mini|Heinrich Fiehler (1910) Heinrich Fiehler (* 28. Oktober 1858 in Reckerode (Hessen); † 1945 in München) war ein gelernter Goldschmied, Baptistenpastor und Pionier der baptistischen Bewegung in Bayern. Vier seiner fünf Söhne waren frühe Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung.
Leben mini|Heinrich Fiehler und Emma, geborene Wulff, im Kreis ihrer sieben Kinder1: Werner Fiehler; 2: Gerhard Fiehler; 3: Otto Fiehler; 4: Johannes Baptist Fiehler; 5: Karl Fiehler; 6: Elisabeth Fiehler; 7: Frieda Fiehler Heinrich Fiehler kam als Sohn des Ehepaares Johannes Fiehler und Amalie, geborene Hartusch, zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule erlernte er das Goldschmiedehandwerk.Die Daten und Fakten dieses Abschnitts orientieren sich, wenn nicht anders angemerkt, an A. Holzmann: 50 Jahre im Dienst am Wort. In: Der Wahrheitszeuge (Offizielles Organ des Bundes deutscher Baptistengemeinden). Oncken-Verlag, Kassel 1937, Nr. 47, S. 376, Sp I–III. Es folgte eine längere Zeit der beruflichen Tätigkeit sowie ein dreijähriger Militärdienst in Würzburg. Danach nahm er seinen Wohnsitz in Schleswig und fand dort Kontakt zur Baptistengemeinde, bekehrte sich und empfing kurze Zeit später die Gläubigentaufe. Die Gemeinde erkannte seine Begabungen und empfahl ihn zur Aufnahme an das baptistische Predigerseminar in Hamburg. Die Ausbildungsstätte, Keimzelle der heutigen Theologischen Hochschule Elstal, war damals noch im ersten Stock der Baptistenkirche an der Böhmkenstraße untergebracht. Fiehler studierte dort von 1884 bis 1887. Seine theologischen Lehrer waren in diesen Jahren unter anderem Johann Georg Fetzer und Joseph Lehmann.Günter Balders in Verbindung mit dem Dozentenkollegium (Hrsg.): Festschrift. 100 Jahre Theologisches Seminar des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. 1880–1980. Oncken Verlag, Wuppertal/Kassel 1980, ISBN 3-7893-7874-7, S. 110f. (Seminarchronik 1884 bis 1887; die Grundsteinlegung für das neue Seminargebäude in Hamburg-Horn fand noch 1887 statt.) und S. 235 (Frühere Lehrer).
Bayreuth Gleich nach Abschluss seiner Ausbildung wurde Heinrich Fiehler zum ersten Prediger der 1840 gegründeten Baptistengemeinde BayreuthEFG Bayreuth.net: Ein kleiner Blick in die Geschichte; abgerufen am 21. März 2021. berufen. Das Hamburger Missions-Komitee gewährte der kleinen Gemeinde eine finanzielle Unterstützung, so dass die regelmäßige Zahlung eines Gehaltes möglich wurde.Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Bayreuth (Hrsg.): 150 Jahre Baptistengemeinde Bayreuth. Festschrift. Selbstverlag, Bayreuth 1990, S. 61. In die Bayreuther Zeit fiel auch Fiehlers Eheschließung mit Emma Wulff (31. März 1888 in EckernfördeSiehe Abbildung Melderegister der Stadtmünchen!). Aus dieser Verbindung gingen fünf Söhne und zwei Töchter hervor. Zwei seiner Söhne wurden noch in Bayreuth geboren. Heinrich Werner († 1952) kam dort am 3. März 1889 zur Welt. Johannes Baptist, später Hans genannt, wurde am 8. Juni des darauffolgenden Jahres geboren.
