mini|Eines der LGBT-Symbole ist die Regenbogenflagge mini|Die Vielfalt der LGBT-Szene, dargestellt in einem Straßenschild an der berühmten Christopher Street in New York City (2019)

LGBT ist eine aus dem englischen Sprachraum übernommene Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender (lesbisch, schwul, bisexuell und transgeschlechtlich). Mittlerweile hat sich LGBT als Kurzform für viele Geschlechter, Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen durchgesetzt, die von zweigeschlechtlichen oder heterosexuellen Normen abweichen. Alle Untergruppen fordern Freiheiten in Bezug auf die gesellschaftlich geprägte binäre Geschlechterordnung und die damit verbundene soziale Norm der Hetero- und Cisnormativität.

Begriffsentwicklung Zunächst kam im Englischen LGB auf als Zusammenschluss von Personen mit den entsprechenden sexuellen Orientierungen im Kampf gegen Diskriminierungen (vergleiche Heterosexismus). Dieser Sammelbewegung schlossen sich bald Gruppen von Transgeschlechtliche Personen an, die sich nicht mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizierten (vergleiche Cisgeschlechtlichkeit). Die Kategorie „Transgeschlechtlichkeit“ bezieht sich nicht auf die sexuelle Orientierung der Betroffenen, sondern auf ihre Geschlechtsidentität. Die Nähe zu den drei erstgenannten Gruppen ergibt sich historisch aus den Diskussionen um dritte Geschlechter und der sozial wirkenden Hetero- und Cisnormativität. Erst in den 1990er Jahren erlangten schwule, lesbische, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen innerhalb der Bewegung die gleiche Anerkennung. Unter anderem setzten sich die bisexuelle Aktivistin Maggie Rubenstein und die trans Aktivistin Susan Stryker dafür ein, bisexuelle und transgeschlechtliche Identitäten ausdrücklich zu berücksichtigen. Dies veranlasste einige Organisationen dazu, neue Namen anzunehmen, wie es die GLBT Historical Society als US-Archiv der LGBTQ-Geschichte im Jahr 1999 tat. Obwohl es in der LGBT-Community zahlreiche Kontroversen hinsichtlich der allgemeinen Akzeptanz verschiedener Mitgliedergruppen gab (insbesondere bisexuelle und transgeschlechtliche Personen wurden von der größeren LGBT-Community bisweilen an den Rand gedrängt), ist der Begriff LGBT innerhalb der Community zu einem positiven Symbol für Inklusion geworden.

Mit dem Aufkommen der Queer-Theorie schlossen sich weitere queere Personen der Sammelbewegung an (LGBTQ). Im Folgenden wurde die Bezeichnung teilweise weiter ergänzt mit „I“ für intergeschlechtliche Personen, dann mit „A“ für asexuelle, aromantische und agender Personen und schließlich mit einem Pluszeichen + oder Trans-Sternchen * als Platzhalter für weitere Geschlechtsidentitäten (LGBTQIA+). Ab der Jahrtausendwende waren diese Abkürzungen derart verbreitet, dass sie weltweit von vielen Gruppen und deren Medien verwendet und dadurch zum Internationalismus wurden. Seit Juli 2014 gibt es im Internet die Top-Level-Domain .lgbt.Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN):

Die UN-Menschenrechtskommission verwendet die Kurzform LGBTIQ+ in ihrer Kampagne „UN Free & Equal“. In Deutschland nennt das Glossar zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt des Bundesfamilienministeriums die Abkürzung LSBTIQ* (siehe unten). Die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte 2017 ein LSBTIQ-Lexikon.Arn Sauer: LSBTIQ-Lexikon. Bundeszentrale für politische Bildung, 27. März 2017, abgerufen am 21. Februar 2022.

Geschichte

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Begriff drittes Geschlecht als Sammelbegriff für Menschen, die von heteronormativen Regeln abweichen, verwendet. Beginnend mit Magnus Hirschfeld und vor allem ab Ende der 1940er Jahre wurde in der Wissenschaft immer mehr zwischen Homo- und Transsexualität unterschieden, und der Begriff drittes Geschlecht wurde aufgegeben. Besonders in den 1940er Jahren bis Anfang der 1970er Jahre verwendeten einige statt des medizinisch klingenden, durch die Überbetonung des Sex leicht zu Missverständnissen führenden und stark negativ belasteten Wortes homosexuell den Begriff homophil als Selbstbeschreibung, der die Liebe hervorheben sollte. Es waren oft konservativere Personen, die auch eine sehr starke Anpassung an die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft guthießen. Besonders ab Stonewall 1969 verwendeten progressivere Personen die zu Geusenwörtern gewordenen Begriffe gay oder schwul.

