mini|Peter Jessen (1916) Arnold Peter Jessen (* 11. Juli 1858 in Altona; † 15. Mai 1926 in Berlin) war ein deutscher Kunsthistoriker und erster Direktor der Staatlichen Kunstbibliothek in Berlin.
Leben Die Vorfahren von Peter Jessen stammten aus Flensburg. Dort war der Urgroßvater Peter Willers Jessen (1739–1809) als Inhaber der Korteschen BuchhandlungFriedrich Gottlieb Klopstock. Briefe 1773–1775. Band 2: Apparat/Kommentar/Anhang. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2001, S. 379. Verlags- und Sortimentbuchhändler und dort wurde der Großvater Peter Willers Jessen geboren. Dieser leitete ab 1820 in Schleswig das erste psychiatrische Krankenhaus im deutschsprachigen Raum. Zu den sieben Kindern, die er mit Amalie Eccardt hatte, gehörte der Vater von Peter Jessen, der Pädagoge Otto Jessen. Dieser lehrte seit 1856 in Altona an einer Gewerbeschule. Von 1860 bis 1880 war dieser in Hamburg als Direktor der Allgemeinen Gewerbeschule Hamburg und Schule für Bauhandwerker zu Hamburg tätig.Jessen, Otto (1826–1904) kalliope-verbund.info, abgerufen am 18. April 2021. In dieser Zeit kamen die Brüder Otto Jessen und Hans Jessen zur Welt. Seit Oktober 1880 lebte die Familie in Berlin, wo der Vater die erste Städtischen Handwerkerschule gründete und leitete.Reichsminister a. D. Albert in: Gedenkreden bei der Trauerfeier für Geheimrat Dr. Peter Jessen in der Staatlichen Kunstbibliothek Berlin, am 20. Mai 1926. Wolff’s Telegraphisches Büro, Berlin 1926, S. 20.
Jessen studierte in Berlin Kunstgeschichte und Klassische Archäologie. Er wurde 1882 bei Alfred Lichtwark mit einer DissertationDie Darstellung des Weltgerichts bis auf Michelangelo. Eine Kunsthistorische Untersuchung. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1883. über die Ikonographie des Weltgerichts im Mittelalter promoviert.Adelheid Rasche: Peter Jessen, der Berliner Verein Moden-Museum und der Verband der deutschen Mode-Industrie, 1916 bis 1925. In: Waffen- und Kostümkunde: Zeitschrift der Gesellschaft für Historische Waffen- und Kostümkunde 3. Folge 37, 1995, S. 65–92. „Eine einjährige Studienreise nach Florenz, Rom, Paris und London diente dazu, den Gesichtskreis des jungen Gelehrten zu erweitern und seine Kenntnisse zu vertiefen, [...].“Glaser: Peter Jessen †. In: Berliner Museen, 47. Jahrg., H. 4. (1926), S. 54–56, hier S. 55. 1884 wurde er „wissenschaftlicher Hilfsarbeiter“ am Kunstgewerbemuseum. Als Lichtwark 1886 nach nur einjähriger Tätigkeit die Leitung der Bibliothek abtrat und als Direktor an die Hamburger Kunsthalle wechselte, wurde Jessen im Oktober 1886 zum Nachfolger berufen.Joachim Brand: Bibliotheken der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Hausarbeit zur Prüfung für den höheren Bibliotheksdienst. Fachhochschule Köln, Fachbereich Bibliotheks- und Informationswesen, Köln 2000, S. 26 (Digitalisat). Als die Bibliothek 1894 in den Museumsrang erhoben wurde, wurde er ihr Direktor.Staatliche Museen zu Berlin. Pressemitteilungen. 11. Juli 2008. Kulturforum/Kunstbibliothek. Peter Jessen (1858-1926) – Gründungsdirektor der Kunstbibliothek. Foyer-Ausstellung vom 11. Juli bis 31. August 2008 (smb.museum/presse/pressemitteilungen) Von 1902 bis 1904 war er Leiter eines Sonderkurses für Kunstgeschichte an der Königlichen Kunstschule zu Berlin. Auf Antrag Jessens führte die Bibliothek des Kunstgewerbemuseums ab dem 27. Mai 1924 gemäß Erlass des Kultusministeriums die Bezeichnung „Staatliche Kunstbibliothek (vormals Bibliothek des Kunstgewerbemuseums)“. Programmatisch war damit der Weg von einer kunstgewerblichen Vorlagensammlung zu einer kunsthistorischen Forschungsbibliothek vorgezeichnet.
Wirken Die Tätigkeit des Kunsthistorikers und Bibliotheksdirektors Peter Jessen weist einige Interessenschwerpunkte auf, die für lange Phasen manifest sind.
