mini|Das Herrschaftsgebiet der Numairiden in der Dschazīra entlang des Flusses Euphrat (Saruj = Suruç, al-Qarqisiyah = Circesium, al-Rabah = Qalʿat ar-Rahba). Die Numairiden () waren eine arabische Dynastie mit der Region Diyar Mudar in Obermesopotamien (westliche Dschazīra) als Zentrum. Die Dynastie, gegründet von Waṯṯāb ibn Sabiq, beherrschte die Städte Harran, Suruç und ar-Raqqa am Euphrat mehr oder weniger kontinuierlich zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert. Zu Beginn der Regierungszeit von Waṯṯāb (reg. 990–1019) kontrollierten sie darüber hinaus auch Edessa (heute Şanlıurfa), bis es 1031 von den Byzantinern erobert wurde. 1062 verloren die Numairiden ar-Raqqa an ihre entfernten Verwandten und ehemaligen Verbündeten, die Mirdasiden vom Stamm der Banu Kilab, während 1081 ihre Hauptstadt Harran und Suruç von den türkischen Seldschuken und deren arabischen Uqailiden erobert wurden. Bis ins frühe 12. Jahrhundert hielten die Numairiden einige isolierte Festungen in Obermesopotamien, wie Qalʿat Nadschm und Sinn Ibn Utayr in der Nähe von Samosata, aber nach 1120 verschwanden sie aus den Chroniken.

Als Beduinen vermieden die meisten Numairiden-Emire ein sesshaftes Leben in den von ihnen kontrollierten Städten. Vielmehr regierten sie ihr Emirat von ihren Stammeslagern auf dem Land aus und vertrauten die Verwaltung der Städte ihren Ghilmān (Militärsklaven) an. Eine Ausnahme von dieser Situation war Emir Mani' ibn Schabib (reg. 1044–1063), unter dessen Herrschaft die Numairiden ihren Höhepunkt erreichten. Mani' selbst wohnte in Harran und wandelte dort einen Tempel der Sabier für sich in einen reich verzierten, befestigten Palast um. Die Numairiden waren schiitische Muslime und erkannten zunächst die nominelle religiöse Souveränität des sunnitisch-muslimischen abbasidischen Kalifats an, wechselten jedoch später die Treue zum schiitischen Fatimiden-Kalifat, nachdem dieses 1037 seinen Einfluss auf Nordsyrien ausgeweitet hatte. Danach wechselten sie öfters ihre Gefolgschaft.

Herrschaftsgebiet Die Numairiden regierten die Region Diyar Mudar in der westlichen Dschazīra und kontrollierten das Land zwischen Harran, Suruç und ar-Raqqa zwischen 990 und 1081.Rice 1952, S. 74. Während eines Großteils dieser Zeit grenzte ihr Reich im Süden und Westen an die Mirdasiden von Aleppo, im Osten an die Uqailiden aus Mossul, im Norden an die Marwaniden aus Mayyafariqin und im Nordwesten an das byzantinischen Reich. Alle – außer Byzanz – waren kleine Dynastien, die von der Unfähigkeit und dem Konflikt der größeren regionalen Kräfte der Abbasiden, Fatimiden und Byzantiner profitierten und so zwischen dem 10. und frühen 11. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit etablieren konnten.Rice 1952, S. 74–75. Zu verschiedenen Zeiten erklärten sich die Numairiden nominell loyal gegenüber diesen Mächten und gingen auch mit diesen lose Bündnisse ein.Rice 1952, S. 75.

Geschichte Ursprünge Die Numairidenherrscher gehörten zum Stamm der Banu Numair.Bosworth 1996, S. 93. Der Name Numair () wird wahrscheinlich mit Nimr () assoziiert, dem arabischen Wort für ‚Leopard‘.Della Vida 1995, S. 120. Die Banu Numair waren ein Zweig des Stammes Banu ʿAmir ibn Saʿsaʿa und daher Teil der Qaysi oder nordarabischen Linie. Die Araber waren grob in nördliche Adnan-Stämme und südliche Qahtan-Stämme unterteilt. Während eines Großteils ihrer Geschichte waren die Banu Numair eine verarmte Nomadengruppe, die hauptsächlich vom Brigantentum lebte. Sie tauchen erst in der Umayyadenzeit (668–750) in den historischen Quellen auf, als sie die westlichen Hügel von al-Yamama im Zentrum Arabiens dominierten. Wegen ihrer Raubzüge wurden die Banu Numair 846 durch eine Strafexpedition des abbasidischen Generals Bugha al-Kabir zerstreut, erholten sich jedoch in späteren Jahrzehnten davon.

