Das Celler Modell ist ein gemeinsames Vorbereitungskonzept der Diakonie Deutschland und der Deutschen Malteser zur Qualifizierung Ehrenamtlicher in der Hospizarbeit, das 1989 im Gemeindekolleg der VELKD in Celle begonnen wurde und in Multiplikatorenkursen von den Malteser Bildungseinrichtungen https://www.malteser.de/bildung.html und der Bundesakademie für Kirche und Diakonie in Berlin angeboten wird. Es entspricht den Empfehlungen des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes für solche Kursangebote. Es gliedert sich in einen Grundkurs, eine Praxisphase und einen Vertiefungskurs.
Entstehungsgeschichte Lutherische Generalsynode 1988 Die Generalsynode der VELKD zum Thema „Sterbende begleiten“ verfasste 1988 in Veitshöchheim einen „Brief an die Gemeinden“, in dem sie Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone bat, Sterbende und ihre Angehörige seelsorgerlich zu begleiten:
Nachdem die Lutherische Generalsynode beschlossen hatte, das Gemeindekolleg der VELKD in Celle fortzuführen, wurde angeregt, eben dort Modellkurse für die Befähigung von Ehrenamtlichen in der Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden zu entwickeln.
Gemeindekolleg der VELKD Unter der Ägide des Gemeindekollegs in Celle und seines damaligen Referenten Alfred SeiferleinWebsite Alfred Seiferlein (Nachfolger 1990: Andreas Ebert) wurden seit 1989 Konsultationen und Modellkurse zur Entwicklung eines Vorbereitungskonzepts für Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung durchgeführt, die von einer Projektentwicklungsgruppe unter der Leitung von Oberkirchenrat Peter Godzik begleitet wurden. Die ersten Entwürfe des Celler Modells wurden in drei Kirchengemeinden erprobt: in Flensburg, Lemgo und Berg (Starnberger See). Projektsekretär war viele Jahre der spätere Hannoversche Pastor Burkhard StraeckBiogramm Burkhard Straeck (online auf kirchenkreis-laatzen-springe.de), der die Verbindung zum E.B.-Verlag in Hamburg-Rissen herstellte.
Struktur Das Celler Modell umfasst einen Grundkurs in acht Schritten, der die biblische Geschichte von den Emmaus-Jüngern (Lukas 24,13-35) für die seelsorgerliche Begleitung elementarisiert: wahrnehmen, mitgehen, zuhören, verstehen, weitergehen, bleiben, loslassen, aufstehen.Für diese Gliederung des Grundkurses konnte Godzik auf eine am 6. September 1983 von ihm gehaltene Bibelarbeit vor Vikaren der Region Schleswig zurückgreifen: Seelsorge in der Nachfolge Jesu. Eine Meditation zu Lukas 24,13-35 (online auf pkgodzik.de).
Nach einer Praktikumsphase unter Anleitung und Supervision der Kursleitung vor Ort folgt ein Vertiefungskurs, der im Wesentlichen der liturgischen Struktur der Beichte folgt: gerufen, gefragt, bedacht, bekannt, gelöst, erfüllt, gesegnet, begabt.Auch dafür brachte Godzik eine Leitbildmeditation ein: Das lösende Wort. Eine Meditation zur Beichte (online auf pkgodzik.de):
Die Vorbereitungsabende im Grund- und Vertiefungskurs gliedern sich in drei Abschnitte: Ein-Blick in die Gruppe (Befindlichkeit und Gruppendynamik im Blick auf das Thema), Meditation zum Thema, Information und Anschauungsmaterial zum Thema. In der Praktikumsphase heißen die drei Schritte der Supervisionsabende: zuhören, verstehen, weitergehen. Sie nehmen damit zentrale Themen des Grundkurses auf.
Schon bei der Entwicklung des Projekts und erst recht bei seiner Erprobung kam es zu Kritik an der Struktur des Vertiefungskurses, der zeitweilig sogar aufgegeben wurde, aber nach ausführlichen Debatten über seine Bedeutung im Gesamtzusammenhang, nämlich Arbeit an der Haltung der Ehrenamtlichen zu sein, stehengeblieben ist.