Ornamentstich Unter dem Begriff Ornamentstich fasste man im Verlauf des 19. Jahrhunderts die in verschiedenen Druckverfahren vervielfältigten bildlichen Vorlagen zusammen, die einzeln oder in Buchform zwischen dem 15. und 19. Jhd. Künstlern, Kunsthandwerkern, Bildhauern sowie Architekten Formgedanken vermittelten und sich zu einer eigenen Kunstgattung entwickelten. Jessen war derjenige, der den in seinem Haus aus verschiedenen Provenienzen zusammengeführten Bestand in einem 1894 erschienenen Katalog verzeichnete, diesen damit der Benutzung zugänglich machte und zugleich eine Basis für weitere Erwerbungen bot.
Ein Vierteljahrhundert später legte Jessen seine Monographie Der Ornamentstich vor und bemerkte darin warnend: „Doch sollten die Schaffenden aus dieser verführerisch sprudelnden Quelle nicht so unbesonnen schöpfen, wie unser Kunstgewerbe es nach 1870 getan hat.“Peter Jessen: Der Ornamentstich. Geschichte der Vorlagen des Kunsthandwerks seit dem Mittelalter. Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 1920, S. 7 Darin machte er auch auf das Fehlen eines genauen Verzeichnisses der als Modelbuch bezeichneten Flachmustervorlagen für „die Bortenwirker und nadelfertigen Frauen“Peter Jessen: Der Ornamentstich. Geschichte der Vorlagen des Kunsthandwerks seit dem Mittelalter. Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 1920, S. 139. aufmerksam. Es sollte seinem Nachfolger Arthur Lotz vorbehalten bleiben, ein solches zu realisieren.Arthur Lotz: Bibliographie der Modelbücher. Beschreibendes Verzeichnis der Stick- und Spitzenmusterbücher des 16. und 17. Jahrhunderts. Mit 213 Abbildungen auf 108 Tafeln. Hiersemann Leipzig 1933. 2., unveränd. Aufl., [Fotomechan. Nachdr.] 1963. In den letzten Jahren seiner Dienstzeit veröffentlichte Jessen von 1922 bis 1924 in Ergänzung die vierbändigen Quellenedition „Meister des Ornamentstichs“.
Ausstellungswesen Mit Ausstellungen befasste sich Peter Jessen kontinuierlich. Zu den Sonderausstellungen „im Lesesaal und im benachbarten Kunstgewerbemuseum“Hans Loubier: Peter Jessen †. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen. Band 43, 1926, S. 322. verfasste er der Orientierung dienende Führer und erzielte für seine Bibliothek eine starke Publikumsresonanz. Ein Themenschwerpunkt bildete dabei die Buchkunst. 1898 bemerkte er zum Zweck der Ausstellung: „Sie ist für die Praktiker berechnet, für die Drucker, Verleger, Künstler und Kunstfreunde, und wünscht einen möglichst weiten Kreis von Besuchern in die Schönheit der alten Druckwerke und in die neueren Bestrebungen, soweit sie dem Geiste der Alten verwandt sind, einzuführen.“Peter Jessen: Führer durch die Sonderausstellung. Die Kunst im Buchdruck. Königliche Museen Berlin. Kunstgewerbe-Museum; Nov.–Dez. 1898. Holten, Berlin 1898, S. 3.
Anlässlich der Weltausstellung in Paris 1900 erhielt Jessen den Auftrag, im amtlicher Katalog der Ausstellung des Deutschen Reichs den Aspekt Kunst in Bezug auf das Buchgewerbe darzustellen.Otto N. Witt (Red.): Weltausstellung in Paris 1900. Amtlicher Katalog der Ausstellung des Deutschen Reichs. Berlin 1900, S. 74–77. Seine 1907 gezeigte Sonderausstellung Buntpapiere und der dazu entstandene Führer regte noch in den 1920er Jahren eine ganze Generation von Buntpapierexperten wie Olga Hirsch, Emil Kretz und Albert Haemmerle an.
Ausführlich befasste er sich mit der 1914 in Köln veranstalteten Deutsche Werkbund-Ausstellung. Bei der Veröffentlichung im Jahr 1915 lautete der Titel Deutsche Form im Kriegsjahr, womit das Schicksal dieser Veranstaltung treffend charakterisiert war. Was als „erste größere gemeinsame Unternehmung der Werkbundsmitglieder“ organisiert worden war, ist laut Jessen „als eines der ersten Qpfer des Krieges gefallen“.Peter Jessen: Deutsche Form im Kriegsjahr. Die Ausstellung Köln 1914. (Jahrbücher des Deutschen Werkbundes 4). Bruckmann, München 1915, S. 1.
