mini|340px|Teilansicht der Aldobrandinischen Hochzeit, Rom, augusteisch

Die römische Wandmalerei (nach dem wichtigsten Fundort auch römisch-pompejanische Wandmalerei) wird in verschiedene Wandmalstile, die im Römischen Reich vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zur Spätantike gebräuchlich waren, unterteilt. Nie vorher und nicht wieder nachher in der Geschichte der Menschheit hatten Wandmalereien eine so weite Verbreitung. Sie finden sich in den Wohnungen der Reichen, aber auch in kleinen Wohnbauten in der tiefsten Provinz, von Britannien bis nach Ägypten, von Pannonien (Ungarn) bis nach Marokko.Vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. war die Wandmalerei im gesamten Römischen Reich in allen Lebensbereichen präsent: in Tempeln wie in öffentlichen und privaten Bauten – nicht nur in den Villen der Wohlhabenden, sondern auch in einfachsten Räumen – und in den Grabstätten. All diese Gebäude wurden mit schier unerschöpflicher Phantasie ausgestaltet. Zitat nach Mielsch: Römische Wandmalerei. 2001, Klappentext.

Die Malerei in den Vesuvstädten Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. verursachte einen Ascheregen über den Städten Pompeji und Herculaneum, der die dort befindlichen Malereien verschüttete. Dadurch bis zu ihrer Freilegung in der Neuzeit geschützt, erhielten sich diese Werke vergleichsweise gut und dienen daher als Ausgangspunkt der meisten Untersuchungen über römische Wandmalerei.

Pompeji wurde Ende des 16. Jahrhunderts durch Domenico Fontana wiederentdeckt. Fontana grub einen Stollen bis ins Forum, erkannte jedoch nicht, dass er auf die Reste Pompejis gestoßen war. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die Grabungen durch Fürst d’Elboeuf fortgesetzt. Auch er arbeitete willkürlich und grub, ohne eine Vorstellung zu haben, an welchem antiken Ort er sich befand. Erst Karl III., König von Neapel und Sizilien, ließ gezielte Ausgrabungen durchführen. 1735 wurden die Arbeiten in Herculaneum begonnen, zehn Jahre später fanden erneut Ausgrabungen in Pompeji statt. Durch Joseph und Caroline Bonaparte (Geschwister Napoleons), die nacheinander den Thron Neapels bestiegen und die Grabungen förderten, erlebten diese einen neuerlichen Aufschwung. Im 19. Jahrhundert machte der italienische König Viktor Emanuel II. Giuseppe Fiorelli zum Ausgrabungsleiter. Dieser leitete erstmals systematische Ausgrabungen ein: der Schutt wurde entfernt, die Häuser mit Nummern versehen und in Regiones (Stadtteile) und Insulae (Wohnblocks) eingeteilt.

Stile 1882 teilte August Mau die Wandmalerei von Pompeji bis zur Verschüttung der Stadt im Jahr 79 in vier Stile ein:

1. Stil / Mauerwerk- oder Inkrustationsstil: circa 200 bis 80 v. Chr. 2. Stil / Architektur- oder Illusionsstil: circa 100 bis 15 v. Chr. 3. Stil / ornamentaler Stil: circa 15 v. Chr. bis 50 n. Chr. 4. Stil / Phantasiestil: 50 bis 79 n. Chr.

Diese Stilformen wurden anhand der Befunde in Pompeji erarbeitet, spiegeln aber künstlerische Entwicklungen der gesamten römischen Wandmalerei wider und lassen sich daher auch an anderen Orten nachweisen. Grundlage für Ansätze zu deren Einteilung waren die historisch geordneten Beschreibungen Vitruvs zu den verschiedenen Arten der malerischen Wanddekoration, die in die Differenzierungen zwischen 1. und 2. Stil mündeten.Vitruv 7,5,1–4, siehe auch Hendrik G. Beyen: Die pompejanische Wanddekoration vom zweiten bis zum vierten Stil. Band 2, Teil 1. Nijhoff, Haag 1960, passim Die Übergänge zwischen den vier Phasen sind fließend, sodass auch die zeitlichen Angaben nur ungefähre Richtwerte sein können.

Techniken Die meisten Malereien wurden mit einer Mischung aus Fresko- und Temperatechnik oder enkaustisch hergestellt. In mehreren Schichten wurde Putz auf die Wände aufgetragen, wobei die Anzahl der Schichten variieren konnte. Generell zeigen frühere Malereien und solche in reicheren Häusern mehr Schichten als spätere und solche in weniger reichen Wohnbauten. Von oben beginnend wurden die Putzschichten und dann die Malereien auf die Wand aufgetragen und unten zum Schluss fertiggestellt. Aufwendigere Malereien wurden zusätzlich poliert.

