Rumpelfußball ist ein während der EM 2000 entstandener Fußball-Begriff, der unansehnliche, taktisch schwache und gegebenenfalls dazu erfolglose Mannschaftsleistungen in einzelnen oder mehreren Fußballspielen und über längere Zeiträume charakterisiert. Ursprünglich wurden er und der wenig später entstandene Begriff Rumpelfüßler nur im Zusammenhang mit Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft verwendet und bildeten das negativ besetzte Gegenstück zum positiv besetzten deutschen „Arbeitsfußball“. Ab der WM 2010 wurde „Rumpelfußball“ auch für nicht-deutsche Mannschaften genutzt: zuletzt auch für Portugals Gewinn der EM 2016, Deutschlands Auftreten bei der EM 2021 sowie den gesamten Afrika-Cup 2022.
Der Begriff wurde erstmals vom früheren deutschen Nationalspieler und Teamchef Franz Beckenbauer im Juni 2000 öffentlich in einer Kolumne verwendet. Beckenbauer nahm damit unter anderem Bezug auf das sportliche Auftreten der deutschen Nationalmannschaft vor und während der noch laufenden Europameisterschaft. Diese war aufgrund der Rücktritte bisheriger Stammspieler nach der WM 1998 neu zusammengestellt worden und zeigte unter dem Teamchef Erich Ribbeck in den folgenden zwei Jahren häufig durchwachsene Leistungen, die von öffentlichen Unstimmigkeiten zwischen Mannschaft und Teamchef begleitet waren. In diesem Zusammenhang kam es wiederkehrend zu Kritik unter anderem in der Fachpresse und durch Fußballkommentatoren. Bei der EM 2000 schied die Nationalmannschaft als Titelverteidiger nach drei schwachen Spielen erstmals ohne Sieg bei einer Europameisterschaft aus. Die Journalistin Katrin Weber-Klüver nahm kurz nach Beckenbauers Kolumne den Begriff im Spiegel auf und schrieb vom „Rumpelfüßler“. Beide Begriffe wurden als Neologismen durch den Pons-Verlag ausgezeichnet.
Bedeutung mini|hochkant|Franz Beckenbauer verwendete den Begriff „Rumpelfußball“ 2000 erstmalig Rumpelfußball und Rumpelfüßler sind Neologismen aus dem Themenfeld Fußball, die im Jahr 2000 in Deutschland aufkamen.
Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) setzt für Rumpelfußball die Kategorien „Fußball, Jargon, abwertend“ und beschreibt ihn ausführlicher als „(für Zuschauer unattraktive) Spielweise, die von mangelnder Kreativität, geringer Laufbereitschaft, robustem Körpereinsatz und zahlreichen Ballverlusten, Fehlpässen geprägt ist“.Rumpelfußball, der; dwds.de, abgerufen am 8. Februar 2022 Das DWDS führt den Begriff seit 2021 als Teil eines Glossars aus über 420 Wörtern, die mit dem Themenbereich Fußball in Verbindung gebracht werden.DWDS-Themenglossar zur Fußball-Europameisterschaft; dwds.de, mit Stand vom 31. Januar 2022, abgerufen am 8. Februar 2022
Der Duden definiert Rumpelfüßler als „schlechte[n], unbeholfene[n] Fußballspieler“ und sieht den Sprachgebrauch „umgangssprachlich abwertend“. Der Begriff wurde 2004 in das Werk aufgenommen.Rumpelfüßler, der; duden.de, abgerufen am 6. April 2021 Er ist ein Kompositum und setzt sich aus dem Verb rumpeln (unrund fortbewegen) und dem Nomen Füßler (die Füße Benutzender) zusammen. Das Wörterbuch des Pons-Verlags gruppiert den Begriff in die Kategorien „abwertend, abfällig, verächtlich“ und „umgangssprachlich“ ein und erklärt ihn als „miserable[n] Fußballer“.Rumpelfüßler; de.pons.com, abgerufen am 10. Juli 2021
Im Wortschatz-Portal der Universität Leipzig werden die Wörter Rumpelfußball in die Häufigkeitsklasse 21Wort: Rumpelfußball; wortschatz.uni-leipzig.de, abgerufen am 29. Oktober 2023 und Rumpelfüßler in die Häufigkeitsklasse 22Wort: Rumpelfüßler; wortschatz.uni-leipzig.de, abgerufen am 29. Oktober 2023 eingeordnet, wodurch beide Begriffe nach den Richtlinien des Portals „extrem seltene Wörter“ im allgemeinen Sprachgebrauch sind.Häufig gestellte Fragen (FAQ) …zum Korporaportal; wortschatz.uni-leipzig.de, abgerufen am 29. Oktober 2023
