Die Standesherren des Großherzogtums Hessen stellten neben den Prinzen des regierenden Hauses den höchsten Adel im Land mit einer Reihe von Privilegien, die zwar im Laufe des 19. Jahrhunderts reduziert wurden, sich aber zum Teil bis zum Ende der Monarchie 1918 hielten.
Grundlage Die Mediatisierung hatte der dabei zum Großherzogtum Hessen avancierten Landgrafschaft Hessen-Darmstadt die Oberhoheit über eine Reihe bisher reichsunmittelbarer Territorien eingebracht, deren bis dahin Regierende nun zu Standesherren wurden. Gleiches geschah 1816 dem Fürsten von Isenburg, dessen Lande endgültig mediatisiert und zwischen dem Großherzogtum und dem Kurfürstentum Hessen aufgeteilt wurden. Rechtsgrundlage sowohl für die Mediatisierung als auch die Stellung der Standesherren war die Rheinbundakte von 1806. Staatsrechtlich definiert waren sie als
Davon gab es 19 (siehe Übersicht), am Ende des 19. Jahrhunderts immer noch 17.Cosack, S. 15f. Hinsichtlich Fläche und Bevölkerung machten die Standesherrschaften etwa des Großherzogtums aus.Cosack, S. 2.
Rechtliche Regelungen Eine Reihe rechtlicher Regelungen bestimmten die Verhältnisse der Standesherren im Großherzogtum Hessen. Grundlegend war die Rheinbundakte.Rheinbundakte.
Als spezifische Regelungen im Großherzogtum Hessen traten hinzu: Die Deklaration über die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogtums vom 1. August 1807Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23. und der Anhang zu vorstehender Deklaration vom 20. Juni 1808.Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 23–24. Das Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160. wurde zum Bestandteil der Dezember-Verfassung von 1820 erklärt.Art. 37 Verfassungs-Urkunde des Großherzogtums Hessen vom 17. Dezember 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 60 vom 22. Dezember 1820, S. 535 ff (540). Mit ihm wurde ein Teil der Bestimmungen der beiden vorangegangenen Dokumente konsolidiert und – soweit sie dem neuen Edikt widersprachen – außer Kraft gesetzt.§ 77 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (160). Die Regelungen sind über weite Strecken ähnlich, aber ausführlicher. Im Bereich protokollarischer Ehren (Anrede, Ehrenwache) gab es Zugeständnisse an die Standesherren über die Regelungen von 1807 hinaus. Weiter wird die Vormundschaft in standesherrlichen Häusern umfassend geregelt.§ 14 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (130ff). Die Verfassung des Großherzogtums Hessen vom 17. Dezember 1820Verfassungs-Urkunde des Großherzogtums Hessen vom 17. Dezember 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 60 vom 22. Dezember 1820, S. 535 ff. gewährte weitere Rechte, erklärte aber vor allem in Art. 37 das Edikt vom 27. März 1820 zum Bestandteil der Verfassung.Art. 37 Verfassungs-Urkunde des Großherzogtums Hessen vom 17. Dezember 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 60 vom 22. Dezember 1820, S. 535 ff (540). Das Gesetz, die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherrn betreffend vom 3. August 1848Gesetz, die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherrn betreffend vom 3. August 1848. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 40 vom 9. August 1848, S. 237–241. bedeutete harte Einschnitte für die standesherrlichen Familien: Erhebliche Teile ihrer Privilegien entfielen oder wurden beschnitten. Das hatte aber nicht lange Bestand. Im Zuge des „Roll-back“ nach den revolutionären Ereignissen und schließlich mit dem Gesetz, die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858Gesetz, die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 26 vom 5. August 1858, S. 329–343. wurde die Gleichstellung teilweise rückgängig gemacht und Privilegien wieder gewährt. Das Gesetz von 1858 setzte alle widersprechenden Bestimmungen des Edikts von 1820 und des Gesetzes von 1848 außer Kraft.Art. 42 Gesetz, die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 26 vom 5. August 1858, S. 329–343. Die Bekanntmachung die Rechtsverhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858 schränkte die Gültigkeit des vorgenannten Gesetzes ein und erklärt es als nicht anwendbar auf die Standesherren von Isenburg-Birstein, von Löwenstein-Wertheim, von Erbach-Fürstenau und von Stolberg-Gedern, da diese sich offensichtlich im Vorfeld geweigert hatten, entsprechende Abmachungen mit dem Staat zu treffen.Bekanntmachung die Rechtsverhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 26 vom 5. August 1858, S. 343f.
