Il palazzo incantato overo La guerriera amante (deutsch: ‚Das Zauberschloss oder Die verliebte Kriegerin‘), auch Il palazzo d’Atlante (‚Der Palast von Atlante‘) oder Lealtà con valore (‚Treue mit Wert‘) ist eine Oper in drei Akten von Luigi Rossi (Musik) mit einem Libretto von Giulio Rospigliosi, dem späteren Papst Clemens IX. Sie wurde am 22. Februar 1642 im Palazzo Barberini „alle Quattro fontane“ in Rom uraufgeführt.

Handlung

Charaktere und literarischer Hintergrund

Die Charaktere und Handlungselemente basieren auf dem Versdrama Orlando furioso (Der rasende Roland) von Ludovico Ariosto. Dieses war im 17. und 18. Jahrhundert weit verbreitet und konnte beim gebildeten Publikum als bekannt vorausgesetzt werden. Die Rahmenhandlung bildet darin ein Krieg zwischen den Franken unter Kaiser Karl dem Großen und deren christlichen Verbündeten auf der einen Seite und den von Agramante geführten vereinigten heidnischen (muslimischen) Truppen aus Sarazenen und verschiedenen afrikanischen Völkern auf der anderen. Der Konflikt zwischen Christen und Heiden spielt in dieser Oper höchstens unterschwellig eine Rolle. Sie enthält allerdings unzählige Anspielungen auf die verschiedenen Handlungsstränge des Epos, die nur mit detaillierter Kenntnis der Vorlage zu verstehen sind.

Im Vorwort erläuterte der Librettist Rospigliosi seine Idee, den Orlando furioso als Allegorie der Scheinhaftigkeit der Welt zu interpretieren: Das Schloss stehe für das menschliche Leben, das die Menschen auf der Suche nach Glück durchwandern. Der Magier Atlante sei die Welt mit ihren tausend Verführungen und Täuschungen. Auch er selbst trete in unterschiedlichen Gestalten auf. Ruggiero sei die menschliche Seele, die sich im Labyrinth der Welt verlaufe und keinen Ausweg finde. Bradamante stehe für die Vernunft, die die Seele, nachdem sie sie beklagt und beschimpft hat, wieder auf den rechten Weg zurückführe. Marfisa sei als Abbild der Tugend eine Feindin von Verliebtheit und Luxus. Die nach ihrem Gatten Brandimarte suchende und von den Täuschungen nur wenig betroffene Fiordiligi stehe für Ehrlichkeit und Astolfo für die Umsicht.

Im Kern der Handlung lockt der Zauberer Atlante, einst Erzieher Ruggieros, viele christliche und heidnische Ritter und Damen in ein verzaubertes Schloss, wo sie in labyrinthischen Gängen endlos nach ihren verlorenen Geliebten und Freunden suchen. Die drei Ritter Orlando, Sacripante und Ferraù kämpfen um die Gunst der Prinzessin Angelica. Die Kriegerin Bradamante will ihren Geliebten Ruggiero befreien, missversteht aber dessen Gespräch mit Angelica und hält ihn fortan für treulos. Erst nach mehreren Versuchen gelingt es ihm, sie mit einem Brief zurückzugewinnen. Atlante zeigt Angelica in einer Vision das Bild ihre künftigen Geliebten Medoro. Erst die Ankunft des für die Liebe unempfänglichen Ritters Astolfo sorgt für eine Auflösung. Atlante versucht vergeblich, dies durch seine magischen Tricks zu verhindern. Als Ruggiero und Bradamante wieder zusammenfinden, nimmt Atlante Ruggieros Gestalt an, um dies zu unterbinden. Er scheitert jedoch, da er Ruggieros Kraft in einem Duell nichts entgegensetzen kann. Er gibt seine Niederlage zu und erklärt, dass er alles nur getan habe, um Ruggiero vor dem prophezeiten Tod zu bewahren. Der Palast verschwindet, und die befreiten Ritter und Damen erkennen einander endlich wieder.

Prolog

Landschaft mit Fluss, Feldern und der Ruine einer Burg

Pittura (die Malerei) versucht, für das Bühnenbild einer Oper Flüsse abzubilden. Die erweisen sich aber als so flüchtig, dass sie kaum mit ihrer Arbeit vorankommt. Ihre Schwestern Poesia (die Dichtkunst) und Musica (die Musik) drängen sie zur Eile. Die drei streiten über ihre jeweilige Bedeutung, bis sie von Magia (der Zauberkunst) unterbrochen werden. Diese schlägt vor, gemeinsam eine neue Oper aufzuführen, bei der jede von ihnen ihre Fähigkeiten einsetzen kann. Sie selbst wählt das Thema aus: Die Gefangenschaft Ruggieros im Zauberschloss des Atlante und seine Befreiung durch seine kämpferische Geliebte Bradamante – der Lohn für Ehre, Treue und Mut.

