mini|Jakub Deml (1928) Die Burg des Todes (tschechisch: „Hrad smrti“) ist der Titel eines 1912 publizierten surrealistischen „Traumgedichts in Prosa“ mit autobiographischen Zügen des tschechischen Schriftstellers Jakub Deml. Die deutsche Übersetzung von Christa Rothmeier wurde 1993 veröffentlicht.Jakub Deml: „Unheilige Visionen aus Tasov. Prosa und Dichtung.“ Wieser Klagenfurt-Salzburg, 1993, S. 185.
Inhalt Ein Herausgeber präsentiert das von ihm gefundene fragmentarische Manuskript „Die Burg des Todes“ der Öffentlichkeit. Darin beschreibt der Verfasser in traumartigen Bildern seine Familiensituation und die daraus entstehende Verpflichtung, Priester zu werden. Dies führt ihn in eine Konfliktsituation, die ihn in die labyrinthische Burg des Todes treibt.
Das vorangestellte Motto ist ein Zitat aus Arthur Schopenhauers „Aphorismen“:Arthur Schopenhauer: „Aphorismen“, Kap. V, Nr. 48. Innere Impulse könnten unter „uns unbewusster Leitung prophetischer, beim Erwachen vergessener Träume“ stehen.
Einleitung Im Vorspann, der mit „Tasov, am 2. Juni 1914“ unterschrieben ist, wird ein Traum erzählt: Auf seiner Reise durch eine ländliche Gegend trifft der Erzähler in einem „übergangshaften“ Raum auf eine Gesellschaft von Theologen und anderen Leuten, die eine Zeitschrift herumreichen. Sie erinnert ihn an die Aufmachung von Březinas Buch „Morgendämmerung im Westen“ und enthält Texte, die rund um das Heft hinauszulodern schienen, als ob sie einen Astralkörper hätten.
Die Burg des Todes Im Hauptteil stellt sich der Erzähler als Herausgeber eines fragmentarischen Manuskripts vor, das er unter dem Titel „Die Burg des Todes“ der Öffentlichkeit übergibt. Das Geheimnis seines Fundes, den Fundort in einer anderen Welt, verrät er nicht. Er hat es in sein „Testament versiegelt“ und es wird erst nach seinem Tod entdeckt werden. Er teilt nur so viel mit, dass er die Handschrift am 7. Mai gefunden hat, und beginnt mit der Textarbeit: Er ordnet die nicht nummerierten Seiten, die einzelne Episoden erzählen, nach Zusammenhängen, er entdeckt Randnotizen, die er mit dem Text in Verbindung zu bringen versucht, und palimpsestartige Untertexte, vielleicht Reste einer früheren Fassung, die er in Klammern gesetzt einfügt.
Der Erzähler beginnt mit dem Tag des Fundes. Nach einem Frühlingsgewitter war er „völlig allein“: „Augenblicke, die in Zeit und Raum dem Ruhm, oder der Angst, vorbehalten sind, sind Momente der völligen Isolation“ (S. 54). Dann ging er in sein Arbeitszimmer, untersuchte den Text und legte sich anschließend schlafen. Plötzlich erwachte er und sah an seinem Bett einen Schatten stehen, der seine Armstummel nach ihm ausstreckte. Vor Schreck schrie er auf und sein Bruder kam ins Zimmer.
Nach dem als Überschrift hervorgehobenen Datum zu schließen, begann der Herausgeber am 15. Juni 1912 mit der Erarbeitung der neuen Textfassung, die in den nächsten Abschnitten mit Anmerkungen des Herausgebers wiedergegeben wird: Der Verfasser der Schrift erinnert sich an einen Weg mit einem Bekannten im Herbst des letzten Jahres durch eine ihm „hoffnungslos“ erscheinende Gegend. Heute kann er sich den Eindruck durch ein Schlüsselerlebnis erklären: Elf Jahre zuvor, neun Monate vor seiner Matura, ging er nämlich denselben Weg mit seinem ältesten Bruder und dieser sagte ihm, dass er Priester werden müsse, offenbar als Opfer für die Rettung seiner an Wachstumsstörung leidenden kranken Schwester Helenka. Durch die Entscheidung für die Theologie musste er die Hoffnung auf Elsa und den schönsten Beruf aufgeben. Verbunden ist sein Priesteropfer mit Schuldgefühlen. Eine eingeblendete Episode bezieht sich auf „große Laster“ und das Kinderfräulein Irene. Dazu fand der Herausgeber ein Glosse: „Die Hexen dürsten nach dem Blut von Jünglingen wie hohle Weiden nach einem Mairegen. Du armer Höllenbube, bald wirst du den Stachel dieser fremden Brüste zu spüren bekommen, wenn zu erkennen ist, dass ihr beide ja doch nur scheußlich seid…“
Seiner Stimmung entspricht die aus dem Fenster erblickte tote Erde. „Ein Traum von gesunden Augen, die in die ausgehackten Höhlen eines Schädels hineingesteckt sind, der eine Woche lang auf dem Schlachtfeld herumkollerte […] Wehe, meine Vision war kein Traum! […] Im höchsten Maß der Verwesung ist das Wasser im Flussbett, in den städtischen Brunnen rinnt Eiter und sickert in alle Gebäude, vor allem Klostermauern durchdringend.“ (S. 69 ff.)