Die Bayreuther Baptistengemeinde – übrigens die erste im Königreich BayernWilhelm Kneule: Kirchengeschichte der Stadt Bayreuth. Band 2 (Das 19. und 20. Jahrhundert 1810). Verlag Degener, Neustadt an der Aisch 1973, S. 178. – litt unter manchen Repressionen. So schaltete zum Beispiel das landeskirchliche Dekanat die Polizeibehörde ein, nachdem bekannt geworden war, dass die Fiehlersche Gemeinde „Sonntags-Mittags von 2–3 Uhr“ einen Kindergottesdienst eingerichtet und dazu öffentlich als „frei für alle Kinder“ eingeladen hätte. Ein anderes Beispiel: Nach einer gottesdienstlichen Versammlung in Seidwitz überreichten ihm teilnehmende Bauern 42 Pfennige für die Kamerun-Mission. Ein von den Behörden eingesetzter „Spion“ zeigte die Geldübergabe an. Fiehler wurde daraufhin „wegen unerlaubter Sammlung“ zu 11 Mark Strafe verurteilt.Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Bayreuth (Hrsg.): 150 Jahre Baptistengemeinde Bayreuth. Festschrift. Selbstverlag, Bayreuth 1990; S. 62; 64. Der bereits erwähnte Johann Gerhard Fetzer schrieb in seinem Jahresbericht 1888 an das Baptist Missionary Magazine: „Im großen Königreich Bayern wirkte bis vor kurzem nur ein einziger [baptistischer] Kolporteur. Aber im letzten Jahr begann Bruder Fiehler, einer unserer [Seminar-]Absolventen, mit seiner Arbeit. Seinen Wohnsitz nahm er bei der kleinen Herde [= Gemeinde] in Bayreuth. Er berichtet von Fortschritten, nicht aber von fehlendem Widerstand, auch wenn dieser bisher nicht stark genug war, um seine Arbeit zu behindern. Wir hoffen, dass dies auch in Zukunft nicht der Fall sein wird.“American Baptist Missionary Union: Baptist Missionary Magazine. Vol. LXVII. Missionary Rooms, Tremont Temple, Boston 1987, S. 297: German Mission. (Google Books online).
Niederplanitz mini|1. Baptistenkapelle Niederplanitz (1888–1906) mit Wohnung der Predigerfamilie Fiehler Noch 1890 wechselte Fiehler in die Baptistengemeinde Niederplanitz.Heute Baptistengemeinde Zwickau-Planitz; siehe Baptisten Zwickau.de: Geschichte; abgerufen am 21. März 2021. Ein Jahr später wurden die bis dato 143 Niederplanitzer Baptisten von der Muttergemeinde Altenburg in die Selbständigkeit entlassen.Baptisten Zwickau.de: Geschichte; abgerufen am 21. März 2021. Das Ehepaar Fiehler wohnte in der Predigerwohnung der 1888 errichteten Kapelle. Dort kamen die Söhne Otto Heinrich (1892–1936) und Gerhard (1893–1950) zur Welt.
Fiehlers Dienst in Niederplanitz blieb ebenfalls nicht ohne Widerspruch der staatlichen und kirchlichen Behörden. In einigen Teilen Deutschlands – und dazu gehörte das neue Wirkungsfeld Heinrich Fiehlers – war es Baptisten und anderen Dissidenten auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Androhung von Strafen verboten, öffentliche Veranstaltungen durchzuführen. Bei Taufen, die durch Untertauchen in Flüssen und Seen stattfanden, sowie bei Beisetzungen gab es häufig nur die Möglichkeit, diese Gottesdienste unter freiem Himmel abzuhalten. Die meisten Friedhöfe waren damals in landeskirchlichem Besitz. Freikirchlichen Geistlichen war es an vielen Orten untersagt, bei der Beisetzung ihrer Gemeindemitglieder am Grab zu predigen, geschweige denn die örtliche Kirche zu nutzen. Heinrich Fiehler hatte deshalb 1892 die Trauerfeier für eine verstorbene Baptistin aus Sosa kurzerhand auf die öffentliche Straße verlegt. Er wurde wenig später von der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg „wegen groben Unfugs“ zu einer Geldstrafen von 20 Mark verurteilt.Archiv für katholisches Kirchenrecht. Band 82; Teil 2. Mainz 1902, S. 355. Im Sächsischen Kirchen- und Schulblatt von 1894 beklagte sich ein landeskirchlicher Pastor über den Niederplanitzer Baptistenprediger Fiehler. Dieser habe „ganz wider die ihm bekannten Landesgesetze […] Minderjährige durch die Wiedertaufe in seine Gemeinde“ aufgenommen. Dieses Treiben sei nun endlich angezeigt worden. Jedoch habe man Fiehler, um ihn der zu erwartenden Strafe zu entziehen, „schnell nach Braunschweig“ berufen.Dr. phil Schenkel (Hrsg.): Sächsisches Kirchen- und Schulblatt. Verlag von Dörffling und Franke, Leipzig 1894 (44. Jahrgang), S. 360 (Online; abgerufen am 21. März 2021).