Durch die stärkere Zusammenarbeit der Schwulen- mit der Lesbenbewegung, die auch stark mit der Frauenbewegung verknüpft ist, wurde die Forderung nach einer eigenen Identität laut, und es wurden immer mehr die Wortfolgen „Schwule und Lesben“, „schwul-lesbisch“ oder „gay and lesbian“ verwendet, um klarzustellen, dass auch lesbische Belange gemeint sind. Oft wurde auch den Frauen im Namen der Vortritt gelassen, unter anderem, weil sie weniger oft bemerkt werden. Im Alltagsgebrauch in der Szene wird auch oft „schwullesbisch“ oder „gaylesbian“ verwendet.

In den 1970er Jahren begann sich die bisexuelle Gemeinschaft zu emanzipieren. Sie forderte, als eigenständige Gruppe betrachtet zu werden,Erwin J. Haeberle: Bisexualitäten: Geschichte und Dimensionen eines modernen wissenschaftlichen Problems. In: Erwin J. Haeberle, R. Gindorf: Bisexualitäten: Ideologie und Praxis des Sexualkontaktes mit beiden Geschlechtern. Gustav Fischer, Stuttgart 1994, S. 1–39 (online auf sexarchive.info). wollte aber teilweise mit den schon etablierten Verbänden zusammenarbeiten. Durch die herrschende Heteronormativität wurden Bisexuelle oft als Schwule und Lesben angesehen. Andererseits gab es Differenzen, da sich einige Lesben und Schwule sträubten, Bisexuelle als solche zu akzeptieren, und ihnen Feigheit vor einem Coming-out und damit manchmal sogar den Verrat an der Bewegung vorwarfen. Zusätzlich war in den späten 1970er Jahren und Anfang der 1980er Jahre die erste Euphorie nach Stonewall verflogen und AIDS betrat die Bühne der Zeitgeschichte. Auch durch Letzteres angestoßen, kamen Ende der 1980er Jahre vermehrt die Bezeichnungen „gay, lesbian and bisexual“ beziehungsweise „Schwule, Lesbische und Bisexuelle“ auf. Wegen der Langatmigkeit, alle Gruppen aufzuzählen, wurde in der englischsprachigen Welt immer öfter die Abkürzung „GLB“ beziehungsweise „LGB“ benutzt. Im deutschsprachigen Raum konnte sich die Abkürzung „LSB“ kaum durchsetzen und noch weniger „SLB“. Hier wurde immer mehr dazu übergegangen, mit den vorhandenen Worten zu spielen und oft durch Binnenmajuskel verdeutlichte Akronyme wie vor allem LesBiSchwul oder auch „schwuLesBisch“ zu verwenden. Auch die Newsgroup „de.alt.soc.lesbischwul“ hat daher ihren Namen. Das englische Pendant LesBiGay beinhaltet zugleich das Wortspiel Let’s be gay! („Lass uns schwul sein“).Stanislawa Paulus: Identität ausser Kontrolle: Handlungsfähigkeit und Identitätspolitik jenseits des autonomen Subjekts. Lit, Berlin u. a. 2001, ISBN 3-8258-4971-6, S. 85.

Unter anderem die Verbreitung von Ideen aus der Queer-Theorie und die Genderforschung in anderen Kulturen und Zeiten führten dazu, dass die Gruppierungen sich wieder näher kamen. Erst in den 1990er Jahren wurde es üblich, von gay, lesbian, bisexual and transgender people beziehungsweise „Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgeschlechtlichen Menschen“ zu sprechen. Da die oftmalige Aufzählung aller Betroffenen der sexuellen Minderheiten immer sehr langatmig und platzraubend ist, wurde Mitte der 1990er Jahre das erweiterte Akronym „LGBT“ oder seltener auch „GLBT“ üblich und hat sich recht schnell bis zur heutigen oftmaligen Verwendung durch Vereine und Organisationen verbreitet, vor allem in den englischsprachigen Ländern, aber auch im deutschsprachigen Raum und in vielen anderen Ländern. Sogar im sonst sehr auf Sprachtreue Wert legenden Frankreich hat sich diese Bezeichnung durchgesetzt. Die deutschsprachigen Pendants „LSBT“ oder „SLBT“ sind weniger verbreitet. Sprachenspezifische Akronyme gibt es dagegen in Esperanto (GLAT), Ungarisch (LMBT), Norwegisch (LHBT), Schwedisch (HBT), Spanisch aus Spanien, Katalanisch und Galizisch (LGTB)LGTB, en mayúsculas, Schottisch-Gälisch (LCDT) und Hebräisch (להט״ב, „lahatab“, lhtbVon לסביות (′lessbijot) ‚lesbische‘; הומואים (′homoim) ‚schwule‘; טרנסג'נדרים (trans′genderim) ‚transgeschlechtlich‘; ביסקסואלים (bisexu′alim) ‚bisexuelle‘ [Menschen]. Die Gerschajim (״) vor dem letzten Buchstaben (von rechts nach links) markieren es als Akronym.). An die Schrift angepasste Varianten gibt es bei Kyrillisch (ЛГБТ)Für das kyrillische Alphabet (auch cyrillisch, zyrillisch) siehe auch Stand: 2. Februar 2008, abgerufen am 2. Februar 2020..

