Die Zinsparitätentheorie ist ein auf John Maynard Keynes zurückgehendes weit verbreitetes volkswirtschaftliches Modell. Sie liefert erstens einen Erklärungsansatz für Anlegerverhalten: Anleger investieren dort, wo die höchste Rendite erwirtschaftet werden kann. Darauf aufbauend ist die Zinsparitätentheorie zweitens ein in der Außenwirtschaft genutztes kurzfristiges Erklärungsmodell für Wechselkurs-Bewegungen. Sie erklärt Wechselkursbewegungen ausschließlich mit dem Renditeinteresse von Kapitalanlegern. Es lassen sich die gedeckte und die ungedeckte Form der Zinsparität unterscheiden.
Definition der Zinsparität Zinsparität (Parität von lateinisch par „gleich“) impliziert, dass die inländische Rendite gleich der ausländischen Rendite ist. Die inländische Rendite wird durch den nominalen inländischen Zinssatz i, die ausländische Rendite durch den nominalen, ausländischen Zinssatz i* plus erwartete Wechselkursänderung () definiert: .
„Zinsparität ist das Verhältnis zwischen nationalem Geldmarkt zum internationalen Geldmarkt, wobei sich der Wechselkurs so anpasst, dass die Differenz zwischen inländischem und ausländischem Zinssatz der Differenz zwischen dem effektiven und dem erwarteten Wechselkurs entspricht“.Woll, Artur (2002), Wirtschaftslexikon, München, Wien: Oldenbourg Verlag
„Der Devisenmarkt befindet sich im Gleichgewicht, wenn die Einlagen in allen Währungen dieselbe erwartete Rendite bieten. Diese Gleichheit der erwarteten Renditen auf Einlagen in zwei beliebigen Währungen, gemessen in derselben Währung, bezeichnet man als Zinsparität“.Krugman, Paul R.; Obstfeld, Maurice (2006), Internationale Wirtschaft, Pearson
„Zinsparität bezieht das Gesetz des einheitlichen Preises auf festverzinsliche und homogene Finanztitel, was bedeutet, dass Aktiva mit vergleichbarem Risiko unabhängig von dem Land, in dem sie gehandelt werden, dieselbe Renditeerwartung aufweisen“.Herrmann, Sabine; Jochem, Axel (2003), Die internationale Integration der Devisenmärkte in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern: Spekulative Effizienz, Transaktionskosten und Wechselkursprämien, Diskussionspapier: Volkswirtschaftliches Forschungszentrum der Deutschen Bundesbank
Voraussetzungen für das Erreichen der Zinsparität Damit es (dauerhaft) zu einer Zinsparität kommt, bedarf es vollkommener Kapitalmobilität und der vollkommenen Substituierbarkeit von Wertpapieren. Bei vollkommener Kapitalmobilität ist das Kapital jederzeit uneingeschränkt in die gewünschte Anlageform transferierbar, während die unvollkommene Kapitalmobilität die Reaktion der Kapitalmärkte verzögert.
Vollkommene Substituierbarkeit der Anlagen gilt nur bei Anlegern, die risikoneutral sind, wobei die Finanzaktiva nur aufgrund der zu erwartenden Renditen verglichen werden. Verlangen Anleger für das Wechselkursrisiko eine zusätzliche Risikoprämie oder ein zusätzliches Absicherungsgeschäft im Sinne von Swaps, so sind die Anlagen keine perfekten Substitute.Claassen (1980), Grundlagen der makroökonomischen Theorie, Verlag Vahlen
Weiterhin fordert die Zinsparität das Bestehen der Devisenmarkteffizienz. Das bedeutet, dass der Wechselkurs jederzeit alle relevanten zur Verfügung stehenden Informationen für die Kursbildung widerspiegelt. Hierbei fallen keine Transaktionskosten an, bestehen keine Handelshemmnisse und alle Marktteilnehmer müssen identische Erwartungen hinsichtlich der Wechselkursentwicklung haben.Barro, Robert; Grilli, Vittorio (1996), Makroökonomie, München, Wien: Oldenbourg Verlag
Bei flexiblen Wechselkursen muss eine zusätzliche Variable, die Unsicherheit von Wechselkursveränderungsraten ins Kalkül miteinbezogen werden, welche im Anlagezeitraum den Ertrag von Finanzinvestitionen im Ausland beeinflussen.
Die Bedingung der Zinsparität Die Bedingung der Zinsparität liegt dann vor, wenn die Differenz zwischen dem inländischen und ausländischen Zinssatz der Differenz zwischen dem effektiven und dem erwarteten Wechselkurs entspricht.
