mini|Lienbach-Member mit angeschliffenem Ammonit Die Adnet-Formation ist die Hangend-Formation der Adnet-Gruppe, die im Unterjura in den Nördlichen Kalkalpen abgelagert worden war.
Erstbeschreibung Die Adnet-Formation wurde erstmals im Jahr 1853 von Franz von Hauer als Adnethen-Schichten wissenschaftlich beschrieben. Sie wurde im Jahr 1971 von Jobst Wendt als Adneter Schichten einer vollständigen Revision unterzogen. Ihre Formalisierung erfolgte im Jahr 1995 durch Florian Böhm und Kollegen. Florian Böhm definierte 2003 die Formation im Detail neu.
Bezeichnung Die Adnet-Formation, Englisch Adnet Beds, ist nach ihrer Typlokalität, der österreichischen Gemeinde Adnet im Land Salzburg benannt. Weitere synonyme Bezeichnungen sind Adnether Schichten, Adneter Kalke und Adnet Formation.
Vorkommen Das Typusgebiet der Adnet-Formation sind die Adneter Steinbrüche, der Schmiedwirt-Steinbruch von Wiestal bei Saubach nordöstlich des Hintersees, Gaißau, der Glasenbach, die Schlucht des Kehlbachs sowie der Tauglbach. Die Formation erscheint weiter im Tirolikum der Berchtesgadener Alpen (Wimbachklamm), der Osterhorngruppe südöstlich von Salzburg (am Zwölferhorn), im Toten Gebirge (am Rotkogel), im Hagengebirge, im Tennengebirge (Duschenbrücke) und ist auch in der Unken-Synklinale bekannt. Neben der Typusregion tritt die Adnet-Formation im gesamten Ostalpin der Nördlichen Kalkalpen auf, insbesondere an dessen West- und Ostrand. Sie ist eng mit der obertriassischen Kössen-Formation und den oberrhätischen Riffkörpern (Oberrhätkalk) assoziiert.
Die Adnet-Formation tritt auch im Drauzug und in den Nordkarawanken (am Wildensteiner Wasserfall) auf.
Durchaus vergleichbare Formationen finden sich im gesamten Verbreitungsgebiet der westlichen Neotethys.
Stratigraphie Die Adnet-Formation bildet zusammen mit der Schnöll-Formation des Liegenden die Adnet-Gruppe. Intern gliedert sich die Formation in sechs Member (vom Hangenden zum Liegenden): Hangendes Saubach-Member Scheck-Member Kehlbach-Member Liegendes Lienbach-Member – Motzen-Member – Schmiedwirt-Member Die drei Member des Liegenden sind miteinander äquivalent.
Die Adnet-Formation überlagert die Schnöll-Formation, die Kendlbach-Formation und gelegentlich auch die Scheibelberg-Formation. In der Nachbarschaft rhätischer Riffe kann sie auch der Kössen-Formation aufliegen. Sie wird ihrerseits von Radiolariten der Ruhpolding-Formation oder seltener von der Klaus-Formation überdeckt. Seitliche Übergänge sind die Scheibelberg- und die Allgäu-Formation (im Nordwesten und wahrscheinlich auch im Südosten der Osterhorngruppe) – beide beckenfaziell. In Bereichen, in denen die Obertrias vom Dachsteinkalk vertreten wird (beispielsweise Dachstein, Tennengebirge oder Totes Gebirge), tritt an die Stelle der Adnet-Formation der Hierlatzkalk, der ebenfalls zur Adnet-Gruppe gerechnet wird.
Die Untergrenze der Formation wird generell durch den Beginn roter, gebankter Wackestones und Mudstones festgelegt. Um Adnet wird sie durch die Marmorea-Kruste definiert – ein Eisen/Mangan- und ammonitenreicher Horizont, der die Schnöll- oder die Kendlbach-Formation abschließt. Wo die Adnet'Formation aus der Scheibelberg-Formation hervorgeht, wird die Untergrenze anhand der beginnenden Rotfärbung des Sediments festgemacht. Dieser Übergang ist oft jedoch graduell, wobei Hornsteinknollen in Rotkalken und abwechselnd roten, violetten und grauen Lagen auftreten können.
An der Obergrenze erfolgt ein Fazieswechsel in Richtung globigerinenführende Filamentkalke, Radiolarienkalke oder Radiolarite. Oft wird die Obergrenze durch einen Hiatus, eine Erosionsfläche oder eine Eisen/Mangan-Kruste markiert. In diesen Fällen wird die Formation sodann von der Ruhpoldinger Radiolarit-Gruppe überdeckt.
