Lorenz Zuckermandel (* 18. Februar 1847 in Bürglein; † 6. Januar 1928 in Berlin) war ein deutscher Bankier, Investor und Gründer sowie Übersetzer u. a. der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Dank seiner vielen Begabungen arbeitete er sich vom armen Bauernsohn in Bürglein (Landkreis Ansbach) bis in die Berliner Hochfinanz der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor und reihte sich ins damalige Großbürgertum ein. mini|Lorenz Zuckermandel (1901)
Leben Kindheit und Jugend Lorenz Zuckermandels Eltern, Johann Friedrich und Katharina Margaretha (geb. Pirner), waren Kleinbauern im Söldengütchen beim Meckenweber in Bürglein (Haus Nr. 19), auf dem ehemaligen Gebiet des bayerischen Zisterzienserklosters Heilsbronn, wo sich die Familie seit 1777 niedergelassen hatte. Lorenz war das fünfte von sechs Kindern und besuchte die Dorfschule, in der er Jahr für Jahr eine Auszeichnung als Klassenbester erhielt. Als er 14 Jahre alt war, starb sein Vater im Alter von 57 Jahren und die Witwe konnte ihre Kinder nicht mehr alle alleine versorgen. Sie musste Lorenz weggeben, der von einem Freund der Familie, einem Forstmeister, zu sich nach Ansbach aufgenommen wurde, wo Lorenz das Gymnasium besuchte. Auch hier war er Klassenbester und bekam die städtische Auszeichnung für die besten Leistungen.
Berufsleben Dank seines hervorragenden Schulabschlusses konnte er eine Lehre im Bankhaus Erlanger & Söhne in Frankfurt antreten. Schon bald nach Lehrabschluss bekam er die Stelle eines Direktors der neuen Oldenburgischen Landesbank, welche am 15. Januar 1869 in Zusammenarbeit mit dem Bankhaus Erlanger & Söhne gegründet wurde. Die Oldenburgische Landesbank hatte gemäß dem 1875 von Preussen erlassenen Reichsbankengesetz das Notenprivileg, war aber trotz der damit verbundenen Einschränkungen seit ihrer Gründung im Kredit-, Einlagen- und Effektenbereich tätig. Lorenz Zuckermandel war sprachbegabt und beherrschte Englisch bald akzentfrei und sprach fließend Französisch. Danach lernte er Spanisch, womit er 1872 den Direktor der Madrider Niederlassung vertreten konnte. Aus den Berichten und Tagebüchern geht hervor, dass Italien ein beliebtes Reiseziel und italienische Kunst, Kultur und Sprache ein Begriff war.
Heirat und Kinder In seiner Frankfurter Zeit lernte er Robert Bassermann (1846–1907), Filialleiter des Mannheimer Bankhauses Köster & Cie., kennen, mit dem ihn nebst dem Beruflichen das Interesse für Fremdsprachen verband. Durch ihn lernte er 1890 im elterlichen Haus am Gockelsmarkt in Mannheim dessen Nichte Elisabeth kennen. Elisabeths Bruder war Albert Bassermann, der später ein bekannter Schauspieler wurde. Am 18. Juni 1892 heiratete Lorenz im Alter von 45 Jahren die um 18 Jahre jüngere Elisabeth Bassermann, mit der er sechs Kinder hatte: Louis Alexander Walter (1893–1915), Erich (1895–1915), Paul (1897–1988), Ludwig (1898–1973), Ingeborg Anna Leonore (1901–1986) und Sofi Elisabeth (1903–1999).
