mini|„Eine Sauhatz“. Vorne rechts drei Saurüden, die dem Wildschwein allein nicht gewachsen sind, mittig Saupacker (Doggen), die versuchen, das Tier niederzuziehen. Zeichnung von Ridinger, um 1750.Vgl. auch den zeitgenössischen erläuternden Beitext Johann Elias Ridingers in dessen hier die Vorlage gebenden Kupferstich auf „Die Wilde Sau oder Schwein“

Sauhunde bezeichnet eine historische Gruppe von Jagdhunden, die bis ins 19. Jahrhundert hinein zur Jagd auf Wildschweine verwendet wurden.

Verwendung

Bei der Wildschweinjagd waren nur Frischlinge und Überläufer eine einfache Beute. Die Jagd auf ausgewachsene Tiere, vor allem starke Keiler, stellte für die Jäger eine lebensgefährliche Mutprobe dar. Sie brauchten eine größere Zahl ausgebildeter Hunde, um ein ausgewachsenes Tier halten zu können. Ein Wert von „zwei Pfund Hund auf ein Pfund Sau“ galt als Standard (Rudolf Frieß). (PDF; 92 kB)

Wie zahllose Gemälde und kunsthandwerkliche Arbeiten zeigen, war die Wildschweinhatz mit Pferd und Jagdhunden eine übliche Jagdart. Beispielsweise wurden vom württembergischen Fürstenhof zu Anfang des 17. Jahrhunderts 900 große Jagdhunde gehalten, mit denen man auf Wildschweinjagd ging. Aufgabe der Hunde war es, das Wildschwein so zu hetzen und an einem Ort festzuhalten, dass der Jäger es aus naher Entfernung töten konnte. Dabei wurden meist kleine feinnasige Jagdhunde als „Saufinder“ verwendet, jagdtriebige Hunde, „Saurüden“ genannt, von meist mittlerer Größe, sowie große schwere Jagdhunde, die „Saupacker“. Bei den Findern handelte es sich um kleine, wendige Hunde, die das Schwarzwild aufspürten und verbellten. Danach trieben die größeren Hunde, die Rüden, sie heraus. Primär die kräftigen Packer zogen die Sau dann nieder, bis der oder die Jäger sie mit der Saufeder erlegten. Speziell für das Niederziehen bei der Schwarzwildjagd in Deutschland wurden im 16. Jahrhundert aus England importierte Doggen, die „Englischen Hunde“, eingesetzt. Bei diesen Sauhatzen wurden oft Menschen, Pferde und Hunde durch angreifende Wildschweine schwer und mitunter tödlich verletzt. Die wertvolleren Hunde wurden gegen die Hauer der Wildschweine mit breiten Halsbändern und Panzerhemden geschützt.

Typen von Sauhunden Bereits in der Frühgeschichte existierten auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands eine größere Zahl unterschiedliche Hundetypen, wie durch archäologische Befunde ermittelt wurde. Überwiegend handelte es sich um mittelgroße Hunde zwischen 50 und 70 cm Schulterhöhe sowie um deutlich kleinere Hunde aber auch um molosserartige Typen. Für provinzrömische Gebiete wird gar eine Formenvielfalt angenommen, die der der heutigen Hunde „kaum nachsteht“.H. Reichstein: Hund und Hundegräber – § 3. Zoologisches, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 15, Walter de Gruyter, Berlin – New York 2000, S. 217–219 (eingeschränkte Vorschau auf Google Books).

Im Folgenden werden überblicksweise die Sauhunde aufgeführt, die in schriftlichen Quellen vom 17. bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschrieben werden.

Die Einteilung in den Quellen ist hinsichtlich einiger Aspekte uneinheitlich und nicht immer widerspruchsfrei. Abgesehen davon, dass im Laufe der Zeit eine Entwicklung dieser Hundetypen durch Zuchtwahl stattgefunden haben dürfte, ist anzunehmen, dass diese Hundetypen in der Realität oft in einander übergingen; teils, weil regional unterschiedlich ausgeprägte Schläge existierten, und teils, weil man bewusst unterschiedliche Typen verpaarte, um ihre Vorteile in einem Hund zu vereinen.