Der mittelalterliche Chronist Ibn al-Adim war der Ansicht, dass die Banu Numair 921 von al-Yamama nach Obermesopotamien ausgewandert sind,Zakkar 1971, S. 70. während der Historiker Clifford Edmund Bosworth ihre Ankunft etwas später zwischen 940 und 955 vermutete. Dies entsprach der zweiten großen postislamischen Migration der Araber nach Syrien und Mesopotamien,Heidemann 2005, S. 104. diesmal in Verbindung mit der Auswanderung der Qarmaten aus dem Irak.Bianquis 2002, S. 180. Wie die Banu Numair waren auch viele der Stämme, die Teil der qarmatischen Armee waren, Zweige der Banu 'Amir ibn Sa'sa', einschließlich der Banu Kilab, Banu Chafaja, Banu Uqail und Banu Quschayr.Zakkar 1971, S. 69–70. Diese nomadisch-arabischen Gruppen entwurzelten weitgehend die vorherigen sesshaften Bevölkerung Obermesopotamiens, machten die Straßen für Reisende unsicher und schädigten durch ihre Überfälle auf Dörfer und Städte die Landwirtschaft stark.

Nach dem 10. Jahrhundert Chronist Ibn Hauqal:Heidemann 2005, S. 93.

Im Jahr 942 dienten Stammesangehörige der Banu Numair als Hilfstruppen für einen abbasidischen Gouverneur in Obermesopotamien. Sechs Jahre später wurden sie auf die gleiche Weise von Saif ad-Daula (reg. 945–967), dem Hamdaniden-Emir von Aleppo, gegen Einfälle des Ichschididen-Führers Abu al-Misk Kāfūr eingesetzt.Sinclair 1990, S. 203. Nicht lange danach versuchte Saif ad-Daula, die Beduinenstämme zu kontrollieren, deren wachsende Stärke auf Kosten der sesshaften Bevölkerung ging. So wurden die Banu Numair aus Diyar Mudar vertrieben und flüchteten ins Dschabal Sindschar im benachbarten Diyar Rabi'a im Osten. Zusammen mit anderen Qaysi-Stämmen empörten sich die Banu Numair gegen Saif ad-Daula und den Hamdaniden-Emir von Mossul, Nasir al-Daula. Letzterer vertrieb sie in die syrische Wüste, während Saif ad-Daula 955/56 ihre Unterwerfung gelang und er die Banu Numair in ein Gebiet in der Nähe des Flusses Chabur im Diyar Mudar umsiedelte. Bis 957 startete Saif ad-Daula eine weitere Expedition gegen die Banu Numair, die sich als widerspenstige Untertanen erwiesen.

Niederlassung in Harran mini|Ruinen des mittelalterlichen Harrans – Hauptstadt der Numairiden Als Saif ad-Daula 967 starb, geriet sein Reich in eine Phase des Niedergangs. Dies schwächte die Fähigkeit der Hamdaniden, die südöstlichen Gebiete des Diyar Mudar nahe der feindlichen byzantinischen Grenze wirksam zu kontrollieren, was eine weitere Abhängigkeit von den Banu Numair erforderlich machte. Zu diesem Zweck beauftragte Saif ad-Daulas Nachfolger Sa'd ad-Daula Mitglieder des Stammes mit der Verwaltung der Städte wie Harran, zu dessen Emir er den Numairiden Waṯṯāb ibn Sabiq ernannte. Dieser rebellierten kurze Zeit später in 990 gegen die Hamdaniden und erklärten sich für unabhängig.Sinclair 1990, S. 204. Dieses Ereignis markierte die Gründung der Numairiden-Dynastie.

Später im Jahr 990 übernahm Waṯṯāb die befestigte Stadt Suruç westlich von Harran und eroberte 1007 ar-Raqqa von dessen hamdanidischen Gouverneur Mansur ibn Lu'lu'.Rice 1952, S. 77. Während seiner frühen Regierungszeit entriss Waṯṯāb auch Edessa nördlich von Suruç den Hamdaniden und setzte dort seinen Cousin Utayr ein. Die Eroberung von Edessa brachte die Numairiden in eine strategisch wichtige Position gegenüber den Byzantinern, deren Territorium von Norden und Westen an Edessa grenzte. Waṯṯāb starb 1019/20 und wurde von seinem Sohn Schabib abgelöst.