Wandaufbau Die Wände sind trotz großer Variationen im Detail nach demselben Schema aufgebaut. Es gibt immer eine Sockelzone, eine Mittelzone und eine Oberzone. Die Sockelzone ist meist eher einfach gestaltet, sie kann einfarbig sein, kann aber auch Imitationen von Marmor oder einfache Malereien von Pflanzen tragen. Geometrische Muster sind auch sehr beliebt. In der Mittelzone entfaltet sich dagegen das Hauptgewicht der Bemalung. Hier findet man je nach Stil aufwendige Architekturen oder einfache Felder, wobei der Wandmitte meist ein besonderes Gewicht zukam und von einem Gemälde geziert wurde. Feldermalereien, die vor allem ab dem 3. (ornamentaler) Stil sehr verbreitet waren, bestehen aus einem Wechsel breiter einfarbiger und schmaler, oft reich mit Pflanzen, irrealen Architekturen oder anderen Mustern dekorierter Felder. In der Oberzone finden sich gerne leichte Architekturen. Die Oberzone fehlt bei vielen einfachen Wandmalereien in den Provinzen.

Deckenmalereien, die viel weniger gut erhalten sind als solche der Wände, folgen zwei Grundtypen. Es gibt einfache Muster, vor allem Kreise oder Kassetten, die endlos wiederholt werden oder die Decke ist auf einen Mittelpunkt hin, oft mit einer Figur, komponiert.

An einigen wenigen Befunden lässt sich eine einheitliche Komposition von Fußbodengestaltung, Wand und Decke auch technisch nachweisen und mit der schriftlichen Überlieferung verbinden.Cornelius Steckner: Boden, Wand und Decke: Archäologischer Befund und Designanalyse antiker Räume. In: Eric M. Moormann (Hrsg.): Functional and Spatial Analysis of Wall Painting. Proceedings of the Fifth International Congress of Ancient Wall Painting, Amsterdam, 8–12 September 1992 (= Bulletin antieke beschaving. Supplement. 3). Stichting Babesch, Leiden 1993, ISBN 90-72821-03-3, S. 194–204.

1. Stil: Mauerwerkstil mini|230px|Wand in Herculaneum

Beim 1. Stil, Mauerwerkstil oder (nach Mau) IncrustationsstilZur Terminologie siehe Thomas Lappi: Hellenistische Wanddekorationen. Syntax, Semantik und Chronologie des Ersten Stils im westlichen Mittelmeerraum (= Archäologische Forschungen. Band 40). Reichert, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-95490-476-1, S. 7–10. wurde auf den Wänden durch farbige Malerei, Ritzungen oder plastische Gestaltung (Stuck), Aufbau und Aussehen von monumentalen Quadermauern nachgeahmt. Es handelt sich im engeren Sinne noch nicht um einen Malereistil. Geometrie spielte eine wichtige Rolle und wurde hier durch eingeritzte Linien erzeugt. Dreidimensionalität wurde durch Licht- und Schattenreflexe geschaffen. Der Stil ahmte allgemein die hellenistische Architektur nach: die Wand weist typischerweise einen Sockel, eine hohe rechteckige Mittelzone und eine durchlaufende Oberzone auf.

Die Platten der nachgeahmten Quader wurden an den Rändern so gestaltet, als handelte es sich um wirklich behauene Steinblöcke, die in die Wand eingebunden sind. Der Fugenschnitt ist deutlich zu sehen. Im oberen Wandbereich wurden häufig die angrenzenden Felder an den Ecken mit kontrastreichen Farben gemalt.

Der 1. Stil war ursprünglich kein spezifisch römisches Phänomen, sondern lässt sich über weite Teile des Mittelmeerraums verteilt nachweisen. Am berühmtesten sind die Beispiele aus den Städten, die beim Ausbruch des Vesuvs 79 n. Chr. verschüttet wurden, etwa die Räume der Casa di Sallustio sowie der Casa del Fauno in Pompeji und der Casa Sannitica in Herculaneum.Übersicht über die Verbreitung: Thomas Lappi: Hellenistische Wanddekorationen. Syntax, Semantik und Chronologie des Ersten Stils im westlichen Mittelmeerraum (= Archäologische Forschungen. Band 40). Reichert, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-95490-476-1, S. 83–122.

