Das stillgelegte Kernkraftwerk Gundremmingen (Abkürzung KRB), gelegen an der Donau bei Gundremmingen im Landkreis Günzburg in Bayern, war zuletzt mit einer elektrischen Bruttoleistung von 1344 MW (Block C) das leistungsstärkste Kernkraftwerk in Deutschland und das letzte deutsche Kernkraftwerk, das noch mehr als einen Reaktor in Betrieb hatte. Block B wurde gemäß dem Atomgesetz (§ 7) von 2011 am 31. Dezember 2017 abgeschaltet; Block C folgte am 31. Dezember 2021.https://www.rwe-production-data.com/map/UN/E000006/graph/

Gleichzeitig war es der letzte in Deutschland betriebene Standort mit Siedewasserreaktoren. Eigentümer des Kernkraftwerks ist die RWE Power AG.

Reaktorblöcke Block A mini|links|Der havarierte Block A mini|Ein ausgedienter Turbinenläufer des Kernkraftwerks Gundremmingen A vor dem Infozentrum des Kraftwerks

Der alte Block A, ein Siedewasserreaktor mit einer Leistung von 237 MW, der von 1966 bis zu einem Störfall am 13. Januar 1977 betrieben wurde, wird seit 1983 zurückgebaut. Der Reaktorblock erlitt bei dem Störfall einen wirtschaftlichen Totalschaden.

Im Januar 2006 genehmigte das Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz den Bau eines sogenannten Technologiezentrums im Bereich des ehemaligen Block A. Hier können zukünftig folgende Arbeiten durchgeführt werden:

Bearbeitung sonstiger radioaktiver Stoffe mit dem Ziel der Freigabe, Herstellung und Lagerung von Werkzeugen und Geräten, Komponenteninstandhaltung, Konditionierung radioaktiver Abfälle, Lagerung und Transportbereitstellung von konditionierten und unkonditionierten Abfällen bis zu deren Verarbeitung bzw. deren Abtransport.

Mit der Genehmigung wird auch die Ableitung radioaktiver Stoffe über den 118 m hohen Kamin erlaubt. Maximal zulässige Radioaktivitätsabgabe pro Jahr: 50 MBq für aerosolförmige Radionuklide mit Halbwertszeiten von mehr als 8 Tagen (außer 131I), maximal 0,5 MBq für 131I und maximal 100.000 MBq für Tritium.

Geschichte

Nachdem die Stadt Nürnberg wegen ihrer Trinkwasserschutzgebiete im Mündungsgebiet des Lechs gegen den anfangs geplanten Standort Bertoldsheim an der Donau (zwischen Donauwörth und Neuburg an der Donau) protestiert hatte, wurde rund 50 Kilometer donauaufwärts in Gundremmingen (zwischen Dillingen und Günzburg;Radkau/Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft, München 2013, S. 295. nächstgelegene Großstädte sind Augsburg und Ulm) Deutschlands erstes Großkernkraftwerk am 13. Juli 1962 beantragt, schon am 14. Dezember 1962 genehmigt und im Dezember 1966 in Betrieb genommen. Eine protestierende „Notgemeinschaft Atom-Kraftwerk Gundremmingen-Offingen“ wurde mit in Aussicht gestellten Geldern zum Verstummen gebracht.Joachim Radkau: „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945–1975“, Hamburg 1983 Der TÜV München erstellte 1963 das Sicherheitsgutachten. Ebenso hatte die Reaktor-Sicherheitskommission Sicherheitsbedenken.Radkau/Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft, München 2013, S. 274. Das Kraftwerk erhielt den Status als „gemeinsames Werk“ iSd. Art. 45ff. des Euratom-Vertrags und erhielt daher die Befreiung von direkten Steuern und Zöllen. Zusätzlich wurden aus dem US-Euratomprogramm ca. 30 Mio. DM zur Verfügung gestellt. Ohne diese Euratom-Unterstützungen wären die Baubeschlüsse schwerlich zustande gekommen.Joachim Radkau: Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft. 1945–1975, 1983, S. 178.

Am 13. Januar 1977 kam es zu einem Unfall mit wirtschaftlichem Totalschaden. Bei kaltem und feuchtem Wetter traten an zwei stromabführenden Hochspannungsleitungen Kurzschlüsse auf. Bei der dadurch eingeleiteten Schnellabschaltung kam es zu Fehlsteuerungen. Nach zirka zehn Minuten stand im Reaktorgebäude das Wasser etwa drei Meter hoch und die Temperatur war auf rund 80 Grad Celsius angestiegen. Durch die Fehlsteuerung kam es dazu, dass zu viel Wasser zur Notkühlung in den Reaktor gepresst wurde. Durch Überdruck-Ventile gelangten – unterschiedlichen Quellen zufolge – zwischen 200 m³ und 400 m³ radioaktives Kühlwasser (ca. 280 Grad Celsius) in das Reaktorgebäude. Im Gegensatz zu den heutigen besaßen die damaligen Siedewasserreaktoren noch keine Kondensationskammern, sondern bliesen den Dampf in ein Volldruck-Containment ab. Das im Gebäude befindliche Wasser wurde später, wie auch die Gase, kontrolliert ins Freie geleitet.