Erster Akt

Das Innere des Zauberschlosses mit Loggien

Szene 1. Der Zauberer Atlante hat die Gestalt eines Riesen angenommen und entführt Angelica, um sie in sein Schloss zu verschleppen. Orlando will sie befreien. Als er den Riesen auf einer Loggia erblickt, fordert er ihn heraus und betritt das Schloss. Dort verirrt er sich und verliert Angelica aus den Augen.

Szene 2. Atlante freut sich über den Fang dieses berühmten Ritters. Er offenbart, dass er den Palast geschaffen hat, um seinen Schützling Ruggiero dort festzuhalten und so vor den ihm drohenden Gefahren zu bewahren.

Szene 3. Bradamante erzählt Marfisa von ihrer verzweifelten Suche nach ihrem Geliebten Ruggiero. Sie hat von der Zauberin Melissa erfahren, dass Ruggiero hier irgendwo sein muss, und will ihn befreien. Marfisa warnt sie vor der blind machenden Liebe, verspricht aber dann, ihr zu helfen und macht ihr Hoffnung auf ein zukünftiges Glück.

Szene 4. Auch Ferraù und Sacripante sind auf der Suche nach Angelica, die sie beide lieben. Obwohl Ferraù eine Falle befürchtet, will er weitersuchen und die Hoffnung nicht aufgeben.

Szene 5. Angelica überlegt, welcher der Ritter ihr am besten aus ihrer Lage helfen könnte. Sie hält Orlando für den Tapfersten, fürchtet aber, dass sie ihn anschließend nicht mehr los wird. Sacripante wäre wohl leichter zu lenken. Da erscheint Ruggiero, der sich als unbesiegbar im Krieg und großzügig im Frieden erwiesen hat.

Szene 6. Angelica erinnert Ruggiero dankbar daran, wie er sie einst vor dem Meeresungeheuer Orca rettete. Er war damals enttäuscht von ihrem Verhalten, da sie so schnell verschwunden war.

Szene 7. Unbemerkt von den beiden hört Bradamante mit an, wie Angelica Ruggiero ihrer Dankbarkeit versichert und sogar von Liebe spricht. Bradamante glaubt, Ruggiero sei ihr untreu geworden und macht ihm heftige Vorwürfe. Die zwischen die Fronten geratene Angelica zieht sich zurück.

Szene 8. Ruggiero versteht nicht, was in Bradamante gefahren ist, die immer weiter auf ihn schimpft. Sie fragt ihn nach dem goldenen Ring, den Melissa ihm einst in ihrem Auftrag als Symbol ihrer Treue gegeben hatte, und den sie soeben an der Hand Angelicas bemerkte. Eine Antwort wartet sie jedoch nicht ab, sondern verlässt ihn voller Verachtung.

Szene 9. Ruggiero überlässt sich der Verzweiflung über diese ungerechten Vorwürfe.

Szene 10. Alceste lobt die Treue, die Fiordiligi von ihrem Gatten Brandimarte erfährt. Er selbst leidet unter der Zurückweisung seiner Geliebten Lidia. Fiordiligi will andernorts nach Brandimarte suchen, wird aber von einem Echo, das seine Stimme nachahmt, zurückgehalten.

Szene 11. Nachdem Orlando viele Räume des Palasts vergeblich nach Angelica durchsucht hat, beklagt er ihr Schicksal. Er ist entschlossen, ihren Entführer im Zweikampf zu schlagen.

Gebirgige Waldgegend mit dem Schloss im Hintergrund

Szene 12. Prasildo nähert sich auf der Suche nach seinem Freund Iroldo dem Schloss. Der Chor fordert ihn auf, einzutreten, um sich zu erholen.

Szene 13. Mandricardo erzählt Gradasso von seinem Zweikampf mit Doralices Verlobtem Rodomonte. Ihr gemeinsamer Heerführer Agramante hatte den Kampf unterbrochen und bestimmt, dass sie ihren Geliebten selbst wählen solle. In diesem Moment ist der Hilferuf einer Dame aus dem Schloss zu hören. Mandricardo und Gradasso eilen hinein, um ihr beizustehen.

Szene 14. Atlante lockt die von ihrem Geliebten verlassene und verzweifelte Olimpia in seinen Palast. Acht Nymphen versprechen ihr dort Ablenkung und Vergnügungen.

Das Innere des Zauberschlosses

Szene 15. Durch allerlei Trugbilder verhindert Atlante, dass sich die vielen gefangenen Ritter und Damen finden und erkennen. Ein Chor tanzender Geister macht sich über die leichte Verführbarkeit der Menschen lustig.

Zweiter Akt

Das Innere des Zauberschlosses

Szene 1. Ruggiero trifft auf die noch immer empörte Bradamante, die ihn trotz seines Flehens zurückweist.

