Als Fossilisierung wird in der Linguistik das Stagnieren beim Erlernen einer Zweitsprache (auch: im L2-Erwerb) bezeichnet. Das Konzept geht auf Selinker (1972) zurück. Stabilisierung gilt als Vorstufe der Fossilisierung. Bei lang andauernden Stabilisierungsphasen spricht man dann von Fossilisierung. Diese können zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Aussprache und Grammatik auftreten.
Begriffsbestimmung Der Begriff der Fossilisierung ist umstritten. Es handelt sich um ein komplexes Konstrukt, bei dem kognitive, neurobiologische, sozio-affektive sowie externe Einflüsse wie die sprachliche Umgebung eine zusammenhängende Rolle spielen. Der Terminus zeigt über Jahrzehnte eine Reihe von unterschiedlichen Interpretationen des Konstrukts auf, die ein sehr weites Bild von Fossilisierung aufzeigen. Laut Han & Selinker erweist sich jeder Versuch, das Phänomen durch eine einheitliche Darstellung zu sehen, letztendlich als unzureichend:
Fossilisierung nach Selinker „Fossilisierung“ (aus dem englischen Wort fossilization) als Terminus im Bereich des Zweitspracherwerbs wurde erstmals im Jahr 1972 eingeführt und geht auf den Linguisten Larry Selinker zurück, als Erkenntnis, dass die Mehrheit der Zweitsprachlerner das muttersprachliche Niveau nicht erreichen. Laut Selinkers Hypothese zur Interimssprache (Interlanguage) gibt es unterschiedliche Stadien des lernersprachlichen Systems. Diese Stabilisierungsphasen sind normalerweise dynamisch und nähern sich immer weiter der Zielsprache an. Bei Stillstand einer Phase spricht man von Fossilisierung. Dies wurde in den früheren Konzeptionen fast synonym mit dem Terminus „Interimssprache“ verwendet. Aktuell bezeichnet Fossilisierung eine zentrale Charakteristik der Interimssprache.
Fossilisierung wird seit den frühen Konzeptionen Selinkers als resistent angesehen und alle L2-Lerner betreffend. Somit wird stark impliziert, dass Lerner, unabhängig von allen Faktoren, nie das muttersprachliche Niveau erreichen werden. Lediglich 5 % der L2-Lerner sind fähig, das muttersprachliche Niveau zu erreichen. Dies betrifft sowohl Kinder als auch Erwachsene. Grund hierfür sei die latente sprachliche Struktur, also eine vorhandene, aber normalerweise nicht in Erscheinung tretende Struktur. Man geht von der Annahme aus, dass Erwachsene, die es geschafft haben, die Zweitsprache auf dem muttersprachlichen Niveau zu beherrschen, die Kompetenz haben, die latente Sprachstruktur zu reaktivieren. Diese Personen gehen aber durch einen ganz anderen psycholinguistischen Prozess als die meisten Sprecher.
Fossilisierung nach Selinker wird dual betrachtet. Als kognitiver Mechanismus wird angenommen, dass es sich dabei um einen Bestandteil einer latenten psychologischen Struktur handelt, die den Erwerb einer zweiten Sprache durch einen Lernenden vorschreibt. Auf der Ebene der Performanz bezeichnet der Begriff das regelmäßige Wiederauftreten sprachlicher Phänomene in der Zweitsprache, resistent gegen externe Einflüsse. Die beiden Funktionen wurden von Selinker konzipiert, um miteinander verbunden zu werden und eine Einheit darzustellen:
Nach Selinkers Definition wurde der Begriff der Fossilisierung mehrfach uminterpretiert. Laut einigen Linguisten wird Fossilisierung als rein kognitiver Mechanismus betrachtet. Viele Linguisten folgten der performanzbasierten Dimension. Selinkers duale Definition wurde demnach einseitig betrachtet, oft als eine Entwicklungsstufe in der Interimssprache. Laut einigen Linguisten handelt es sich bei der Fossilisierung um eine zweistufige Definition. Diese zweistufige Definition definiert die Fossilisierung auf zwei miteinander verbundenen Ebenen. Auf dem kognitiven Level beinhaltet die Fossilisierung die zugrundeliegenden Mechanismen, die permanent die stabilisierten inkorrekten Formen der Interimssprache produzieren. Auf dem empirischen Level betrachtet, beinhaltet die Fossilisierung diese stabilisierten Formen zwischen der Erst- und Zweitsprache, die verbleiben, unberührt von Dauer und Qualität vom Input der Lerner.