Mode Adelheid Rasche machte auf dieses Tätigkeitsfeld von Peter Jessen aufmerksam: „Es mag verwundern, daß er als vielbeschäftiger Kunsthistoriker auch mit großem Einsatz für die Kostümgeschichte und für die zeitgenössische deutsche Mode tätig war.“Adelheid Rasche: Peter Jessen, der Berliner Verein Moden-Museum und der Verband der deutschen Mode-Industrie, 1916 bis 1925. In: Waffen- und Kostümkunde. Zeitschrift der Gesellschaft für Historische Waffen- und Kostümkunde, 3. Folge 37 (1995), S. 65–92, hier S. 65. 1899 hatte die Kunstbibliothek die Sammlung für Kostümwissenschaft des Berliner Verlegers Franz Freiherr von Lipperheide übernommen, die rund 8000 Bände und 30 000 Einzelblätter umfasste und heute als Lipperheidesche Kostümbibliothek bekannt ist. „Jessens aktive Betätigung für die zeitgenössische deutsche Mode setzte 1915 massiv ein, und wurde für seine letzten zehn Amts- und Lebensjahre eine seiner liebsten Beschäftigungen.“Adelheid Rasche: Peter Jessen, der Berliner Verein Moden-Museum und der Verband der deutschen Mode-Industrie, 1916 bis 1925. In: Waffen- und Kostümkunde. Zeitschrift der Gesellschaft für Historische Waffen- und Kostümkunde, 3. Folge 37 (1995), S. 65–92, hier S. 66. Im März 1918 übernahm Jessen den Vorsitz im Verband der Damenmode und ihrer Industrie und engagierte sich für den Verein Moden-Museum.
Reisen und Reiseberichte Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs absolvierte Jessen eine durch drei Kontinente führende Reise. Diese hatte er „mit Hilfe der Stiftung für Auslandsreisen deutscher Gelehrter auf Anlaß des preußischen Kultusministeriums“Peter Jessen: Reisestudien, . Künstlerleben und Kunstpflege in den Vereinigten Staaten. In: Kunstgewerbeblatt Heft 12 (September 1916), S. 221–228, hier S. 221. unternehmen können. Mit einem Dampfer traf er im März 1913 in New York ein, die Reise führte durch den nordamerikanischen Kontinent und weiter mit dem Schiff nach Japan und China. Mit der Eisenbahn ging die Reise im September 1913 nach St. Petersburg, schließlich über Moskau nach Kiew und Odessa. Neun Reiseberichte veröffentlichte er drei Jahre später – zwischen September 1916 und September 1917 – im Kunstgewerbeblatt. Nur ein Teil der Reiseeindrücke fanden Eingang in die 1921 veröffentlichte Buchausgabe, die sich auf die Länder Japan, Korea und China beschränkte.Peter Jessen: Japan, Korea, China. Reisestudien eines Kunstfreundes. E. S. Seemann, Leipzig 1921.
Ehrungen Ehren-Mitglied des Deutschen Buchgewerbevereins (am 30. Oktober 1909 ernannt)Archiv für Buchgewerbe 46.2 (1909), Heft 10, S. 309.(digitalesammlungen.uni-weimar.de Digitalisat) Der Schriftkünstler Rudolf Koch benannte seine Bibel-Gotisch als Peter-Jessen-Schrift.Albert Kapr: Schriftkunst. Geschichte, Anatomie und Schönheit der lateinischen Buchstaben. 4. Auflage, fotomechanischer Nachdr. Verlag der Kunst, Dresden 1996, S. 211 und 452. Die Schrift entstand zwischen 1924 und 1930Julius Rodenberg: In der Schmiede der Schrift. Reprint der Originalausgabe von 1940, Reprint-Verlag, Leipzig 2000, S. 9. (klingspor-museum.de Digitalisat, abgerufen am 18. April 2021). und wurde als Jessen-Schrift von Gebr. Klingspor, Offenbach am Main vertrieben. Als sich der Geburtstag zum 150. Mal jährte, ehrte ihn die Kunstbibliothek mit der Foyer-Ausstellung „Peter Jessen“ (vom 11. Juli bis 31. August 2008).
Zitate „In die erste Reihe gehört nur, wer etwas macht, was vor ihm kein anderer gemacht hat.“Peter Jessen: Der Werkbund und die Großmächte der deutschen Arbeit. In: Die Durchgeistigung der deutschen Arbeit. Wege und Ziele in Zusammenhang von Industrie/Handwerk und Kunst. (= Jahrbücher des Deutschen Werkbundes ; 1912), Eugen Diederichs, Jena 1912, S. 2–10, hier S. 5. „Das kostbarste Gut einer Bibliothek ist die Zeit ihrer Leser.“Peter Jessen: Vom Kunstgewerbe zur Kunst. Der Aufstieg einer Bibliothek. In: Kunst und Künstler. Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe 23, Heft 1, 1925, S. 31–33, hier S. 33.
Veröffentlichungen Die Darstellung des Weltgerichts bis auf Michelangelo. Eine Kunsthistorische Untersuchung. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1883. (Digitalisat) Andreas Bretschneider's neues Modelbuch 1619. Neu herausgegeben mit Vorwort. Ernst Wasmuth, Berlin 1892. Das Ornamentwerk des Daniel Marot. In 264 Lichtdrucken nachgebildet. Ernst Wasmuth, Berlin 1892.(Digitalisat).