mini|Kostas Triantafyllopoulos (Garcin), Smaragda Smyrnaiou (Inès), Giorgos Velentzas (Diener) und Maria Protopappa (Estelle): Szenenfoto einer Aufführung des Theatro Kefallinias in Athen, 2002 Geschlossene Gesellschaft (frz. Huis clos) ist ein Drama des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre. Es wurde 1944 uraufgeführt.

Handlung Drei Menschen, die sich nach ihrem zeitlichen Tod in der Hölle wiederfinden, zwei Frauen, die reiche Estelle und die Postangestellte Inès, sowie der Journalist Garcin, werden von einem geheimnisvollen Diener in einen Raum eingeschlossen, in dem sie, ohne Hoffnung auf ein Ende, sich gegenseitig als Peiniger und Opfer ausgeliefert sind.

Garcin hat seine Frau misshandelt und in entscheidenden Situationen feige versagt. Die lesbische und hochintellektuelle Inès hat die junge Florence verführt und so deren Ehemann, Inès’ Cousin, entfremdet. Dieser wird daraufhin von einer Straßenbahn überfahren. Ob es sich um einen Unfall oder einen Selbstmord handelt oder ob Inès ihn vor den Zug gestoßen hat, wird aus Inès’ Erzählung nicht eindeutig klar. Florence verzweifelt infolgedessen zutiefst und vergiftet sich selbst und Inès mit Gas. Die sinnlich verführerische Estelle hat ihr Kind ermordet und ihren Geliebten dazu getrieben, Selbstmord mithilfe einer Pistole zu begehen. Alle drei werden sich bewusst, dass sie sich in der Hölle befinden, und machen sich auf das Schlimmste gefasst, aber die erwartete Folter und die körperlichen Qualen stellen sich nicht ein; nur eine leichte Hitze ist zu verspüren. Tastend versuchen sie voneinander den Grund für die Höllenfahrt zu erfahren, ohne jedoch ihre eigene Schuld zu offenbaren.

Erst allmählich wird allen klar, dass sie selbst zu ihren eigenen Folterknechten bestimmt sind, indem sie sich gegenseitig ihre Lebenslügen entreißen. Ein kurzes Aufflackern von Solidarität erlischt aus Angst und aus gegenseitigem Hass. Jeder ist dazu verdammt, die anderen beständig zu quälen und selbst von den anderen gequält zu werden. Die lesbische Inès verzehrt sich nach Estelle, die aber nichts von ihr wissen will und sich an Garcin heranmacht. Garcin wiederum lechzt nach der intellektuellen Anerkennung und Absolution durch Inès. So dürstet jeder nach der Hilfe eines der beiden anderen, verletzt diesen jedoch zugleich durch seine Annäherung. Sie können also weder voneinander lassen, noch voreinander fliehen. Nicht einmal töten können sie sich, sind sie doch bereits tot. Und so gilt auf ewig: „Die Hölle sind die anderen.“ Nacheinander proben alle den Ausbruch aus diesem Gefängnis, indem sie schreien oder an die Tür schlagen. Doch selbst als sich schließlich die Tür öffnet, erschrecken alle vor der vermeintlichen Falle der Freiheit, drängen sich wieder aneinander und niemand verlässt den Raum. Wenn Garcin am Ende die letzten Worte „also – machen wir weiter“ sagt, hat sich ihre Lage nicht verändert: Sie werden ihre Notgemeinschaft ewig aufrechterhalten müssen, ohne wirklich voranzukommen.

Philosophische Bedeutung Der Einakter Geschlossene Gesellschaft gehört zum von Sartre theorisierten Situationstheater, „das uns mit exzeptionellen Situationen wie Gefangenschaft, Unterdrückung, Folter konfrontiert und Widersprüche zwischen Existenz und Rolle transparent macht“. In Huis Clos wählt Sartre wie auch in Die Eingeschlossenen und Das Spiel ist aus „das Motiv des ,Schon tot‘, des Lebens post mortem, um so die Verstetigung der Rollenverkrustungen vorzuführen. Weil die drei Insassen tot sind, können sie dem Urteil, das sich die Andern – ihre Familien, ihre Partner –, also die Lebenden, von ihnen, den Toten, bilden, nicht durch weitere Handlungen entgehen.“Michael Lommel: „Schon tot? Szenen des Blicks bei Sartre.“ In: Lommel, Michael/Maurer Queipo, Isabel/Rißler-Pipka, Nanette/Vf. (Hrsg.): Französische Theaterfilme – zwischen Surrealismus und Existentialismus, Bielefeld 2004, S. 180.