Fossilisierung als Prozess und Produkt Fossilisierung kann als Produkt oder als Prozess verstanden werden. Auf kognitiver Ebene wird die Fossilisierung als Prozess angesehen, während es auf empirischer Ebene als Produkt gesehen wird. Als Produkt bzw. als Ergebnis wird es als ein dauerhaft stagnierender Zustand, entweder global oder lokal betrachtet, gesehen. Fossilisierung als Prozess bezieht sich auf die laufende Beendigung einer Entwicklung.
Laut Selinker kann man von fünf zentralen Prozessen sprechen:
•Übergeneralisierung: Es wird eine sprachliche Form regelhaft, aber im falschen Gebrauch angewendet. Dies kommt oft bei Sprechern vor, wenn diese einen Ausdruck verwenden möchten, dessen Verwendungsmöglichkeiten sie noch nicht kennen.
Beispiel: „What did he intended to say?“ (richtig: „What did he intend to say?“)
è Hier wird im Englischen das Morphem -ed, das die Vergangenheitsform markiert, falsch verwendet.
• transfer-of-training: Ein Problem, das bei Serbo-kroatischen Sprechern auf allen Niveaustufen beim Anwenden des Englischen beobachtet werden konnte, ist die falsche Verwendung des Personalpronomens he. Die Lernenden nutzen bei fast jeder Gelegenheit die 3. Person Sing. Maskulin he anstatt die weibliche Form she, sobald es notwendig und richtig wäre. Eine mögliche Begründung hierbei könnte die Unterrichtsform sein. In den meisten Lehrbüchern und die meisten Lehrkräfte verwenden bei Beispielen die Form he und lassen das feminine Personalpronomen aus. So kennen die Lernenden zwar die feminine Form, aber haben das Gefühl als sei die Unterscheidung nicht notwendig.
•strategies of second-language learning (Lernstrategien): Verschiedene Strategien beeinflussen das Lernen und somit das Interlanguage-System. Lernstrategien sind kulturgebunden. Beispielsweise nutzen viele indische Sprecher die Strategie der Simplifizierung. Wenn dann der Lernende die Strategie übernommen hat, dass alle Verben intransitiv oder transitiv sein können, produziert er Formen, wie: „I am feeling thirsty“ (richtig: „I am thirsty“).
•language-transfer (Interferenz): Es werden Strukturen der Muttersprache auf die Zweitsprache übertragen, wodurch Fehler entstehen. Ein Beispiel aus semantischer Ebene hierbei ist die Verwendung von ‚falschen Freunden‘. Es werden Wörter in der Zielsprache verwendet, die der Muttersprache ähneln oder gleich sind, aber eine andere Bedeutung in der Zielsprache haben.
•strategy of second-language communication: Die Kommunikationsstrategie nutzen Lernende, sobald sie genug Wissen angeeignet haben, sodass sie einigermaßen in der Zielsprache kommunizieren können. Danach hören sie auf zu lernen oder lernen nur minimal dazu.
Globale und lokale Fossilisierung Es wird zwischen lokaler und globaler Fossilisierung unterschieden. Bei globaler Betrachtung geht man davon aus, dass die Fossilisierung das gesamte System der Interimssprache betrifft und es demnach unwahrscheinlich ist, dass weiteres L2-Lernen möglich ist. Es kommt zu einem Entwicklungsstillstand. Andererseits kann die Fossilisierung auch lokal betrachtet werden, sodass ein bestimmtes Subsystem (z. B. Syntax) oder ein bestimmtes Merkmal (z. B. past-tense-Markierung im Englischen) fossilisiert, während das Lernen in anderen Bereichen möglich ist. Es wird also davon ausgegangen, dass die Fossilisierung nur isolierte sprachliche Elemente betrifft.
Bisherige empirische Untersuchungen zum Zweitspracherwerb haben eindeutige Beweise für die Variabilität zwischen Lernenden gezeigt. Das heißt, es wurde festgestellt, dass einzelne Lernende unterschiedliche Erfolge erzielen und das innerhalb sprachlicher Domänen und Subsysteme. Insbesondere Longitudinalstudien zur Fossilisierung haben überzeugende Beweise dafür geliefert, dass auch bei Lernenden, die scheinbar fossilisiert sind, das Lernen weiterhin fortgesetzt wird. So wird Fossilisierung eher lokal als global betrachtet.
Erscheinungsformen der Fossilisierung Fossilisierung kann vor allem in vier Erscheinungen auftreten:
• sprachliche Strukturen erscheinen unverändert bleibend über einen bestimmten Zeitraum hinweg
• sie erscheinen in verschiedenen Kontexten in gleicher Form (beispielsweise erscheinen bestimmte Phrasen verteilt in der Sprache, ohne dass es zielsprachlich sinnvoll wäre)
• es erscheinen die sprachlichen Formen im selben Kontext in korrekter oder inkorrekter Form. Fossilisierung kann sich demnach auch auf korrekte Formen beziehen.
• Backsliding: ein variables Zurückgleiten in frühere Erwerbsstufen, beispielsweise, sobald komplexere Themen behandelt werden und der Lernende viel zu verarbeiten hat.
Mögliche Gründe der Fossilisierung Durch den sehr weiten Begriff und die Komplexität gibt es viele mögliche Gründe der Fossilisierung. Einige Forscher sehen die Ursache der Fossilisierungserscheinungen vor allem in den Altersfaktoren. Forscher diskutieren schon seit Selinker, ob erwachsene Lerner das muttersprachliche Niveau erreichen können oder ob das nur im Kindesalter möglich ist. Generell geht man davon aus, dass Kinder eine Sprache schneller erlernen als Erwachsene. Dies wird auch als „Kritische Phase“ (Critical Period) bezeichnet, ein Zeitfenster, in dem das Nervensystem besonders empfindlich auf bestimmte Reize reagiert und eine fremde Sprache effektiv erworben werden kann. Jedoch lässt sich aus den Untersuchungen nicht eindeutig auf Ursachen im Alter schließen.
Daraus entsteht die zweite Frage, welche Ursache es hat, dass es einige wenige Menschen gibt, die im Erwachsenenalter das muttersprachliche Niveau erreicht haben, obwohl es die größte Mehrheit nicht schafft.
Einige mögliche Erklärungen für Fossilisierung sind zudem:
• wenig oder kein korrigierendes Feedback
• Qualität des Inputs
• fehlender Zugang zur Universellen Grammatik
•Fehler beim Zurücksetzen der Parameter: Einige Forscher glauben an einen weiterhin uneingeschränkten Zugang zur Universalgrammatik bei Erwachsenen. Die Neigung zur Fossilisierung ist ein Hinweis darauf, dass es sich um einen Fehler beim Zurücksetzen bestimmter Parameter handelt.
• Lernen hemmt das Lernen: Fossilisierung wird als eine Folge des neuronalen Systems betrachtet. Sind die neuralen Assoziationen einmal gebildet und fixiert als Ergebnis des Erstspracherwerbs, sind die Verbindungen schwer zu trennen. Die L2-Entwicklung baut weiter auf ein schon existierendes Netzwerk von mentalen Repräsentationen, wobei es zum „Widerstand“ des vorherigen Systems kommt (neurobiologische Verankerung).
• Automatisierung fehlerhafter Kenntnisse
• Verständnismangel
•Verarbeitungsbeschränkungen: L2-Lernende produzieren in der Regel zufällig grammatikalische und ungrammatische Sätze. Dadurch wird Fossilisierung mehr als Folge von Verarbeitungsbeschränkungen angesehen als ein Mangel an grammatikalischer Kompetenz:
• Veränderung des emotionalen Zustands
• natürliche Neigung, sich auf den Inhalt zu konzentrieren, nicht auf die Form
• Vermeidung
• Mangel an Akkulturation
• Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten
• Mangel am Kommunikationsbedürfnis
• bewusstes oder unbewusstes codemixing als Ausdruck einer hybriden Identität: Aus soziolinguistischer Perspektive Prestons (1989) hat die Fossilisierung unter anderem etwas mit dem Gefühl gegenüber der Rezeption in die neue Sprachgemeinschaft zu tun. Aufgrund des Willens des Lernenden die Identität beizubehalten, repräsentieren die fossilisierten Formen die eigene Identität in der Sprachgemeinschaft.