Neben der Instandsetzung verlangten Politik und Aufsichtsbehörden eine Modernisierung der Leit- und Sicherheitstechnik. Wegen der für die Modernisierung erforderlichen Investitionen von 180 Millionen DM verzichteten die Betreiber später auf eine Wiederinbetriebnahme, zumal sich die neuen Blöcke B und C bereits im Bau befanden. Die kontaminierten Stahlteile wurden in Behälter gegossen und im Zwischenlager Mitterteich eingelagert.

Es war in Deutschland der erste und lange Zeit einzige bekannte Großunfall eines Kernkraftwerks mit wirtschaftlichem Totalschaden. Der Block A wird seit 1983 rückgebaut. Im Oktober 2005 wurde mit der Bodenwanne des Reaktordruckgefäßes das letzte große Bauteil demontiert. Beim Rückbau der Anlage fielen nach Betreiberangaben rund 10.000 Tonnen Schrott an, wovon 86 Prozent wieder verwertbar waren und 14 Prozent als radioaktiver Abfall in ein, bisher nicht existierendes Endlager gebracht werden müssen. Block A speiste bis zu seiner Stilllegung insgesamt 13,8 TWh Energie in das Stromnetz ein. Die Abwicklung soll bis zu 1 Milliarde Euro kosten und wird vom Betreiber bezahlt. Der gesamte Reaktor kann erst abgebaut werden, wenn Schacht Konrad als Endlager für die restlichen Abfälle fertiggestellt wird.

Den Betreibern wurde im Januar 2006 vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz gestattet, die Anlage – ausgenommen das Reaktorgebäude – künftig als Technologiezentrum zu nutzen. Nach Umbau und Modernisierung werden darin Kernkraftwerksteile und Reststoffe aus dem laufenden Betrieb mechanisch und chemisch behandelt oder dekontaminiert. Weiter ist vorgesehen, Kernkraftwerkskomponenten zu warten oder zu reparieren sowie Spezialwerkzeuge und -geräte anzufertigen und bis zu ihrem Einsatz vorzuhalten.

Blöcke B und C mini|Modell im Infozentrum des Kraftwerkes Die Blöcke B und C sind zwei benachbarte, baugleiche Blöcke. Sie setzen sich aus jeweils einem Reaktorgebäude, einem Maschinenhaus und einem 161 m hohen Naturzug-Nasskühlturm zusammen.

In beiden Reaktoren wurden bis zur Abschaltung von Block B jeweils rund 136 Tonnen Kernbrennstoff vorgehalten. Die Brennelemente verblieben etwa fünf Jahre im Reaktor. Bei jährlichen Revisionen wurden jeweils rund ein Fünftel der Elemente ausgetauscht. Das in den Kühltürmen verdunstende Wasser von 0,7 Kubikmeter pro Sekunde wurde über einen 1,4 Kilometer langen Kanal der Donau entnommen. Die Rückleitung von Wasser erfolgte über eine unterirdische Rohrleitung.

Geschichte Baubeginn der Blöcke B und C war am 19. Juli 1976. Block B wurde am 9. März 1984 fertiggestellt, Block C am 26. Oktober 1984. Es handelt sich um Siedewasserreaktoren der Baulinie 72 der KWU. Jeder Reaktor war mit 784 Brennelementen (BE) beladen. Ein Brennelement enthält rund 174 Kilogramm Uran und besteht aus 100 (10 × 10) Brennstäben. Die Blöcke B und C erzeugen insgesamt etwa 21 TWh elektrische Energie pro Jahr. Damit wurden rechnerisch etwa 30 % des bayerischen Bedarfs gedeckt.

Der Netzanschluss erfolgt über die Schaltanlage Gundelfingen auf der 380-kV-Höchstspannungsebene in das Netz des Übertragungsnetzbetreibers Amprion.

