mini|hochkant|Gurit Kadman mit ihrem Enkel Gideon (Sohn von Ayalah Goren-Kadman), Februar 1953 Gurit Kadman (* 2. März 1897 in Leipzig; † 27. März 1987 in Jerusalem) wurde als Gertrud (Gert) Loewenstein geboren und wanderte bereits 1920 nach Palästina aus. Sie war Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin sowie 1944 Organisatorin des ersten Dalia-Tanzfestivals.Siehe hierzu: Dalia folk-dancing festival in der englischsprachigen Wikipedia. Bis heute gilt Kadman als die Doyenne des modernen israelischen Volkstanzes.Zum israelischen Volkstanz siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Israeli folk dancing. und Pionierin des ethnischen Volkstanzes. Für ihre Leistungen wurde Gurit Kadman 1981 (Jahr 5741 nach hebräischer Zählung) mit dem Israel-Preis ausgezeichnet.Israel-Preisträger 1981 (Webseite in hebräischer Sprache)
Leben vor 1944 Die als Gertrud (Gert) Loewenstein geborene Gurit Kadman war das älteste von drei Geschwistern und Tochter des Rechtsanwalts Berthold Loewenstein (* 1863 in Hannover; † 1946 in Tel Aviv) und dessen Frau Ida (* 1874 als Ida Eckstein in Göttingen; † 1945 in Tel Aviv). Berthold Loewensteins Mutter war eine Tochter des Reformrabbiners Salomon Herxheimer (1801–1884). Die assimilierte Familie Loewenstein gehörte zum gehobenen Bürgertum von LeipzigAyalah Goren-Kadman: Gurit Kadman 1897 – 1987 und legte wenig Wert auf jüdische Tradition und religiöse Erziehung. Dieses liberale Elternhaus habe Gertrud Loewensteins frühes Interesse an der Natur, an Folklore, Körperkultur und Tanz begünstigt. „In diesem Milieu entwickelte sich ihre Begeisterung für nonkonformistische Ideen – ihr früher Feminismus, ihre Missachtung der bürgerlichen Umgangsformen, ihre Sympathie für den Zionismus und insbesondere für die egalitären Pionierideale des Kibbuz.“Ayalah Goren-Kadman: Gurit Kadman 1897 – 1987. „From this milieu there grew her attraction for nonconformist ideas – like her early feminism, her disregard for bourgeois social manners, her attraction to Zionism and particularly to the egalitarian pioneering ideals of the kibbutz.“
1918 lernte Gertrud Loewenstein bei einer Familienhochzeit den jungen Zionisten Leo Kaufmann (* 30. Dezember 1895 in Mülheim an der Ruhr – † 27. Dezember 1963 in Jerusalem) kennen, der sich später Leo Kadman nannte, und war fasziniert von dessen Begeisterung für ein Pionierleben in Palästina. Leo Kaufmann war Sohn einer wohlhabenden Familie, die eine Lederfabrik besaß. Er studierte Rechtswissenschaften, Wirtschaft und Geschichte an den Universitäten Bonn, Heidelberg und Leipzig. Im Alter von 15 Jahren lernte er Israel FeinbergIsrael Feinberg ist der Vater von Avshalom Feinberg. kennen, Pionier der Ersten Alija und Mitbegründer der Stadt Rischon LeZion. Laut seiner Tochter Avishag war Kaufmann aufgrund dieser Begegnung Zionist geworden und half beim Aufbau des deutschen Hechaluz.Shany Littman: The Openly Polyamorous Family
Gertrud und Leo wurden beiden Mitglieder im Blau-Weiß (jüdischer Wanderbund) und bereiteten sich gemeinsam auf die Auswanderung nach Palästina vor. Über einen Vortrag, den Gertrud für diesen Verband hielt, lernte sie Rivka Sturman kennen, die für die Entwicklung des späteren israelischen Volkstanzes nicht weniger wichtige Person.Matti Goldschmidt: Ein Besuch bei Rivka Sturman, in: tanzen, 16. Jg., Nr. 3 (1998). Eine gekürzte Fassung des Aufsatzes ist online zugänglich.
