mini|320px|Das traditionelle Verbreitungsgebiet westoberdeutscher (=alemannischer) Dialektmerkmale im 19. und 20. Jahrhundert

Als Alemannisch, im weiteren Sinne auch Alemannisch-Schwäbisch oder Westoberdeutsch, werden in der germanistischen Linguistik aufgrund gemeinsamer Sprachmerkmale diverse im Südwesten des deutschen Sprachraums gesprochene Dialekte bzw. Mundarten bezeichnet. Zusammen mit anderen Dialektgruppen zählen sie zum Oberdeutschen und somit auch zum Hochdeutschen.

Die Bezeichnung „alemannisch“ greift den Volksnamen der Alemannen auf, wenngleich die alemannischen Dialekte keinesfalls mit deren Sprach- oder Dialektformen gleichgesetzt werden könnenKönig/Renn 2007, S. 20, 22, 26, 28, 30. (siehe Kapitel Dialekt- und Sprachgeschichte). Die Bezeichnung der alemannischen Dialektgruppe als „Westoberdeutsch“ ist daher sinnvoller, aber wie bei den Dialekt- bzw. Mundartbezeichnungen im übrigen deutschen Sprachraum haben sich auch hier die an die historischen Volksstämme angelehnten Termini durchgesetzt (siehe Kapitel Gliederung). Volkstümlich geworden ist der Begriff „alemannisch“ allerdings nur in Südbaden; in der Schweiz etwa tritt er zumeist hinter dem Begriff „Schweizerdeutsch“ zurück und im Elsass sind es die alemannischen Dialekte des „Elsässischen“.

Im 19. Jahrhundert konkurrierten die Schreibungen „alemannisch“ und „allemannisch“ – erstere wohl mit Bezugnahme auf die lateinische Überlieferung („Alamanni“, „Alemanni“), letzteres etymologisierend („alle Männer/Menschen“). Seit Karl Weinholds Alemannischer Grammatik von 1863Karl Weinhold: Alemannische Grammatik. Berlin 1863; Neudruck Amsterdam 1967. hat sich in der Wissenschaft und schließlich allgemeinsprachlich die erstere Variante durchgesetzt.Vgl. etwa mit zwei L Johann Peter Hebels Allemannische Gedichte (1803, 1804), Ignaz Felners Neue allemannische Gedichte (1803), L. F. Dorns u. a. Allemannia. Gedichte in allemannischer Mundart (1843), Alfred Walchners Muse-Spenden in hochdeutscher und allemannischer Sprache (1848; 2. Aufl.), Grimms Deutsches Wörterbuch (1. Band 1854), Johannes Meyers Deutsches Sprachbuch für höhere allemannische Volksschulen (1866) oder Gustav Adolf Seilers Gottwilche! Allemannische Klänge aus Stadt und Landschaft Basel (1879). Frühe Belege für Schreibung mit einem L sind etwa Johann Alois Minnichs Hebel-Feier in Basel, 1860. Gedichte in alemannischer Mundart (1860), Karl Weinholds Alemannische Grammatik (1863), Anton Birlingers Alemannisches Büchlein von guter Speise (1865), desselben Die alemannische Sprache rechts des Rheins seit dem 13. Jahrhundert (1868), August Corrodis Alemannisches Kindertheater (1874/5), H. Herzogs Alemannisches Kinderbuch (1885) oder Andreas Heuslers Der alemannische Consonantismus in der Mundart von Baselstadt (1888).

Verbreitungsgebiet, Gliederung und Verwendung Autochthones Verbreitungsgebiet Das autochthone beziehungsweise traditionelle Verbreitungsgebiet grenzt im Norden an das der ost-, süd- sowie rheinfränkischen Dialekte und im Osten an das der bairischen Dialekte, im Süden und Westen schließen sich Gebiete romanischer Sprachen (Bündnerromanisch, Italienisch und Französisch) bzw. romanischer Mundarten an. Die einzelnen Teile des Verbreitungsgebietes nach Staaten bzw. Staatsteilen, im Uhrzeigersinn, beginnend im Norden:

Baden-Württemberg: Die südlichen zwei Drittel des Landes liegen im alemannischen Dialektraum. Ältester Teil des gegenwärtigen alemannischen Sprachraums (schon seit dem 3. Jahrhundert Siedlungsraum der Alamannen). In Baden einschließlich Baden-Baden, Rastatt und Pforzheim, wenn man diverse südfränkisch-alemannische bzw. südfränkisch-schwäbische Übergangsdialekte mit berücksichtigt. In Württemberg liegen Heilbronn, Schwäbisch Hall und Crailsheim bereits in traditionell süd- bzw. ostfränkischem Gebiet. In und um Heilbronn, Hohenlohe sowie in Hall verbreiten sich in jüngster Zeit schwäbische Dialektmerkmale. Bayern: In Bayern liegt vor allem der Regierungsbezirk Schwaben im alemannischen Dialektraum, zusätzlich Dinkelsbühl (ostfränkisch-schwäbischer Mischdialekt mit einigen wenigen bairischen Einflüssen)David Neu: Ein Sprecher – mehrere Dialekte: Code-Mixing und Code-Switching im tridialektalen Raum um Dinkelsbühl. Online publiziert unter und oberbayerische Gebiete westlich des Lech, aber ohne die Gegend östlich von Augsburg. Zwischen Augsburg und Alpen liegt ein schwäbisch-bairisches Übergangsgebiet, westlich des Lech schwäbisch dominiert, östlich des Lech bairisch (Lechrain).König/Renn 2007, S. 25. Im Osten wird das Alemannische vom Bairischen und im Norden vom Ostfränkischen teilweise zunehmend überlagert. Österreich: Neben Vorarlberg auch in kleinen Teilen Tirols im Bezirk Reutte bzw. Außerfern (schwäbisch bzw. schwäbisch-bairisch um Reutte, höchstalemannisch um Steeg, Rest bairisch) und im Bezirk Landeck (St. Anton am Arlberg, Paznaun). Teilweise zunehmend vom Österreichischen bzw. Bairischen überlagert. Liechtenstein: der aus elf Gemeinden bestehende Zwergstaat ist der einzige Staat, der komplett im alemannischen Dialektraum liegt. mini|hochkant=1.5|Deutschschweiz im Rahmen der Schweizer Sprachgebiete (Jahr 2000) Schweiz: die Deutschschweiz (außer dem südbairischen Samnaun). Einige Gebiete wurden vergleichsweise spät von alemannisch sprechenden Menschen besiedelt, so vor allem die Gegend westlich der Aare, das Wallis und die Gebiete der Walser (vor allem Graubünden). Das Bündnerromanische (Rätoromanische) steht bis heute in Konkurrenz zu alemannischen Dialekten bzw. zur Verkehrssprache Deutsch (vgl. Traditionell rätoromanischsprachiges Gebiet Graubündens). Italien: in der Region Piemont (u. a. im Val Formazza und in der Valsesia) und in der Region Aosta (vor allem Val di Gressoney). Amts- und Verkehrssprache ist Italienisch. mini|hochkant=1.5|Alemannische Dialekte in Elsass-Lothringen im 19. Jh. (Grüntöne) Frankreich: vor allem im Elsass. Traditionell südfränkische Gebiete im Elsass sind die Gegenden um Weißenburg und Lauterburg, das sogenannte Krumme Elsass um Sarre-Union ist traditionell rheinfränkisch. Traditionell romanische Gebiete des Elsass sind vor allem das obere Breuschtal, Teile des Weilertals sowie die Gegenden um Sainte-Marie-aux-Mines, Lapoutroie und Montreux. Mehrere Gemeinden des Départements Moselle um Pfalzburg zählen ebenfalls zum alemannischen Dialektraum. Amts- und Verkehrssprache ist Französisch.

Eine detaillierte Abgrenzung gibt der Artikel Grenzorte des alemannischen Dialektraums.

Allochthones Verbreitungsgebiet Alle allochthonen Verbreitungsgebiete liegen in Gegenden, in denen nicht Deutsch Amts- und Verkehrssprache ist, und führen bzw. führten daher lediglich ein Nischendasein.

Rumänien: Im Banater Dorf Saderlach (rum. Zădăreni), das im 18. Jahrhundert von südbadischen Auswanderern besiedelt wurde, hat sich bis Ende des 20. Jahrhunderts ein hochalemannischer Dialekt erhalten. USA: Im Bundesstaat Indiana gibt es eine berndeutsche (Adams County) und eine niederalemannisch-elsässische Sprachinsel (Allen County). Die Sprecher sind Old Order Amische. Der Dialekt wird im Allgemeinen an die Kinder weitergegeben. Das Berndeutsche mit etwa 15.000 Sprechern (5 % aller Amischen) ist stabil, das Elsässische wird einerseits vom Pennsylvania-Deutsch der Mehrheit der Amischen bedrängt, anderseits vom Berndeutschen, das mehr Sprecher hat als das Elsässische mit etwa 6.000 Sprechern (2 % aller Amischen). Venezuela: Durch Auswanderer, die 1843 von den südbadischen Orten Endingen am Kaiserstuhl, Wyhl und Forchheim (Kaiserstuhl) nach Venezuela auswanderten, bildete sich das alemannische Sprachgebiet von Colonia Tovar, in dem das Alemán Coloniero gesprochen wird.

