mini|hochkant|Jillian Tamaki beim Stockholm International Comics Festival 2019

Jillian Tamaki (* 17. April 1980 in Ottawa) ist eine kanadische Comic-Künstlerin, Illustratorin und Kinderbuchautorin. Ihre Werke wurden vielfach übersetzt und ausgezeichnet; sie erhielt unter anderem mehrfach den Eisner Award und den Ignatz Award. Während ihres Studiums an der Alberta University of the Arts zeigte sie vermehrt Interesse an Comics und setzte sich intensiver mit dem Medium auseinander. Im Anschluss daran entstand ihr Wunsch, als professionelle Comic-Künstlerin zu arbeiten. Feminismus und Diversität spielen eine zentrale Rolle für ihr Schaffen. Ihr Zeichenstil ist von einer klaren, dynamischen Linienführung und einem naturalistischen Stil geprägt; Tamaki fiel dabei wiederholt durch ihre Experimentierfreude sowie abwechslungsreiche Seitengestaltung auf. Nach den Texten ihrer Cousine Mariko Tamaki entstanden die Comics Skim (2008) und Ein Sommer am See (2014). Mit SuperMutant Magic Academy präsentierte sie 2015 ihre erste lange Geschichte, bei der sie auch als Autorin in Erscheinung trat. Seit 2016 illustriert und verfasst sie neben Comics auch Kinderbücher.

Leben und Werk Jillian Tamaki wurde 1980 in Ottawa im Bundesstaat Ontario geboren. Sie wuchs in Calgary, Alberta, auf und besuchte dort eine staatliche High School. Schon in dieser Zeit fertigte sie nach eigener Aussage zahlreiche Comic-Zines an, deren Originale sie an ihre Mitschüler verteilte. Im Anschluss an ihre Schulzeit studierte sie an der Alberta University of the Arts. Während ihres Studiums kehrte ihr verlorenes Interesse an Comics zurück und sie begann, sich intensiver mit dem Medium zu beschäftigen. Nach ihrem Studienabschluss im Jahr 2003 entstand bei ihr der Wunsch, als Comic-Künstlerin tätig zu werden. 2003 arbeitete sie zunächst für den Videospielentwickler BioWare, bevor sie sich als freiberufliche Comic-Künstlerin und Illustratorin selbständig machte. Als Illustratorin arbeitet Tamaki unter anderem für Maclean’s, Penguin Books, The New Yorker und The New York Times, sie gestaltete etwa für Penguin Books verschiedene Titelillustrationen klassischer Literatur.

Ihr Solo-Debüt feierte Tamaki 2006 bei Conundrum Press mit Gilded Lilies. Die Veröffentlichung sammelt Zeichnungen, frühe Comics und grafische Experimente. Darunter befindet sich ein Nachdruck ihres Kurz-Comics City of Champions und die Geschichte The Tapermines. Bei Letzterer handelt es sich um eine 80-seitige Erzählung ohne Text, die seltsame Transformationen und entstellte Formen und Figuren in einem Wald voller Kassettentonbänder zeigt.

In den Jahren 2007 bis ungefähr 2014 unterrichtete sie Illustration an der School of Visual Arts in New York, wobei sie versuchte, konzeptionelles Denken mit der Vermittlung technischer Fertigkeiten zu verbinden. Dabei wandte sie für ihre Lehre die gleichen Methoden an, nach denen sie selber an der Alberta University of the Arts gelernt hatte. Nach einem strengen System werden die unterschiedlichen Bereiche klar voneinander abgegrenzt unterrichtet: In ihrem ersten Jahr fertigte Tamaki fast ausschließlich Anatomiezeichnungen an, erst im dritten oder vierten Studienjahr durfte sie Farben verwenden und einen Computer einsetzen.

Die Zusammenarbeit mit ihrer Cousine Mariko Tamaki geht auf einen Beitrag für das Comic-Zine Kiss Machine Presents… zurück. Die Idee des Magazins ist es, Autoren und Zeichner für 24-seitige Mini-Comics zusammenzubringen, die bisher noch nicht miteinander gearbeitet haben. Ergebnis der Kooperation war eine erste Fassung von Skim, die 2005 erschien. Nach den Texten ihrer Cousine zeichnete Jillian Tamaki nicht nur die Langfassung von Skim, sondern auch den Comic This One Summer (auf Deutsch Ein Sommer am See). Beide Werke wurden mehrfach übersetzt, zum Beispiel ins Deutsche, Französische, Italienische, Spanische und Schwedische.

