mini|Lars Gustafsson (2008) Wollsachen (schwedisch: Yllet) ist der Titel eines 1973 publizierten Romans des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson. Erzählt wird die Geschichte eines Lehrers, dessen Bemühungen, Ende der 1960er Jahre einen begabten Schüler zu fördern, tragisch enden. Die deutsche Übersetzung von Verena Reichel erschien 1974.im Carl Hanser Verlag München, 1975 im Hinstorff-Verlag in Rostock (DDR) und 1977 im dtv München

Überblick Der Erzähler der Rahmenhandlung erfährt im Juni 1971 in seinem Haus in Västerås in Västmanland vom Unfalltod seines gleichaltrigen ehemaligen Studienkollegen Lars Herdin. Beide verbrachten ihre Kindheit in Västerås. Er erinnert sich an ihre Militärzeit beim Königl. Uppländischen Regiment (1956–1957) und ihre Studentenzeit in Uppsala.

Den Mittelpunkt des Romans bildet die Geschichte des Lehrers Lars Herdin. Der 34-jährige Herdin schildert im Herbst 1970 im Rückblick die Geschehnisse vom November 1969 an. Eingeblendet sind Erinnerungen an seine Kindheit (Kap. „Ich möchte nun von meinem Onkel Knutte erzählen“), an die Wochenendbeziehung zu seiner drei Jahre älteren Kollegin Ingrid und Anekdoten des Malers Ebbeling (Kap. „Der Scheißkaiser“), fiktive Briefe Herdins an Ingrid und an einen Hauptgefreiten sowie ein historischer Überblick über die negative wirtschaftliche Entwicklung der ländlichen Region.

Inhalt Vorgeschichte Die Vorgeschichte Lars Herdins wird von den Erzählern nur gestreift: Er wird 1936 in Västerås geboren, als Sohn eines Staubsaugervertreters, der in den 1940er Jahren mit seinem Musterkoffer auf einem Fahrrad übers Land zieht. Der Schriftsteller der Rahmenhandlung erinnert sich an den schüchternen, schweigsamen und zerstreuten Jungen: Nach der Schule studiert er, mit Hilfe eines Naturalstipendiums für minderbemittelte Studenten, in Uppsala Technik, Physik und Mathematik, promoviert, gilt als große Begabung und erhält ein Stipendium von der amerikanischen Luftwaffe, doch er schließt seine Habilitationsschrift nicht ab und verfolgt die wissenschaftliche Laufbahn nicht weiter. Vermutlich fühlt er sich im Universitätsmilieu nicht heimisch und hat „ständig das Gefühl, dass es für eine andere Art Menschen bestimmt [ist].“ (Kap. „Die rätselhaften Widerstände“) Er bewirbt sich stattdessen an der Zentralschule in TrummelsbergDer fiktive Haupthandlungsort des Romans ist eine kleine Stadt mit ca. 6000 Einwohnern. Namensgeber ist eine 1622 von Olof Trummel gegründete Mühle, später ein Hammerwerk und eine Eisenhütte, von der nur noch Ruinen erhalten sind, am Kedjensee, östlich von Skinnskatteberg um die Stelle eines Mathematik- und Physiklehrers, in Erinnerung an die Sommerferien mit seinen Eltern in den 1930er und 1940er Jahren in dieser Gegend, am See Nora Nadden bei Ramnäs und weil er die einsame Naturlandschaft mag. Nach einer psychoanalytischen Deutung seines Freundes Ebbeling (Kap. „Der Scheißkaiser“) sucht er wieder einen Anknüpfungspunkt an seine Kindheit, die Ausfüllung eines Defizits und projiziert dies auf die Förderung des gleichnamigen Schülers Lars.

Weltschmerz und Suizidneigung Die Unzufriedenheit mit seinem Leben, der „nagende Hass“ sich selbst gegenüber und seine Suizidneigung durchziehen die Erzählung. So erinnert er sich an seinen ersten Herbst in Trummelsberg 1961 (Kap. „Die rätselhaften Widerstände“): Nach dem Luciafest setzt er sich alkoholisiert in eine Schneewehe und will sterben, wie bereits zuvor, seit seinem dritten Lebensjahr: „Es ist ein altes Lied, das mir schon mein Leben lang im Kopf herumgeht. Man kann alle Kontinente auslöschen […] Ich habe mein ganzes Leben lang den Eindruck gehabt, dass ich mich mehr oder weniger mit so etwas wie einem idiotischen Ringkampf mit der Wirklichkeit habe verleiten lassen und sie ist die ganze Zeit über als ein ausnehmend unfairer und gemeiner Gegner aufgetreten, der einen an völlig unerwarteten Stellen trifft.“ Neun Jahre später plant er seinen Selbstmord am 1. Oktober durch eine Kohlenstoffmonoxidvergiftung. Es kommt jedoch nicht dazu, weil er sich zwei Tage zuvor eine Hand in der Autotür eingeklemmt hat. Durch den Schmerz ergreift ein fremder Dämon über ihn Gewalt und befreit ihn von seinem Vorhaben. (Kap. „Diese Stelle im ersten Satz, wo es anfängt, etwas schneller zu gehen“) Nun erzählt Herdin im Rückblick von den Geschehnissen des letzten Jahres, die zu dem Suizidplan führten:

Engagement für eine andere Pädagogik Ausgangspunkt der Rückblickhandlung ist die Unzufriedenheit Herdins mit sich, seinem Beruf und dem Schulsystem: „Dass die Schule um der Schüler willen da sei, daran hat er sowieso nie geglaubt. Sie ist dazu da, um die Zahl der Arbeitslosen niedrig zu halten.“ In einer idealen Schule nach seiner Vorstellung würden dagegen die Schüler „von Stunde zu Stunde Fragen stellen, immer raffiniertere Fragen. […] In einer richtigen Schule würde man natürlich Studien treiben […] Lars Hedin ist kein Lehrer. Er wäre gern einer, aber er ist es nicht. Er ist ein gut bezahlter Aufseher in einem halbwegs arktischen Internierungsinstitut für unproduktive Arbeitskräfte in den unteren Altersstufen. Er weiß das. Er kann nicht viel dagegen tun.“ (Kapitel „Begebenheit vor einem Jahr“) Für diese Situation macht er das schwedische Schulsystem der 1960er Jahre verantwortlich:

Im November 1969 kritisiert er in einem Gespräch mit dem Direktor Dr. Mans Wedelin die mangelnde Förderung von Spitzenbegabungen und die Wohlfühlpädagogik der „Spülwasserschule“ in einem „verwässerten Wohlfahrtsstaat“. Die „Gefühlsduselei“ der „Rotary-Clubs“ habe den gesellschaftlichen Bereich in Beschlag genommen. Herdin fordert vom Direktor, der das System verteidigt, harte gediegene Gedankenarbeit und Ideen. Er möchte dem mathematisch hochbegabten Lars Carlsson Förderstunden geben, doch dies wird abgelehnt und er übt mit ihm unentgeltlich. (Kap. „Die rätselhaften Widerstände“) Um sich ein Bild vom Leben des Schülers zu machen, besucht er an einem Sonntag dessen Familie auf dem Land. Er muss sich von der Bushaltestelle über verschneite Wege zu dem abgelegenen ehemaligen Bauernhof durchkämpfen, wo der durch Holzfällarbeit invalide Vater und sein Sohn in einem Schuppen Autos und Mopeds reparieren. Herdin erklärt dem Ehepaar Carlsson die Begabung des Sohnes und versucht sie für ein Studium zu gewinnen. Sie zeigen sich wenig begeistert, lehnen zwar den Plan nicht ab, unterstützten ihn aber auch nicht. Sie wollen die Entscheidung dem Sohn überlassen. Herdin spürt ihre Kraftlosigkeit und Gleichgültigkeit ihrem eigenen Leben und der beruflichen Zukunft Lars‘ gegenüber. Er befürchtet, dass die Kinder dieser Gegend zu keiner persönlichen Verantwortung und keinen eigenen Initiativen ermuntert werden und sich dem Leerlauf des Wohlfahrtsstaats ohne Aufbruchsstimmung überlassen. Herdin kommt während des Gesprächs zu dem Ergebnis: „ICH GEHÖRTE NICHT HIERHER“ und „ES GIBT NIEMAND, DER VERANTWORTUNG FÜR UNS ÜBERNÄHME“. Die Minister und Landräte, „die im Namen dieser Leute sprechen, […] sie haben nicht die geringste Ahnung, wovon sie reden. Es könnte ebensogut ein fremdes Volk sein, mit einer fremden Sprache und Bräuchen: Man sieht sie nicht. Sie fallen langsam durch die Jahre, und man lässt sie fallen.“ (Kap. „Plötzliche Ströme von zögerndem Glück“) Herdin befürchtet, dass Lars auch als Mensch verloren gehen könnte. Er bietet ihm an, auch in den Weihnachtsferien mit ihm zu arbeiten, doch der antwortet: „Ich finde es prima. Aber ich weiß nicht recht, zu was es gut sein soll.“ (Kap. „Die Schönheit, das einzige, was besteht“)

