Die Mariendistel (Silybum marianum) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Mariendisteln (Silybum) in der Unterfamilie Carduoideae innerhalb der Familie der Korbblütler (Asteraceae).

Beschreibung Vegetative Merkmale Die Mariendistel ist eine ein- bis zweijährige Pflanze, die Wuchshöhen von 20 bis 150 Zentimetern erreicht. Der kahle oder leicht spinnwebig-flaumige, grüne Stängel ist meist verzweigt und ungeflügelt. Die grundständigen Laubblätter sind 25 bis 50 cm lang und 12 bis 25 cm breit. Erstjahresrosetten der Mariendistel können im südwestlichen Mitteleuropa allerdings auch einen Durchmesser von 1,3 Metern erreichen. Die Grundblätter sind länglich bis elliptisch, buchtig gelappt, sitzend, kahl oder verkahlend, entlang der Nerven weiß gefleckt und marmoriert, glänzend, am Rand mit gelblich-weißen, bis 8 mm langen Dornen entfernt gewimpert. Die Stängelblätter sind kleiner, weniger tief geteilt, am Grund geöhrt-stängelumfassend und sitzend.

Generative Merkmale Die Körbe sind 4 bis 5 cm lang, sind eiförmig und stehen einzeln auf langen, aufrechten, manchmal mit wenigen kleinen Hochblättern besetzten Stielen. Die Hüllblätter besitzen ein 8 bis 15 mm langes und 6 bis 10 mm breites, dornig gezähntes Anhängsel, das in einen 2 bis 5 Zentimeter langen, kräftigen, zurückgebogenen, rinnigen Dorn ausläuft. Sie sind kahl. Die purpurfarbene Krone ist tief fünfspaltig.

Die 6 bis 8 × 2,5 bis 4 mm großen Achänen sind glänzend schwarz mit grauen Flecken. Sie wiegen im Durchschnitt 32,4 mg. Der weiße Pappus ist 15 bis 20 Millimeter lang.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 34.

Ökologie Bestäuber sind Bienen.

Die Mariendistel ist Wirtspflanze für den Brandpilz Ustilago cardui.

mini|Oberer Bereich eines Pflanzenexemplares

Vorkommen Die Mariendistel ist vor allem im Mittelmeerraum verbreitet, sie kommt aber auch auf den Kanaren, den Azoren und auf Madeira vor und reicht ostwärts bis Russland, Iran, Kasachstan, Indien und Äthiopien. In Mitteleuropa ist sie öfters unbeständig verwildert, sie kommt aber auch eingebürgert vor, etwa in Baden-Württemberg in der nordbadischen Rheinebene. Sie ist in Nord- und Südamerika, Südafrika sowie in Australien als invasive Pflanze eingebürgert.

Als Standort werden Ruderalstandorte wie Schuttplätze, Wegränder, Viehweiden über meist trockenen, steinigen Böden bevorzugt. Die Mariendistel kommt im Mittelmeerraum in Gesellschaften des Verbands Chenopodion murale vor.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 2+w+ (frisch aber stark wechselnd), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 5 (sehr warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).

Taxonomie Die Erstveröffentlichung erfolgte 1753 unter dem Namen (Basionym) Carduus marianus durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II, Seite 823. Die Neukombination zu Silybum marianum wurde 1791 durch Joseph Gärtner in De fructibus et seminibus plantarum, Band 2, Seite 378 veröffentlicht. Weitere Synonyme für Silybum marianum sind: Silybum pygmaeum , Mariana lactea .

Verwendung Anbau und Ernte Für den medizinischen Gebrauch wird die Mariendistel auf Feldern in Österreich (Waldviertel), Ungarn, Deutschland (Westerwald), Argentinien, Venezuela und China angebaut. Die Früchte werden im Monat August reif und anschließend geschwadet (= geschnitten und abgelegt) und nach einigen Tagen mit herkömmlichen Mähdreschern geerntet. In einigen Ländern ist auch der Direktdrusch verbreitet. Nach der Ernte erfolgt die Reinigung der Früchte.

Die Stängel werden im Kaukasus gegessen.Andrea Pieroni, Renata Sõukand: Ethnic and religious affiliations affect traditional wild plant foraging in Central Azerbaijan. In: Genet. Resour. Crop. Evol. 66, 2019, S. 1495–1513, doi:10.1007/s10722-019-00802-9, PDF.