Auf einem anderen Blatt wird die Trennung vom Bruder surrealistisch als Zerreißprobe beschrieben. Er versuchte mit seinem großen Buch auf den davonfahrenden Wagen des Bruders zu springen. Doch das Buch war zu schwer, der Wagen zerbrach, aber der Bruder fuhr, auf die Pferde einhauend, mit dem Vorderteil weiter und ließ ihn zurück. So musste er sein Buch, das „Werk [s]eines ganzen Lebens, […] auf Gedeih und Verderb der rohen Barbarei“ (S. 77) ausliefern. Heute vergleicht er seine Situation mit der „begnadeter Auserwählter“ (S. 58), welche sich bei der Alternative, ob sie schon im Himmel bleiben oder noch im menschlichen Körper auf der Erde leiden wollen, für die zweite Möglichkeit entscheiden. Zwischen den Erinnerungen an die kranke Schwester reflektiert er über die „Wahl [s]eines Standes“ und den Tod: „wie jeder Schöpfer, so macht auch der Tod vor seinem definitiven Werk Versuche und Studien. Ich erblicke ihn bei diesen Vorbereitungen“.
Eine neue Lebensphase beginnt mit der Vision einer Totenstadt: „die einzige Stadt der Welt; schwarz, ausgetrocknet, düster ist sie, als ob sie aus dem Schutthaufen der biblischen Sintflut ausgegraben worden wäre, schon im Zustand der Karbonisierung, jetzt entblößt aufragend inmitten unendlicher Wälder, in denen die Meiler brennen. […] hier ist Gott […] Das Heilige Abendmahl? KARFREITAG! die Schwärze der Sonne…“ (S. 71 ff.) Der Bruder hatte ihn vor der geheimnisvollen Stadt zurückgelassen. Er fühlte sich von einem Mörder verfolgt. Da er sein Dorf nicht mehr erreichen konnte, so flüchtete er sich in Todesangst durch die Pforte eines mehrstöckigen schneckenhausartigen Labyrinths, eilte durch die dämmrigen Gänge auf ein Licht zu, einen Abglanz des Sonnenlichts, und gelangte in eine Halle. Auf einem Thron saß SIE mit einem schwarzen Gewand und einem einer Elfenbeinschnitzerei ähnelnden Gesicht. Sie stellte ihm „die Freiheit anheim, [s]eine Aufgabe zu erfüllen: FREUDE IN IHR ZU ERWECKEN; ODER – (Noch hatte sich die in dem Bogen stehende [bewaffnete] Mannschaft nicht gerührt.) Wie süß ist es wohl, für ein Wesen zu sterben, das man lieben kann! – Ich hauchte die ganze Inbrunst meiner Seele in dieser Stille aus. […] Sie lächelte schief. […] Karwoche…“ (S. 86 ff.)
Form Das nach herkömmlichen Kriterien nicht logisch, nicht chronologisch aufgebaute, einzelne Themen und Motive (Vanitas, Schuld, Erlösungsbedürfnis, Isolation von der Gesellschaft, zwei Welten: Oberfläche und Untergrund, prophetische Einsicht in die Tiefenstrukturen, Visionen, Träume, Verlockungen des Lebens, Familienstruktur, Bruder - kranke Schwester, Stadt und Land) immer wieder von neuem aufnehmende Werk, ist „auch dort, wo es sich äußerlich als Monolog darstellt, ein Dialog - mit anderen Texten und Autoren, mit einem oft unsichtbaren Partner, mit einer gedachten Lesergemeinde oder mit dem Verfasser selbst […] Bei einem Verzicht auf traditionelle Genres entwickeln sich Demls Texte assoziativ nach den Gesetzmäßigkeiten einer von seinem Inneren diktierten […] Topographie, wobei sich Vergangenheit und Gegenwart, Reales und Irreales auf einer Ebene vermengen“.Christa Rothmeier: „Jakub Deml, der Sprachmagier aus Mähren“. Nachwort zu: Jakub Deml: „Unheilige Visionen aus Tasov. Prosa und Dichtung.“ Wieser Klagenfurt-Salzburg, 1993, S. 185 ff.