Das staatsrechtliche Verhältnis Im Prinzip ersetzte bei der Mediatisierung das Großherzogtum Hessen die Funktionen gegenüber den Standesherren, die das wegfallende bisherige Alte Reich gegenüber dem reichsunmittelbaren Adel eingenommen hatte. Die Mediatisierung betraf also die Beziehungen zwischen den Standesherren und ihren Untertanen zunächst nicht. Die Standesherren nahmen in ihren Gebieten die Aufgaben in Rechtsprechung und Verwaltung weiter wahr.
Allerdings verstand sich das Großherzogtum – im Gegensatz zum Reich – als Staat, drängte darauf, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen und die Standesherren aus den Positionen zu drängen, in denen ihre Herrschaft zu staatlichem Handeln in Konkurrenz stand. Diese Entwicklung dauerte mehrere Jahrzehnte. Die letzten diesbezüglichen Rechte wurden erst in der Folge der Revolution von 1848 beseitigt.Gesetz, die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren betreffend vom 3. August 1848. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 40 vom 9. August 1848, S. 237–241. Eine gesellschaftliche und staatsrechtliche Sonderstellung – etwa erbliche Sitze in der ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen – behielten sie bis zum Ende der Monarchie 1918.
Zu den staatlichen Maßnahmen, die Standesherren in den neuen Staat einzubinden, zählte, dass dieser sie als – wenn auch privilegierte – Untertanen behandelte: Sie mussten dem Großherzog huldigen§ 1 Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23; § 1 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160., alle Titel ablegen, die den Anschein eigener (staatlicher) Souveränität hätten erwecken können§ 2 Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23. und wurden protokollarisch dem großherzoglichen Haus nachgeordnet.§§ 3ff Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23.
Auch griff der Staat direkt auf die Untertanen der Standesherren zu, die z. B. dem Großherzog ebenfalls huldigen mussten§ 8 Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23., aber auch dem jeweiligen Standesherren.Nr. 1 Anhang zu vorstehender Deklaration vom 20. Juni 1808. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 23–24; § 9 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (127f). Für die Untertanen bedeutete das auch eine doppelte Belastung. Nicht zuletzt deshalb brachen die Unruhen von 1830 vorwiegend in standesherrlichem Gebiet aus.Franz/Fleck/Kallenberg: Großherzogtum Hessen, S. 784–786.
Den Standesherren war eigene „Außenpolitik“ untersagt.§ 14 Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23; § 19 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (134); Art. 17 Gesetz, die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 26 vom 5. August 1858, S. 329–343.
Privilegien Protokollarische Besonderheiten Den Standesherren stand zu oder wurde zugestanden Ebenbürtigkeit.§ 2 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (126). Die Aufnahme für sich und ihre Familien in das Fürbittengebet. Dort waren sie nach dem Großherzog und seiner Familie zu nennen.§ 3f Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23. Dies wurde 1848 abgeschafftArt. 1 Nr. 1 Gesetz, die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren betreffend vom 3. August 1848. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 40 vom 9. August 1848, S. 237–241. und 1858 wieder eingeführt.Art. 4 Gesetz, die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 26 vom 5. August 1858, S. 329–343. Bestimmte Formen der Ansprache in offiziellen Dokumenten und die Titel „Durchlaucht“ für die Fürsten und „Erlaucht“ für die Grafen.§ 6 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (127). Die Regelung in diesem Punkt (§ 5 Deklaration vom 1. August 1807. In: Großherzoglich Hessische Verordnungen 1 (1806–1808), Darmstadt 1811, S. 9–23) wich 1807 davon noch ab, hier wurde „aufgestockt“. Die Aufstellung einer militärischen Ehrenwache wurde 1820 gestattet,§ 11 Edict, die standesherrlichen Rechts-Verhältnisse im Großherzogthum Hessen betreffend vom 27. März 1820. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt, Nr. 17 vom 29. März 1820, S. 125–160 (128). 1848 abgeschafftArt. 1 Nr. 4 Gesetz, die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren betreffend vom 3. August 1848. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 40 vom 9. August 1848, S. 237–241. und 1858 wieder eingeführt.Art. 11 Gesetz, die staatsrechtlichen Verhältnisse der Standesherren des Großherzogthums betreffend vom 18. Juli 1858. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 26 vom 5. August 1858, S. 329–343.
Rechtliche Privilegien Gerichtsstandsprivileg: