Unter der Bezeichnung Creuzburger Werratal-Hänge wurden die Naturschutzgebiete „Lienig“, „Klosterholz und Nordmannssteine“ und „Ebenauer Köpfe“ im westthüringischen Wartburgkreis zusammengefasst und im September 2000 von dem Thüringer Umweltministerium als Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Gebiet für das europaweite Schutzgebietssystem „Natura 2000“ vorgeschlagen. Das länderübergreifende Netz besonderer Schutzgebiete der Europäischen Union hat den Erhalt der biologischen Vielfalt zum Ziel und soll dem anhaltenden Rückgang von wildlebenden Arten und ihrer natürlichen Lebensräume entgegenwirken. Der geschützte, überwiegend bewaldete Bereich liegt innerhalb des Naturparks „Eichsfeld-Hainich-Werratal“ und wird landschaftlich von den schroffen Muschelkalksteilhängen des Werratales geprägt. Auf den nährstoffarmen Standorten befinden sich eng verwobene Komplexe mit Trockenrasen, Kalkfelsen und Pionierfluren, die sich vielfach in Sukzession zum Pionier- und Trockenwald befinden. Wegen seines geologischen Untergrunds, der unterschiedlichen Höhenlagen und Klimaverhältnisse, der Vegetation mit ihrem Orchideenreichtum sowie der artenreichen Laubmischwälder gilt diese Landschaft als ein besonders schützenswerter Naturraum.
Bei Kartierungen für den im Dezember 1999 erstellten Standarddatenbogen, mit dem Lebensräume und Arten an die Europäische Kommission gemeldet werden, konnten in den Wäldern vier und im Offenland acht Lebensraumtypen (LRT) nachgewiesen werden.Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN): Standard-Datenbogen für besondere Schutzgebiete Creuzburger Werratal-Hänge, erstellt im Dezember 1999 und im Oktober 2023 aktualisiert. Hier wurden die naturnahen Waldmeister-Buchenwälder (LRT 9130) sowie die Schlucht- und Hangmischwälder (LRT 9180*) aus naturschutzfachlicher Sicht als besonders wertvoll hervorgehoben. Ebenso die eng verzahnten Komplexe mit Kalk-Pionierrasen (LRT 6110*) und Kalkfelsen (LRT 8210), die orchideenreichen Kalk-Trockenrasen (LRT 6210*) der Ebenauer Köpfe sowie die Blaugrasrasen in den Fels-Trockenrasenkomplexen (LRT 6210) der Nordmannssteine. Als bemerkenswert angesehen wurde das Vorhandensein von vier, als prioritär eingestuften Lebensraumtypen. Für ihre Erhaltung hat die Europäische Gemeinschaft eine besondere Verantwortung, weil sie ohne besonders strenge Schutzvorschriften vom Verschwinden bedroht sind.Ingenieurbüro für Naturschutz und Landschaftsplanung (INL), Drei Gleichen: Abschlussbericht zum Managementplan für das FFH-Gebiet „Creuzburger Werratal-Hänge“
Das FFH-Gebiet liegt in einem ausgewiesenen Vorbehaltsgebiet für Tourismus und Erholung des Regionalplans Südwestthüringen, mit dem gewachsene Kulturlandschaften unter Bewahrung ihrer charakteristischen Nutzungsweise und kulturbedingten Merkmale weiterentwickelt werden sollen. In diesem Bereich des Werratals stehen das Erleben der Natur- und Kulturlandschaft im Mittelpunkt, mit Angeboten zum Wandern, Radfahren und Wassersport.Regionalplan Südwestthüringen der Regionalen Planungsgemeinschaft Südwestthüringen; abgerufen am 7. März 2026.
Lage Bei Creuzburg, im Nordwesten des Wartburgkreises, hat sich die Werra durch die dort anstehenden Muschelkalkrandplatten des Thüringer Beckens gegraben und so ein canyonartiges Tal geschaffen, in dem sich eng geschwungene Talmäander mit steilen, felsigen Prallhängen und flacheren Gleithängen ausgebildet haben. Die geschützten Hänge befinden sich in drei Teilgebieten zwischen Creuzburg und Mihla, die auf einer Höhe von 198 bis 376 m liegen. Administrativ gehören sie zum Amt Creuzburg, einer Stadt, die durch den Zusammenschluss von Creuzburg mit den Gemeinden Ebenshausen und Mihla entstanden ist. Das Amt Creuzburg ist der Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Hainich-Werratal.
Nach der naturräumlichen Gliederung Deutschlands, die auf der Geografischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg basiert, gehören die Bereiche des FFH-Gebiets zu dem Creuzburger Werradurchbruch (483.44), der nach Westen in den Nördlichen Ringgau (483.43) übergeht. Südlich grenzt hier die lang gestreckte Netra-Ifta-Talung (483.42) an und östlich des Durchbruchs ragen die Flächen in die Mihlaer Hochfläche (483.43). Sie sind alle Teileinheiten der Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens (483).Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde. Das innerthüringische, nur landesweit einteilende System der Landesanstalt für Umwelt und Geologie ordnet das FFH-Gebiet der Einheit Werrabergland-Hörselberge (3.3) in der Landschaft Muschelkalk-Platten und -Bergländer (3) zu.Die Naturräume Thüringens. Website des Thüringer Landesamtes für Landwirtschaft und Ländlichen Raum; abgerufen am 7. März 2026.
Geologie mini|Die Muschelkalksteilhänge der Ebenauer Köpfe mini|… und der Nordmannssteine im Schutzgebiet Das Teilgebiet der „Ebenauer Köpfe“ wird von den nach Süden gerichteten schroffen Felsen des Prallhangs der Werra geprägt. Mit einer Höhe von über 110 m steigen sie linksseitig des Flusses mit Neigungen von 30 bis 40 Grad steil an. Am Hang stehen die Wellenkalkbänke des Unteren Muschelkalks mit eingelagerten harten Partien an, die als Felsleisten herausgewittert sind. Oberhalb des Steilhangs schließt sich ein flacherer Oberhang an, der aus Mittlerem Muschelkalk besteht und weiter nordwestlich, im Bereich einer Verwerfung, ist kleinflächig noch der Grenzdolomit des Unteren Keupers sowie Trochitenkalk und Ceratitenschichten des Oberen Muschelkalks vorhanden. In diesem Oberhangbereich sind tonig-steinige Lehmböden verbreitet. Die südwestliche Grenze des Schutzgebiets bildet der Meßtalsgraben, ein tiefes und steil eingeschnittenes Erosionstal.Ebenauer Köpfe. In: Holm Wenzel u. a.: Die Naturschutzgebiete Thüringens. S. 178 f.
Das Landschaftsbild des gegenüberliegenden Teilgebiets „Klosterholz und Nordmannssteine“ bestimmen die fast senkrechten, nach Westen bis Südwesten exponierten Felswände der Nordmannssteine, mit markanten Runsen, Felsleisten und Felsüberhängen. An ihren Steilhängen ist das Schichtpaket des Wellenkalks und an den flacher werdenden Oberhängen die Dolomit- und Mergelsteine des Mittleren Muschelkalks aufgeschlossen. Den Abschluss des rechtsseitigen Prallhangs bilden ein Steilhang, der durch den Abbau von Kalkstein eines ehemaligen Steinbruchs entstanden ist, und ein Gleithang, an dem terrassenförmig Absetzteiche für Ablaugen der ehemaligen Sodafabrik Buchenau sowie Halden aus Steinbruchabraum angelegt wurden.„Klosterholz und Nordmannssteine“. In: Holm Wenzel u. a.: Die Naturschutzgebiete Thüringens. S. 94 f.
Nordöstlich der Nordmannssteine schließt sich der mehr als ein Kilometer lange Prallhang des „Lienig“ an, der mit 20 Grad mäßig steil aus der Aue aufsteigt und bei 270 m in eine Hochfläche übergeht. Die elf unterschiedlich tiefen, kerbförmigen Runsen, die ihn gliedern, entstanden durch die erodierende Wirkung des Wassers, das bei Starkregen und Schneeschmelze von den oberhalb gelegenen landwirtschaftlichen Flächen in das Tal strömt. Den Hang bauen die mittleren und oberen Folgen des Muschelkalks auf: Unten lagern dolomitisch-mergelige Kalkplatten des Mittleren Muschelkalks, darüber Trochitenkalk, auf den Oberer Muschelkalk folgt.„Lienig“. In: Holm Wenzel u. a.: Die Naturschutzgebiete Thüringens. S. 98 f.
Die Bodenarten und ihre Gründigkeit hängen im Schutzgebiet sowohl vom Ausgangsmaterial als auch von der Lage im Gelände ab. Auf den stark geneigten Hanglagen und Steilhängen haben sich kalkreiche Lehmböden mit hohem Skelettanteil ausgebildet, die aus Gesteinen des Unteren Muschelkalks und zum Teil auch des Mittleren Muschelkalks durch Verwitterung hervorgegangen sind und sich zu Schuttlehm- und Felsrendzina entwickelt haben. Dieser flachgründige Bodentyp verfügt nur über eine sehr geringe Wasserspeicherfähigkeit und zeigt eine starke Austrocknungstendenz. An den flacheren Oberhängen ist Kalkton-Rendzina verbreitet und an den unteren Hängen verwitterte der Mittlere Muschelkalk zu einem lehmigen Boden mit wechselndem, zum Teil hohen Steingehalt, in dem sich Berglehm-Rendzina entwickelte.
Klima Das FFH-Gebiet befindet sich in einer Zone, wo sich feuchte atlantische und trockene kontinentale Einflüsse etwa die Waage halten. Es wird dem Thüringer Klimabereich „Zentrale Mittelgebirge und Harz“ zugeordnet. In dieser Region wird das Klima, bezogen auf ganz Thüringen, als verhältnismäßig kühl und besonders bei West- und Nordwestwetterlagen als feucht charakterisiert. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 5,6 bis 9,2 Grad Celsius und die Jahressumme der Niederschläge liegt bei 453 bis 1.059 mm. In freien Lagen ist Westsüdwest die überwiegend vorherrschende Windrichtung.Die vier Thüringer Klimabereiche und ihre klimacharakteristischen Merkmale. In: Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz; abgerufen am 7. März 2026.
Zu den Besonderheiten in diesem Teil des Werratals gehören die großen kleinklimatischen Unterschiede an der Bodenoberfläche mit starken täglichen und jährlichen Temperaturschwankungen zwischen den nord- und südexponierten Hängen. So sind die nach Süden ausgerichteten Lagen der Steilhänge extrem trockenen Bedingungen mit hoher Sonneneinstrahlung ausgesetzt, während sich die nördlichen bewaldeten Seiten der Hänge und die schluchtartigen Einschnitte durch ein luftfeuchtes, kühleres Klima auszeichnen.
Historische Nutzung Der Bereich der Steilhänge im FFH-Gebiet konnte wegen der Bewirtschaftungserschwernisse kaum landwirtschaftlich bearbeitet werden. Die wenigen nutzbaren Flächen liegen überwiegend auf dem Plateau der Ebenauer Köpfe. Sie wurden entweder mit Schafen und Ziegen beweidet oder zur Heugewinnung genutzt. An den Unterhängen der Köpfe befanden sich kleinere Obstgärten und Rebanlagen, von denen sich noch stellenweise Relikte der Weinbergmauern erhalten haben.
Steinbruch mini|Der aufgelassene Steinbruch bei Buchenau mini|Die „Blaue Lagune“ im Steinbruch Im Jahr 1922 wurde in Buchenau eine Sodafabrik aufgebaut, die 1928 in den Besitz eines von dem belgischen Chemiker Ernest Solvay gegründeten Chemiekonzerns gelangte. Nach dem von Solvay entwickelten Verfahren wurde aus Kalk, Kochsalz und Ammoniak Soda hergestellt. Der Kalk wurde aus dem hohen, rund vierhundert Meter breiten Steinbruch am nördlichen Ende des Prallhangs der Nordmannssteine gewonnen; das Kochsalz auf der gegenüberliegenden Werraseite über Bohrungen mit Wasser aus unterirdischen Salzlagern herausgelöst. Die bei der Produktion anfallenden breiartigen salzigen Rückstände wurden in Absetzteiche gepumpt, von denen ein Teil auch im Naturschutzgebiet liegt. Auch Steinbruchabraum und Asche wurden hier verfüllt. 1968 stellte der Betrieb seine Produktion ein.
Die Auffüllungen in den Sickerteichen haben sich inzwischen verfestigt. Hier und auf den Abraumhalden des Steinbruches hat sich wieder Vegetation eingestellt. Die wegen ihrer Bodenzusammensetzung extremen Standorte tragen verschiedene gras- oder auch krautreiche Sukzessionsstadien, teilweise verbuscht mit Waldkiefern, Schlehen und Wacholder. Seit den 1990er Jahren wurde der Abbau von Kalkstein, jetzt für den Straßen- und Wegebau, fortgesetzt, bis Ende 2014 die Anlage geschlossen und renaturiert wurde. Die Sohle des Steinbruchs blieb nahezu ohne Bewuchs; Regen füllte sie mit einem Gewässer, das im volkstümlichen Sprachgebrauch „Blaue Lagune“ genannt wird. Hier kam es in der Vergangenheit trotz Betretungsverboten, Steinschlaggefahr und Untiefen wiederholt zu einer widerrechtlichen Nutzung durch Badegäste. Der Bereich des aufgelassenen Steinbruchs liegt vollständig im Naturschutzgebiet, in das FFH-Gebiet wurde die Fläche nicht einbezogen.
Werratal-Eisenbahn
mini|Die Trasse der ehemaligen „Werratalbahn“ am Hang des „Lienig“