Aufstieg in die Hochfinanz In Oldenburg hatte Lorenz Zuckermandel als Direktor der Notenbank Verbindungen zu den maßgeblichen Männern der Wirtschaft. Durch kluge Aktienkäufe und Spekulationen während der voll in Gang gekommenen Industrialisierung Deutschlands verstand er es, ein reicher Mann zu werden. In den frühen 1880er Jahren übernahmen Lorenz Zuckermandel und zwei seiner Geschäftsfreunde das Bankhaus C. Schlesinger-Trier & Cie., Kommanditgesellschaft auf Aktien, ein alteingesessenes Privatbankhaus in Berlin. Dank seines Erfolges in der Gründerzeit gehörte Lorenz Zuckermandel als Vertreter der Hochfinanz dem Großbürgertum an. Das junge Ehepaar residierte standesgemäß mitsamt Kutscher, Köchin, Kindermädchen, Wasch- und Flickfrau in einer prächtigen Villa mit Park im damaligen Vorort Charlottenburg und hatte viele gesellschaftliche Verpflichtungen: Abend für Abend waren sie eingeladen oder luden ein. mini|Villa der Familie Zuckermandel in Berlin-Charlottenburg, um 1890 Im Oktober 1893 zog man für den Winter in die neu angemietete Stadtwohnung in der Voss Straße 2 in eine weitläufige Etage im 1. Stock, welche sich nur wenige Häuser von der Bank entfernt befand. In den Jahren nach 1900 entstanden rings um den Park der Villa in Charlottenburg Mietshäuser und auf einem Teil des Grundstücks, zwischen Schlossstraße und Fritschestraße, baute Lorenz Zuckermandel 1907–08 ein Mietshaus, das heute unter Denkmalschutz steht.Lorenz Zuckermandel war der Bauherr des 1907-08 erbauten Mietshauses an der Fritschestraße 26 in Berlin-Charlottenburg, welches unter Denkmalschutz steht (Objekt Nr. 09096161 der Denkmalliste Berlin, Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, Fritschestraße 26, Mietshaus, 1907-08 von Franz Lehmann (Architekt, Baugeschäft) und Lorenz Zuckermandel (Bankier, Bauherr). Berliner Denkmalliste) mini|Baudenkmal Fritschestraße 26 in Berlin-Charlottenburg (1907–08) 1906/07 wurde die Villa in Charlottenburg abgerissen. Als Ersatz dafür kaufte Lorenz Zuckermandel 1908 die Villa Flossmann in Rottach am Tegernsee mitsamt umliegenden Wiesen und einem kleinen Wald. Mit Flossmann, dem ehemaligen Eigentümer der Villa, verstand sich Lorenz Zuckermandel als Bayer unter Bayern bestens und machte viele Bergtouren mit ihm. Die Sommermonate verbrachte die Familie jedes Jahr in Rottach am Tegernsee. 1908 oder 1909 zog die Familie von der Voss Straße 2 in das neu erworbene Palais Bendlerstraße 33, in der unmittelbaren Nähe des Tiergartens gelegen. mini|Palais der Familie Zuckermandel an der Bendlerstraße 33 in Berlin, um 1909 mini|Haus der Familie Zuckermandel in Rottach am Tegernsee, um 1912 Mit 60 Jahren war Lorenz Zuckermandel einer der reichsten Männer von Berlin. Sein Kapital, zum größten Teil in Aktien der Schwerindustrie angelegt, wurde auf 4 Mio. Goldmark geschätzt. 1912, mit 65 Jahren, zog er sich ganz aus dem Bankgeschäft zurück, genoss aber dank seines großen Vermögens weiterhin den Ruf des Financiers. Seine Aufsichtsratsposten legte er erst 1917 nieder.
Ruhestand und Tod In den 1920er Jahren verlor Zuckermandel wegen der sich seit 1914 beschleunigenden Inflation einen Großteil seines Kapitals, das er vor allem in Aktien angelegt hatte, und es gelang ihm nicht schnell genug, es in beständigen Werten anzulegen. Nach dem Tod seiner beiden ältesten Söhne Walter und Erich (beide am 1. Oktober 1915 am Naratsch-See in Russland, heute Belarus, gefallen bzw. verschollen) zog er sich ins Privatleben zurück und widmete sich seinen Übersetzungen, vor allem seiner Dante-Übersetzung. Seine Zeit als Rentner nutzte er für ausgedehnte Seereisen nach Spanien, Kanada, Brasilien, Mexiko und Venezuela, die er jeweils ohne seine Ehefrau unternahm. Am 6. Januar 1928 starb Lorenz Zuckermandel im Alter von fast 81 Jahren an Bronchitis. Im Nachruf einer Berliner Zeitung vom 7. Januar 1928 steht: „Gestern nacht verschied nach kurzem Krankenlager im Alter von 81 Jahren Herr Bankier Lorenz Zuckermandel, der frühere Geschäftsinhaber der C. Schlesinger-Trier & Co. Commanditgesellschaft auf Actien. Mit ihm ist wieder eine Persönlichkeit aus der alten Hochfinanz dahingegangen, ein Mann vornehmster Gesinnung, von verbindlichster Liebenswürdigkeit, der seine eminenten Fähigkeiten insbesondere in den Dienst der Industrie stellte. Er gehörte lange Jahre dem Aufsichtsrat einer großen Anzahl der bedeutendsten Industriegesellschaften an, bis er sich, nachdem er im Kriege seine beiden ältesten hoffnungsvollen Söhne gleichzeitig verloren hatte, vom Geschäft ins Privatleben zurückzog. Dieser seltene Mann wird jedem unvergeßlich bleiben, der mit ihm in Berührung kam.“ Das Familienvermögen ging während der Weltwirtschaftskrise und in der Zeit nach 1945 fast komplett verloren.
