Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts von Jürgen Osterhammel ist ein Versuch, die Geschichte des 19. Jahrhunderts in weltgeschichtlichem Zusammenhang darzustellen, ohne dabei eine räumliche oder politische Gliederung als Orientierungspunkt zu wählen.Diesen Zugriff rechtfertigt Osterhammel mit der Behauptung: „Das 19. Jahrhundert kann im Rückblick von heute global gedacht werden, weil es sich selbst so gedacht hat.“ (Verwandlung der Welt, S. 44) So erzählt Osterhammel nicht aus einer bestimmten Perspektive, sondern betrachtet die Zusammenhänge, die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, die Verschiedenheit der Kulturen und die Zeitverschiebung von Institutionen und Kulturelementen in den verschiedenen Kulturen.

Für die Gliederung des Gesamtwerks bedeutet das, dass er seinen Gegenstand unter drei unterschiedlichen Gesichtspunkten angeht: in Annäherungen, Panoramen und Themen. Wofür diese abstrakten Begriffe bei Osterhammel stehen, zeigt sich in der Ausführung des Werks.Annäherungen: Selbstbild, Zeit und Raum. Panoramen: Sesshafte und Mobile; Lebensstandards; Städte; Frontiers; Imperien und Nationalstaaten; Mächtesysteme, Kriege, Internationalismen; Revolutionen; Staat. Themen: Energie und Industrie; Arbeit; Netze; Hierarchien; Wissen; „Zivilisierung“ und Ausgrenzung; Religion.

Darstellungsansatz Osterhammel setzt mit seinem Unternehmen einer gobalgeschichtlichen Betrachtung„Die traditionelle Weltgeschichte ist die Geschichte einigermaßen genau definierter Blöcke, die sich auf Landkarten eintragen lassen. Globalgeschichte dagegen versteht sich als der Versuch, die Vernetzungen, die manchmal auch sehr dünnlinig sein können, dieser Blöcke zu beschreiben. Da tendiert man dazu, das, was sich nicht verbindet, wegzulassen. Diese Schwäche nehmen wir in Kauf, weil wir davon ausgehen, dass man zu lange solche Verbindungen übergesehen hat.“ , Osterhammel im Interview über Weltgeschichte, Frankfurter Rundschau 22. September 2012) (wie vor ihm Bayly in Die Geburt der modernen Welt, 2006Die Geburt der modernen Welt, auf perlentaucher.de zu einem Zeitpunkt an, wo die Globalisierung schon so weit vorangeschritten ist, dass die Menschheitsgeschichte starke und mehr und mehr weltweite Wirkungszusammenhänge erkennen lässt.

Dabei vermeidet er es, die Geschichte des 19. Jahrhunderts erzählend darzustellen; vielmehr geht er sie unter eigens für dieses Werk entwickelten Aspekten an.

Annäherungen Zunächst nähert er sich dem Jahrhundert mit dem Blick auf das Selbstbild der Zeit„Das 19. Jahrhundert wird nicht länger aktiv erinnert, es wird nur noch repräsentiert. […] Die meisten der Formen und Institutionen solcher Repräsentation sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts selbst: das Museum, das Staatsarchiv, die Nationalbibliothek, die Photographie, die wissenschaftliche Sozialstatistik, der Film. Das 19. Jahrhundert war eine Epoche organisierter Erinnerung und zugleich gesteigerter Selbstbeobachtung.“ (S. 26), dann unter dem der Kategorien Zeit„‚Mein‘ 19. Jahrhundert wird nicht als zeitliches Kontinuum […] gedacht. Die Geschichten, die mich interessieren, sind nicht lineare […], sondern Übergänge und Transformationen. Jede dieser Transformationen weist eine eigene temporale Struktur auf, […]“ (S. 86) - „Was ich veranschaulichen und kommentieren möchte, ist nicht eine abgeschottete und selbstgenügsame Geschichte des 19. Jahrhunderts, sondern das Eingefügtsein einer Epoche in längere Zeitlinien: das 19. Jahrhundert in der Geschichte.“ (S. 87) und des Raumes„In der Entwicklung des geographischen Wissens nimmt das 19. Jahrhundert im doppelten Sinne eine Übergangsstellung ein. Erstens war dies jene Epoche, in der die europäische Erdkunde eine eindeutige Dominanz über die geographische Weltauffassung anderer Zivilisationen gewann. […] Die professionellen Geographen verstanden sich teils als Naturwissenschaftler mit enger Verbindung zu exakten Disziplinen wie Geologie, Geophysik oder Hydrologie, teils als Human- oder Anthropogeographen, nun nicht länger bloß als Gehilfen der seit eh und je prestigereicheren Geschichtsschreibung. Mit jedem Lehrbuch und Schulbuch und jeder Karte, vor allem wenn dahinter eine obrigkeitliche Autorisierung stand, übten sie ‚Benennungsmacht‘ aus. […] Gleichzeitig aber, und das ist die zweite Besonderheit, war das 19. Jahrhundert […] auch das letzte Zeitalter der Entdeckungen. Noch immer gab es den heroischen Einzelreisenden, der in Gegenden vorstieß, die nie zuvor ein europäischer Berichterstatter betreten hatte, […] Im Laufe des Jahrhunderts wurden einige Teile der Welt erstmals bereist und beschrieben […]“ (S. 131–133) an.

Bei der Betrachtung des Selbstbildes und unter dem Zeitaspekt sieht er das 19. Jahrhundert immer in Bezug auf seine charakteristischen Unterschiede zu den früheren Jahrhunderten und auf die Wandlungen, die die Strukturen des 20. Jahrhunderts herbeiführten. Dafür kann der Satz „Vor dem 20. Jahrhundert kann kein einziges Jahr als epochal für die gesamte Menschheit betrachtet werden“ (S. 96) als beispielhaft gelten. Das 19. Jahrhundert wird in die Kontinuität der vorhergehenden Jahrhunderte gestellt und andererseits deutlich von dem Globalisierungsgrad des 20. abgehoben.

Das gilt auch für seine Aussagen über den Raum. Osterhammel achtet darauf, dass uns geläufige Termini nicht ungeprüft als schon im 19. Jahrhundert gültig verwendet werden:

„Die Sammelbezeichnung Südostasien entstand während des Ersten Weltkriegs in Japan.“ (S. 137) „Die Kategorie des Westens etwa […] findet sich als dominante Denkfigur nicht vor den 1890er Jahren.“ (S. 143) „Im langen 19. Jahrhundert war viel häufiger als vom Westen von der zivilisierten Welt die Rede. […] In Japan wurde es sogar zum Ziel nationaler Politik, als zivilisiertes Land akzeptiert zu werden.“ (S. 144)

Panoramen Danach gibt Osterhammel unter der Überschrift Panoramen ohne Vollständigkeitsanspruch einen Überblick über acht große Wirklichkeitsbereiche, die wesentliche Elemente der Gesamtgeschichte des 19. Jahrhunderts erfassen sollen. Dabei wendet er in seiner Darstellung erstmals das Verfahren an, das er allgemein für die Globalgeschichte für angemessen hält. Er betrachtet zunächst ein Phänomen im globalen Überblick, um dann an einzelnen Regionen aufzuzeigen, worin die regionalen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen.Man muss als praktizierender Globalhistoriker „zoomen“. Also einmal von weit weg den Blick aufs Ganze richten, dann jedoch wieder sehr nahe an ein Detail heranrücken, weil man sonst nicht versteht, wie es sich mit anderen Details in anderen Zusammenhängen verbindet. Und man sollte sich dieser unterschiedlichen Zoomabstände genau bewusst sein. , Osterhammel im Interview über Weltgeschichte, Frankfurter Rundschau 22. September 2012

Sesshafte und Mobile (Hier betrachtet Osterhammel die gesamte demographische Entwicklung, nicht nur aufgrund der verschiedenen Arten von Migration.) Lebensstandards (Lebensstandards lassen sich quantitativ beschreiben, auch wenn Reichtum je nach Gesellschaft etwas ganz Unterschiedliches bedeuten kann.)„Lebensstandards lassen sich einerseits ungefähr quantifizieren und in eine Rangordnung bringen: In der Schweiz ‚lebt es sich‘ heute zweifellos besser als in Haiti. Andererseits besitzen einzelne Gesellschaften und Gesellschaftstypen unterschiedliche Maßstäbe: Reichtum unter Reisbauern ist etwas anderes als Reichtum unter Beduinen oder unter Ladenbesitzern.“ (S. 353) Städte (Er sieht sie zum einen als Repräsentanten ganzer Zivilisationen,„Die Erinnerung an Städte ist das, was von vielen Zivilisationen nach ihrem Untergang im mythenbildenden Gedächtnis der Nachwelt haftet: Babylon, Athen, das Jerusalem des Ersten Tempels, das Bagdad der Kalifen, das Venedig der Dogen.“ (S. 357) zum anderen als Knotenpunkte.„Städte sind Knotenpunkte von Beziehungen und Verflechtungen. Sie organisieren ihr Umland. in Netzen, die weltweite Verbindungen schaffen.“ (S. 357) In dieser Rolle sieht er besonders Metropolen„Die emblematischen Metropolen des 19. Jahrhunderts schufen sich ihr fortdauerndes Erscheinungsbild mehr in der Abwehr der Industrialisierung als in der Hingabe an ihre Konsequenzen. Die im 20. Jahrhundert zu beobachtende Herausbildung von Riesenstädten ohne industrielle Basis (Lagos, Bangkok, Mexico City u. a.) sollte den Blick für die nur lose Verklammerung von Urbanisierung und Industrialisierung weiter schärfen. Urbanisierung ist ein wahrhaft globaler Prozess, Industrialisierung ein sporadischer Vorgang ‚ungleicher‘ Zentrumsbildung.“ (S. 368) und Hafenstädte.)„Seehäfen waren, was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Flughäfen geworden sind: die wichtigsten Transaktionspunkte zwischen Ländern und Kontinenten.“ (S. 403) Frontiers (Städte und Frontiers haben bei aller Gegensätzlichkeit gemeinsam, dass sie Migranten anziehen.)„Beide, Stadt wie Frontier, haben aber auch etwas gemeinsam: Sie sind die großen Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts. Als die Räume erträumter Möglichkeiten ziehen sie Migranten an wie nichts sonst in der Epoche. Gemeinsam ist der Stadt wie der Grenze die Durchlässigkeit und Formbarkeit der sozialen Verhältnisse. Wer nichts hat, aber einiges kann, mag es hier zu etwas bringen.“ (S. 465)„Die interessanteste neue Bedeutung, die der Frontier-Begriff in der letzten Zeit gewonnen hat, ist die ökologische. […] Man kann allgemeiner von Frontiers extraktiver Ressourcenausbeutung sprechen. Hier geht es um ökonomische, aber zur gleichen Zeit auch um ökologische Zusammenhänge. […] Man kann nicht über Frontiers sprechen und dabei von Ökologie schweigen.“ (S. 474) Imperien und Nationalstaaten („Das 20. Jahrhundert war die große Epoche des Nationalstaates. Im 19. Jahrhundert war das Imperium, noch nicht der Nationalstaat, die im Weltmaßstab dominante territoriale Organisationsform von Macht.“ (S. 603))Osterhammel legt sich weder bei Imperium noch bei Nationalstaat auf einen Definitionswortlaut fest, sondern zieht es vor, die Begriffe von ihren Merkmalen her zu bestimmen. So sagt er über das Britische Imperium, dass es vorhanden war, bevor die Briten sich dessen recht bewusst wurden („Dass die verstreuten Besitzungen der Krone und andere Territorien britischer Siedlung und Kolonisation gemeinsam ein geschlossenes ‚Empire‘ bilden könnten, fiel vor der Mitte des 19. Jahrhunderts kaum jemandem auf.“ (S. 580)), und beschreibt die Schrumpfung von Spanien und Portugal vom Imperium zum Nationalstaat. Daraus, dass er Portugal und die Niederlande mit ihren Kolonien als Imperium bezeichnet, wird deutlich, dass er mit Imperium nicht etwa ‘Weltreich‘, sondern vielmehr einen Übergriff für alle Spielformen vom Römischen Reich über dynastischen Vielvölkerstaaten bis zu den imperialistischen Mächten der Epoche des Imperialismus bezeichnet. – Für die Unterscheidung von Nationalstaat und Imperium sowie die Charakterisierung aller Spielformen von Imperien benötigt Osterhammel 69 Seiten (S. 603–672)