2. Stil: Architekturstil mini|230px|Wand im Haus des Augustus in Rom

Der 2. Stil der römischen Wandmalerei wird auch Architekturstil genannt. Von 80 bis 20 v. Chr. wurde ein architektonischer Hintergrund auf die glatte Wand gemalt. Die Wand wurde durch axialsymmetrische Scheinarchitektur oder Ausblicke in Landschaften und Megalographien aufgelöst und so vergrößert. Der Architekturstil bezog seine Vorbilder stark aus dem hellenistisch-römischen Theater. Der reife Zweite Stil ist gut im Haus des Augustus zu beobachten.

Die Sockelzone ist meist dunkel gestaltet, während die Mittelzone hell erscheint. Die meistverwendeten Farben sind dunkelrot, dunkelgrün, schwarz und gelb. Gelb wurde für Architekturelemente verwendet, blau und grün für Details.

Der Stil kann in verschiedene Subphasen unterteilt werden. Das älteste Beispiel dieses Stiles in Rom findet sich in der Casa dei Grifi auf dem Palatin und datiert um 80 v. Chr. Die Dekoration erinnert noch stark an den ersten Stil. Die Wand ist malerisch durch Marmorplatten gegliedert. Eine Neuerung sind jedoch gemalte, vor die Wand gesetzte Säulen. Die Wand erscheint dadurch also zweischichtig.

In einer weiteren Stilphase wird die Wand plötzlich durchbrochen. In der Mysterienvilla in Pompeji finden sich in den Nebenräumen Wandbilder, die im oberen Drittel einen Ausblick auf dahinter gelegene Bauten zeigen. Meist werden Tempel sichtbar.

In der Villa von Boscoreale ist die Wand vollkommen aufgelöst. Die Wände sind durch Säulen gegliedert und zeigen Ausblicke auf Landschaften oder Tempelanlagen.

Im späten Zweiten Stil sind weitere Neuerungen zu beobachten. Die Wände sind weiterhin architektonisch gegliedert, doch gibt es nun oftmals ein Mittelbild mit Ausblick, nicht auf einen Bau, sondern auf eine mythologische Landschaft. Ganz am Ende des Stils ist eine Verflachung der Wände zu beobachten. Die Wand wird wieder geschlossen und es gibt nur noch das zentrale Mittelbild. Die Architekturen, die vorher realistisch waren, werden nun mit irrealen Figuren angereichert. Bekannte Beispiele sind die Malereien in der Casa della Farnesina und in der Aula Isiaca. Diese Neuerungen sind nicht von allen Zeitgenossen begrüßt worden. So kritisiert Vitruv die Darstellung von irrealen Figuren und Architekturen: Aber all dies, was sich nach wirklichen Dingen richtet, wird jetzt fälschlicherweise abgelehnt, denn man malt auf den Wandputz lieber Ungeheuer als treue Abbilder bestimmter Dinge.Vitruv 7,5,3; Übersetzung: Volker Michael Strocka: Der Zweite Stil. In: Giuseppina Cerulli Irelli, Masanori Aoyahi, Stefano De Caro, Umberto Pappalardo (Hrsg.): Pompejanische Wandmalerei. Belser, Stuttgart/Zürich 1990, ISBN 3-7630-1949-9, S. 222.

3. Stil: Ornamentaler Stil mini|230px|Wand im Haus des Lucretius Fronto, Pompeji, Tablinum

Beim 3. oder auch ornamentalen Stil wurde die Raumtiefe wieder zurückgenommen. Die Wand dient in ihrer Fläche als Bildträger und ist horizontal und vertikal gegliedert. Die Hauptzone der Wand ist meist in verschiedene, vollkommen flächige Felder geteilt (Felderdekoration). Ein Mittelbild zeigt meist einen Landschaftsausblick mit mythologischem Thema. Die Oberzone der Wand spielt mit ihrer ornamentalen Verzierung die beherrschende Rolle. Hier finden sich manchmal auch noch Architekturen, die aber bei weitem nicht die Plastizität des 2. Stils haben. Daher wird dieser Stil auch oft Ornamentstil genannt. Eine Untergruppe des 3. Stils stellt der Kandelaberstil dar. Benannt ist er nach der häufigen Verwendung des Kandelabers als beliebtes Dekorationsmotiv. Zarte Kandelaber umrahmen statt Säulen die Bildfelder. Er steht am Übergang vom 2. zum 3. Stil. Während die Wände meist sehr flach gestaltet sind, sind die Kandelaber sehr plastisch gemalt.

Seinen Höhepunkt erreichte dieser Stil in der Wandmalerei in den Jahren von 15 v. Chr. bis 50 n. Chr.