Daraus ergibt sich die folgende Schlussfolgerung: Je höher die Änderungsrate des Wechselkurses eines Landes ist, das heißt, je schneller sich die Währung des Landes abwertet, desto höher muss der nominale Zinssatz dieses Landes sein.
Das Vorliegen der Bedingung der Zinsparität hat eine Renditegleichheit von inländischen und ausländischen Kapitalanlagen zur Folge. Der Anleger ist somit bezüglich einer Anlage im Inland und einer Anlage im Ausland indifferent.Blanchard, Oliver, Illing, Gerhard (2006) Makroökonomie, München, Pearson Verlag, S. 531
Grundidee Zentrale Grundannahme der Zinsparitätentheorie ist es, dass Anleger dort investieren, wo sie die größte Rendite erwirtschaften können. Verhalten sich Investoren dementsprechend, so wird in einem Zwei-Länder-Fall immer die Währung des attraktiveren Anlagestandorts aufgewertet. Die Zinsparitätentheorie in ihrer Grundstruktur betrachtet als Renditegrößen lediglich den Zins und die Wechselkurserwartungen. Unterscheidet man als möglichen Anlageort zwischen In- und Ausland, so gilt folgendes:
Inländische Rendite Die Rendite im Inland entspricht dem inländischen Zins , also
Ausländische Rendite Die Rendite im Ausland wird dementsprechend auch maßgeblich vom ausländischen Zins beeinflusst. Darüber hinaus ist es für einen inländischen Investor jedoch auch von Bedeutung, wie sich der Wechselkurs zwischen in- und ausländischer Währung e im Anlagezeitraum entwickelt; für den inländischen Investor wäre eine Anlage im Ausland unter Renditeaspekten dann sinnvoll, wenn die ausländische Währung aufgewertet wird, solange der Investor im Ausland angelegt hat. Umgekehrt wird die Erwartung einer zukünftigen Abwertung der ausländischen Währung das Interesse des Anlegers an einer Auslandsanlage reduzieren.
Die Zinsparitätentheorie modelliert diesen Zusammenhang über die Einführung eines erwarteten Wechselkurses (). Diese Variable stellt die Erwartungen des Investors über die Höhe des Wechselkurses zum Ende des Anlagezeitraums dar – das heißt den Kurs, den der Anleger als Rücktauschkurs erwartet, bevor er die Investition tätigt. Über eine näherungsweise Formel bestimmt das Modell die Erträge eines Investors durch erwartete Wechselkursbewegungen:
Hinweis: Die hier verwendete Darstellung beruht auf der Mengennotation des Wechselkurses.
Die Formel der Erträge aus Wechselkursänderungen kann wie folgt gedeutet werden: Entsprechen sich zum Anlagezeitpunkt der aktuelle Wechselkurs (Hintauschkurs) und der erwartete Rücktauschkurs , so erhält der Investor erwartungsgemäß weder zusätzliche Wechselkurserträge noch entstehen ihm aus der Wechselkursänderung zusätzliche Kosten.
Liegt der erwartete Wechselkurs hingegen unterhalb des aktuellen Wechselkurses, so bedeutet dies nichts anderes als die Erwartung einer Abwertung der inländischen Währung (Beispiel: Der aktuelle Wechselkurs zwischen Dollar und Euro betrage , der zukünftig erwartete – dann entstehen dem Anleger aus einer Investition in den USA Wechselkurserträge, da er für einen hingetauschten Euro 1,20 US-Dollar erhält. Tauscht er am Ende des Anlagezeitraums diese 1,20 US-Dollar wieder in Euro zurück, so erhält er mehr als den ursprünglichen Euro, da ja nun bereits 1,10 US-Dollar einem Euro entsprächen). Bei Bestehen einer Aufwertungserwartung bezüglich der ausländischen Währung lohnt sich also die Anlage im Ausland.
Umgekehrtes gilt, wenn der erwartete Wechselkurs größer ist als der aktuelle. Die dann bestehende Abwertungserwartung führt zu Kosten für den Investor (Beispiel: Der aktuelle Wechselkurs betrage US-Dollar je Euro, der zukünftig erwartete . Der Investor tauscht demnach zu Beginn einen Euro in 1,20 US-Dollar. Am Ende der Anlagefrist bräuchte er aber 1,30 US-Dollar, um den ursprünglichen Euro wieder zurückzuerhalten – er macht also Verlust).
Die Gesamtrendite einer Auslandsanlage errechnet sich gemäß Zinsparitätentheorie dann aus den Zinserträgen sowie den erwarteten Wechselkurserträgen und ist demnach
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Anlegerverhalten infolge fehlender Zinsparität Ist die Rendite im Inland größer als jene im Ausland (), so wird der Investor sein Kapital im Inland anlegen. Umgekehrt wird er eine Auslandsanlage bevorzugen, wenn deren Rendite größer ist als die einer Inlandsanlage (). Sind beide Renditen gleich (), so ist der Anleger indifferent.
Wechselkursänderungen infolge fehlender Zinsparität Wie bereits erwähnt, impliziert eine ungleiche Rendite im In- und Ausland eine bestimmte Wechselkursentwicklung. Ist die Rendite im Ausland höher als im Inland, so wird die daraus resultierende Anlage im Ausland zu einer Aufwertung der ausländischen Währung führen, weil die ausländische Währung nachgefragt werden muss, um Geld im Ausland anzulegen. Umgekehrt wird eine höhere Inlandsrendite zu einer Aufwertung der inländischen Währung führen, da Kapital aus dem Ausland abgezogen und im Inland investiert wird. Gemäß der Zinsparitätentheorie lassen sich somit Wechselkursbewegungen aufgrund des Renditestrebens der Anleger erklären.
Zinsparität als Gleichgewichtslösung Die angenommenen Wechselkursänderungen infolge der Anlageentscheidung haben jedoch wieder Rückwirkungen auf die Anlageentscheidung selbst (Beispiel: Ein Anleger erkennt, dass die Rendite einer Anlage in den USA wegen einer Aufwertungserwartung bezüglich des US-Dollars [ und ] höher ist als jene in Europa. Er wird demzufolge in den USA investieren, weswegen der US-Dollar aufwertet. Diese Aufwertung reduziert für die nachfolgenden Anleger jedoch die spätere Aufwertungserwartung, da der US-Dollar ja schon vor ihrer Investition aufgewertet hat [ und ]) - die Attraktivität eines Anlagestandorts reduziert also seine zukünftige Attraktivität. Der Prozess des Renditeangleichs kommt erst dann zum Ende, wenn die Renditen beider Anlagen identisch sind.
Solange eine der beiden Anlagen rentabler ist, führt die Investition dort zu einer Aufwertung der dortigen Währung und damit zu einem Rückgang der Rendite. Gemäß der Zinsparitätentheorie muss daher gelten . Oder anders ausgedrückt:
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Diese sogenannte Zinsparitätenbedingung muss gemäß der Theorie zu jedem Zeitpunkt erfüllt sein, da jede Abweichung von der Parität ein sofortiges Arbitrage-Verhalten zur Folge hätte.
Zinsparität am Beispiel Zuerst werden einige zentrale Modellannahmen zur verständlichen Erklärung bzw. Veranschaulichung aufgestellt. Das Modell wird auf zwei Länder mit zwei unterschiedlichen Währungssystemen heruntergebrochen (Deutschland €/USA $). Es wird davon ausgegangen, dass die Finanzmärkte beider Länder offen sind und keine Restriktionen bestehen. Des Weiteren können die Kapitalanleger zunächst nur Wertpapiere mit einjähriger Laufzeit handeln. Betrachten wir nun das Kalkül eines deutschen Kapitalanlegers, der entscheidet, ob er in ein deutsches Wertpapier mit einjähriger Laufzeit oder ein amerikanisches mit gleicher Laufzeit investieren soll. Es muss geprüft werden, welche Anlage eine höhere Rendite verspricht.Blanchard, Oliver/Illing, Gerhard: Makroökonomie, 4. aktualisierte und erweiterte Aufl., Pearson Studium, München 2006, S. 531.
sei der Nominalzinssatz für deutsche Wertpapiere. Der Anleger bekommt für jeden Euro eine Rendite von Euro. (Dies wird in folgenden Darstellung durch den oberen nach rechts weisenden Pfeil visualisiert).Blanchard, Oliver/Illing, Gerhard: Makroökonomie, 4. aktualisierte und erweiterte Aufl., Pearson Studium, München 2006, S. 531. + Darstellung der Entwicklung der Zinsparität Jahr () → Jahr () Deutsche Anleihen: 1 € → US-Anleihen: 1 € → ↓ ↑ →
Nun vergleichen wir die Rendite eines amerikanischen Wertpapiers. Bevor der deutsche Investor in amerikanische Wertpapiere investieren kann, muss er erst einmal amerikanische Dollar kaufen. Wenn der nominale Wechselkurs zwischen Euro und Dollar ist, so erwirbt man für jeden Euro Dollar. (Dies wird in Abbildung 1 durch den Pfeil nach unten visualisiert)