1919 heirateten Gertrud und Leo und wanderten nach der Geburt ihres Sohnes Raphael im Oktober 1920 nach Palästina aus. Dabei war auch die Ärztin Shulamit Epstein (* 14. Januar 1896 in Elberfeld; † 17. Juni 1978 in Tel Aviv)Nach Auskunft des Zentrums für Stadtgeschichte und Industriekultur in Wuppertal vom 20. Juli 2021 wurde Shulamit Epstein als Selma Epstein geboren. Ihr Vater war der vereidigte Übersetzer Aron Epstein († 6. Januar 1926 in Elberfeld), die Mutter Helene Lewy. Bekannt ist noch ein weiterer Bruder von Selma, Max Epstein (* 1901)., ebenfalls aus dem Blau-Weiß kommend und „Leos andere Frau“.
In Palästina gehörten die Kaufmanns, Shulamit Epstein und deren Bruder MaxAnsiedlung deutscher Chaluzim in Palästina. Das neue Siedlungswerk in Nuris, in: Jüdische Rundschau, Nr. 67, XXVII. Jahrgang, Berlin, 25. August 1922, S. 1 (Online im Compact Memory der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main) zu den Gründern des Kibbuz ChefzibaEinen sehr ausführlichen Artikel über die Rolle von Leo Kaufmann (Kadman), der später einer der bekanntesten Numismatiker Israels wurde (siehe: Kadman Numismatic Pavilion im Eretz Israel Museum & Arie Kindler: The History of the Israel Numismatic Society), bei der Gründung Chefzibas findet sich in der Entsiklopedyah le-halutse ha-yishuv u-vonav, Band 6, S. 2451 ff., der vorläufig noch in Chadera ansässig war, bevor er das zugeteilte Land in der Jesreelebene besiedeln konnte. Der zweite Sohn von Gertrud und Leo, Amnon, wurde 1922 noch in Chadera geboren. Im gleichen Jahr kam auch Avishag Kadman-Zahavi zur Welt, Leo Kaufmanns Tochter aus der Beziehung zu Shulamit Epstein.
Leo Kaufmann war in der sozialistisch-zionistischen Bewegungen HaPoel HaZair, dem Hechaluz und dem Gdud ha-avodaSiehe: :en:Gdud HaAvoda und in der deutschen Wikipedia den Artikel Jitzchak Sadeh aktiv. 1925 wurde er auf eine Bildungsmission nach Österreich geschickt. Während dieses gemeinsamen Auslandsaufenthalt zusammen mit seiner Frau Gertrud kam die Tochter Ayalah zur Welt. Bald nach der Rückkehr der Familie nach Palästina wurde Leo Kaufmann zum Direktor der neu gegründeten Wohnungsbauabteilung der Histadrut ernannt. Die Familie verließ den Kibbuz und zog 1931 nach Tel Aviv, wo die drei Erwachsenen und die vier Kinder ein gemeinsames Haus bezogen.
Gurit Kadman war zeitweilig – wie auch Shulamit Epstein, die hier vorübergehend als Ärztin arbeitete – Mitarbeiterin im Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen, wo sie Volkstanz unterrichtete. 1929 und 1931 organisierte Kadman hier zwei Volkstanzfestivals, über die die Meinungen auseinandergingen und von enthusiastisch bis streng kritisch reichten.Zvi Friedhaber: The First Folk Dance Festival at Dalia In 1944, S. 29 Sie begann auch damit, Material über Volkstänze zu veröffentlichen, das von Jugendleitern und Lehrern, die sie ausbildete, verwendet werden sollte.SFDH-Artikel über Gurit Kadman Eng waren auch ihre Beziehungen zur Histadrut und zum Sportverband HaPoel, für den sie ebenfalls Gymnastik- und Tanzunterricht erteilte. In den frühen 1940er Jahren gründete sie zusammen mit Moshe Wilensky und dessen Frau Genya eine eigene Schule, in der sie Sport und Tanz unterrichtete. Das tat sie ebenfalls an Histadrut-Schulen und an Bildungszentren für Arbeiterkinder, und sie unterrichtete auch internationalen und israelisch-palästinensischen Volkstanz am Lehrerseminar der Kibbuz-Bewegung.