Die nachfolgenden Ergänzungen und Revisionen der Handbücher betrafen fast immer diesen Vertiefungskurs, der vielen als zu fromm galt und doch als Türöffner für an Vorbereitungskursen für Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung interessierte Katholiken fungierte, die schon bald nach der Veröffentlichung der Handbücher das lutherische Konzept gegen zwei im Entstehen begriffene katholische Entwürfe bevorzugten, weil der spirituelle Ansatz Biographiearbeit und Lebensbilanzierung unter theologisch-geistlichem Aspekt enthielt.
Das war im Übrigen vor allem Elisabeth Freifrau Spies von Büllesheim zu verdanken, der damaligen Sozialarbeiterin im St. Franziskus-Hospital (Flensburg), späteren Vizepräsidentin und Generaloberin des Malteser-Hilfsdienstes, die eine der ersten Schülerinnen des Celler Modells war und später neben Wiebke Thomsen, damalige Pflegedienstleiterin des Diakonissenkrankenhauses Flensburg, spätere Ehrenvorsitzende des Hospiz- und Palliativverbandes Schleswig-Holsteinhttps://www.hpvsh.de/ueber-uns/vorstand, eine seiner besten Lehrerinnen.
Veröffentlichung Zwei Umstände ermöglichten 1993 die Veröffentlichung des Teilnehmerhandbuchs: die Begabung und Fähigkeit von Andreas Ebert, lesbare Bücher zu schreiben, und das Interesse des Verlegers Hans-Jürgen Brandt vom E.B.-Verlag (damals Hamburg-Rissen, heute Berlin)https://www.ebv-berlin.de/ das vorliegende Manuskript wegen der eindrucksvollen Bilder von Ferdinand Hodler über das Sterben seiner Geliebten Valentine Godé-Darel zu veröffentlichen. (Die Hodler-Bilder konnten aus Kostengründen dann doch nicht abgedruckt werden; sie wurden als Dia-Serie den Leitungsteams zur Verfügung gestellt.)
Das Leitungshandbuch gab es vorläufig nur bei Anmeldung eines Leitungsteams zu den Multiplikatorenkursen im Gemeindekolleg in Celle.
Wirkungsgeschichte Säkularisierungsschub Die deutsche Wiedervereinigung 1990 brachte im kirchlichen Bereich einen erheblichen Säkularisierungsschub. Das wirkte sich auch auf die Gestaltung der Projekte des Gemeindekollegs in Celle aus, das 2008 nach Neudietendorf in Thüringen verlegt wurde.
Mitarbeit der Malteser Im September 1994 gaben Elisabeth v. Spies und Dirk Blümke interessierten Maltesern eine erste Kurzeinführung in das „Celler Modell“. Die Malteser beschlossen daraufhin, das Projekt offiziell in ihre Ausbildung zu übernehmen.
Am 10. Oktober 1995 fand im Gemeindekolleg der VELKD in Celle ein Gespräch mit Rolf FaymonvilleKurzvorstellung Rolf Faymonville statt. Er erläuterte ausführlich die Arbeit der Malteser mit dem von der VELKD entwickelten Projekt. Aus seiner Sicht sei es wichtig und entscheidend, dass in dem Projekt „Sterbende begleiten“ die spirituelle Ebene in die praxisbezogene Arbeit integriert werde. Der Transfer des Projektes in den Hospizkontext mache inhaltliche Ergänzungen notwendig (theologische und pädagogische Hintergrundinformationen, zusätzliche Angebote zum Thema Gruppenleitung). Aus katholischer Sicht müssten im Vertiefungskurs das Sakrament der Krankensalbung und die Frage nach der Absolutionsgewalt in der Beichte besonders berücksichtigt werden. Grundsätzlich sei es wichtig, zwischen der Sterbebegleitung in der Gemeinde und der Hospizarbeit im engeren Sinne zu unterscheiden. Beide Bereiche könnten sich aber gegenseitig befruchten und produktiv in Frage stellen. Es wurde verabredet, die jeweiligen Termine der Trainings auch in Zukunft gegenseitig auszutauschen und bei Anfragen auch auf diese Angebote der jeweils anderen Institution zu verweisen.
Mit dem Eintritt der Malteser in die Projektbegleitung begann die allmähliche Ablösung des Celler Modells von einem lutherischen Gemeindeaufbauprojekt hin zu einem ökumenischen HospizkursElke Schölper: Hospizarbeit und die Entwicklung des Celler Modells, in: Sterbende begleiten lernen, 2004, S. 9 ff., der schließlich in der Hospizarbeit in Deutschland weite Verbreitung fand und dabei die vom Hospizverband auferlegten Kriterien zu erfüllen hatte.Dirk Blümke: Hospizbewegung, in: Sterbende begleiten lernen, 2018, S. 13.