Begriffseinordnung Sowohl „Rumpelfußball“ als auch „Rumpelfüßler“ erfuhren ab dem Jahr 2000 Verwendung im deutschsprachigen Sportjournalismus, zunächst nur in Bezug auf die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren, ab der WM 2010 auch in Bezug auf andere Nationalmannschaften. Der Essener Germanist Rolf Parr ordnet den „Rumpelfußball“ in ein System aus nationalen Stereotypen ein, in dem unterschiedlichen Nationen dauerhafte Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. „Rumpelfußball“ ist in diesem System das negativ besetzte Gegenstück zum positiv besetzten „ehrlichen Arbeitsfußball“. Nach Parrs Einschätzung wurden die Stereotype in der nachträglichen Spielbewertung „hochflexibel“Parr, R. (2015). Nationalstereotype im internationalen Fußball. Historical Social Research, 40(4), 298–309. (PDF; 841 kB). angewendet: Folge auf einen Sieg eine Niederlage, gewinne zunächst deutscher „Arbeitsfußball“, aber es verliere deutscher „Rumpelfußball“, wobei das Stereotyp im Kern gleich bleibe. Dieses System sei bis zur WM 2010 intakt geblieben, als die deutsche Nationalmannschaft unter Joachim Löw einen Fußball gespielt habe, der mit den alten Stereotypen nicht mehr zu beschreiben gewesen sei. Gleichzeitig hätten auch die Mannschaften anderer Nationen in einer Weise gespielt, die nicht mehr zu den ihnen eigentlich reservierten Stereotypen gepasst habe. Folglich sei es während und nach der WM 2010 zu einer Verschiebung des Stereotypenrasters gekommen, denn der Begriff Rumpelfußball wurde zunehmend auch in Bezug auf andere Nationalmannschaften verwendet. Seit der EM 2012 habe der Begriff auch seine rein negative Codierung verloren: Im Zeitmagazin sei in Bezug auf die ersten Spiele der deutschen Mannschaft der Begriff „Rumpelfußball“ erstmals mit einer positiven Gesamtbeurteilung verbunden gewesen.
Entstehung in Bezug auf die deutsche Herren-Nationalmannschaft Der Umbruch nach der WM 1998 mini|Günter Netzer wies über Jahre auf die aus seiner Sicht mangelnde spielerische Qualität der Nationalmannschaft hin. Die deutsche Nationalmannschaft hatte die EM 1996 als Europameister beendet und ging als Titelverteidiger in die Qualifikation für das folgende Turnier. Zwischen den beiden Wettbewerben musste die deutsche Elf bei der WM 1998 das Ausscheiden im Viertelfinale hinnehmen. In der Folge beendeten langjährige Leistungsträger aus allen Mannschaftsteilen wie Thomas Häßler (zu diesem Zeitpunkt 97 Länderspiele), Thomas Helmer (68), Kapitän Jürgen Klinsmann (108), Jürgen Kohler (105), Andreas Köpke (59), Lothar Matthäus (129), Andreas Möller (82), Stefan Reuter (69) und Olaf Thon (52) ihre Laufbahnen in der Auswahl.Tagesschau vom 14. August 1998; tagesschau.de, Video-Datei, Länge 17:50 Minuten, abgerufen am 16. April 2021Tagesschau vom 23. August 1998; tagesschau.de, Video-Datei, Länge 18:28 Minuten, abgerufen am 16. April 2021
Der seit 1990 amtierende Bundestrainer Berti Vogts bot nach dem WM-Turnier an, sich an einem Neuaufbau der Mannschaft zu beteiligen. Für das Mittelfeld holte Vogts unter anderem Stefan Effenberg zurück in die Nationalelf, den er wegen einer beleidigenden Geste gegen die deutschen Stadionzuschauer noch während der WM 1994 aus dem Turnierkader ausgeschlossen hatte. In den ersten beiden Länderspielen nach der WM im September 1998 auf Malta gegen die Malteser (2:1-Sieg) und Rumänen (1:1) zeigte die neu aufgestellte Auswahl mäßige Leistungen. Günter Netzer, der mit Vogts 1974 Weltmeister geworden war, mahnte nach dem Rumänien-Spiel den angestrebten Neuaufbau an und führte insbesondere damit verbunden drei Eigenschaften auf, die die Mannschaft nachweisen müsse: „Lauffreudigkeit“, „Besessenheit“ und „mehr Aggressivität“.Berti Vogts letztes Länderspiel als Bundestrainer (05.09.1998); youtube.com, Videodatei, Länge 15:28 Minuten, abgerufen am 10. Februar 2022 So fehle der Auswahl aktuell „die Anpassung an den modernen Fußball“, die passieren müsse, sonst würden die Deutschen „weiter hinterherhinken“. Vogts trat nach diesen beiden Freundschaftsspielen am 7. September 1998 doch von seinem Amt zurück. Er warf den Medien vor, Druck auf Nationalspieler ausgeübt und auch bei guten Leistungen kritische Berichte angedroht zu haben, solange Vogts im Amt bleibe.Tagesschau vom 7. September 1998; tagesschau.de, Video-Datei, Länge 14:49 Minuten, abgerufen am 5. April 2021 Effenberg bestätigte den Vorwurf im Monat darauf in mindestens einem Fall.