Medizinische Anwendung Mariendistel wurde seit der Antike als Heilmittel eingesetzt, zum Beispiel empfahl Pedanios Dioskurides sie gegen Schlangenbisse und Plinius der Ältere zur „Gallenabfuhr“. Seit dem Mittelalter wird die Fechdistel (von althochdeutsch fehdistil zu fēh „ungleich, verschieden“, hier im Sinne von „fleckig“), in älteren Texten auch vechdistelGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 376 (Vechdistel: Mariendistel, synonym: „vnnßer frawen distel“; Fechdistelwurtz: Wurzel der Mariendistel). oder vehedistel,Vgl. etwa Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 801: „Vehe Diestell Cardan[u]s Mariae“, in Oeconomia von 1579.Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 168 (zu cardo). bzw. Mariendistel (mittelhochdeutsch ab 1500 niederalemannisch auch „Unser Frauen Distel“ bzw. unser vrouwen distelMatthias Kreienkamp: Das St. Georgener Rezeptar. Ein alemannisches Arzneibuch des 14. Jahrhunderts aus dem Karlsruher Kodex St. Georgen 73, Teil II: Kommentar (A) und textkritischer Vergleich, Medizinische Dissertation Würzburg 1992, S. 77–78. (Bauchwassersucht)Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes. 1961, S. 376 (Vechdistel: Mariendistel, synonym: „vnnßer frawen distel“; Fechdistelwurtz: Wurzel der Mariendistel) und 479 (vnnßer frawen distel: Mariendistel, bei Gabriel von Lebenstein vnser lieben frawen distel).) bei Leberleiden verordnet. In moderner Zeit gibt es neben den getrockneten Pflanzen auch standardisierte Präparate mit dem Wirkstoffkomplex Silymarin bzw. dessen Hauptwirkstoffhttps://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20564545/ Silibinin als „leberschützendes“, entgiftendes Agens. Für die USA wurde der Markt für entsprechende Produkte für 2020 auf über 100 Millionen US-Dollar beziffert. Nach Umsatz in spezialisierten Geschäften für Nahrung und Ergänzungsmittel rangierte die Mariendistel unter den zehn beliebtesten Rohdrogen-Pflanzen für Phytopharmaka.Milk Thistle Supplements Market. Auf: www.factmr.com. Alternativmediziner führen die leberschützende Wirkung auf antientzündliche und antifibrotische Flavonoide zurück; zu den modernen damit behandelten Diagnosen zählt deshalb vor allem die Leberzirrhose. Die Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien sind widersprüchlich, berichtete positive Wirkungen konnten nicht reproduziert werden, dabei scheint die Anwendung zumindest ungefährlich zu sein.F. Rainone: Milk thistle. In: American family physician. Band 72, Nummer 7, Oktober 2005, S. 1285–1288, PMID 16225032 (Review). Allerdings enthält Silymarin einen starken Hemmstoff des Schilddrüsenhormon-Transporters MCT8. Auch die Daten zu der erhofften krebshemmenden Wirkung sind sehr schwach.PDQ Cancer Information Summaries: Milk Thistle (Patient Version). 5. Januar 2007 Eine gewisse Bedeutung hat die Mariendistel als Gegengift gegen Amatoxinvergiftungen (das Gift der Knollenblätterpilze); Silymarin soll die Aufnahme des Giftstoffs in den Leberzellen kompetitiv hemmen.U. Mengs, R. T. Pohl, T. Mitchell: Legalon® SIL: the antidote of choice in patients with acute hepatotoxicity from amatoxin poisoning. In: Current pharmaceutical biotechnology. Band 13, Nummer 10, August 2012, S. 1964–1970, PMID 22352731, (Review; die Autoren sind Mitarbeiter der Herstellerfirma)

Aufgrund ihrer positiven Wirkungen in der Medizin wurde sie 2021 in Österreich zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.Mariendistel zur Arzneipflanze des Jahres in Österreich gekürt in den Salzburger Nachrichten vom 27. Jänner 2021, abgerufen am 27. Jänner 2021.

Verunreinigung mit Schimmelpilzen Mariendistelextrakte können mit Mykotoxinen belastet sein, bei einer 2015 veröffentlichten Untersuchung wurden bis zu 37 mg pro kg festgestellt.

Bilder

Literatur Volker Fintelmann, Rudolf Fritz Weiss: Lehrbuch der Phytotherapie. Georg Thieme Verlag, 2006. ISBN 978-3-8304-5345-1. S. 114 ff.

Heinz Schilcher: Leitfaden Phytotherapie. 3. Auflage, Elsevier, 2007. ISBN 978-3-437-55348-6. S. 174 f. Wolfgang Steglich, Burkhard Fugmann, Susanne Lang-Fugmann: Römpp Lexikon Naturstoffe. Georg Thieme Verlag, 2014. ISBN 978-3-13-179291-4. S. 590. Cardui mariae fructus. In: Max Wichtl: Herbal Drugs and Phytopharmaceuticals: A Handbook for Practice on a Scientific Basis. CRC Press, 2004. ISBN 978-0-8493-1961-7. S. 107 ff. Heinrich Marzell: Zur Geschichte der Mariendistel (Silybum Marianum Gärtn.) als Heilmittel. In: Sudhoffs Archiv. Band 32, 1939, S. 94–103.

Weblinks

Thomas Meyer: Datenblatt mit Bestimmungsschlüssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben). A–Z der Nutzpflanzen bei der Universität Hamburg. Mariendistel. Kooperation Phytopharmaka (ohne Datum). Mariendistel als Heilpflanze.

Einzelnachweise , abgerufen am 11. Februar 2013. , abgerufen am 11. Februar 2013.

J. do Amaral Franco: Silybum. In:

F. Fiebrich, H. Koch: Silymarin, an inhibitor of lipoxygenase. In: Experientia. Band 35, Nr. 12, 1979, S. 1548–1550, PMID 118048, doi:10.1007/BF01953184. F. Fiebrich, H. Koch: Silymarin, an inhibitor of prostaglandin synthetase. In: Experientia. Band 35, Nr. 12, 1979, S. 1550–1552, PMID 118049, doi:10.1007/BF01953185. Werner Greuter (2006+): Compositae (pro parte majore). In: W. Greuter, Eckhard von Raab-Straube (Hrsg.): Compositae. Datenblatt Silybum marianum In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Eckhard von Raab-Straube: Asteraceae. In: Schmeil-Fitschen: Die Flora Deutschlands und angrenzender Länder. 98. Auflage. Verlag Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2024. ISBN 978-3-494-01943-7. S. 824.

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