Szene 2. Mandricardo versucht, den Palast zu verlassen, um seinen Kampf mit Rodomonte wiederaufzunehmen. Er wird aber von der Stimme Doralices zurückgehalten, die vorgibt, seine Hilfe zu benötigen. Nachdem er sich durch eine Rückfrage überzeugt hat, dass sie die echte Doralice ist, eilt er fort, um sie zu retten.

Offene Landschaft; vorne Wiesen und Felder; hinten bewaldete Hügel

Szene 3. Als vier junge Mädchen das Schloss verlassen wollen, um die Natur zu genießen, verhindert Atlante dies durch das Phantom eines Bären.

Das Innere des Zauberschlosses

Szene 4. Iroldo erinnert sich daran, dass er von seinem Freund Prasildo erwartet wird. Der Gedanke an eine schöne Frau, die ihm gerade begegnet ist, lenkt ihn jedoch ab, und er leidet unter Liebeskummer.

Szene 5. Angelica entscheidet sich für Sacripante als Retter. Der erklärt sich sofort freudig bereit dazu, sie in ihre Heimat zu begleiten.

Szene 6. Auch Ferraù und Orlando wollen Angelica retten. Da keiner der drei Ritter nachgeben will, kommt es zum Kampf. Angelica versucht vergeblich, die Streithähne zu trennen und schlägt schließlich vor, dass derjenige ihr Held sein solle, der sie als erster ergreife. Dann macht sie sich mit Hilfe ihres Zauberrings unsichtbar. Die Ritter bleiben verwirrt zurück.

Szene 7. Prasildo will das Schloss verlassen, da er Iroldo hier nicht finden konnte. Da fällt ihm ein, dass in einem der Räume noch sein Speer liegt, den er von Lilla erhalten hatte.

Szene 8. Ruggiero verzweifelt an Bradamantes Unnachgiebigkeit. Überwältigt von seinen eigenen tiefen Gefühlen schläft er ein.

Szene 9. Bradamante findet den schlafenden Ruggiero und kämpft mit ihren eigenen Gefühlen, bis sie ihr Schwert ergreift, um ihn zu töten. In diesem Moment schlägt Ruggiero die Augen auf. Für einen Moment regt sich erneut ihre Liebe für ihn. Dann wirft sie ihm erneut seine vermeintliche Untreue vor und fordert ihn zum Kampf heraus, den er aber verweigert. Da ein Leben ohne sie für ihn keinen Wert hat, ist er bereit, durch ihre Hand zu sterben. Sie zieht sich wütend zurück.

Szene 10. Da Angelica den Streit zwischen ihren drei Rittern nicht schlichten konnte, beschließt sie, sich alleine auf den Weg in ihr Reich zu machen. Atlante prophezeit ihr, dass sie bald die Liebe finden werde. Ihr künftiger Geliebter (Medoro) werde ganz in der Nähe schwer verletzt mit dem Tode ringen und nur durch sie gerettet werden können. Er zeigt ihr ein magisches Bild des Genannten, in das sie sich sofort verliebt.

Szene 11. Fiordiligi und Olimpia sowie Prasildo und Alceste offenbaren einander, dass sie verliebt sind. Marfisa macht sich über sie lustig. Die anderen genießen jedoch sogar den Liebesschmerz. Ein Jäger verfolgt ein flüchtiges Reh bis in den Palast.

Szene 12. Ein Zwerg informiert Atlante darüber, dass zwei Mädchen fliehen wollen. Um sie daran zu hindern, verwandelt sich Atlante in einen Riesen. Der Zwerg zeigt ihm einen Brief Ruggieros an Bradamante. Gerührt über dessen unverbrüchliche Liebe befiehlt Atlante, ihr den Brief zu geben. Der Riese erlaubt den Mädchen, den Palast zu verlassen, sofern sie für immer der Liebe abschwören. Sie wollen darüber nachdenken.

Offene Wiesenlandschaft; im Hintergrund das Schloss

Szene 13. Der Ritter Astolfo kommt auf seinem Hippogryphen herbeigeflogen. Die Damen laden ihn in den Palast ein. Er zögert jedoch, da er Verdacht schöpft und keine Liebe, sondern Ruhm sucht.

Das Innere des Zauberschlosses

Szene 14. Als der Zwerg Bradamante Ruggieros Brief bringt, reißt diese ihn erst einmal in Stücke. Doch dann besinnt sie sich und versucht, die übriggebliebenen Fetzen zu entziffern. Darin findet sie eine Erklärung über den Verbleib ihres Rings: Er hatte ihn Angelica gegeben, um eine Unschuldige vor dem Tod zu retten. Bradamante ist erleichtert. Sie versteckt sich, als sie Angelica kommen sieht.