Orlando furioso ist eine Oper in drei Akten von Antonio Vivaldi (Musik) mit einem Libretto von Grazio Braccioli nach Ludovico Ariostos Der rasende Roland. Ursprünglich handelte es sich um eine Oper des Komponisten Giovanni Alberto Ristori, die ab November 1713 mit großem Erfolg an dem von Vivaldi und seinem Vater geleiteten Teatro Sant’Angelo in Venedig gespielt wurde. Vivaldi tauschte noch in derselben Spielzeit schrittweise einzelne Stücke der Oper durch eigene Kompositionen aus, bevor er sie im Dezember 1714 in vollständig überarbeiteter Form (RV Anh. 84 bzw. 819) am selben Haus spielen ließ. Teile der ersten beiden Akte und der gesamte dritte Akt sind verschollen.
Handlung
Charaktere und literarischer Hintergrund
Alle Charaktere und die meisten Handlungselemente basieren auf der Vorlage Der rasende Roland von Ludovico Ariosto. Diese war im 18. Jahrhundert weit verbreitet und konnte beim gebildeten Publikum als bekannt vorausgesetzt werden. Die Rahmenhandlung bildet dort ein Krieg zwischen den Franken unter Kaiser Karl dem Großen und deren christlichen Verbündeten auf der einen Seite und den vereinigten heidnischen (muslimischen) Truppen aus Sarazenen und verschiedenen afrikanischen Völkern auf der anderen. Der Konflikt zwischen Christen und Heiden spielt in Vivaldis Oper höchstens unterschwellig eine Rolle.
Orlando Ein heldenhafter Graf und der bedeutendste Paladin in Diensten Kaiser Karls des Großen. Er fällt jedoch wegen seiner unerwiderten Liebe zu Angelica als Kämpfer aus. Als Angelica sich in den einfachen heidnischen Krieger Medoro verliebt, wird er wahnsinnig. Diese Episode gab dem ganzen Werk seinen Titel Der rasende Roland. Sein Freund Astolfo findet den Verstand später auf dem Mond und bringt ihn zurück. Angelica Die Prinzessin von Cathay (China). Sie gilt als schönste Frau der Welt, und unzählige Ritter verlieben sich in sie. Sie befindet sich ständig auf der Flucht vor ihren Verehrern und besonders vor Orlando. Schließlich verliebt sie sich in den heidnischen Soldaten Medoro, den sie nach einer Verwundung gesundpflegt. Alcina Eine böse liebestolle Zauberin, die ihre Männer in Tiere oder Pflanzen verwandelt. Dieser Charakter ist der Circe aus Homers Odyssee nachgebildet. In der Oper hat sie zunächst eine Beziehung mit Astolfo, verliebt sich dann aber auch in Orlando, Ruggiero und die als Mann verkleidete Bradamante. Bradamante Die heldenhafte und kampferprobte Gräfin von Marseille. Sie geht eine Beziehung mit dem heidnischen Ritter Ruggiero ein, den sie später heiratet. Medoro Ein einfacher afrikanischer Soldat, der sich in Angelica verliebt. Ruggiero Ein heldenhafter heidnischer Ritter und Geliebter (später Ehemann) Bradamantes, der am Ende zum Christentum übertritt. Die beiden sind die Vorfahren des Adelsgeschlechts der Este – eine Huldigung Ariostos an seinen Mäzen Ercole I. d’Este. Astolfo Ein englischer Prinz, der Sohn von König Otto. Logistilla Eine gute Fee und Schwester Alcinas. Melissa Eine weitere gute Fee, die Beschützerin Ruggieros und Bradamantes. Der Hippogryph Ein geflügeltes Pferd mit dem Kopf und den Vorderbeinen eines Adlers. Es gehörte ursprünglich dem Zauberer Atlas und ging dann in den Besitz Astolfos über.
Kurzfassung
Erster Akt. Bei ihrer Flucht vor ihrem Verehrer Orlando wurden Angelica und ihr Geliebter Medoro getrennt. Angelica verschlägt es auf die Insel der Zauberin Alcina, die sie freundlich aufnimmt und ihr ihren Schutz verspricht. Auch Orlando erreicht die Insel. Er trifft zunächst auf Alcinas Liebhaber Astolfo und dann auf die Zauberin selbst. Alcina will ihn für sich gewinnen und weckt dadurch Astolfos Eifersucht. Wenig später kommt auch Bradamante auf die Insel, die hier ihren Verlobten Ruggiero zu finden hofft. Sie ist als Mann verkleidet, um von Alcina nicht erkannt zu werden. Als der verwundete Medoro an das Ufer gespült wird, heilt ihn Alcina. Orlando findet und bedroht ihn. Alcina gibt Medoro als ihren Bruder aus, und Angelica versichert Orlando, dass sie ihn liebe. Zugleich flüstert sie Medoro zu, dass dies eine Täuschung sei. Zuletzt findet auch Ruggiero auf die Insel. Alcina bewirkt durch einen Zauber, dass er sich in sie verliebt und Bradamante vergisst. Bradamante schwört sie sich, ihn zu retten.
Zweiter Akt. Alcina verwandelt Astolfo in einen Myrtenbaum, da sie seine Eifersucht stört. Bradamante, die sich mit einem Zauberring unsichtbar gemacht hat, beobachtet dies. Sie löst Astolfos Zauber mit ihrem Ring und nutzt ihn dann, um auch Ruggiero von Alcinas Liebeszauber zu heilen. Angelica lockt Orlando in eine Falle: Er soll ihr aus einer gefährlichen Höhle, das von einem Ungeheuer bewacht wird, einen Verjüngungstrank holen. Trotz Astolfos Warnung lässt sich Orlando darauf ein, und die Höhle verschließt sich nach seinem Eintritt. Dennoch gelingt es Orlando dank seiner übermenschlichen Kräfte, sich zu befreien. Ruggiero kann Bradamante von seiner vollständigen Heilung überzeugen. Unter dem Schutz Alcinas heiraten Angelica und Medoro. Sie ritzen ihre Liebesschwüre in die Rinde der Bäume. Als Orlando diese findet, verliert er den Verstand.
Dritter Akt. Astolfo, Ruggiero und Bradamante glauben, dass ihr Freund Orlando tot ist. Sie wollen ihn an Alcina rächen. Dazu müssen sie in den von einer Stahlwand geschützten Tempel der Hekate eindringen, um die Urne mit der Asche Merlins zu zerstören. Sie beobachten, wie Alcina den Tempel mit einem Zauber öffnet. Die als Mann „Ardalico“ verkleidete Bradamante bittet sie um Hilfe gegen Ruggiero, der ihre Schwester verführt habe. Der wahnsinnige Orlando kommt hinzu, tanzt, redet Unsinn, kämpft gegen eingebildete Monster und verschwindet im Tempel. Alcina verabredet ein Stelldichein mit dem vermeintlichen Ardalico. Ruggiero und der eifersüchtige Medoro streiten über Treue und Ehre, bis sie von Angelica getrennt werden. Im Tempel bekämpft Orlando den Wächter Aronte und bewegt die Merlin-Statue, die er für Angelica hält. Dadurch ist Alcinas Macht gebrochen. Die Insel verwandelt sich in eine Wüste, und Orlando schläft ein. Alcina versucht, ihn zu töten, wird aber von Ruggiero und Bradamante davon abgehalten. Bradamante verhindert auch die Flucht Angelicas und Medoros. Astolfo heilt Orlando mit einer Zauberfackel. Alcina flieht und sucht Hilfe bei den Furien der Hölle. Der auch von seiner unerwiderten Liebe zu Angelica befreite Orlando wünscht ihr und Medoro alles Gute.
Erster Akt
Galerie im Palast Alcinas
Szene 1. Angelica ist mit ihrem Geliebten Medoro vor ihrem hartnäckigen Verehrer Orlando geflohen. Dabei wurden die beiden getrennt. Angelica hat es auf die Zauberinsel Alcinas verschlagen und klagt dieser ihr Leid. Alcina versucht vergeblich, sie zu trösten (Arie Angelica: „Vorria la mia speranza“).
Szene 2. Auch Orlando ist auf die Insel gelangt, wo er zunächst auf Alcinas Geliebten Astolfo trifft. Da Astolfo ihn aufgrund seines geschlossenen Visiers nicht erkennt, greift er ihn an, bemerkt seinen Irrtum aber schnell. Alcina versucht sofort, den berühmten Kämpfer Orlando als Mitstreiter gegen ihre Schwester Logistilla zu gewinnen. Obwohl Orlando auf seine Verbindung mit Angelica hinweist, wird Astolfo eifersüchtig. Alcina verabschiedet sich mit einer Arie, in der sie Orlando Hoffnung auf Liebeserfüllung macht (Arie Alcina: „Se fedele serbi affetto“).
Szene 3. Orlando versucht erneut, Astolfo zu beruhigen: Er habe in Alcinas Augen wahre Liebe für ihn gesehen. Astolfo glaubt ihm nicht. Er teilt Orlando mit, dass Alcinas Zaubermacht von der Urne mit der Asche des Zauberers Merlin stamme, deren Wächter Aronte unbezwingbar sei. Astolfo spürt, dass Alcina seine Liebe nicht erwidert (Arie Astolfo: „La fè, l’amor, che ho in sen“).
Szene 4. Bradamante sucht nach ihrem Verlobten Ruggiero. Die weise Zauberin Melissa hatte ihr prophezeit, dass er auf dieser Insel den Liebeskünsten Alcinas verfallen werde. Um deren Macht zu brechen, hat sie Bradamante einen magischen Ring mitgegeben. Bradamante tritt zunächst als Mann verkleidet auf, damit Alcina sie nicht als die berühmte Kriegerin erkennt (Arie Bradamante: „Rivo che tumido“).
Szene 5. Orlando erinnert sich an eine Prophezeiung Malagigis, dass er sein Ziel erreichen werde (Arie Orlando: „Nel profondo cieco mondo“).
Lieblicher Garten mit zwei Brunnen, von denen der eine die Liebe auslöscht, der andere sie entfacht; stürmisches Meer in der Ferne
Szene 6. Angelica beobachtet, wie ihr Geliebter Medoro schwer verletzt in einem kleinen Boot an Land gespült wird. Sie ruft um Hilfe.
Szene 7. Alcina heilt Medoro mit ihrer Zauberkraft. Medoro erzählt Angelica, dass er das Schiff von Logistilla erhalten habe. Das Schiff sei jedoch angegriffen und er selbst verwundet und gefangen genommen worden. Dann habe man ihn ins Meer geworfen, um den Zorn Neptuns zu beschwichtigen (Arie Medoro: „Se trova il lume la farfalletta“).
Szene 8. Plötzlich taucht Orlando auf, sieht seinen Rivalen Medoro bei Angelica und bedroht ihn. Alcina versucht, die Situation zu entschärfen, indem sie Medoro als Angelicas Bruder ausgibt. Angelica versichert ihrerseits Orlando ihre Liebe, wobei sie dem eifersüchtigen Medoro zuflüstert, dass sie dies lediglich vortäusche (Arie Angelica: „Tu sei degli occhi miei“).
Szene 9. Alcina rät Medoro seine Eifersucht zu lassen und höchstens im Stillen zu leiden (Arie Medoro: „E’ la brama in chi ben ama“).
Szene 10. Nun hat auch Bradamantes Verlobter Ruggiero auf dem Hippogryph den Weg auf die Insel gefunden. Alcina verliebt sich auf der Stelle in ihn und gibt ihm Wasser aus dem Zauberbrunnen zu trinken, woraufhin er ihr verfällt und Bradamante vergisst.
Szene 11. Bradamante findet Ruggiero zu spät. Er ist Alcina bereits völlig verfallen (Arie Ruggiero: „Porta il sol del tuo sembiante“) und erkennt seine Verlobte, die ihre Verkleidung inzwischen abgelegt hat, nicht einmal mehr. Bradamante nennt sich nun Olimpia und behauptet, Ruggiero sei ihr untreuer Geliebter Bireno. Ruggiero widerspricht, da er seinen eigenen Namen noch kennt. Er besingt seine Liebe zu Alcina (Arie Ruggiero: „Non muore il fiore“).
Szene 12. Alcina versichert Bradamante, dass es sich bei ihrem Geliebten nicht um Bireno handle (Arie Alcina: „Per lo stral che vien da’ rai“).
Szene 13. Bradamante erkennt, dass Ruggiero unter Alcinas Zauber steht. Sie schwört sich, ihre Liebe zu ihm nicht aufzugeben (Arie Bradamante: „Amerò costante sempre“).
Zweiter Akt
Lustwäldchen mit versteckten Ruheplätzen
Szene 1. Alcina weist Astolfos Liebesschwüre zurück: Ein einziger Liebhaber könne sie niemals zufriedenstellen.
Szene 2. Bradamante macht sich mit dem von Melissa erhaltenen magischen Ring unsichtbar, um die beiden zu belauschen. Sie beobachtet, wie Alcina Astolfo in einen Myrtenbaum verwandelt, damit er sie fortan ohne Eifersucht liebt und sich nicht über ihre anderen Liebhaber beklagt (Arie Alcina: „Chi seguir vuol la costanza“).
Szene 3. Bradamante versucht, die Zweige der Myrte zu entknoten, um den Zauber zu lösen. Sie wird jedoch durch die Ankunft des ebenfalls verzauberten Ruggiero unterbrochen, der völlig von seiner Liebe zu Alcina besessen ist. Noch immer unsichtbar ruft sie ihm zu, dass diese höchst treulos sei und ihn jemand anders viel aufrichtiger liebe. Der verzauberte Astolfo macht ihn auf sich aufmerksam. Bradamante gibt sich (als Olimpia) zu erkennen und löst Astolfos Verzauberung nun vollständig (Arie Astolfo: „Ah, fuggi rapido“).
Szene 4. Bradamante drückt Ruggiero den Ring in die Hand. Alcinas Zauber weicht, und er erkennt seine Verlobte wieder. Bradamante trägt ihm auf, zur Probe mit dem Ring zu Alcina zu gehen und ihre Schönheit zu betrachten. Falls er ihr erneut verfallen sollte, werde sie ihm vergeben (Arie Bradamante: „Taci, non ti lagnar“).
Szene 5. Ruggiero hat ein schlechtes Gewissen wegen seines Verrats an Bradamante. Orlando versucht vergeblich, ihn zu beruhigen (Arie Ruggiero: „Piangerò, sin che l’onda del pianto“).
Gebirgsgegend mit hoher steiler Felswand