Queer wird oft als Synonym für LGBTQ verwendet. Damit werden prinzipiell Personen bezeichnet, die nicht heterosexuell und/oder cisgeschlechtlich sind.

Das deutsche Glossar zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt des Bundesfamilienministeriums definiert „LSBTIQ*“ als:

Das Gender-Portal der Universität Duisburg-Essen definiert die Bezeichnung LSBTI* wie folgt: „Der Sammelbegriff wird als politischer Begriff verwendet, um auf die Marginalisierung und Ausgrenzung bestimmter Begehrens- und geschlechtlicher Lebensformen aufmerksam zu machen und für die gesellschaftliche Anerkennung zu kämpfen. LSBTI* zeigt vor allem den solidarischen Zusammenschluss verschiedener Gruppierungen an, die die Erfahrung von gesellschaftlicher, rechtlicher und politischer Ausgrenzung und Verfolgung aufgrund ihres Geschlechts und/oder ihres Begehrens teilen.“Universität Duisburg-Essen: Gender-Portal: Was bedeutet Gender? In: Uni-Due.de/Genderportal. 5. August 2020, abgerufen am 21. Februar 2022.

Häufigkeit Im Jahr 2016 kam eine Online-Umfrage unter knapp 12.000 Personen in der Europäischen Union zu dem Ergebnis, dass sich in Deutschland 7,4 % der Bevölkerung dem LGBT-Spektrum zuordnen. Bei den 9 europäischen Ländern mit statistisch signifikanten Ergebnissen belegte Deutschland damit den Spitzenplatz, vor Spanien (6,9 %) und England (6,5 %). Mit 1,5 % ordneten sich in Ungarn die wenigsten Personen der LGBT-Community zu.Fred Deveaux, Dalia Research: In: DaliaResearch.com/blog. 18. Oktober 2016, abgerufen am 13. Juli 2020 (englisch).

Indikatoren zur LGBT-Situation weltweit mini|Rechtliche Lage in Latein-Amerika (Infografik der Heinrich-Böll-Stiftung)

Ende 2019 veröffentlichte die konservative Londoner Denkfabrik Legatum Institute zwei sogenannte „soziale Indikatoren“ zur Situation von LGBT-Personen in 167 Staaten als Teil ihres jährlichen Wohlstandsindikators Legatum Prosperity Index (PI):Sonia Elks: Tolerance towards LGBT+ people seen rising globally. In: Reuters.com. 25. November 2019, abgerufen am 28. Januar 2020 (englisch).Legatum Institute: The Legatum Prosperity Index 2019 – Methodology Report. London, November 2019, S. 49: LGBT Rights, und S. 50: Perceived tolerance of LGBT individuals (englisch; PDF: 2 MB, 97 Seiten auf prosperity.com); Zitat S. 50:

Wahrgenommene Toleranz von LGBT-Personen, gemäß Gallup-Befragungen von 130.000 Personen weltweit: Rechte von LGBT-Personen, gemäß Auswertungen der ILGA zur Legalität von Homosexualität (1), eingetragener Partnerschaft (2) und gleichgeschlechtlicher Ehe (3)

Der erste Indikator untersucht subjektive Eindrücke der befragten LGBT-Personen, der zweite das positive Recht in den betreffenden Staaten.

Die wahrgenommene Toleranz hat sich demnach in 111 Staaten verbessert und stieg weltweit von rund 25 % (2009) auf rund 33 % (2019). Island liegt demnach auf Rang 1 (92 %), Tadschikistan – als Staat mit der niedrigsten Toleranz – liegt auf Rang 167 (1 %).

Von den drei LGBT-Rechten haben 55 Staaten keines, nur 26 haben alle, 12 haben zwei, 74 nur eines: gesetzlich erkennen sie Homosexualität an (de jure), aber nicht immer im praktischen Leben (de facto).

Die beiden Angaben gehören zu den insgesamt 27 Indikatoren des Bereichs „Persönliche Freiheit“ (Personal Freedom), einer von 12 Unterindizes des Prosperity Index und Teil des Bereichs „Inkludierende Gesellschaften“ (Inclusive Societies).