In den historischen Quellen grenzte man dem Grunde nach verschiedene, meist überkommene Typen voneinander ab. Durchgehend tauchen als unterschiedliche Typen Doggen, Bullenbeißer, Saurüden und (Sau-)Findhunde auf. Der Wirkungsweise der Zuchtwahl war man sich noch nicht vollends bewusst. So wird etwa von manchen Autoren die Eignung der zu ziehenden Hunde von Faktoren der Elterntiere abhängig gemacht, deren Relevanz aus heutiger Sicht weniger einleuchtend klingt (jüngere Hündinnen würden wildere Hetzhunde hervorbringen; für die Güte des Verpaarungsresultates zweier Typen sei erheblich, von welchem bestimmten Typ jeweils Hund bzw. Hündin sind etc.). Allerdings wäre denkbar, dass neuere Erkenntnisse etwa der Epigenetik auch einige dieser Vorstellungen bestätigen können. Unter den frühen Zoologen des 18. und auch frühen 19. Jahrhunderts war zudem umstritten, ob es sich bei dem Haushund um eine Art handelte (Haller) oder ob er in mehrere Arten oder Unterarten zu gliedern wäre (Fitzinger). siehe für das 19. und 20. Jahrhundert auch Urrassen-Theorie Im Sinne der letzteren Denkweise wurde die Verpaarung der verschiedenen (Haupt-)Typen oft als Kreuzung von „Arten“ bzw. „Unterarten“ aufgefasst. Obgleich die vorgenannten Typen offenbar sehr häufig gekreuzt wurden, zieht sich diese Vorstellung mal mehr, mal weniger ausgeprägt durch die meisten Quellen. Die Ergebnisse einer bewussten Verpaarung von unterschiedlichen Hundetypen wurden überwiegend als Blendlinge bezeichnet. mini|Jäger erlegt mit einer Saufeder ein von einer Hatz aus Sauhunden festgehaltenes Wildschwein, Stich aus dem 16. Jahrhundert

Leichte Hetzhunde Windhundeinsbesondere rauhhaarige werden hervorgehoben Courshunde, auch Kurische Hunde oder Pürschhunde teils wird auch ein Irischer Hund erwähnt

Eigentliche Sauhunde: Schwere Hetzhunde (Saupacker) Englische Dogge, Englischer Hund, Dogge Bullenbeißer, auch Bärenhund oder Bärenbeißer Pommerscher Saurüde, auch Pommer oder Wolfshund Englischer Blendling Pommerscher Blendling

Mittlere Hetzhunde (Mittelhunde, die Sau-Rüden) Saurüden, Rüden (allgemein; andere Einstufung) Pommerscher Blendling (andere Einstufung) Dänischer Blendling Großer Bauernhund

Hunde zum Suchen des Wilds Saufinder oder Saubeller

Doggen mini|Jagdhundpanzer aus dem 17. Jhd., in der Rüstkammer der Wartburg.Bildbeschreibung siehe Die Waffen der Wartburg. S. 90 auf Wikisource.

Diese werden sowohl bei früheren Autoren, um 1700, Johann Täntzer in: Der Dianen hohe und niedere Jagdgeheimnüß, 1731 in Leipzig gefertigte Auflage, Weidmannsche, 3. Theil, S. 134 (DS-S. 246) (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek) eine „Irische Dogge“ ausnehmend Carl von Heppe in: Aufrichtiger Lehrprinz oder Praktische Abhandlung von dem Leithund, als dem Fundament der edlen hirschgerechten Jägerey. Augspurg, Johann J. Lotters sel. Erben, 1751, S. 10 (Digitalisat bei Google Books) als auch bei späteren AutorenGeorg Ludwig Hartig in: Lehrbuch für Jäger und die es werden wollen, Rötzl und Kaulfuss, 1812, Band 1, S. 260 (Digitalisat bei Google Books), nach 1800, übereinstimmend als der größte Hundetyp dargestellt; Angaben zur Schulterhöhe: „einige über 3 Fuß“Ludwig Julius, Friedrich Höpfner in: Deutsche Encyclopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften, Varrentrapp und Wenner, Band 16, Frankfurt am Main 1791, S. 387 (Digitalisat bei Google Books)., also etwa 90 cm; 30 Inch, also etwa 76 cm, für kursächsische Doggen. Charles Hamilton Smith in: The Natural History of Dogs, Lizars, Edinburgh 1840, Band II, S. 226 in der: Naturalist's Library, herausgegeben von William Jardine, dort Band X Im 16. und 17. Jahrhundert wurden sie auch als Renommierhunde zu Repräsentationszwecken verwendet. Adlige ließen sich mit diesen „Leib- und Kammerhunden“ – oft auch nebst anderen Repräsentanzsymbolen, wie Harnischen, Zeptern, Kammermohren etc. – porträtieren. Einige Abbildungen bei: Durch Überlassung eines besonders schön geratenen Hundes ließen sich sogar hochadlige Landesherren, wie Johann Georg I. von Sachsen, in Karriere fördernder Weise, gewogen stimmenKarl August Müller in: Forschungen auf dem Gebiete der neueren Geschichte: Kurfürst Johann Georg der Erste, (etc.), Dresden und Leipzig, Gerhard Fleischer, 1838, S. 30.