Eine im September 1999 beantragte Leistungserhöhung beider Blöcke von einer elektrischen Bruttoleistung von je 1.344 MW auf 1.450 MW wurde viele Jahre zurückgehalten. Die elektrische Nettoleistung beträgt 1.300 MW pro Kraftwerksblock. Beide Blöcke wurden seit einigen Jahren auch für den Lastfolgebetrieb, bei dem die Leistung der Stromnachfrage („Last“) nachgesteuert wird, eingeplant. Zumindest an Wochenenden wurden die Kernreaktoren häufig in ihrer Leistung gedrosselt, gelegentlich auch bei hoher Windstromeinspeisung. Die planmäßige Abschaltung des Kernkraftwerks Gundremmingen B war – bis zur Laufzeitverlängerung im Herbst 2010 – für das Jahr 2016 angekündigt, die Abschaltung von Gundremmingen C für 2017. Bereits Ende 1994 hatten die Betreiber die (Neu-)Verträge mit den Wiederaufarbeitungsanlagen („WAA“) im französischen La Hague und im britischen Sellafield gekündigt und schlugen damit den Weg der langfristigen Zwischenlagerung ein.

1995 wurden weltweit erstmals bei Siedewasserreaktoren in großem Umfang plutoniumhaltige Mischoxid-Brennelemente (MOX-Brennelement) eingesetzt. Mit rund 40.000 Einwendungen protestierten die Umweltschutzverbände. Die erhöhte Reaktivität dieser Brennelemente wurde und wird von Verbänden kritisiert. Die Betreiber müssen die sichere Abschaltung des Reaktors in jeder Betriebssituation gewährleisten. In mindestens jeder Betriebsperiode und bei jeder Veränderung der Bestückung des Reaktorkerns ist der Nachweis der sogenannten Abschaltreaktivität zu erbringen, wie sie die sicherheitstechnische Bestimmung KTA 3104 Ermittlung der Abschaltreaktivität vorsieht.

Am 19. Dezember 2007 beantragten die Betreiber beim Bayerischen Umweltministerium, die elektrische Leistung der beiden Blöcke um je 52 Megawatt erhöhen zu dürfen.Anmerkung: Bei einem Wirkungsgrad von etwa 33 Prozent wäre dazu eine Erhöhung der thermischen Leistung um 160 je MW erforderlich. Der 170 m hohe Abluftkamin wurde von den Blöcken B und C gemeinsam genutzt.R. Ettemeyer: Das Kernkraftwerk und sein Einfluss auf die Umgebung – gezeigt am Beispiel Gundremmingen, Günzburg, 1986

Im Juni 2012 befürwortete das bayerische Umweltministerium schließlich eine im Jahr 2001 beantragte Leistungserhöhung der Blöcke B und C. Ein überarbeiteter Genehmigungsentwurf wurde mit der Bitte um „zügige Durchführung der bundesaufsichtlichen Prüfungen“ an das Bundesumweltministerium übermittelt. Dies führte zu einem Protest von Umweltschützern, Atomkraftgegnern und Bürgern.Streit um Atomkraftwerk Gundremmingen. Auf: nordbayern.de, 9. März 2013. Abgerufen am 29. November 2013. Mitte Juni 2013 überreichten Vertreter des sogenannten „Schwabenenergierats“ (Verbund der politischen Organisationen: Aktionsbündnis „Atomausstieg jetzt!“, AntiAtom-Oberallgäu, Bürgerinitiative FORUM Gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik, Bund Naturschutz in Bayern, Bündnis 90/Die Grünen Schwaben, Günzburger Bürgerliste, Die Linke Schwaben, Mahnwache Gundremmingen, ÖDP Schwaben, Piratenpartei Günzburg, SPD-VertreterinnenFORUM: . Abgerufen am 29. November 2013.Umweltschützer wollen noch mehr Unterschriften sammeln. Schwabenenergierat mobilisiert erneut gegen die geplante Leistungserhöhung des AKW Gundremmingen. In: Augsburger Allgemeine, 10. August 2013. Abgerufen am 29. November 2013.) im bayerischen Landtag 6700 Unterschriften im Rahmen einer Petition gegen die beantragte Leistungserhöhung. Die Unterzeichner befürchten, dass sich durch die Leistungserhöhung das Risiko eines schwerwiegenden Störfalles erhöht. Der mögliche zusätzliche Gewinn für die Betreiber durch die Leistungserhöhung wurde auf 90 Millionen Euro geschätzt.Stefan Mayr: Bayerns neue Liebe zur Atomenergie. In: Süddeutsche.de, 24. Juni 2013. Abgerufen am 29. November 2013. Laut Betreiber sind keine Änderung an der Anlagentechnik vorgesehen, die Leistungserhöhung habe „gutachterlich bestätigt keine sicherheitstechnisch relevanten Auswirkungen.“KKW Gundremmingen: Fakten zum Kernkraftwerk Gundremmingen. Abgerufen am 29. November 2013.