So liefert Sartre das dramatische Gegenstück zum Negativismus der philosophischen Analyse der Intersubjektivität in Das Sein und das Nichts, in der er die Problematik der Existenz des „anderen“ am Phänomen des Blicks und des „Für-Andere-Seins“ zu erhellen versucht. Geschlossene Gesellschaft handelt um das „Drama der menschlichen Existenz als solche“, in dem die Figur von Garcin für den Menschen im Allgemeinen steht. Die einleitenden Worte („Da sind wir also“) beschreiben die von Martin Heidegger so genannte „Geworfenheit“.Bernd Oei, Albert Camus - Revolution und Revolte, Baden-Baden: Tectum Wissenschaftsverlag, 2020, S. 59. Zu Recht bezeichne Garcin selbst sein Leben als schief, „weil die menschliche Existenz von Faktizität und Kontingenz belastet, auf der anderen Seite aber zur Freiheit verurteilt“ sei.Alfred Dandyk: Unaufrichtigkeit: Die existentielle Psychoanalyse Sartres im Kontext der Philosophiegeschichte. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002, S. 40f. Man kann sich aber selbst belügen und „die ‚Unaufrichtigkeit‘ als dauerhafte Form leben, als einen konstanten Lebensstil pflegen, wie Garcin es sein Leben lang getan hat.“Ulrike Bardt: „Geschlossene Gesellschaft oder die ‚Moral in Situation‘.“ In: Ders. (Hrsg.): Jean-Paul Sartre: ein Philosoph des 21. Jahrhunderts? Darmstadt: Wiss. Buchges., 2008, S. 47. „Die Hölle, das sind die anderen“, sagt Garcin, weil Selbsttäuschung und Unaufrichtigkeit aufgehoben sind.Gustav Jager: „Sisyphus und Homo faber.“ In: Fischer Kolleg Bd. 12. Religion/Philosophie. Hrsg. von Wolfgang Hinker, Frankfurt a. M. 1973, S. 106–124, hier 108. Die dramatische Analyse der menschlichen Beziehungen unter diesen Bedingungen zeigt deren Hoffnungslosigkeit: Liebe, Sexualität und Anerkennung als grundlegende Motive der zwischenmenschlichen Bemühung sind zum Scheitern verurteilt.

Titel Im April 1944 erschien das Stück in der Zeitschrift L’Arbalète unter dem Titel „Die Anderen“ („Les Autres“).Walter Mönch: Frankreichs Kultur. Tradition und Revolte. Von der Klassik bis zum Surrealismus, Berlin/New York (Walter de Gruyter) 1972, S. 751; Olivier Nafissi: „Éléments bio-bibliographiques“. In: Jean-Marc Mouillie (Hrsg.): Sartre et la phénomenologie, Fontenay-aux-roses: ENS Editions, 2000, S. 327; Christina Drobe: Menschsein als Selbst- und Fremdbestimmung, Berlin/Boston (Walter de Gruyter) 2016, S. 211. Der französische Originaltitel Huis clos wurde später von René-Jacques Chauffard, einem ehemaligen Schüler Sartres, der den Diener spielen sollte, vorgeschlagen.Simone de Beauvoir: In den besten Jahren. Zitiert nach Gérard Bonal: Saint-Germain-des-Prés, Paris 2008, S. 125. Der französische Ausdruck „huis clos“ ist ein stehender Begriff in der Praxis von Gerichtsverhandlungen „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“. In den deutschen Übersetzungen lautet der Titel dagegen Bei geschlossenen Türen (Harry Kahn, 1949) bzw. Geschlossene Gesellschaft (Traugott König). Hans Mayer kritisierte, dass letzterer Titel nach „traulicher Gemeinschaft und gemütliche[m] Beisammensein“ klinge, was nichts mit dem Inhalt des Stückes zu tun habe.Hans Mayer: Anmerkungen zu Sartre. Neske, Pfullingen 1972, ISBN 3-7885-0028-X, S. 31.

