miniatur|Tigranes II. mit der armenischen Tiara auf einer seiner Münzen, 74 v. Chr., Antiochia

Tigranes II. der Große (, ; * um 140 v. Chr.; † um 55 v. Chr.), der Sohn Tigranes’ I. und einer alanischen Prinzessin, war der bedeutendste König aus der Dynastie der Artaxiden und herrschte von etwa 95 bis 55 v. Chr. über Großarmenien. Im Bündnis mit Mithridates VI. von Pontos stieg er für kurze Zeit zum mächtigsten Monarchen im östlichen Mittelmeerraum auf. Im Dritten Mithridatischen Krieg (73–63 v. Chr.) wurde er jedoch vom römischen Feldherrn Lucullus besiegt, kapitulierte vor Pompeius und verlor seine zahlreichen Eroberungen wieder.Ruben Manaseryan: 94-64 թթ. (Tigran the Great: The Armenian Struggle Against Rome and Parthia, 94-64 B.C.). Lusakan Publishing, Yerevan 2007.

Geiselhaft und erste Jahre als König Nachdem Armenien unter seinem Onkel Artavasdes I. um 120 v. Chr. von Großkönig Mithridates II. (regierte 123–88 v. Chr.) von Parthien angegriffen und besiegt worden war, musste Tigranes II. viele Jahre in parthischer Geiselhaft am Hof von Ktesiphon leben.Ruben Manaseryan: (Tigran II). In: Armenische Sowjet-Enzyklopädie. Band XI, Armenische Akademie der Wissenschaften, Jerewan 1985, S. 697–698. Erst um 96/95 v. Chr., nach dem Tode seines Vaters Tigranes I., durfte er – um den Thron zu besteigen – nach Artaxata zurückkehren, allerdings unter der Bedingung, ein Freund der Parther zu bleiben und diesen (laut Strabon) „siebzig Täler“ zu überlassen.Strabon, Geographie 11, 14, 15.

Als neuer König begann Tigranes umgehend, seine Macht auszubauen: Um 95 v. Chr. eroberte er das südwestlich seines Machtbereichs gelegene Königreich Sophene, das sich 188 v. Chr. von Armenien abgespalten hatte.Strabon, Geographie 11, p. 532. Außerdem ging er ein Bündnis mit Mithridates VI. von Pontos ein, dessen Tochter Kleopatra er zu seiner Hauptgemahlin machte. Im Gegenzug für diese Heirat kam Tigranes 93 v. Chr. dem Wunsch seines neuen Schwiegervaters nach und ließ sein Heer im benachbarten Kappadokien einmarschieren. Dessen König Ariobarzanes I., ein römischer Schützling, ergriff die Flucht. Tigranes sorgte dafür, dass mit Ariarathes IX. – Mithridates’ Sohn, der durch einen römischen Schiedsspruch den kappadokischen Thron verloren hatte – plangemäß wieder der pontische Kandidat den Thron in Mazaka bestieg.Appian, Mithridateios 10 und 15; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 38, 3, 2 f.; Plutarch, Lucullus 14. Der römische Feldherr Sulla drang aber 92 v. Chr. im Auftrag des Senats in Kappadokien ein, vertrieb die armenischen Truppen und setzte Ariobarzanes wieder als König ein.Plutarch, Sulla 5; Appian, Mithridateios 57.

Aufstieg zum „König der Könige“ Nach dem Tod von Mithridates II. dem Großen (88 v. Chr.) erweiterte Tigranes sein Reich auch nach Parthien hinein: Bis nach Ekbatana in Medien, Arbela in Assyrien und ans Kaspische Meer vorstoßend, eroberte er sowohl die „siebzig Täler“ zurück als auch Mygdonien (mit Nisibis), Gordyene, Adiabene und Osrhoene im nördlichen Mesopotamien sowie Atropatene im heutigen Aserbaidschan.Strabon, Geographie 11, p. 532 und 16, p. 747. Er nannte sich nun Schahanschah („König der Könige“) und ließ diesen achämenidischen Herrschertitel ab 85 v. Chr. auf seine Münzen prägen.