Bankier, Investor und Gründer Als Partner des Bankhauses C. Schlesinger-Trier & Cie., damals eine der weit über 1.000 Privatbanken in Deutschland, war Lorenz Zuckermandel durch seine Beteiligungen einerseits Investor und andererseits auch Mitgründer von namhaften Gesellschaften wie z. B. der Aktiengesellschaft Rheinische Metallwaaren- und Maschinenfabrik (der späteren Rheinmetall), welche am 13. April 1889 notariell beurkundet wurde und woran das Bankhaus Carl Schlesinger-Trier & Cie. mit 224.000 Reichsmark am Grundkapital von 700.000 Reichsmark beteiligt war, was mit 32 % den größten Teil des Aktienkapitals ausmachte. Als Mehrheitseigner stellte das Bankhaus mit Lorenz Zuckermandel den ersten Aufsichtsratsvorsitzenden, während der Thüringer Ingenieur Heinrich Ehrhardt zum stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats und Unternehmensleiter gewählt wurde. Diese Bank war über lange Jahre ein bedeutender Aktionär von Rheinmetall, die zwar im Laufe der Zeit ihre Beteiligung reduzierte, aber auf den Generalversammlungen ein einflussreicher Investor blieb. Im April 1897 gab Lorenz Zuckermandel den Vorsitz im Rheinmetall-Aufsichtsrat auf, blieb aber bis zu seinem endgültigen Ausscheiden am 16. November 1919Im Geschäftsbericht der Rheinmetall 1918/1919 befindet sich folgendes Schreiben zum Rücktritt Lorenz Zuckermandel (S. 8): einfaches Mitglied im Kontrollgremium. Bis 1916 ist nachweisbar, dass er in geringem Umfang selbst Rheinmetall-Aktien besaß.Christian Leitzbach: Rheinmetall. Vom Reiz, im Rheinland ein großes Werk zu errichten. Köln: Greven Verlag, 2014. Band 1, S. 32. Über die Beteiligung an Rheinmetall kam die C. Schlesinger-Trier & Cie. auch zur Finanzierung von lukrativen Waffengeschäften. Da Lorenz Zuckermandel stets unter dem Namen des Bankhauses C. Schlesinger-Trier & Cie. agierte und sich selbst in dieser vermittelnden Rolle im Hintergrund hielt, sind seine Aktivitäten als Bankier schwer nachzuvollziehen. Bekannt ist, dass er unter anderem ein Aufsichtsratsmandat in der Aktienbrauerei Erlangen, die 1896 aus der Erlanger Reifbräu hervorgegangen war, ausübte.Holger Starke: Vom Brauerhandwerk zur Brauindustrie. Die Geschichte der Bierbrauerei in Dresden und Sachsen. 1800–1914. Köln: Böhlau Verlag GmbH, 2005. mini|Aktie der Canadian Pacific Railway Company vom 2. November 1885, ausgestellt auf das Bankhaus C. Schlesinger-Trier & Cie. Lorenz Zuckermandel war auch an verschiedenen kleinen und großen Bahnen beteiligt, u. a. der Canadian Pacific Railway Company (CPR), an denen das Bankhaus C. Schlesinger-Trier & Cie. und die Nationalbank für Deutschland beteiligt war und für deren Börsengang im Jahr 1910 er mitverantwortlich war. Zum Dank lud ihn der damalige Präsident Sir Thomas George Shaughnessy (1853–1923) im Jahr 1913 für eine mehrwöchige Reise nach Kanada ein, die er wegen der Unpässlichkeit seiner Frau Elisabeth zusammen mit seinem Sohn Walter und F. I. Warschauer als Vertreter der Nationalbank antrat.Reisebericht über eine Reise nach Kanada. Von Walter Zuckermandel. In: Lorenz Zuckermandel. 2. Auflage, 2014 [S. 38–57]. Auf dieser Reise trafen sie u. a. Vincent Meredith (1850–1929), Direktor der Bank of Montreal, und Richard B. Angus (1831–1922), einer der Gründerväter der CPR, der damals 84 Jahre alt war. Des Weiteren sind finanzielle Beteiligungen oder Gründungen Zuckermandels an diversen anderen Bahnen dokumentiert, z. B. an der Berlin-Dresdener Eisenbahn-Gesellschaft,Zuckermandels Beteiligung an der Berlin-Dresdener Eisenbahn-Gesellschaft. In: Deutsche Börsenpapiere: Darstellung der Personal- und Finanz-Verhältnisse der deutschen und ausländischen Bank-, Versicherungs-, Industrie- und Eisenbahn–Gesellschaften auf Actien. Friedrich Wilhelm Christians, Springer-Verlag, 2013, 424 Seiten. ISBN 3-662-33316-3, 9783662333167. S. 586. Google Books der Stettiner Straßen-Eisenbahn-GesellschaftEintrag der Stettiner Strassen-Eisenbahn-Gesellschaft in: Christians’ Deutsche Börsenpapiere 1880. Google Books und der Achenseebahn AG, in deren Aufsichtsrat er saß. mini|Porträt von Lorenz Zuckermandel (18. Februar 1847 bis 6. Januar 1928)
Übersetzer Zuckermandels Übersetzung aus dem Französischen von Émile Mâles Werk L'Art Religieux du XIIIe Siècle en France wurde 1907 veröffentlicht.