2008 erschien ihre erste Zusammenarbeit Skim bei Groundwood Books, im Jahr 2019 veröffentlichte Reprodukt die deutsche Übersetzung. Die Geschichte wird aus der Perspektive des Tagebuchs der 16-jährigen Außenseiterin Kimberly Keiko Cameron erzählt, die wegen ihres Übergewichts abschätzig „Skim“ genannt wird – in Anspielung auf das englische Wort „slim“ (auf Deutsch „schlank“). Sie besucht im Herbst 1993 eine katholische, private Mädchenschule in Toronto, fühlt sich dort allerdings fremd. Der Schulalltag gerät aus den Fugen, als der Exfreund einer beliebten Klassenkameradin sich das Leben nimmt. Es geht das Gerücht an der Schule um, der Teenager sei homosexuell gewesen. Darüber hinaus verliebt sich Skim in ihre extravagante Englischlehrerin Ms. Archer.

Der mehrfach ausgezeichnete Comic Ein Sommer am See erschien 2014 bei First Second, im folgenden Jahr brachte Reprodukt das Werk auf Deutsch heraus. Rose verbringt wie jeden Sommer die Ferien mit ihren Eltern am Awago Beach. Rose und ihre Urlaubsfreundin Windy füllen die langen Sommertage mit sorglosen Ferienaktivitäten. Aber in diesem Jahr ist vieles anders als früher. Durch die andauernden Streitereien nimmt Rose ihre Eltern erstmals als Menschen mit eigenständigen Sorgen wahr und muss sich deswegen mit Themen wie Beziehungsstress, Depression und Adoption auseinandersetzen. Mit ihrer über ein Jahr jüngeren Freundin Windy nimmt Rose einerseits vertraute Kindheitsrituale wieder auf, anderseits ist Rose den Spielen bereits entwachsen.

Von 2010 bis 2014 veröffentlichte Jillian Tamaki ihren Webcomic SuperMutant Magic Academy online. Im Jahr 2015 brachte Drawn and Quarterly SuperMutant Magic Academy als Printausgabe heraus, 2018 erschienen die Geschichten bei Reprodukt. Die Printveröffentlichung enthält nicht nur alle Episoden des Webcomics, sondern auch exklusive Comicstrips. In der titelgebenden Akademie sollen junge Mutanten ihre übernatürlichen und magischen Fähigkeiten beherrschen lernen, auf ihrem Stundenplan stehen unter anderem „Zaubern“ und „Besenreiten“. Doch trotz ihrer Superkräfte bleiben die Schüler von den alltäglichen Strapazen des Internatslebens nicht verschont. Bei SuperMutant Magic Academy handelt es sich laut Aussage von Tamaki zum Zeitpunkt der Veröffentlichung um ihre bisher persönlichste Arbeit. Zahlreiche Geschichten entstanden als unmittelbares Ergebnis der Lebensumstände und Alltagserlebnisse der Comic-Künstlerin. Ausgangspunkt für ihr Werk bildete Tamakis gerade fertig gestellter Beitrag zum ersten Heft von Strange Tales II. Durch diesen Kurzcomic wurde ihr bewusst, dass sie sich weniger für die konkreten Superkräfte, deren Einsatz und Auswirkungen interessierte, sondern mehr für den normalen „dämlichen Alltag“ ihrer Figuren mit besonderen Kräften. Auf diesem Gedanken aufbauend entstanden Kulisse und Figuren der SuperMutant Magic Academy als eine satirische Anspielung auf Reihen wie Harry Potter oder X-Men.

Boundless (auf Deutsch Grenzenlos) brachte Drawn and Quarterly 2017 heraus, noch im gleichen Jahr veröffentlichte Reprodukt die deutsche Übersetzung. Das Comicalbum sammelt neun Kurzgeschichten, die größtenteils exklusiv für den Band entstanden. Der älteste Beitrag stammt aus dem Jahr 2010. So sind zum Beispiel im Kapitel The ClaireFree-System die Gedanken einer jungen Frau vollkommen von ihren Hautproblemen dominiert. Ohne großen Erfolg probiert sie zahlreiche Pflegeprodukte aus, bis sie schließlich ClaireFree entdeckt. Sie beginnt nach einiger Zeit selber, die Produkte als Teil eines Schneeballsystems zu vertreiben. Das Ende der Geschichte bildet ein Verkaufsgespräch für die Serie von Hautpflegeprodukten, die Protagonistin stellt dabei ein suggestives Werbevideo vor.

