mini|hochkant=1.44|Der vollständig geöffnete Gothaer Tafelaltar Der Gothaer Tafelaltar, eines der bedeutendsten Werke der Reformationszeit und mit 162 Einzeltafeln zugleich das umfangreichste Tafelwerk der altdeutschen Tafelmalerei, entstand um 1538 im Stil der Renaissance und wird dem Herrenberger Maler Heinrich Füllmaurer und seinem Umkreis zugeschrieben. Das Polyptychon besteht aus einem Mittelteil, zwei Standflügeln und vierzehn beweglichen Flügeln, die insgesamt fünf Schauseiten ermöglichen. In 157 Gemälden, die rund 290 Einzelszenen enthalten, wird Leben und Wirken von Jesus Christus in Wort und Bild geschildert. Es handelt sich um eine Evangelienharmonie mit synoptischen Gegenüberstellungen, beruhend auf der Bibelübersetzung des Reformators Martin Luther aus dem Jahr 1522 und der 1526 veröffentlichten Evangelienharmonie von Jakob Beringer. Wahrscheinlich stand der Theologe Kaspar Gräter dem Maler beratend zur Seite. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts ist der Flügelaltar in Schloss Friedenstein in Gotha beheimatet.Timo Trümper: Das Verbot der >> ärgerlichen Bilder << und der Gothaer Tafelaltar. Kunst in Zeiten der Reformation, S. 338.
Geschichte Der Gothaer Tafelaltar, der nach seinem gegenwärtigen Standort benannt ist, ist um 1538 entstanden und hat um 1540 im Mömpelgarder Altar einen Nachfolger mit weitgehend identischem Bildprogramm. Das Gothaer Werk hat zwar die Gestalt eines Flügelaltars, aber ob es je in einer Kirche aufgestellt war oder für eine solche geschaffen wurde, ist umstritten. Der Kunsthistoriker Frank Muller vermutet, dass Herzog Ulrich von Württemberg den Altar für die Stuttgarter Stiftskirche in Auftrag gegeben habe.Frank Muller: Der Mömpelgarder und der Gothaer Altar im Lichte der politisch-konfessionellen Lage Süddeutschlands um 1540. Leinfelden-Echterdingen 1999, S. 169. Bei Herbert von Hintzenstern gibt es die Überlegung, ob der Altar eine Art Kanzel mit Anschauungsmaterial für Bibelstunden gewesen sein könnte.Herbert von Hintzenstern: Die Bilderpredigt des Gothaer Tafelaltars. Berlin 1965, S. 13. Timo Trümper von der Friedenstein Stiftung Gotha hingegen hält es für wahrscheinlich, dass Herzog Ulrich das Polyptychon nicht für eine Kirche, sondern als Lehrtafel für seine Residenz anfertigen ließ, zur Erziehung der Prinzen und um den protestantischen Glauben seiner Familie zu stärken. Als Mitgift oder in Form einer Erbschaft sei der Altar dann in herzoglichen Privatbesitz nach Gotha gelangt.Timo Trümper: Das Verbot der >> ärgerlichen Bilder << und der Gothaer Tafelaltar. Kunst in Zeiten der Reformation, S. 111.
Die früheste Notiz über den Altar findet sich im ersten Inventarverzeichnis des Schlosses Friedenstein in Gotha, das 1648/58 angelegt wurde. Damals befand er sich in den Privaträumen von Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha und war bereits in seine Einzelteile zerlegt, die als Wandbehang und Paravent Verwendung fanden. Der ursprüngliche Zustand geriet völlig in Vergessenheit. Im Jahr 1852 wurde das Kunstwerk in Dresden von Restauratoren der dortigen Gemäldegalerie unter Leitung von Julius Schnorr von Carolsfeld restauriert. Vom Schloss Friedenstein wurden die Einzelteile 1879 ins Herzogliche Museum überstellt und dort in neuen Kombinationen der Öffentlichkeit präsentiert.Timo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 37/38.
Erst 1930 fand die Museumsangestellte Elsa Lipken-Kunz heraus, wie die originale Gestalt dieses Kunstwerks beschaffen war und veröffentlichte ihre Erkenntnisse; doch es dauerte noch bis 1957, bis es in dieser Form auch rekonstruiert wurde.Herbert von Hintzenstern: Die Bilderpredigt des Gothaer Tafelaltars. Berlin 1965, S. 16–18. Als erste umfangreiche Publikation erschien 1939 eine Dissertation von Harry Kieser über das Retabel. Kriegsbedingt gelangte es 1945 in die Sowjetunion, kehrte aber 1957 nach Gotha zurück. Nur die zwei Standflügel blieben im Puschkin-Museum in Moskau.