Konflikt mit Albert Camus Garcins Rolle hatte Sartre ursprünglich für den Schriftsteller und „notorischen Verführer“ Albert Camus geschrieben. Camus sollte auch die Regie führen. Während der Proben im Hotelzimmer Simone de Beauvoirs in Saint-Germain-des-Prés „beschränkte sich ihr Konflikt zunächst auf eine Frauengeschichte“. Als die Schauspielerin Olga Kešeljević am 10. Februar 1944 von der Gestapo verhaftet wurde, wollte Camus die Proben abbrechen. „Weil Sartre damit nicht einverstanden war, zog er sich zurück. Sartre suchte sich neue Darsteller und ließ das Werk so schnell wie möglich aufführen“. 1996 wurde diese Geschichte von Jean-François Prévand als Theaterstück (Camus, Sartre… und „Die Anderen“) inszeniert. Prévand stützte seine Dokumentation auf Angaben des Verlegers Marc Barbezat, des Gatten der Schauspielerin Olga Kešeljević.Jürg Altwegg: Die langen Schatten von Vichy. Frankreich, Deutschland und die Rückkehr des Verdrängten, München/Wien 1998, S. 46f. Vgl. hierzu Lou Marin: Ursprung der Revolte. Albert Camus und der Anarchismus, Heidelberg 1998, S. 51; Carole Seymour Jones: A Dangerous Liaison: A Revelatory New Biography of Simone De Beauvoir and Jean-Paul Sartre, New York: Overlook 2009, S. 280; David Ohana: Israel and its Mediterranean Identity, New York 2011, S. 137.

Rezeption Obwohl es sich bei Huis clos um das bekannteste und erfolgreichste Stück Sartres handelt, wird seine literarische Qualität manchmal in Zweifel gezogen. Patrice Pavis spricht in seinem Artikel „Thesenstück“ von der Frustration des Publikums, das wie ein Kind belehrt werde: Huis Clos sei ein Stück „für philosophisch fortgeschrittene Kinder“.Patrice Pavis: Dictionary of the Theatre: Terms, Concepts, and Analysis, trans. Christine Shantz, Toronto: University of Toronto Press, 1998, S. 402. Zitiert nach Lucia Theresia Heumann: Ethik und Ästhetik bei Fichte und Sartre. Eine vergleichende Studie. Amsterdam: Rodopi 2009, S. 196 Fn. 183. Die Pointierung des menschlichen Daseins durch Sartre als „Hölle“, empfand seinerzeit der christliche Philosoph Gabriel Marcel als literarisches Grand Guignol.Peter Knopp: Seit Jahren erfolgreich: «Geschlossene Gesellschaft». In: Peter Knopp/Vincent von Wroblewsky (Hrsg.): Jean-Paul Sartre. Carnets 2000. Berlin/Wien 2001, S. 193. Marcel soll am Ende einer Aufführung gesagt haben: „Für mich, das Paradies, das sind die anderen“.René Habachi: Trois itinéraires — un carrefour: Gabriel Marcel, Maurice Zundel et Pierre Teilhard de Chardin. Québec: Presses de l’Univ. Laval, 1983, S. 23. Der Résistance-Autor Jean Guéhenno lehnte das Stück 1944 im Tagebuch als ekelhaft ab.Jean Guéhenno: Journal des années noires 1940–1944, Paris, Gallimard 2014 (1947), S. 433f. Vgl. Wolfgang Babilas: „Interpretation literarischer Texte des Widerstands“, in: Karl Kohut (Hrsg.): Literatur der Resistance und Kollaboration in Frankreich, Bd. III (Texte und Interpretationen), Tübingen 1984, S. 134.