Kadman war zu jener Zeit eine von fünf deutschen Jüdinnen und Juden, die durch ihr Engagement für die Verbreitung des Volkstanzes in den jüdischen Siedlungen bekannt waren und in den 1940er Jahren zu den prominentesten Führern der israelisch-palästinensischen Volkstanzbewegung gehörten. Außer ihr waren das Rivka Sturman, Tirza HodesTirza Hodes (* 1922 in Düsseldorf) nahm noch kurz vor ihrem 95. Geburtstag an Tanzseminaren in Deutschland teil, und 2020 drehte ihr Enkel, Guy Hodes, über sie den Dokumentarfilm Bedilugim Kalim (Mit leichten Schritten). Beide waren mit diesem Film noch 2020 in Deutschland unterwegs. Seit 1952 war Tirza Hodes Leiterin des Referats Volkstanz bei der israelischen Gewerkschaft Histadrut. (Hora für Tirza, Jüdische Allgemeine, 13. Juni 2017 & Fred Berk: The story of Israeli Folk Dance in Israel and America & Jewish Film Review: With Slight Steps), Shalom HermonShalom Hermon wurde 1920 als Friedrich (Fritz) Weisskopf in Breslau geboren. Der seit 1930 aktive Leichtathlet entwickelte sich schnell zu einem der Besten seiner Altersklasse. Er trat einige Jahre später dem jüdischen Sportverein Makkabi an und verband sein sportliches Engagement mit dem für den Zionismus. Er kam 1938 nach Palästina und war im Zweiten Weltkrieg Leutnant der Jüdischen Brigade. Hermon gelang es, den Volkstanz im Lehrplan der öffentlichen Schulen Israels zu verankern. 1982 wurde er für seine Verdienste um die Leibeserziehung, Fitness, Wissenschaft der Leibeserziehung, sowie Sport und Tanz in Israel von der Hebräischen Universität Jerusalem mit dem Jewish Sports Hall of Fame Award ausgezeichnet. Shalom Hermon starb am 9. Juni 1992 in Jerusalem. (The Society of Folk Dance Historians (SFDH): Shalom Hermon & Elke Kaschl: Dance and Authenticity in Israel and Palestine, S. 48) und Leah Bergstein (1902–1989)Siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Leah Bergstein.
1944 – das Geburtsjahr des israelischen Volkstanzes Nach Ayalah Goren-Kadman war das Jahr 1944 ein bahnbrechendes Jahr in der Geschichte des israelischen Volkstanzes und begründete den wachsenden Einfluss ihrer Mutter auf die damit in Zusammenhang stehende Bewegung. Ausgangspunkt hierfür war der Kibbuz Dalia, wo am 14./15. Juli das erste palästinaweite jüdische Tanzfestival stattfand. Kadman arbeitete bei dessen Vorbereitung mit der Kulturabteilung der Histadrut zusammen und dem Musikkomitee der Kibbuzim-Bewegung sowie mit den Mitgliedern des Kibbuz Dalia selbst. „Das geplante Tanztreffen fand statt, trotz der vielen Hindernisse, die mit dem Tanz selbst wenig zu tun hatten und die es zu überwinden galt. Zu dieser Zeit trafen die ersten Berichte und Gerüchte über den Holocaust ein. Mehrere Leute baten Gurit, die Vorbereitungen wegen der schrecklichen Nachrichten über das Schicksal des europäischen Judentums zu stoppen. Aber Gurit widersetzte sich, und deshalb nannte sie das Treffen das "Davka-Festival", "davka" bedeutet "trotz" und steht für Widerstand und einen unbeugsamen Geist.“Zvi Friedhaber: The First Folk Dance Festival at Dalia In 1944, S. 30. „The proposed dance meeting took place, in spite of the many obstacles, having little to do with dance itself, which had to be overcome. At that time the first reports and rumours about the Holocaust were coming in. Several people asked Gurit to halt the preparations because of the terrible news about the fate of European Jewry. But Gurit resisted, and that was why she called the meeting the "Davka Festival", davka meaning 'in spite of' and signifying resistance and an indomitable spirit.“