Bullenbeißer

Johann Täntzer hält sie 1689 für „Zwitter“ aus englischen und gewöhnlichen, kleineren, Hunden Johann Täntzer in: Der Dianen hohe und niedere Jagdgeheimnüß, 1731 in Leipzig gefertigte Auflage, Weidmannsche, 3. Theil, S. 137 (DS-S. 251) (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek) Johann Friedrich von Flemming kennt 1719 sowohl den echten Typ des Bullenbeißers als auch Täntzers „Zwitter“, derer man sich „in Ermangelung vorerwehnter“ bedient, „wiewohl zwischen denenjenigen […] und den Bastarten ein grosser Unterschied ist.“ Johann Friedrich von Flemming in: Der vollkommene teutsche Jäger, Leipzig, 1719, Bd. 1, S. 170 (Digitalisat der HAB Wolfenbüttel) Aufgrund der durchgehenden Erwähnung in anderen Quellen ist der Bullenbeißer jedoch als eigener Typ – unterteilt in den kleineren »Brabanter« und den größeren »Danziger« – als gesichert anzusehen.

Der Beschreibung Flemmings nach, hatte er einen kurzen und dicken Kopf, die Schnauzenform war vorbiss-artig; von der Körperform her „dicke schwer und unbehende zu laufen“. Farblich wird er als mit schwarzem Maul sowie gelblicht oder braungestreift klassifiziert. In den beigefügten Zeichnungen trifft das nicht ganz zu, da der Danziger weiß-schwarz gefleckt abgebildet ist; der Brabanter hingegen wird, wie im Text, gestromt dargestellt. Abgesehen von der Größe, die um 1800 – im Vergleich zu anderen Typen – meist höher angegeben wird,Georg Ludwig Hartig in: Lehrbuch für Jäger und die es werden wollen, Rötzl und Kaulfuss, Band 1, Stuttgart und Tübingen 1812, S. 261 (Digitalisat). weichen spätere Beschreibungen kaum ab.

Regelmäßig werden sie als gute Saupacker gelobt. „Dieser Hund zeichnet sich durch seine Kraft und Tapferkeit vor allen Hatzhunden aus, und packt alles worauf er gehetzt wird wie wüthend an.“ Gelegentlich finden sich aber auch gegenteilige Angaben, etwa dass sie zur Sauhatz wegen übermäßiger Wildheit oder Unerzogenheit nicht zu gebrauchen seien. Als ihr „Spezialgebiet“ galt die Bärenjagd.

Saurüden miniatur| „Die Sau-Rüden sind zottichte und beißige Hunde“

Saurüden waren in den früheren Darstellungen vornehmlich Hunde, die bei der Landbevölkerung, namentlich bei Schäfern, aber auch bei Fleischern oder Abdeckern, zum Zwecke großer Sauhatzen eingesammelt wurden. So heißt es von Landgraf Phillipp von Hessen (1504–1567): „[…] so befehlen wir, daß ihr jedem unserer Unterthanen, so Schafe und einen Pferch hat, von unsertwegen mit ehenst gebietet und befehlet, daß er einen starken Rödden, den wir zur Schweinehatz gebrauchen mögen, halte […]“.zitiert nach Georg Landau in: Beiträge zur Geschichte der Jagd und Falknerei in Deutschland. Die Geschichte der Jagd und Falknerei in beiden Hessen. Theodor Fischer, Kassel 1849, S. 177 der weitere ähnliche Beispiele aus dem hessischen Raum anführt Manchenorts, namentlich in Württemberg, wurde ein System eingeführt, mit dem bei der Landbevölkerung geeignete Hunde eingestellt wurden. Dieses Einstellen von Hunden scheint auch in Hessen ab Ende des 17. Jahrhunderts eingeführt worden zu sein und bestand vereinzelt noch Mitte des 19. Jahrhunderts. Georg Landau in: Beiträge zur Geschichte der Jagd und Falknerei in Deutschland. Die Geschichte der Jagd und Falknerei in beiden Hessen. Theodor Fischer, Kassel 1849, S. 177 (Digitalisat bei Google Books)