Gliederung Die alemannischen Mundarten wurden von der Mehrheit der Dialektforschung des 19. und 20. Jahrhunderts in drei bis fünf Hauptgruppen gegliedert.

Laut Peter Wiesinger gestaltet sich die Innengliederung „schwierig, da es einerseits Süd-/Nord-Gegensätz durch ständige Abnahme der Konservativität gibt, zu denen im Norden ein deutlicher, im Süden jedoch ein weniger ausgeprägter West/Ost-Gegensatz hinzutritt, und andererseits weitreichende Überschneidungen vorliegen“. Auf der Grundlage detaillierter Untersuchungen insbesondere zum Laut-, aber auch zum Formensystem schlägt er die folgende Einteilung vor:Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Zweiter Halbband. Walter de Gruyter, Berlin / New York, 1983, S. 832.

Alemannisch Nordalemannisch Niederalemannisch (westlich, „mit selbständigen Neuerungen und fränkischen Einflüssen“) Schwäbisch (östlich, mit „zahlreichen Weiterentwicklungen“) Mittelalemannisch (ein „Übergangsbereich“) Südalemannisch („ein konservativer Bewahrungsraum“) Hochalemannisch (nördlich) Höchstalemannisch (südlich)

Die nordwestlichen alemannischen Dialekte werden unter der Bezeichnung Oberrheinalemannisch oder Niederalemannisch (im engeren Sinne) zusammengefasst. Diese Benennung rührt von der Oberrheinischen Tiefebene her, welche diesbezüglich die Osthälfte der Vogesen und die Westhälfte des Schwarzwaldes einschließt. Sie werden vor allem im Elsass und in Südbaden gesprochen. Das Oberrheinalemannische steht im Norden prinzipiell unter Einfluss süd- und rheinfränkischer Mundartmerkmale, der historische Straßburger Stadtdialekt wird sogar als explizite alemannisch-südfränkische Mundart aufgefasst. Im Süden hingegen dringen oberrheinische Dialektkennzeichen nach Süden vor, die Stadtmundart von Basel gilt bereits als oberrheinalemannisch. Die nordöstlichen alemannischen Mundarten werden unter der Bezeichnung Schwäbisch zusammengefasst und werden vor allem in Württemberg und Bayern gesprochen. Das Verbreitungsgebiet entspricht grob dem Territorium des Schwäbischen Reichskreises, abgesehen von dessen Territorien an Bodensee und Rhein. Das Schwäbische befindet sich im Osten und Norden teilweise unter Einfluss bairischer und ostfränkischer Dialektmerkmale, andererseits breiten sich schwäbische Mundartkennzeichen partiell nach Süden, Westen und Norden aus (Bodensee, Baar, Pforzheim, Heilbronn, Schwäbisch Hall). Bestimmte in zentralen Bereichen des alemannischen Raums gesprochene Dialekte werden unter der Bezeichnung BodenseealemannischHugo Steger: Raumgliederung der Mundarten. Vorstudien zur Sprachkontinuität im deutschen Südwesten. Stuttgart 1983. oder MittelalemannischPeter Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Werner Besch u. a.: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektogie. Berlin / New York 1983 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 1), S. 807–900, besonders S. 836 sowie Karten 47.4 und 47.5. zusammengefasst. Diese sind jedoch nicht nur im Bodenseebecken verbreitet (und umfassen jenes auch nicht ganz), sondern auch nordwestlich und südöstlich davon, die Benennung Bodenseealemannisch ist daher irreführend. Der Terminus Mittelalemannisch reiht sich hingegen in die Terminologie Niederalemannisch (im engeren Sinn), Hochalemannisch und Höchstalemannisch ein. Das Verbreitungsgebiet bedeckt jeweils eher kleinere Gebiete im südöstlichen Baden, im südlichsten Württemberg, im südwestlichen Bayern, im nördlichen Vorarlberg und in der nordöstlichsten Schweiz. Das Bodenseealemannische ist stark unter Druck benachbarter Mundartgruppen, vor allem des Schwäbischen, aber auch des Hochalemannischen. Die oberrhein- und bodenseealemannischen Dialektkennzeichen werden auch zum Niederalemannischen (im weiteren Sinne) zusammengefasst. Es handelt sich dabei allerdings um eine höchst heterogene Gruppe, deren Zweiteilung gemäß den vorangehenden beiden Absätzen sich aufdrängt.