Die affektiven Störungen, Affektstörungen (engl. affective disorders) oder Stimmungsstörungen (engl. mood disorders) sind eine Gruppe von psychischen Störungen. Ihr gemeinsames verbindendes Merkmal ist vor allem eine klinisch bedeutsame Veränderung der Stimmungslage im Zeitverlauf.

Dabei können die Gemütsbewegungen (Affekte) in Richtung Depression gedrückt oder in Richtung Manie gesteigert sein. In diesem Zusammenhang wird der Begriff Affekt im Sinne von Grundstimmung gebraucht. Diese Stimmungsveränderung kann schnell einsetzen (akut), sich langsam entwickeln (chronisch) oder nur phasenweise (episodisch) auftreten.

Ebenso können gleichzeitig formale und inhaltliche Denkstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und gelegentlich auch psychotisches Erleben vorkommen. Für die Diagnose werden verschiedene Aspekte mitbetrachtet, z. B. Antrieb, Spontaneität, Schlafbedürfnis, Appetit, sexuelles Interesse und das soziale Leben des Betroffenen.

Der englische Psychiater Henry Maudsley schlug damals den Begriff der „affective disorder“ (affektive Störung) als übergeordnete Kategorie vor. Der Begriff wurde später im englischsprachigen Raum durch „mood disorder“ (Stimmungsstörung) ersetzt, da sich letzterer auf den zugrunde liegenden oder langfristigen emotionalen Zustand bezieht, während sich ersterer auf den von anderen beobachteten äußeren Ausdruck bezieht.

Begriff In der Medizinischen Psychologie werden auch die sich in Affektinkontinenz und Objekt-Fixierung unterscheidenden Symptomenkomplexe von Wut, Zorn und Hass zu den Affektstörungen gerechnet.Gundolf Keil: Wut, Zorn, Haß. Ein semantischer Essai zu drei Ausprägungen psychischer Affektstörung. 2017/2018, S. 183–192, insbesondere S. 189 f.

Bei den hier diskutierten Erkrankungen handelt es sich jedoch streng genommen gar nicht um Störungen von Affekten (also „Gefühlswallungen“), sondern um Störungen der Gestimmtheit. Im englischsprachigen Raum wird daher seit 2013 im DSM-5 und seit 2022 in der ICD-11 von Mood Disorders (wörtlich übersetzt „Stimmungsstörungen“) gesprochen. Früher bezeichnete man die Erkrankungsgruppe als affektive Psychosen oder seltener als Gemütskrankheiten.

Klassifikation Die Klassifikation der affektiven Störungen war im Laufe der Zeit vielen Änderungen unterworfen. Die ICD-11 unterteilt die affektiven Störungen in zwei Unterkategorien:

Bipolare oder verwandte Störungen

Zu den Bipolaren oder verwandten Störungen zählen episodische affektive Störungen, bei denen manische, gemischte oder hypomanische Episoden auftreten. Typischerweise wechseln sich die Episoden bei diesen Störungen mit depressiven Episoden oder Perioden mit depressiven Symptomen ab.

Bipolare Störung Typ I Die Bipolare Störung Typ I ist eine episodische affektive Störung, bei der eine oder mehrere manische oder gemischte Episoden auftreten. Die manische Episode ist durch einen gesteigerten Antrieb und Rastlosigkeit gekennzeichnet. Die Betroffenen können völlig irrational reagieren und von ihren Mitmenschen als aggressiv wahrgenommen werden. Dagegen ist die gemischte Episode durch das gleichzeitige Auftreten mehrerer ausgeprägter manischer und depressiver Symptome gekennzeichnet, die mit den Symptomen manischer und depressiver Episoden übereinstimmen und entweder gleichzeitig auftreten oder sehr schnell wechseln.

Bipolare Störung Typ II Im Gegensatz zum Typ I zeichnet sich die Bipolare Störung Typ II dadurch aus, dass anstelle manischer Episoden hypomanische auftreten. Hypomanische Episoden gelten als weniger intensiv als manische Episoden und führen in der Regel nicht zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen oder gar Hospitalisierungen.

Zyklothyme Störung

Als Zyklothyme Störung wird eine anhaltende Stimmungsinstabilität (d. h. seit mindestens zwei Jahren) bezeichnet, die sich durch zahlreiche Perioden mit hypomanischen Symptomen (z. B. Euphorie, Reizbarkeit) und depressiven Symptomen (z. B. Dysphorie, Fatigue) auszeichnet.

Depressive Störungen

Depressive Störungen sind durch eine depressive Stimmung (z. B. Traurigkeit, Reizbarkeit oder Gefühle der Leere) oder Freudlosigkeit gekennzeichnet. Begleitet werden diese Symptome von weiteren Beschwerden kognitiver, verhaltensbezogener oder neurovegetativer Art, die die Funktionsfähigkeit der betroffenen Person erheblich beeinträchtigen. Depressive Störungen werden jedoch nicht diagnostiziert, wenn manische, hypomanische oder gemischte Episoden aufgetreten sind.

Depressive Störung mit Einzelepisoden

Eine Depressive Störung mit Einzelepisoden ist durch das Vorliegen oder die Vorgeschichte einer einzigen depressiven Episode gekennzeichnet, ohne dass zuvor depressive Episoden aufgetreten sind. Diese sind durch eine Phase depressiver Stimmung oder verminderten Interesses an Aktivitäten gekennzeichnet, die fast den ganzen Tag über und an fast jedem Tag über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen andauern. Begleitet werden sie von weiteren Symptomen wie beispielsweise Konzentrationsschwierigkeiten, Gefühlen der Wertlosigkeit oder übermäßigen bzw. unangemessenen Schuldgefühlen, Hoffnungslosigkeit, wiederkehrenden Gedanken an Tod oder Selbstmord, Veränderungen des Appetits oder des Schlafverhaltens, psychomotorischer Unruhe oder Verlangsamung sowie verminderter Energie oder Müdigkeit.

Rezidivierende depressive Störung Für eine rezidivierende depressive Störung sind mindestens zwei depressive Episoden in der Anamnese charakteristisch, zwischen denen mindestens mehrere Monate ohne bedeutsame Beeinträchtigungen der Stimmung liegen.

Dysthyme Störung

Bei einer dysthymischen Störung liegt eine anhaltende depressive Stimmung (d. h. seit mindestens zwei Jahren) vor, die den größten Teil des Tages andauert und an mehr Tagen als nicht auftritt. Bei Kindern und Jugendlichen kann sich eine depressive Stimmung als allgemeine Reizbarkeit äußern.

Siehe auch Affektlabilität

Literatur

Weblinks

„Mood disorders“ in der seit 2022 gültigen ICD-11 (englisch) ICD-10-GM Datenbank zu den Codes der Affektiven Störungen des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)

Einzelnachweise