Erich Ribbeck wird Teamchef mini|hochkant|Erich Ribbeck war nicht die erste Wahl des DFB für die Vogts-Nachfolge. Der Deutsche Fußball-Bund suchte unmittelbar nach Vogts’ Rücktritt einen Nachfolger für die Position des Bundestrainers. So musste der Verband mehrere Absagen von Kandidaten wie Christoph Daum (Cheftrainer von Bayer 04 Leverkusen),Frank Lußem: „Arbeit hier macht Spaß“, Kicker, Ausgabe 75, 10. September 1998, S. 4 Jupp Heynckes (zuletzt tätig bei Real Madrid)Karlheinz Wild: „Man soll im Leben nie ‚nie‘ sagen“, Kicker, Ausgabe 75, 10. September 1998, S. 4 und Ottmar Hitzfeld (Cheftrainer des FC Bayern München) hinnehmen.Karlheinz Wild: „Ganze Kraft für FC Bayern“, Kicker, Ausgabe 75, 10. September 1998, S. 4 Auch Otto Rehhagel vom 1. FC Kaiserslautern, der laut dem DFB-Vizepräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder die erste Wahl für den Posten war,„Otto Rehhagel war Nummer 1“, Kicker, Ausgabe 75, 10. September 1998, S. 5 lehnte ab. Verbandspräsident Egidius Braun verständigte sich anschließend mit Paul Breitner, einem Weltmeister von 1974, auf eine Zusammenarbeit.Breitner: „Ich hatte Angebot von Braun!“, Kicker, Ausgabe 75, 10. September 1998, S. 7 Laut Braun sollte Breitner die Mannschaft ein Jahr lang betreuen und dann an einen Nachfolger übergeben. Der Präsident bestand trotz Vorbehalten unter den Direktoren des Verbandes auf dieser Idee.Siegen, siegen, siegen!; zeit.de, Ausgabe 39, 1998, abgerufen am 12. Mai 2022 Er sagte Breitner dann aber doch ab (laut Breitner einen Tag nach der Einigung), nachdem er von dessen Äußerungen in der Abendzeitung erfahren hatte.Tagesschau vom 10. September 1998; tagesschau.de, Video-Datei, Länge 15:49 Minuten, abgerufen am 12. Mai 2022 In dieser hatte Breitner gefordert, die Führungsriege des DFB auszuwechseln, und zudem Braun Inkompetenz attestiert.
Letztlich verständigte sich der DFB auf Erich Ribbeck, dessen größter Erfolg der Gewinn des UEFA-Pokals 1987/88 mit Bayer 04 Leverkusen war. Ribbeck hatte zuletzt bis April 1996 die Leverkusener in einem zweiten Engagement trainiert und war für die Aufgabe beim DFB aus dem Ruhestand auf Teneriffa zurückgekehrt. Er arbeitete fortan unter der Bezeichnung Teamchef, die bereits Franz Beckenbauer von 1984 bis 1990 getragen hatte, mit Uli Stielike als Co-Trainer.Tagesschau vom 9. September 1998; tagesschau.de, Video-Datei, Länge 16:25 Minuten, abgerufen am 5. April 2021 Anders als Beckenbauer verfügte Ribbeck jedoch über eine Fußballlehrerlizenz und hätte damit die Bezeichnung Bundestrainer führen können.
Der neue Teamchef bat kurz nach seiner Amtsübernahme den zu diesem Zeitpunkt 37-jährigen Matthäus, der zwischen 1995 und 1998 unter Vogts keine Rolle gespielt hatte und erst unmittelbar vor der WM 1998 doch noch in das Aufgebot genommen worden war, erneut um eine Fortsetzung seiner Nationalmannschaftskarriere und bot ihm einen Stammplatz in der Mannschaft an. Beide waren unter anderem 1980 Europameister geworden, als Matthäus unter Jupp Derwall und seinem Co-Trainer Ribbeck sein erstes Länderspiel während des Turniers absolvierte. Auch Häßler und Möller, die eine Rückkehr nicht ausgeschlossen hatten, kehrten für wenige Spiele in die Auswahl zurück, jedoch war Matthäus der einzige Weltmeisterspieler von 1990, der eine tragende Rolle in der Mannschaft während Ribbecks Amtszeit einnahm.
Die „Schmach von Jacksonville“ 1999