Müller & Kalkow war eine Seifen- und Waschmittelfabrik mit Sitz in Magdeburg. Das Unternehmen wurde 1779 gegründet und wuchs aus kleinen Anfängen eines Handwerkbetriebes heraus zu einem mittelgroßen Familienunternehmen der Seifenindustrie. Am 1. Januar 1959 wurde die Firma durch eine staatliche Beteiligung in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Im Rahmen der letzten Welle der Verstaatlichungen in der DDR erfolgte 1972 die Enteignung. Als VEB Seifama (Seifenfabrik Magdeburg) wurde der Betrieb weitergeführt. Die Treuhandanstalt übereignete 1991 den Betrieb einem Westinvestor. Die Produktion wurde bald eingestellt.
Geschichte Von der Gründung bis zum Ersten Weltkrieg mini|hochkant|Haus Breite Weg 36 um 1890 mit dem Schriftzug Müller & Kalkow Johann Franz Coqui (* 14. April 1732; † 23. August 1800) war Seifensieder in der Neustädterstraße 23 in Magdeburg. Er war ein Onkel von Johann Kaspar Coqui der bekannten hugenottischen Familie in Magdeburg. Sein Sohn Johann Wilhelm Coqui (* 19. März 1778; † 7. Oktober 1850) führte das Geschäft weiter. Er kaufte das Haus Breite Weg 36 und errichtete dort die Seifenfabrikation. Seine Ehe war kinderlos und die Eheleute nahmen 1808 die Halbwaise Emilie Stamer (* 18. November 1797; † 20. November 1863) als Pflegekind auf. Johann Friedrich Müller (* 14. August 1792; † 17. Oktober 1851) war Seifensieder bei Johann Wilhelm Coqui. Dort lernte er Emilie Stamer kennen und heiratete sie am 17. Oktober 1819. Friedrich Müller war bereits 1845 als Eigentümer des Hauses Breite Weg 36 eingetragen.Guido Skirlo Der Breite Weg – in verlorenes Stadtbild 2005 Landeshauptstadt Magdeburg Seite 131 Hier befand sich bis 1892 die Fabrikation.http://archiv.magdeburg-kompakt.de/zeitreise-breiter-weg-36/ Am 14. Januar 1860 brannte das Haus nieder. Nach Wiederaufbau wurde es am 26. September 1860 wieder bezogen. Im Jahr 1868 erfolgte die Vergrößerung des Geschäftes durch Zukauf und Umbau des Hauses Tischlerbrücke 24.Chronik der Familie Müller – Eintragung von Emilie Caroline Müller Stadtarchiv Magdeburg Das Haus erhielt in dieser Zeit die Verzierungen und den Volutengiebel als Krönung.http://archiv.magdeburg-kompakt.de/zeitreise-breiter-weg-36/Guido Skirlo Der Breite Weg – in verlorenes Stadtbild 2005 Landeshauptstadt Magdeburg Seite 131 Der Sohn von Johann Friedrich Müller, Gustav Adolf Müller und seine Frau Emilie Caroline, die bisher im Haus Breite Weg 36 gewohnt hatten, bauten 1881 bis 1892 als Altersruhesitz das Haus Augustastraße 3, heute Hegelstraße 3 (s. a. Liste der Kulturdenkmale in der Magdeburger Altstadt).
mini|hochkant|Haus Hegelstraße 3 mini|hochkant|Rechnung 1908 Müller & Kalkow mit der Darstellung des Wohnhauses und des Fabrikgebäudes auf dem leeren Stadtfeld
Gustav Adolf Müller schied Ende 1882 aus der Firma aus und es traten am 1. Januar 1883 sein Sohn Fritz (Friedrich) Müller und sein Schwiegersohn Hermann Emil Schrauth als neue Teilhaber in die Firma ein. Sie führten in Gemeinschaft mit Friedrich Kalkow das Geschäft weiter.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Tagebücher Marie Schrauth – Stadtarchiv Magdeburg 1890 kauften Gustav Adolf Müller und sein Sohn Fritz (Friedrich) Müller unter dem Eindruck des großen Brandes der Ölmühle der Lieferantenfirma Vereinigte Ölfabriken Hubbe und Farenholtz für einen Fabrikneubau ein Grundstück an der Großen Diesdorfer Straße.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Sie errichteten 1891 bis 1892 einen modernen Fabrikbau an der Großen Diesdorfer Straße 3, als erste Firma, die auf dem Stadtfeld (damals außerhalb der Stadt) bauen durfte. Liste der Kulturdenkmale in Stadtfeld OstSeite 85 und 86 Ein Wohnhaus für zwei Familien wurde an der Großen Diesdorfer Straße 4 direkt neben der Fabrik errichtet.Liste der Kulturdenkmale in Stadtfeld OstVillen in Magdeburg Seite 87 Dort wohnten die Firmeninhaberfamilien Fritz (Friedrich) Müller und Hermann Emil Schrauth, der aus der Seifenfabrik P.H. Schrauth in Neuwied stammte und mit Marie Müller, der Schwester von Fritz Müller, verheiratet war. Licht wurde mit einer Maschine und Akkumulatoren - Batterien erzeugt. Hermann Emil Schrauth verstarb 1904 und Fritz Müller führte die Firma allein weiter. 1907 trat der Sohn von Hermann Schrauth, der Kaufmann Erich Schrauth, in die Firma ein. Die Firma Müller & Kalkow kaufte 1907, nachdem sie bis dahin Mieterin gewesen war, das Fabrikgebäude. Die Villa blieb im Privatbesitz der Familie Müller. 1913 wurde auf dem Firmengelände wegen des erhöhten Wasserbedarfs der Produktion ein eigener Brunnen gebohrt.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Erfolgreiche Produkte bis 1914 waren u. a. die „Mühlenseife“, die Idealseife neben der billigeren kalt gerührten Kokosseife sowie die Feinseife Chic mit hochwertigem französischem Parfüm.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg-
Erster Weltkrieg und Weimarer Republik Im Ersten Weltkrieg waren die Rohstoffe rationiert. Eine Seifenherstellungs- und Vertriebsgesellschaft wurde gegründet und Müller & Kalkow war infolge der Betriebsgröße weiterhin eine herstellende Firma, während andere Firmen die Produktion einstellen mussten. Zuletzt wurden nur noch Seifenpulver, Doppelriegel-Hauswaschseife und die K-A-Seife (sogenannte Kriegsausschuss-Seife) hergestellt.https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/ECBBOQM6BYY4FMF7ZJYV7AUFHZD3KAPQ Auch nach Ende des Krieges produzierte Müller & Kalkow noch längere Zeit die K-A-Seife.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Müller & Kalkow stellte aufgrund der Patente von Walther Schrauth die Afridol- und Providolseifemit Carl Deite: Handbuch der Seifenfabrikation, J. Springer, 1917, 5. Auflage 1921 Seite 649 für Bayer-Leverkusen her. Medikamente wurden in diese Seifen eingearbeitet und dann nach Leverkusen geliefert. Dort erfolgte die Verpackung und der weltweite Vertrieb.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Der jüngere Bruder von Walther Schrauth – Erich Schrauth – war von 1907 bis 1968 Mitinhaber und Geschäftsführer von Müller & Kalkow. Am 1. November 1923 erfolgte die Vereinigung mit der Märkischen Seifenindustrie in Witten an der Ruhr, deren Inhaber Clemens Stallmeyerhttps://history.evonik.com/sites/geschichte/de/persoenlichkeiten/stallmeyer-clemens/ und Arthur Imhausen als Kommanditisten bei Müller & Kalkow einstiegen. Sie waren zur Hälfte beteiligt. Die Beteiligung bestand bis Ende 1924 oder 1925, da die Märkische Seifenindustrie sich von vielen Firmenbeteiligungen nach Ende der Inflation trennen musste.