Lithologie mini|300px|Geschliffene Platte des Lienbach-Members der Adnet-Formation
Lithologisch handelt es sich bei der Adnet-Formation um dünn- bis mittelstark gebankte, rote, mikritische Kalke und Mergel. Mikrofaziell ist die Formation vorwiegend aus Mudstones und Wackestones aufgebaut, selten auch aus Packstones. Ihre Rotfärbung beruht auf starker Oxidation (Anreicherung von Eisenoxid bei gleichzeitiger Kalkmangelsedimentation). Die Kondensierung der Adnet-Formation beruht auf stagnierender Sedimentation und Wiederaufarbeitungsprozessen, so dass Faunenelemente unterschiedlichen Alters zusammen auftreten können. Die Formation enthält zentimeter- bis meterdicke Brekzienlagen, die meist aus intraformationellen Klasten in mergeliger, mikritischer oder sparitischer Matrix zusammengesetzt sind. Die Sparitvarietät dieser Brekzien ist als Scheckbrekzie bekannt. Ein knolliges Erscheinungsbild der Formation ist sehr gängig und kann daher auch als Knollenkalk angesprochen werden. Die Knollenbildung wird diagenetisch, sedimentär und auch tektonisch erklärt.
Lienbach-Member mini|300px|Motzen-Member mit Seeliliengliedern
Das etwas über 5 Meter mächtig werdende Lienbach-Member baut sich aus mikritischen Kalken mit Wackestone- und auch Packstone-Matrix auf. Diese rot-gesprenkelten Gesteine zeigen Bankung im Dezimeter-Bereich und sind arm an Mergeln. Reichlich vorhanden sind millimeter- bis zentimetergroße Intraklasten mit Eisen-Mangan-Krusten. Eine durch Drucklösung hervorgerufene Knollenkalkfazies tritt nur selten auf, sie besteht aus umgelagerten Hartgrund-Intraklasten. Das kondensierte, auch als Stylobrekzie anzusprechende Member, ist reich an Resten von Echinodermen, Foraminiferen, Gastropoden, kleinen Muscheln und Ostrakoden.
Motzen-Member Das maximal 4 Meter mächtig werdende Motzen-Member ähnelt dem Lienbach-Member, enthält aber wesentlich mehr Crinoidenzerreibsel. Es handelt sich somit um einen Crinoidenkalk, der als Wackestone oder Packstone ausgebildet ist. Auch hier liegt die Bankung im Dezimeter-Bereich und die Farbgebung ist Rosarot bis Rot. Bezeichnend sind weiße Crinoidenstengel und ebenfalls millimeter- bis zentimetergroße Intraklasten mit Eisen-Mangan-Krusten.
Schmiedwirt-Member Das Schiedwirt-Member erreicht eine geschätzte maximale Mächtigkeit von 16 Meter. Es baut sich vorwiegend aus mittel- bis dünnbankigen, roten Knollenkalken auf, welche als intraklastische Wackestones in Erscheinung treten. Die Wackestones führen Fragmente von Echinodermen (Crinoiden), Foraminiferen, Gastropoden, Ostrakoden, Radiolarien und Schwammnadeln (Spicula). In den Adneter Steinbrüchen verzahnt sich das Schmiedwirt-Member im Süden mit dem Lienbach- und Motzen-Member, im Norden (nördliche Osterhorngruppe) bestehen jedoch Übergänge zur Scheibelberg-Formation.
Kehlbach-Member Das großen Mächtigkeitsschwankungen (2,5 bis 15 Meter) ausgesetzte Kehlbach-Member setzt sich aus dünngebankten, knolligen, rotgefärbten, mergeligen Kalken und Mergeln zusammen. Es ähnelt dem Schmiedwirt-Member, ist aber deutlich mergeliger und reicher an Echinodermen und Belemniten. Örtlich treten auch zwischengeschaltete dünne, linsenartige Brekzienlagen auf.
Scheck-Member mini|300px|Knollenbrekzie des Adneter Rotschecks mini|300px|Scheck-Member (Grauscheck)
Auch das distal abgelagerte Scheck-Member weist sehr variable Mächtigkeiten auf, es kann beispielsweise am Kehlbach bis zu 40 Meter erreichen. Es geht seitwärts (in Richtung Becken) in das Sachrang-Member der Allgäu-Formation über. Lithologisch ist es als rote bis graue, polymikte, klastengestützte Brekzie ausgebildet (Scheck-Brekzie) mit sehr variabler Klastengröße vom Millimeter- bis zum Meterbereich in roter, mergeliger Matrix. Es treten zwei unterschiedliche Typen auf: einmal die Matrix-arme, mikritische, mergelige Knollenbrekzie und der Matrix-reiche, sparitische Scheck, dessen Porenzwischenraum teils zementiert ist. Die meist eckigen, teils auch leicht gerundeten Klasten stammen vorwiegend aus den Adneter Kalken. Am Typusprofil bildet die Matrix-arme Fazies das Liegende und die Matrix-reiche sparitische Fazies das Hangende, wobei eine Zunahme der Klastengröße in Richtung Hangendes zu beobachten ist. Innerhalb des Members erscheint außerdem eine massive Lage aus miteinander verschweißten Brekzienhorizonten. Die Scheck-Brekzie hat Teile der unterlagernden Schnöll-Formation als auch mehrere Member der Adnet-Formation inkorporiert und ist als Massenstromablagerung zu interpretieren, welche aus durch tektonische Aktivitäten ausgelösten submarinen Rutschungen teilweise halbkonsolidierter, hemipelagischer Sedimente hervorgegangen war. Slump-Strukturen des distalen Bereichs erscheinen oft als so genannte Stylobrekzien.