Braunschweig Im Jahr 1894 begann Heinrich Fiehler seinen Dienst in der Baptistengemeinde Braunschweig. Sie war 1869 mit 47 Mitgliedern gegründet worden und inzwischen auf 140 Gemeindeangehörige angewachsen. Fiehler verstand es, „der Gemeinde ein Gesicht zu geben“. Er stellte am 14. April 1895 beim Braunschweiger Magistrat den Antrag, der Gemeinde die Korporationsrechte zu verleihen, die sie im Januar 1896 auch erhielt.Peter Muttersbach, Gotthard Wefel: Die Anfänge des Baptismus zwischen Harz und Heide. Books on Demand, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7347-9611-1, S. 263. In Fiehlers Dienstzeit fiel auch die Einweihung der neu erbauten Friedenskapelle (heute: Braunschweiger Friedenskirche) am Madamenweg 175. Ebenfalls in Fiehlers Amtszeit erfolgte 1899 die Gründung der Tochtergemeinde Peine.BS-Friedenskirche: Geschichte; abgerufen am 22. März 2021. Am 31. August 1895 kam in Braunschweig Sohn Karl Fiehler († 1969) als jüngster Sohn des Pastorenehepaares zur Welt. Ebenfalls in Braunschweig wurde Frieda, die erste Tochter des Ehepaares Fiehler, geboren. Ihr Geburtsdatum war der 29. März 1898.Siehe Eintrag im Melderegister der Stadt München (Abbildung)!
München mini|Familie Fiehler – Eintrag im Melderegister der Stadt München (1902) Anfang des 20. Jahrhunderts richteten sich Fiehlers Blicke wieder auf Bayern. Eine missionarische Erkundungsreise führte ihn 1901 nach München und Umgebung und bestätigte ihn in dem Vorhaben, in der bayerischen Landeshauptstadt mit einer Gemeindegründungsarbeit zu beginnen.Heinrich Fiehler: Erkundungsreise nach München von 1901. In: Der Wahrheitszeuge. Jahrgang 1901, Nr. 38, S. 303. 1902 entsandte der baptistische Regionalverband Hessische Vereinigung (heute: Landesverband Hessen-Siegerland; abgerufen am 22. März 2021.) Heinrich Fiehler in den Raum München, um dort mit einer Pionierarbeit zu beginnen. Die zuständige Behörde erteilte die notwendige Zuzugsgenehmigung gegen den Einspruch des Evangelisch-lutherischen Dekanats. Öffentliche gottesdienstliche Versammlungen waren dem Baptistenprediger jedoch untersagt. Um seiner missionarisch-diakonischen Arbeit einen juristischen Rahmen zu geben, gründete Fiehler 1903 einen Arbeiter-Hilfsverein, den er später in Allgemeiner Hilfsverein umbenannte und dem sich eine Reihe bekannter Münchner Bürger als Unterstützer anschlossen. Hinzu kam die Gründung eines Blau-Kreuz-Vereins, der sich speziell um Suchtkranke kümmerte.Roland Fleischer: Artikel Heinrich Fiehler im Historischen Lexikon des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden; abgerufen am 14. Mai 2021. Neben seiner Tätigkeit als Missionar war Fiehler auch als Kolporteur mit Bibeln und christlicher Literatur unterwegs.Rudolf Donat: Das wachsende Werk. Ausbreitung der deutschen Baptistengemeinden durch sechzig Jahre (1849–1909). Oncken-Verlag, Kassel 1960, S. 409. Außerdem unterrichtete er auch als Religionslehrer. 1904 führte er in der Isar seine erste Gläubigentaufe durch. Drei Jahre später wandte sich die im Aufbau befindliche Gemeinde mit einer evangelistischen Veranstaltungsreihe erstmals an die Öffentlichkeit. Als Redner konnte sie den Erweckungsprediger Jakob Vetter (1872–1918) gewinnen. 1908 gelang es Fiehler, beim bayerischen Kultusminister Anton von Wehner eine Audienz zu erhalten. Sein Anliegen war es, für den Münchner Gemeindekreis eine staatliche Anerkennung zu erhalten. Das Mitgliederverzeichnis, das er seinem schriftlichen Antrag beilegte, umfasste nicht nur die 21 gläubig getauften Gemeindeglieder, sondern – für baptistische Statistiken unüblich – auch deren 26 (ungetaufte) Kinder. Noch im selben Jahr verfügte der bayerische Prinzregent Luitpold von Bayern (1821–1912) die Anerkennung der Münchner Baptistengemeinde als Privat-Kirchen-Gesellschaft.Roland Fleischer: Artikel Heinrich Fiehler im Historischen Lexikon des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden; abgerufen am 14. Mai 2021