Tamaki verfasste und illustrierte auch mehrere Kinderbücher. Bei Groundwood Books erschienen They Say Blue und Our Little Kitchen in den Jahren 2018 beziehungsweise 2020, My Best Friend nach Texten von Julie Fogliano brachte Atheneum Books for Young Readers ebenfalls 2020 heraus. They Say Blue ist Tamakis erstes Bilderbuch für Kinder, bei dem sie ebenfalls als Autorin in Erscheinung tritt. Sie betrachtet dieses Werk als eine besondere Anstrengung, nicht nur, weil sie erstmals die Texte für ein Kinderbuch selbst verfasste, sondern auch, weil Bücher mit jungen Kindern als Zielpublikum eine einzigartige Herausforderung darstellten. In They Say Blue folgt Tamaki einem jungen Mädchen und hält ihre Alltagsbeobachtungen fest, die sich vor allem um Farben drehen. Die Protagonistin zeigt sich etwa überrascht, dass das Wasser in ihren Händen gar nicht blau ist und fragt sich daraufhin, ob Blauwale wohl tatsächlich blau seien. In ihrem zweiten Kinderbuch Our Little Kitchen trifft sich ein buntes Figurenensemble auf einen lebhaften Abend in der Gemeindeküche, um wie immer einmal in der Woche für die Nachbarschaft zu kochen. Für die Zubereitung verwenden sie Zutaten aus dem gemeinsamen Garten, mit denen sie sehr bedacht haushalten. Einer Parade gleich bringen Erwachsene und Kinder das Essen ins Speisezimmer, wo weitere Gäste warten.

Künstlerischer Einfluss und Themen Bereits als Kind las Tamaki Comics, vor allem Archie Comics. Ihre Begeisterung reichte so weit, dass sie einige der Bilder nachzeichnete und sich an Wettbewerben von Archie Comics und Bettie & Veronica beteiligte, bei denen Leser eigene Entwürfe für die Kleidung der Comicfiguren einreichen konnten. Zwischenzeitlich verlor sie ihr Interesse an Comics und fand erst als Studentin durch Persepolis von Marjane Satrapi dazu zurück. Nach ihrem Studienabschluss entstand bei ihr der Wunsch, als Comic-Künstlerin tätig zu werden. Dementsprechend setzte sie sich ernsthafter mit dem Medium auseinander, unter den ersten Künstlern befand sich Tomer Hanuka mit seinem Werk Bipolar, für dessen Illustrationen sie sich interessierte. Als prägend nennt sie weiterhin Chester Brown, Julie Doucet, Will Eisner, Michel Rabagliati, Seth und Adrian Tomine. In dieser Zeit begeisterte sie sich insbesondere für die Publikationen von Drawn and Quarterly, auch deswegen sei es für sie unglaublich, eigene Werke bei dem Verlag veröffentlicht zu sehen. Als Einfluss auf ihre verwendete Farbpalette nennt Tamaki alte Manga, insbesondere für Ein Sommer am See. Als Vorbild für Grenzenlos erweist sich vor allem David Mazzucchelli. Neben Comic-Künstlern sieht sie sich aber auch von deutschen Malern und Grafikern wie George Grosz, Max Beckmann und Otto Dix beeinflusst.

Feminismus und Diversität spielen eine wichtige Rolle für Tamakis Werk und Figuren. Das begründet sie zum einen damit, dass ihre Figuren dadurch interessanter ausfielen, zum anderen weil sie Sichtbarkeit für einen wirkmächtigen Anknüpfungs- und Identifikationspunkt hält. Als Kind und Jugendliche sei sie nur eine von wenigen Menschen mit asiatischen Wurzeln in einer „sehr weißen“ Gegend von Kanada gewesen. Die Kurzgeschichten in Grenzenlos sind durch das Thema weiblicher Selbstfindung miteinander verbunden, repräsentiert durch neun individuelle Protagonistinnen. Tamaki behandelt darin zum einen fiktive und magische Stoffe, erzählt zum anderen aber auch von normalen Alltags- und Identitätsproblemen. In SuperMutant Magic Academy ist die zunächst heimliche Liebe von Marsha zur gleichgeschlechtlichen Wendy treibende Kraft für die Handlung. In ihrem Kinderbuch Our Little Kitchen versammelt sich ein vielfältiges Figurenensemble in der örtlichen Gemeindeküche.