Um 85 v. Chr. brachte Tigranes auch Syrien unter seine Kontrolle. Dem antiken Historiker Iustinus zufolge wurde er von einer Partei, die über die anhaltenden Thronstreitigkeiten innerhalb der Seleukiden-Dynastie verärgert war, ins Land gerufen. Unter seiner Herrschaft sei es in Syrien 17 Jahre völlig ruhig geblieben.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 40, 1, 1 ff. Laut Appian, der Tigranes’ Regierungszeit in Syrien mit 14 Jahren bemisst, habe er gegen die Seleukiden gekämpft, da sie die Anerkennung seiner Oberherrschaft ablehnten.Appian, Syriake 48 und 69 f. Tigranes nahm Antiochia am Orontes ein, feierte diesen Erfolg durch die Prägung einer darauf bezüglichen silbernen Tetradrachme, die sein Porträt trug, und unterwarf bis 83 v. Chr. zudem Teile Kilikiens und Kommagene.Plutarch, Pompeius 28 und Lucullus 21; Appian, Syriake 48; Cassius Dio, Römische Geschichte 36, 37, 6. Er ernannte seinen Feldherrn Magadates zum Statthalter seiner Eroberungen im Seleukidenreich.Appian, Syriake 48. Sein Bruder Guras wurde Kommandant in Nisibis.Plutarch, Lucullus 32, 3 ff. Nach Süden hin dehnte er seine Herrschaft nach Phönikien aus.Strabon, Geographie 11, p. 532; Plutarch, Lucullus 21.

In Absprache mit Mithridates VI. fiel Tigranes um 77 v. Chr. abermals in Kappadokien ein.Appian, Mithridateios 67. Er machte zahlreiche Gefangene, die er ebenso wie Angehörige anderer Völker, darunter auch Griechen, deportierte, um sie in seiner neu errichteten Hauptstadt Tigranokerta („Stadt des Tigranes“) anzusiedeln. Deren genaue Lage ist nach wie vor umstritten. Die Verlegung der Hauptstadt diente der besseren Verwaltbarkeit des neuen Großreichs, da Tigranokerta ungefähr in dessen Zentrum lag.

Armenisches Großreich mini|Das Reich Tigranes des Großen Tigranes’ weniger als zwei Jahrzehnte bestehendes Großreich blieb ein inhomogenes Gebilde. Es wurde im Süden vom Taurusgebirge begrenzt, das weite, fruchtbare Flussebenen und viele unwegsame Höhenzüge aufwies. Im Osten lagen die Landschaften Medien und Atropatene. Nördlich von Tigranes’ Reich erstreckten sich die Gebiete der im Kaukasus bis hin zum Schwarzen Meer siedelnden Völker der Albaner, Iberer und Kolcher; im Westen zog sich der Euphrat dahin. Das gebirgige Land zerfiel administrativ in 120 Strategien, wobei in den nördlichen Regionen Bergbau betrieben wurde, während in den Gebieten der Komisene und Orchistene Pferdezucht vorherrschte. Die armenischen Reiter gehörten der Adelsschicht an, trugen in den Kriegen starke Panzerungen (Kataphrakten) und bezogen ihre Einkünfte aus den Erträgen der untertänigen Bauernschaft.Peter Scholz: Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik. Klett-Cotta, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-608-98778-2, S. 149 f.

Der armenische König verdankte seinen Reichtum vor allem der Kontrolle der großen Städte Syriens und Phöniziens sowie dem Transithandel durch Mesopotamien. In den eroberten hellenisierten Staaten blieben die meisten Einrichtungen unverändert, während Armenien weiterhin in losen feudalen Fürstentümern organisiert war. Nicht nur zur Bevölkerung von Tigranokerta, sondern auch für die Kontrolle strategisch wichtiger Wirtschaftsgebiete wie den Warentransport über den Euphrat wurden Bevölkerungsgruppen zwangsumgesiedelt. So hatten die an den Euphrat verpflanzten nomadischen Araber den dortigen Handel zu überwachen.Plutarch, Lucullus 21, 4; Plinius der Ältere, Naturalis historia 6, 142.

Tigranes’ Herrschaft gilt als der Höhepunkt der Hellenisierung Armeniens und der von ihm eroberten Nachbarländer. Die Benennung der neuen Hauptstadt Tigranokerta nach dem armenischen König folgte hellenistischem Muster, etwa der Benennung Alexandrias nach ihrem Gründer Alexander dem Großen. Nach klassisch-griechischem Modell war Tigranokerta mit einer Akropolis, einem Königspalast und einem Theater ausgestattet,Plutarch, Lucullus 28, 4. und die Gattin des Königs, Kleopatra, holte griechische Philosophen und Rhetoren an ihren Hof. Auch wurden griechische Schauspieler zur Einweihung des neuen Theaters in Tigranokerta eingeladen.

