, horizontale Friese, Reliefbretter, Tierfiguren und Tanzmasken gehören. Die Malanggan-Kultur ist auf den Norden von Neuirland bis zum 3. Breitengrad einschließlich der kleineren Inseln Lavongai, Dyaul und der Tabar-Inselgruppe beschränkt.Waldemar Stöhr, 1987, S. 154

Von den Malanggan-Schnitzwerken unterscheiden Kunsthistoriker nach stilistischen Merkmalen die Uli-Figuren aus der nördlichen Mitte Neuirlands. Während sich der erste Hinweis auf die Malanggan-Kunst bereits auf einer Zeichnung im Reisebericht des niederländischen Seefahrers Abel Tasman aus dem Jahr 1643 findet, war der spezielle Typus der doppelgeschlechtlichen Uli-Figuren bis Anfang des 20. Jahrhunderts in der Literatur unbekannt. Im Jahr 1900 wurde in Kavieng im Norden Neuirlands, das damals Neumecklenburg hieß und zur Kolonie Deutsch-Neuguinea gehörte, eine deutsche Regierungsstation eingerichtet. Die in den Museen befindlichen Uli-Figuren wurden ab jener Zeit bis um 1930 gesammelt. Zu dieser Stilregion gehören neben den geschnitzten Figuren, die der Ahnenverehrung dienten, zwei bis drei Meter große, aus Bast geflochtene Scheiben („Sonnen-Malanggane“), ein kreisrunder Brustschmuck (kapkap) und ebenfalls das Reibholz lounuat.Waldemar Stöhr, 1987, S. 163, 173f Mit den traditionellen „früheren“ Kultpraktiken ist die Zeit vor den kulturellen Umwälzungen gemeint, die mit der deutschen Kolonialherrschaft Ende des 19. Jahrhunderts begannen.

Augustin Krämer (1865–1941), der um die Jahrhundertwende in mehreren ausgedehnten Reisen die Südsee erforschte und 1925 ein Buch über Die Malanggane von Tombara veröffentlichte, hielt die Lelet-Bergregion in der nördlichen Mitte Neuirlands für das Heimatgebiet der lounuat. Sicher nachgewiesen wurde dies bislang nicht. Mit dem geographischen Namen „Tombara“ im Titel bezieht sich Krämer fälschlich auf die ansonsten damals Neumecklenburg genannte Insel, was vermutlich auf einer Verwechslung beruht, denn die Einheimischen gaben auf eine Frage der Europäer das Wort taubar an, das aber „Südostpassat“ bedeutet.Gerhard Peekel: Die Ahnenbilder von Nord-Neu-Mecklenburg. Eine kritische und positive Studie. In: Anthropos, Band 21, Heft 5/6, September–Dezember 1926, S. 806–824, hier S. 807 Für das Reibholz nennt Krämer den Namen livika, abgeleitet von vika, das in der ozeanischen Sprache der Inselmitte „Vogel“ oder einen besonderen Vogel bedeutet. Die damaligen Forscher fanden, dass lounuat vor allem in wenigen Dörfern in den Lelet-Bergen hergestellt wurden, ferner im einige Kilometer nördlich im Malanggan-Gebiet gelegenen Dorf Hamba.Hermann Justus Braunholtz: An Ancestral Figure from New Ireland. In: Man, Nr. 148, Dezember 1927, S. 217–219, hier S. 218

Bauform mini|Reibidiophon Glasharmonika, deren rotierende Glaskörper mit feuchten Fingern gerieben werden. Reibidiophone bilden eine seltene Gruppe innerhalb der Idiophone („Selbstklinger“), die nicht durch Anschlagen, sondern durch Streichen über die glatte Oberfläche mit der Hand oder einem Gegenstand in Schwingung versetzt werden. In Europa gehört hierzu die relativ junge Nagelgeige, ein Melodieinstrument, bei dem unterschiedlich lange Eisenstifte mit einem Violinbogen gestrichen werden. Einfacher ist das katalonische Volksmusikinstrument ossets, das aus mehreren, nach ihrer Größe sortierten und auf einer Schnur gereihten Vogelknochen besteht. Der Musiker hängt die Schnur um den Hals, strafft sie mit einer Hand am unteren Ende und streicht mit einem Ring in der anderen Hand an den Knochen entlang.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 107 Wird über eine glatte Oberfläche gestrichen, so kann – wie bei der Glasharfe oder der Glasharmonika – ein klarer hellen Ton entstehen.