Der Gothaer Tafelaltar befindet sich seit 2013 im neu eröffneten Herzoglichen Museum Gotha, wurde 2015/16 für das Reformationsjubiläum 2017 umfassend restauriertTimo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 40. und anschließend zu einer Ausstellung nach Minneapolis geschickt.
Im Jahr 2021 bemüht sich die Stadt Gotha um eine Rückkehr der Standflügel aus dem Puschkin-Museum.
Gothaer Tafelaltar und Mömpelgarder Altar Weder der Gothaer Tafelaltar noch der Mömpelgarder Altar ist signiert, sie beinhalten auch keine Wappen oder Stifterbildnisse. Nachdem sie lange Zeit anderen Meistern zugeschrieben worden waren, fand der Kunsthistoriker Werner Fleischhauer 1971 heraus, dass als Schöpfer beider Altäre nur Heinrich Füllmaurer mit seiner Werkstatt und mit Malern aus seinem Umkreis infrage kommen kann.Timo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar: ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 29. Auf Tafel 23 des Gothaer Altars hat Füllmaurer seine Heimatstadt Herrenberg im Hintergrund gemalt. Heinrich Modern hatte 1896 als Maler für beide Altäre Hans Leonhard Schäufelein genannt.Heinrich Modern: Der Mömpelgarter Flügelaltar des Hans Leonhard Schäufelein und der Meister von Messkirch. In: Oberstkämmerer-Amt (Hrsg.): Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses. Band 17, Prag, Wien, Leipzig 1896, S. 351, 352, 384. Harry Kieser schrieb sie 1939 Matthias Gerung zu.Harry Kieser: Das große Gothaer Altarwerk. Ein reiches Werk deutscher Reformationskunst. Würzburg 1939, S. 74. Andere sahen Albrecht Dürer, Lukas Cranach den Älteren, Barthel Beham oder den Meister von Messkirch als Schöpfer der beiden Altäre.Gerhard Faix: Heinrich Füllmaurer – Maler zu Herrenberg. In: Gerhard Schäfer, Martin Brecht (Hrsg.): Blätter für württembergische Kirchengeschichte. Jg. 87 (1987). Verlag Chr. Scheufele, Stuttgart , S. 166.
Beide Polyptychen werden als eine Art Bilderpredigt oder als große Bilderbibel bezeichnet, die man wie ein Buch lesen kann. Der protestantische Ursprung der Altäre wird in mehrfacher Hinsicht deutlich: Auf den Bildern werden – getreu dem reformatorischen Grundsatz der sola scriptura – auch Bibeltexte wiedergegeben. Auf Heiligenscheine wird verzichtet, Szenen aus den Apokryphen oder Heiligenlegenden werden nicht dargestellt, aber neue Motive eingeführt wie Illustrationen von Gleichnissen und von Ausschnitten aus der Bergpredigt. Zuweilen bedient sich der Maler antikatholischer Polemik wie bei der mit einer Tiara gekrönten Hure Babylon auf Tafel 49 des Gothaer Altars.Gerhard Faix: Heinrich Füllmaurer – Maler zu Herrenberg. In: Gerhard Schäfer, Martin Brecht (Hrsg.): Blätter für württembergische Kirchengeschichte. Jg. 87 (1987). Verlag Chr. Scheufele, Stuttgart , S. 162/163. Haupt- und Nebenszenen finden sich in stets etwas abgewandelter Form im jeweils anderen Altar wieder. Werke von Lucas Cranach und Barthel Beham, Druckgraphik-Zyklen von Albrecht Dürer und Hans Schäufelein dienten als Orientierungshilfen, ebenso der Herrenberger Altar von Jörg Ratgeb und seine Wandmalereien von 1514 bis 1518 im Karmeliterkloster in Frankfurt am Main, die auch als Vorbild für die Text-Bild-Kombinationen gelten.Thomas Packeiser: Lehrtafel, Retabel, Fürstenspiegel? Füllmaurers Tafelaltäre im Prozeß der württembergischen Reformation – ein Ortungsversuch. Leinfelden-Echterdingen 1999, S. 196/197. Füllmaurers Altäre stehen am Anfang einer Entwicklung in Württemberg, die sich dann in Emporenbildern, Kanzeln und Epitaphien fortsetzt.Gerhard Faix: Heinrich Füllmaurer – Maler zu Herrenberg. In: Gerhard Schäfer, Martin Brecht (Hrsg.): Blätter für württembergische Kirchengeschichte. Jg. 87 (1987). Verlag Chr. Scheufele, Stuttgart , S. 171.