Neben hellenistischen gab es in Tigranes’ Reich auch starke iranische Einflüsse. So entsprach die Gesellschaftsstruktur Großarmeniens nicht griechischem Vorbild, sondern hatte ein locker-aristokratisches Gefüge wie im Partherreich. Nahe Tigranokerta ließ der armenische König ein Jagdgebiet anlegen, und zwar nach der Art des Adels der Arsakiden, der besonders gerne in solchen speziellen Arealen der Jagd frönte. Jene Tetradrachmen des armenischen Königs, die seine Eroberung Antiochias feiern, tragen eine griechisch Inschrift und weisen in der Typologie der darauf geprägten Porträts hellenistische Merkmale auf, daneben aber auch iranische Elemente wie den Titel „König der Könige“ und Tigranes’ mit dem Stern der Göttlichkeit verzierte perlenbesäte Tiara. Daher scheint der Philhellenismus des armenischen Hofs eher oberflächlicher Natur gewesen zu sein.

Bei offiziellen Anlässen trug Tigranes nach traditioneller Sitte ein purpur und weiß gestreiftes Untergewand, darüber einen purpurnen, langen Mantel und als Kopfbedeckung eine hohe, rechteckige Tiara aus Filz nach Art früherer achämenidischer Monarchen mit um sie herumgebundenem Diadem.Peter Scholz: Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik, 2024, S. 147.

Krieg und Niederlage gegen Rom mini|Tigranes der Große mit vier Vasallen

Ablehnung der Auslieferung des Mithridates VI. Am Beginn des Dritten Mithridatischen Krieges versuchte Tigranes sich neutral zu verhalten und eine direkte Konfrontation mit Rom zu vermeiden. Mitte 71 v. Chr. musste Mithridates VI. vor dem siegreichen römischen Feldherrn Lucullus aus seinem Reich flüchten und begab sich zu seinem Schwiegersohn Tigranes. Dieser gestattete ihm aber nicht die Aufnahme an seinem Hof, sondern wies ihm ein abgelegenes armenisches Kastell unbekannter Lage als Wohnsitz an. Der pontische Herrscher war genötigt, gut eineinhalb Jahre in dieser Festung zu verbringen.Memnon von Herakleia, Über Herakleia 46, 1 und 55; Plutarch, Lucullus 22.

Sofort nach der Flucht des Mithridates VI. hatte unterdessen Lucullus 71 v. Chr. einen Legaten, seinen jungen Schwager Appius Claudius Pulcher, zu Tigranes geschickt, um die Auslieferung des pontischen Königs zu fordern, da er diesen im Triumphzug in Rom aufführen wollte.Plutarch, Lucullus 19, 1; Memnon, Über Herakleia 46, 2. Zu dieser Zeit war der armenische König dabei, phönikische Städte zu unterwerfen. Claudius Pulcher wurde zuerst fehlgeleitet und musste im syrischen Antiochia lange auf Tigranes warten.Plutarch, Lucullus 21, 1 f.; Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 13, 419 und Jüdischer Krieg 1, 116. Der römische Gesandte nahm heimlich Kontakt mit unzufriedenen Vasallen und Städten des Tigranes auf. So wandte er sich auch an den König von Gordyene, Zarbienos, der dafür später hingerichtet wurde.Plutarch, Lucullus 21, 2 und 29; Sallust, Historien 4, 56.

Tigranes belagerte noch die ptolemäisch-seleukidische Königin Kleopatra Selene in Ptolemais und nahm sie gefangen.Josephus, Jüdische Altertümer 13, 420 und Jüdischer Krieg 1, 116; Strabon, Geographie 16, 749. Dann kehrte er in sein Reich zurück und fühlte sich beim Empfang des römischen Legaten durch dessen provozierendes Auftreten beleidigt. Verärgert war er auch, dass er im Schreiben des Lucullus nur als „König“ und nicht mit seinem Titel „König der Könige“ angeredet wurde. Unter Hinweis auf seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Mithridates VI. lehnte er dessen Auslieferung ab und replizierte auf die in Lucullus’ Brief angekündigte Kriegsdrohung für ebendiesen Weigerungsfall mit der Feststellung, dass er sich gegen römische Attacken wehren werde. In seinem Antwortschreiben ließ er außerdem den Imperator-Titel für Lucullus weg.Plutarch, Lucullus 21; Memnon, Über Herakleia 46, 2 f. Daraufhin kehrte Claudius Pulcher im Frühjahr 70 v. Chr. nach Ephesos zurück und erstattete Lucullus über sein Treffen mit Tigranes Bericht.Plutarch, Lucullus 23, 2.