Erste Überarbeitung Die anhaltende Kritik an der an die Beichtordnung angelehnten Struktur des Vertiefungskurses führte 1996 zu einer Überarbeitung wenigstens des Leitungshandbuches. Peter Godzik, Schleswig, und Wolfgang Weiß, Berlin, fügten eine biblisch orientierte Leitbildmeditation, anknüpfend an die im zweiten Schritt behandelte Geschichte von der Heilung eines Gelähmten (Markus 2,1–12)Peter Godzik, Wolfgang Weiß: Leitbildmeditation: Die Heilung des Gelähmten. Eine Meditation zu Markus 2,1–12, in: Kurs-Leitungshandbuch, zweite Auflage 1996, S. 76 ff. (online auf pkgodzik.de), hinzu mit der Folge der Umbenennung der acht Schritte in: gerufen – an die Tür des Lebens; gefragt – nach tragfähiger Gemeinschaft; bedacht – im eigenen Herzen; bekannt – im Ansehen Gottes; gelöst – aus lähmender Bindung; erfüllt – mit aufhebender Kraft; gesegnet – im eigenen Leben; begabt – mit erstaunlicher Vollmacht.
Außerdem ergänzten sie weitere Abschnitte und Übungen und fügten in der Praxis bewährte Alternativen im Ablauf der jeweiligen Einheiten hinzu.
Konfessionelle Unterschiede in den Handlungsvollmachten am Kranken- und Sterbebett zwischen Laien und Priestern wurden beschrieben, als katholischer Beitrag die „Sakramente als Zeichen der Nähe Gottes“ vorgestellt und als evangelischer Beitrag die bei der Generalsynode 1988 angenommene seelsorgerliche Handreichung „Was können wir als Christen tun?“ eingefügt (S. 90–97). Im Anhang wurden Auszüge aus Luthers Ein Sermon von der Bereitung zum Sterben, 1519Online auf glaubensstimme.de, abgedruckt (S. 135–141) und zwei für Ehrenamtliche als zu schwierig empfundene Beiträge herausgenommen: Ernst Engelke: Arbeit mit Gesprächsprotokollen (1. Auflage Leitungshandbuch, S. 58–62); Christine Denzer-Labisch: Abschiedsübung (1. Auflage Leitungshandbuch, S. 85–91).
Die biblische Leitbildmeditation zu Markus 2,1–12 wurde zwar von einigen dankbar angenommen, von anderen aber nach wie vor als zu fromm abgelehnt.Z.B. Adelheid Rieffel in: Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland, S. 167 f.
Zweite Überarbeitung Nach zehn Jahren bewährter und kritisch begleiteter Praxiserfahrung mit Multiplikatorenkursen zum Celler Modell initiierte das Gemeindekolleg in Celle mit Hilfe einer gemeinsamen Arbeitsgruppe des Gemeindekollegs und des Referats der Malteser Hospizarbeit (Dirk Blümke, Ursula Neumann, Martin Ostertag, Elke Schölper, Wiebke Thomsen, Wolfgang Weiß) einen umfassenden Erneuerungsprozess des Modells. Die gründlich überarbeitete Fassung des Leitungshandbuchs erschien 2004 unter dem Titel „Sterbende begleiten lernen“ im Gütersloher Verlagshaus. Die überarbeiteten und ergänzten Teilnehmermaterialien wurden dem Leitungshandbuch als CD-ROM beigefügt, was ihre Lesbarkeit in der Praxis erschwerte.
Der Grundkurs blieb in seinen acht Schritten unverändert, der Vertiefungskurs behielt vier seiner acht bisherigen Schritte und bekam vier neuformulierte hinzu: gedeutet, begrenzt, entdeckt, bewegt. Dabei spielte das Leitbild der biblischen Geschichte von der Heilung eines Gelähmten (Markus 2,1–12) die entscheidende Rolle: Es sollte weniger mutwillig auf die Struktur der Beichte rückbezogen werden, als das bisher der Fall war.
Wiederherstellung der alten Fassung