Beschreibung Der Altar ist aus Tannenholz gefertigt und enthält einen feststehenden Mittelteil mit einer Bekrönung und einem kleinen Flügelpaar, mit dem das zentrale Bildfeld mit der Kreuzigung Jesu verdeckt werden kann. Ursprünglich waren am Mittelteil drei bewegliche Flügelpaare angebracht, die im 17. Jahrhundert horizontal halbiert wurden, sodass daraus sechs Flügelpaare geworden sind, also für jede Wandlung zwei Flügelpaare geöffnet werden müssen. Zusätzlich gab es ein Standflügelpaar, das sich aber seit 1945 im Puschkin-Museum in Moskau befindet. Mit Ausnahme der Standflügel sind alle Flügel beidseitig bemalt. Die Flügel ermöglichen vier Wandlungen und somit fünf Schauseiten des Altars.
Der geöffnete Altar hat eine Spannweite von 418 cm. Der Mittelteil mit der Bekrönung misst 252,4 × 210 cm, seine beiden kleinen Flügel 99,5 × 49 cm. Die 12 Seitenflügel haben die Maße 98 × 105 cm; die Standflügel erreichen nicht die ursprüngliche Höhe der Seitenflügel vor ihrer Halbierung, sondern sind um etwa 30 cm kleiner. Jeder Seitenflügel enthält in zwei Reihen je drei Bildtafeln, 40 × 27 cm groß. Die Gemälde im Mittelteil haben unterschiedliche Formate, wobei das Bild mit der Kreuzigung Jesu 96 × 91 cm misst. Inklusive der zwei Darstellungen auf den Standflügeln enthält der Altar 162 Bilder mit rund 290 Einzelszenen.Timo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 8/9.
Im oberen Drittel eines jeden Bildes stehen die entsprechenden Bibeltexte in deutscher Sprache in von goldenen Kartuschen umrahmten weißen Inschriftfeldern. Als Vorlage diente die Evangelienharmonie von Jakob Beringer. Unterhalb der Texte sind in Medaillons die dazugehörigen Kapitelangaben zu finden. Versangaben fehlen, da die Einteilung der Kapitel des Neuen Testaments in Verse erst ein Jahrzehnt später eingeführt wurde. Die meisten Bilder enthalten mehrere Szenen, auch Christus ist oft nicht nur einmal auf einem Bild zu sehen. Am unteren Rahmen von jedem Bild fasst ein zweizeiliger gereimter Merkvers das Dargestellte kurz und einprägsam zusammen. So heißt es auf der Tafel 6 bei der Geburt Christi und der Anbetung der Hirten: Christus geborn in windlen gwunden. / Ind Kripp gelegt von hirten gfunden.Timo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 217. Der Kommentar auf Tafel 98 zum Besuch Jesu bei Marta und Maria lautet: Martha dient Jhesu eüszerlich / Maria sahe vffs innerlich.Timo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 255. Auf den Ecken der Tafelumrahmungen sind kreisförmige dunkle Scheiben aus Pappmaché angebracht, auf denen in heller Schrift ebenfalls Texte von Beringer eingefügt sind.Timo Trümper: Der Gothaer Tafelaltar. Ein monumentales Bilderbuch der Reformationszeit. Petersberg 2017, S. 26.
Die nachfolgende Auflistung beschreibt die Bilder nach der gebräuchlichen Nummerierung von Harry Kieser.Harry Kieser: Das große Gothaer Altarwerk. Ein reiches Werk deutscher Reformationskunst. Würzburg 1939, S. 3/4. Sie beginnt beim linken Flügel der geschlossenen Schauseite, endet bei der Bekrönung des Retabels und den Standflügeln und verläuft bei den ersten drei Schauseiten in Leserichtung von links oben nach rechts unten. Obwohl die Motive auf der Bekrönung und den Standflügeln chronologisch vor den übrigen Darstellungen anzusetzen sind, werden sie zum Schluss nummeriert, um die Parallelen zum Mömpelgarder Altar deutlich werden zu lassen, der diese Tafeln nicht hat.Harry Kieser: Das große Gothaer Altarwerk. Ein reiches Werk deutscher Reformationskunst. Würzburg 1939, S. 10.