Saubach-Member Das bereits pelagische Saubach-Member zeigt Mächtigkeitsschwankungen von weniger als einen Meter bis 15 Meter. Es handelt sich um ziegelrote Mergel mit zwischengeschalteten Kalklagen, die als bioklastische Wackestones und Packstones ausgebildet sind und oft auch Filamente und Crinoidenschutt führen. Als Bioklasten fungieren ferner juvenile Ammoniten, filamentöse, juvenile Bivalven (mit juveniler Bositra), kleine planktonische Gastropoden und Schalenreste adulter Ammoniten. Knollenfazies tritt nicht auf, dafür erscheinen neben einer Kalkturbiditschicht gelegentliche Brekzienlagen mit reichen, intraformationellen Lithoklasten.
Mächtigkeiten In der Typusregion werden Mächtigkeiten von weniger als 1 bis 20 Meter für den unteren Abschnitt der Formation (Sinemurium bis Unteres Pliensbachium bzw. Carixium) und weniger als 1 bis 30 Meter für den oberen Abschnitt (Oberes Pliensbachium bzw. Domerium bis Toarcium) erzielt. Es liegt jedoch kein Profil vor, in dem beide Abschnitte in voller Mächtigkeit ausgebildet sind. Es wird angenommen, dass sich die maximale Mächtigkeit um 30 Meter bewegt. Generell zeigen die Mächtigkeiten der Adnet-Formation große Unterschiede – insbesondere dort, wo Brekzienlagen eingeschaltet sind. Diese können unterlagernde Schichtpakete wegerodieren und auch seitlich über nur kurze Distanzen auskeilen.
Fazies-Interpretation Lithofaziell baut sich die Adnet-Formation aus hemipelagischen bis pelagischen, kondensierten Kalken des oberen Bathyals auf. Die Ablagerungsfläche war leicht geneigt und unterschiedlich starken Bodenströmungen ausgesetzt. Die Sedimentation erfolgte wie in diesem Faziesraum üblich sehr langsam, sie war aber nicht immer durchhaltend, sondern wurde oft durch erosive Ereignisse unterbrochen. Gekoppelt mit Subsolution und ausbleibender Sedimentation bewirkte dies eine kondensierte Schichtenfolge, untermeerische Erosionsflächen und letztlich auch Hartgründe (Englisch hardgrounds).
Die Absetzung der Unteren Adnet-Formation war in dem Moment erfolgt, als sich nach Bildung der Marmorea-Kruste im Hangenden der Schnöll-Formation erneut normale Bedingungen eingestellt hatten – entweder hatte der Meeresboden wieder eine ausreichende Tiefe unterhalb der Wellenbasis erreicht oder das Strömungsregime hatte sich durch andere externe Einflüsse verringert. Auf dem ertrunkenen rhätischen Relief bildeten sich in etwa zeitgleich drei unterschiedliche Fazies heraus: das Lienbach-Member am oberen Hang, sodann darunter das Motzen-Member und am Hangfuß das Schmiedwirt-Member.
Die Knollenkalkfazies findet eine Erklärung in frühdiagenetischer Karbonatumlagerung. Die Kalk-Mergel-Abfolgen wurden hingegen von äußeren Faktoren gesteuert, wie beispielsweise klimatische Änderungen oder Meeresspiegelfluktuationen. Dies geht aus der Korrelierbarkeit einzelner Schichtglieder hervor, welche sich über hunderte von Metern und oft über mehrere Steinbrüche hinweg verfolgen lassen. Dass Wiederaufarbeitung und Erosion erfolgt waren, geht eindeutig aus verkrusteten und angebohrten Intraklasten hervor, insbesondere in den beiden Membern des Abhangs (Lienbach-Member und Motzen-Member). Korrelierbare Schichten des Schmiedwirt-Members hingegen zeigen, dass die Wiederaufarbeitung sich nur auf die obersten Zentimeter des Sediments beschränkte und die Kalk-Mergel-Abfolgen im Wesentlichen ungestört blieben.