Schabibs Herrschaft Die Numairiden haben irgendwann nach Waṯṯābs Tod die Kontrolle über Harran verloren.Heidemann 2005, S. 99–100. Während Schabibs früher Regierungszeit lehnten sich Edessas Einwohner zunehmend gegen Utayr auf, wahrscheinlich weil er den beliebten stellvertretenden Herrscher der Stadt getötet hatte. Im Jahr 1030 intervenierte Nasr ad-Daula, der marwanidische Emir von Mayyafariqin, im Namen von Edessas Einwohnern und tötete Utayr. Danach wurde in Edessa zwischen zwei Numairiden aufgeteilt. Ein Sohn Utayrs, der in Quellen nur als Ibn Utayr bekannt ist, wurde zum Gouverneur von Edessas Hauptzitadelle ernannt, während Schibl ad-Daula, ein kleinerer Numairidenfürst die kleinere Zitadelle der Stadt erhielt. Es gibt unterschiedliche Berichte darüber, ob Nasr ad-Daula oder der Mirdaside Salih ibn Mirdas, nach Utayrs Sturz die Teilung von Edessa entschieden haben.

1030/31 wurden Verhandlungen zwischen den Byzantinern und Ibn Utayr oder dessen marwanidischen Gönnern über eine Übergabe der Hauptzitadelle von Edessa an die Byzantiner aufgenommen. Dies stieß auf den Unmut von Schibl ad-Daula von der kleineren Zitadelle. Ibn Utayr oder die Marwaniden verkauften schließlich die Hauptzitadelle für 20.000 Golddinare und mehrere Dörfer an den byzantinischen Kaiser Romanos III. zu verkaufen. Nach dem Verkauf und Einzug der Byzantiner flohen Schibls Streitkräfte, die muslimischen Einwohner wurden massakriert und die Moscheen der Stadt niedergebrannt. Ibn Utayr zog offenbar in eine nach ihm benannte Festung in der Nähe von Samosata namens Sinn Ibn Utayr.

Eine Einigung zwischen Schabib und den Byzantinern wurden 1032 erreicht: Edessa wurden Byzanz zugesprochen, während der Rest von Diyar Mudar bei den Numairiden verblieb. Für eine unbekannte Zeit danach zahlte Schabib Tribute an die Byzantiner.Rice 1952, S. 44. Da er die Byzantiner nicht effektiv herausfordern konnte, konzentrierte sich Schabib darauf, seine Herrschaft nach Osten und Norden auf Kosten der Marwaniden und Uqailiden auszuweiten. 1033 griff er Nisibin an, wurde aber von den Uqailiden zurückgeschlagen. Im folgenden Jahr erhielt er byzantinische militärische Unterstützung und rückte gegen Amid, die Hauptstadt der Marwaniden, vor. Aber er unterlag einem Bündnis aus Marwaniden und Uqailiden. 1036 wechselten Schabib und Ibn Utayr die Seiten und schlossen sich den Bemühungen der Marwaniden und Uqailiden an, um die Byzantiner aus Edessa zu vertreiben.Rice 1952, S. 78.Green 1992, S. 97. Die Numairiden eroberten und plünderten die Stadt, nahmen mehrere Männer gefangen und töteten viele der Einwohner. Sie konnten jedoch nicht die Zitadelle einnehmen und Schabib zog sich hastig zurück, um sich einer seldschukischen Bedrohung für Harran zu stellen. Schabib und die Byzantiner schlossen 1037 Frieden und Edessa wurde wieder als byzantinischer Besitz bestätigt.

Den Frieden mit seinen Nachbarn nutze Schabib dazu seinen Schwager Nasr ibn Salih, dem Mirdasiden-Emir von Aleppo, 1037 gegen einen Angriff der Fatimiden unter Anuschtegin ad-Duzbiri zu Hilfe zu eilen. Die Fatimiden wollten ihre direkte Kontrolle über Nordsyrien ausweiten, die von ihren nominellen Vasallen, den Mirdasiden, gehalten wurde. Schabibs Schwester al-Sayyida Alawiyya, die für ihre Intelligenz und Schönheit bekannt war, war mit Nasr ibn Salih verheiratet und spielte später eine wichtige Rolle in der lokalen Politik.Bianquis 2002, S. 181. Bei einem erneuten Angriff ad-Duzbiris im Mai 1038 wurde Nasr ibn Salih getötet. Seine Ehefrau und Bruder Thimal suchten im Norden Zuflucht. Später heiratete Thimal seine Schwägerin. Um 1038 ordnete Schabib sich den Fatimiden unter und ließ den Namen des Kalifen Al-Mustansir in der Chutba des Freitagsgebets verlesen. Dies war ein formeller Bruch mit dem abbasidischen Kalifat, dessen religiöse Legitimität die Numairiden zuvor anerkannt hatten.

Der Kampf um ar-Raqqa mini|Mani' ibn Schabib verkaufte die Festung Qalʿat Dschaʿbar an den fatimidischen Gouverneur Anuschtegin ad-Duzbiri, erlangte sie aber nach dessen Tod 1041 wieder.