Im tschechischen Original ist der Texthier in der Übersetzung Christa Rothmeiers, S. 70 ff. in Gedichtform gedruckt:
Es kam mir vor, als würde ich sterben. Wer kann im Übrigen wissen, ob Ich damals nicht gestorben bin und nur meine Seele zurückkehrte An jene Stätten, wo ich gelitten hatte? Diese Hoffnung wird Von den gegenwärtigen Umständen gänzlich widerlegt. – Eine Stadt? [Hinweis des Herausgebers. Mit diesem Wort beginnt meiner Vermutung nach Eine ganz neue Lebensphase – wie ich glaube - Rückwärts gesehen, im Licht eines anderen Lebens. Dank meiner […] Vorläufig mit der Behauptung begnügen muss, dass die Stadt Der von mir entdeckten Handschrift im Wesentlichen (ceteris paribus) Mit Březinas Stadt »Polarwinde« identisch ist. Hier endet die Anmerkung des Herausgebers.]
Entstehungsgeschichte Der Text entstand 1909 als Beschreibung eines Traums. Vor der Veröffentlichung 1912 beriet sich Deml mit seinem in der Einleitung gewürdigten Freund Otokar Březina, der ihm empfahl, erklärende Ergänzungen zum Text zu schreiben. Deml konzipierte die „Burg“ dann als einen gefundenen Text eines unbekannten Autors, der nun publiziert wird. Später wurde noch eine Einleitung hinzugefügt. Josef Váchal illustrierte das Buch mit bunten Holzschnitten.
Autobiographischer Hintergrund „Der immer präsente, dominierende Hauptheld […] ist Deml selbst, Autor und Akteur […] zumindest aber der Fokus, durch den gebrochen Dinge und Ereignisse ihre Strahlen auswerfen“. Einzelne Episoden beziehen sich auf Demls Lebensstationen, die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche und seine Familie: zum Zeitpunkt der Publikation ist der Autor 33 Jahre alt, genauso alt wie der fiktive Verfasser der „Burg des Todes“. Dessen Schwester Helenka repräsentiert Demls von Kindheit an kranke und 1910 gestorbene Schwester Matylka. Der älteste Bruder, der den Erzähler zum Priesteramt drängt und ihn vor der Stadt zurücklässt, hat als Vorlage Demls älteren Halbbruder. Die im Text erwähnte Muse Elsa erinnert an die Fabrikantengattin Eliska Wiesenbergerová. Der Mörder, der den Erzähler verfolgt und in die Burg treibt, könnte auf Bischof Huyn aus Brünn, Demls Feind und für ihn die Verkörperung des Bösen, anspielenChrista Rothmeier: „Jakub Deml, der Sprachmagier aus Mähren“. Nachwort zu: Jakub Deml: „Unheilige Visionen aus Tasov. Prosa und Dichtung.“ Wieser Klagenfurt-Salzburg, 1993, S. 185.
Rezeption Demls Werk war bei den meisten seiner Zeitgenossen umstritten, ist bis heute in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt und wird in den offiziellen tschechischen Literaturgeschichten kaum berücksichtigt. Die meisten Bücher veröffentlichte der Autor im Eigenverlag. 1912, in einer persönlichen und beruflichen Krisensituation, nach der Publikation der „Burg des Todes“, schrieb Deml an sein Vorbild, den Symbolisten Otokar Březina: „Alle verstummten, alle sprangen weg von mir mit Entsetzen, wie von einer Leiche, wie von einem Betrüger, wie von einem Mörder, wie von einem Ketzer…“Zitiert in: Christa Rothmeier: „Jakub Deml, der Sprachmagier aus Mähren“. Nachwort zu: Jakub Deml: „Unheilige Visionen aus Tasov. Prosa und Dichtung.“ Wieser Klagenfurt-Salzburg, 1993, S. 176.