Beziehung zu Claire In depressiver Stimmung verbringt Herdin seine Weihnachtsferien allein. Ingrid ist zu ihrer Mutter gefahren. Er fühlt sich vereinsamt und schreibt einen Abschiedsbrief, den er, wie an Ingrids Verhalten nach den Ferien deutlich wird, nicht abschickt: „Das Leben ist ja nicht nur eine Hölle. Es ist auch überbevölkert. […] Erinnerungen! […] Und diese Gewissheit, dass man betrogen worden ist, ohne recht zu wissen, um was man betrogen worden ist.“ (S. 103 ff.) Ihre Wochenendbeziehung beruhe nicht auf wahrer Liebe. Liebe sei für ihn „Erde, lichte Dämmerung, blauer Rauch, Heimstatt, Heimatland, Wiege, Meer, ich weiß nicht, was alles“. Er brauche ein richtiges Leben. (Kap. „Brief an eine siebenunddreißigjährige Lehrerin für Französisch und Schwedisch geschrieben am Weihnachtsabend 1969“) Seinen Weltschmerz klagt er auch dem Handlungsreisenden Putte Jonsson, einer Zufallsbekanntschaft am dritten Weihnachtstag im Stadthotel: Sie würden in einer Lügengesellschaft leben, Humanität und Anteilnahme seien nur geheuchelt, er sehe jetzt die Risse im Lügengewebe: Er verleihe seine Kenntnisse in Mathematik, aber niemand habe Verwendung für ihn. Für eine Weile wolle er sich selbst sein und herausfinden, ob es die Liebe gebe. (Kap. „Die Ruhe vor dem Sturm: Die Guten nahen“)

Ursache des Briefs an Ingrid und Hintergrund der Sehnsucht nach einem Neuanfang ist die 17-jährige Schülerin Claire, Lars Freundin, die Herdin bei den Carlssons gesehen hat: „DAS MÄDCHEN SASS UND SCHAUTE MICH INSGEHEIM AN“. Die Beziehung zu ihr entwickelt sich im Zusammenhang mit der Tragödie ihres Freundes. Am Abend vor Heiligabend ruft ihn Claire an, Lars sei verschwunden, und nach anderthalb Stunden, er sei wieder aufgetaucht. Am Tag vor Silvester 1969 kommt sie in seine Wohnung und erzählt ihm von Lars‘ Kollaps. Bei der Durchsuchung des Schuppens seien gestohlene Mopeds entdeckt worden, die er in der Werkstatt tune. Darauf habe er Verdünnungsmittel geschnüffelt und sei ins Koma gefallen. Sie fühle sich schuldig, weil sie ihre Beziehung beendet habe. Herdin und Claire fahren sogleich zum Krankenhaus nach Västerås, wo sie Lars bewusstlos auf der Intensivstation finden. Nach ihrer Rückkehr animiert Claire Herdin zu einer sexuellen Beziehung und bleibt zwei Tage bei ihm. Herdin fühlt sich durch den Kontakt mit dem Mädchen belebt, er empfindet seit langem wieder Gefühle, auch Angst und Schuld: „Für keinen von uns würde es jemals so etwas geben können wie ein selbstverständliches Geborgensein in der Wirklichkeit, eine Vertrautheit mit ihr.“ (Kap. „Der Planet der Wolle kreist um eine Sonne von niederer Spektralklasse“) Er denkt über sein Verbrechen nach, dem einzigen Schüler, der ihm in seiner ganzen fragwürdigen Karriere das Leben lebenswert gemacht hat, die minderjährige Freundin in dem Augenblick, in dem er sie am meisten gebraucht hätte, weggenommen zu haben. Bei ihm, in seiner belasteten Psyche, könnte diese Geschichte nur „auf eine Art ausgehen“. Ihm kommt es vor, als wäre er aus einem langen Schlaf erwacht und wieder in die Gegenwart hineingeschlüpft. (Kap. „Die Bedingungen fürs Glücklichsein“) Sein Schuldgefühl wird noch verstärkt, als er nach den Weihnachtsferien die Eltern aufsucht und der Vater ihm indirekt den Vorwurf macht, dem Sohn Flausen in den Kopf gesetzt und ihn mit seiner Umwelt unzufrieden gemacht zu haben. Lars habe angefangen, alles wertlos zu finden.

Lars‘ stirbt am 18. Januar, und Claire sagt Herdin auf dem Schulhof, er solle sie in Ruhe lassen, sie wolle ihn nie wieder sehen. Herdin wird bis Ende Januar krankgeschrieben. Er fühlt sich wie in einer Mausefalle und sucht bei Ebbeling Rat. Dieser erklärt ihm seine Situation psychoanalytisch: Er sei auf der Suche nach Heimat und mütterlicher Geborgenheit. Sein Fehler sei es gewesen, ein Schulmädchen zu seiner Mutter zu machen und gleichzeitig ein Vater für Claire zu sein. In seinem Liebeskummer solle er jetzt nichts unternehmen und das Mädchen in Ruhe lassen. (Kap. „Der Scheißkaiser“)

Demonstration gegen den Krieg