Ist dagegen die Oberfläche des Klangkörpers mit Kerben oder Rillen versehen, so wird daraus ein Schrapinstrument, das beim Überstreichen mit einem festen Stab ein prasselndes Geräusch produziert. Schrapinstrumente wurden in einigen Kulturen bei religiösen Ritualen gebraucht, so etwa gekerbte menschliche Oberschenkelknochen, welche die Mixteken in der späten postklassischen Zeit vor Ankunft der Spanier Anfang des 16. Jahrhunderts bei Kulten verwendeten, bis sie von den christlichen Missionaren eingesammelt wurden.Davide Domenici: The wandering “Leg of an Indian King”. The cultural biography of a friction idiophone now in the Pigorini Museum in Rome, Italy. In: Journal de la Société des américanistes, Band 102, Nr. 1, 2016, S. 79–104, hier S. 93

Eine entsprechende Unterscheidung trifft die Hornbostel-Sachs-Systematik mit der Klassifizierung der Schrapinstrumente als „mittelbar geschlagene Idiophone“ (112.2) und der eigenen Gruppe der Reibidiophone (13). Das lounuat gehört in dieser Gruppe zu den Reibgefäßen (133), englisch friction vessels, und die mehrteilige Glasharfe gehört zu den Reibgefäßspielen (133.2). Selbständige traditionelle Reibgefäße sind ansonsten nur die früher in Zentral- und Südamerika bei Ritualen verwendeten Schildkrötenpanzer. Ein Teil des Panzers ist mit Harz oder Bienenwachs eingeschmiert und wenn der Spieler mit einem Finger oder einem Stab darüberstreicht, erzeugt er einen quietschenden Ton. Solche heute musealen Reibgefäße gab es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts etwa im brasilianischen Bundesstaat Amazonas (namentlich kjúumuhe, ujerica oder gu coro).Edgardo Civallero: Turtle shells in traditional Latin American music. Wayrachaki editora, Bogota 2021, S. 1–30

Die frühen Beschreibungen des lounuat sind teilweise fehlerhaft und unzuverlässig, manche wurden von späteren Autoren kritiklos übernommen. Franz Hernsheim (1845–1909), einer der frühesten Unternehmer im deutschen Südseehandel und deutscher Konsul auf Jaluit, schrieb in seinen 1883 veröffentlichten Südsee-Erinnerungen (1875–1880) über das lounuat:Franz Hernsheim: Südsee-Erinnerungen (1875–1880). A. Hofmann & Comp., Berlin 1883, S. 106

Die Beschreibung ist zutreffend, die Größenangabe verwechselte Hernsheim offenbar mit der Schlitztrommel, denn ein so langes lounuat könnte nicht von einer Person bedient werden. Auf diese Verwechslung machte der Ethnologe Otto Finsch 1914 aufmerksam.Otto Finsch: Südseearbeiten: Gewerbe- und Kunstfleiss, Tauschmittel und „Geld“ der Eingeborenen auf Grundlage der Rohstoffe und der geographischen Verbreitung. L. Friederichsen & Co., Hamburg 1914, S. 542, Fn. 3 Im Katalog der Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien von 1893 beschreibt Finsch ein lounuat unter dem Namen kulegaganeg, das aus einem sanft gerundetem weichem Holz von 40 Zentimetern Länge und 14 Zentimetern Breite besteht. Finsch gibt als typische Länge 35 bis 45 Zentimeter an, als kleinstes museales Instrument sah er ein 16 Zentimeter langes Exemplar.Otto Finsch: Ethnologische Erfahrungen und Belegstücke aus der Südsee. Beschreibender Katalog einer Sammlung im K.K. Naturhistorischen Hofmuseum in Wien. Alfred Hölder, Wien 1893, S. 58, 637

mini|Einfache Schlitztrommel (tong-tong) aus Indonesien. Vor 1930