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Nach der Inflation 1924 wird insbesondere wieder die Mühlenseife, die alte Spezialität, überall bekannt gemacht.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg In der Interessengemeinschaft Deutsche Seifenfabriken bestand seit 1925 eine Mitgliedschaft. Es handelte sich um eine Gemeinschaft von etwa 60 kleineren und mittleren Firmen, die gemeinsam ein selbsttätiges Waschpulver Pergolin vertrieben, das bei der Märkischen Seifenindustrie in Witten hergestellt wurde. Außerdem wurden dort auch Feinseifen in verschiedenen Preislagen lediglich für die Interessengemeinschaft produziert. Müller & Kalkow hatte durch Erich Schrauth den Alleinvertrieb für Hamburg und setzte pro Monat einen Waggon von etwa 15 t Pergolin dort ab, als Konkurrenzprodukt zu Persil der Firma Henkel. 1928 wurde der Verband der Deutschen Seifenfabriken gegründet. Dieser sollte der Konkurrenz der großen Seifenfabriken entgegenwirken, weil wegen der Preisunterbietungen durch die großen Firmen die kleineren Firmen mehr oder weniger nur noch mit Verlust oder mit geringem Verdienst arbeiteten. Als Vorsitzender wurde der Sohn von Fritz Müller – Johannes Müller –, der seit 1914 Mitinhaber der Firma Müller & Kalkow war, gewählt. Er hatte das Amt bis 1933 inne. 1929 wurde am 20. April das 150-jährige Jubiläum der Firma gefeiert.
Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg Am 20. April 1939 bestand die Firma 160 Jahre. Aus diesem Anlass wurde eine Feinseife – Sonderfeinseife - „160 Jahre Wertarbeit“ in einem Dutzendkarton herausgegeben.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg Im Zweiten Weltkrieg wurde 1939 – 1943 die Produktion auf Kriegsseifenmittel umgestellt. Es gab im Verlauf des Krieges weiterhin Kernseife, Waschpulver, Feinwaschseife, Schmierseife und Feinwaschmittel in immer minderer Qualität. Johannes Müller war 1941 Leiter der Fachgruppe Seifen- und Waschmittelindustrie bei der Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie.https://marjorie-wiki.de/wiki/Wirtschaftsgruppe_Chemische_Industrie
Sowjetische besetzte Zone und DDR-Zeit Den Zweiten Weltkrieg überstand die Firma ohne größeren Schaden. Bis 1947 stand sie unter Sequester der sowjetischen Besatzer. Monatliche, z. T. auch wöchentliche Berichte mussten über den Gang der Firma persönlich auf der Kommandantur der Sowjets vorlegt werden. Später erfolgten von dort die Planungen in der Zuteilungen der Rohstoffe.Erinnerung des Inhabers Erich Schrauth von 1965 – Stadtarchiv Magdeburg- Wolfgang Müller (* 1. Juni 1899), der Bruder von Johannes Müller, seit 1926 Mitinhaber der Firma, wurde 1945 von den sowjetischen Behörden verhaftet. Er war – wie Johannes Müller – NSDAP-Mitglied gewesen. Nach einem Gefängnisaufenthalt in Magdeburg kam er in das Lager Mühlberg, wo er am 1. Februar 1947 verstarb.Totenbuch Speziallager Nr. 1 des sowjetischen NKWD, Mühlberg/Elbe 2008 Seite 137 1962 waren im Sortiment neben der Seifenherstellung Handwaschpaste, Feinwaschmittel Celex und Spülmittel Wie Neu. Als Lohnarbeiten wurden Fettspaltung und die Abfüllung des Unkrautvernichtungsmittels Spritz - HormitUFZ – Umweltforschungszentrum Leipzig – Halle GmbH 2005 Seite 31 für das Elektrochemische Kombinat Bitterfeld durchgeführt.
mini|hochkant|Paket Verpackungsaufkleber Müller & Kalkow 1959 mini|hochkant|Electra Seife 1959