mini|Wappen des Priesterkönigs Johannes aus dem Libro del conoscimiento de todos reynos (14. Jahrhundert) Der Priesterkönig Johannes (lateinischer Titel: Rex et sacerdos oder Indorum rex, auch Priester Johannes, Presbyter Johannes, englisch: Prester John) ist ein mythischer Regent des Mittelalters, der angeblich ein großes und mächtiges christliches Reich im östlichen Asien beherrscht haben soll.
Entstehung der Legende mini|Darstellung des Priesters Johannes in der Schedelschen Weltchronik (1493) Der syrische Bischof Hugo von Jabala überbrachte 1145 Papst Eugen III., der sich im Palazzo dei Papi in Viterbo aufhielt, die Kunde von der Rückeroberung der Stadt Edessa durch die Muslime und wollte ihn zu einem weiteren Kreuzzug gegen die „Sarazenen“ veranlassen. Er berichtete ihm auch von einem mächtigen, christlichen König namens Johannes. Dieser sei Herrscher eines großen Reiches östlich von Persien und Armenien und habe bereits die persische Stadt Echatane, das heutige Hamadan, in einer großen Schlacht von den Muslimen erobert. Er beabsichtige, nach Jerusalem weiterzuziehen, scheiterte jedoch, weil sein Heer den Tigris nicht überqueren konnte. Johannes sei ein Nachfahre der Weisen aus dem Morgenland.Encyclopædia Britannica: Prester John
Historisch kommt nur eine Schlacht jener Epoche infrage, bei der ein muslimisches Heer vernichtend geschlagen wurde. Am 9. September 1141 wurden die Seldschuken in der Schlacht von Qatwan von den Kara Kitai unter dem Gur-Khan Yelü Dashi besiegt. Den Ort der Schlacht, die Qatwan-Steppe nordwestlich der Stadt Samarqand im heutigen Usbekistan, kann man, die lückenhaften geografischen Kenntnisse jener Zeit zugrunde gelegt, durchaus im weitesten Sinne mit „Persien“ identifizieren.Helga Lippert, Claudia Moroni: ZDF Terra X – Große Mythen. Im Bann des Priesterkönigs – Die Suche nach den »drei Indien«. DTV, München 2008, ISBN 978-3-423-24647-7 Gur-khan oder Kor-khan ist der Titel der Karakitai-Herrscher, der sich möglicherweise im Hebräischen phonetisch zu Jochanan (Yoḥanan) wandelte und so zum lateinischen Johannes (Iohannis) führte.
In einer anderen Interpretation der Legende wird neben Yelü Dashi der Ende des 12. Jahrhunderts lebende Toghrul Khan (auch: Wang Khan oder Ong Khan), letzter Herrscher der mongolischen Keraiten, mit der Gestalt des Priesterkönigs in Verbindung gebracht.Igor de Rachewiltz: Papal Envoys to the Great Khans, Stanford University Press, Stanford CA 1971, S. 114, ISBN 978-0-8047-0770-1
Der Chronist und Bischof Otto von Freising befand sich im Gefolge des Papstes und erwähnte die Episode in Buch 7 seiner umfassenden, 1143 bis 1146 entstandenen Weltchronik Chronica sive Historia de duabus civitatibus (Geschichte der beiden ReicheGemeint sind der Gottesstaat (civitas dei) im Gegensatz zum irdischen Reich (civitas mundi)). Er hegte die Hoffnung, Johannes könne die Christenheit im Kampf gegen die „Mohammedaner“ unterstützen.
Ein angeblich von Johannes persönlich an den byzantinischen Kaiser Manuel I. Komnenos geschriebener Brief (Joannis presbiteri Epistola) tauchte 1165 auf. Es handelte sich, wie man heute weiß, um eine Fälschung, deren tatsächlicher Autor unbekannt ist. Der Brief erregte ein solches Aufsehen, dass sich Papst Alexander III. zu einer umfassenden Gegendarstellung genötigt sah. Die Reaktion des Papstes war ambivalent: Während er einerseits seinen Alleinvertretungsanspruch bedroht sah, erwartete er andererseits die aktive Unterstützung des legendären Königs im Kampf gegen die Muslime. In den folgenden Jahrhunderten, insbesondere nach Erfindung des Buchdruckes, wurde der Brief so oft kopiert, dass heute noch zahlreiche Exemplare erhalten sind.
Mythos Der Brief beschreibt das sagenhafte Land des Priesterkönigs und dessen vielfältige Wunder detailliert:
Johannes schreibt, dass ihm 72 Könige tributpflichtig seien. Sein Reich mit der Hauptstadt Bibrich (oder Bribrich) erstrecke sich vom jenseitigen IndienIn einigen mittelalterlichen Texten, in der frühchristlichen Literatur und der Spätantike wurde zwischen dem diesseitigen Indien, lateinisch: India citerior, und dem jenseitigen, weiter entfernten Indien, lateinisch: India ulterior, unterschieden. Durch die Vermischung von realer und imaginärer Geografie bezeichnen diese Begriffe, je nach Autor, unterschiedliche Regionen. Der unbekannte Verfasser des Johannes-Briefes könnte mit dem „jenseitigen Indien“ den indischen Subkontinent gemeint haben. durch die Wüste bis zum Aufgang der Sonne. Dort gebe es neben Elefanten, Kamelen und Dromedaren auch Vampire, gehörnte Menschen, Faune, Satyrn, Pygmäen, Hundsköpfige, Giganten, Zyklopen, Einäugige und den Vogel Phönix.
Durch das Reich fließe der Fluss Ydonus, der im Garten Eden entspringe. Die Flusskiesel seien Edelsteine. Am Fuß des Berges Olymp entspringe eine Quelle, die demjenigen Unsterblichkeit verleihe, der dreimal aus ihr getrunken habe. In einem Meer aus Sand finde man Steine, die Krankheiten heilen könnten. Dort gebe es auch einen wie eine Muschel geformten, ausgehöhlten Stein mit heilkräftigem Wasser, das von Lepra und jeder anderen Krankheit heile, wenn man darin bade. In der Wüste lebten Würmer im Feuer, die sich mit einem Häutchen von feinsten Seidenfäden umgäben, aus denen man Kleider und Tücher für den König fertige, die im Feuer gewaschen würden. Der Heerzug gegen die Feinde werde von dreizehn Wagen mit riesigen goldenen Kreuzen angeführt, denen jeweils 10.000 Reiter und 100.000 Fußsoldaten folgten.
Der Palast des Priesterkönigs Johannes wird als prächtig ausgestattet beschrieben. Die Türen seien mit dem Horn der Hornschlange (Cerastes) bedeckt, so dass angeblich niemand Gift in den Palast bringen könne. Die Wände und Fußböden bestünden aus Onyx, die Esstische aus Gold und Amethyst. Die Schlafkammer des Königs sei mit wunderbaren Goldarbeiten und Edelsteinen geschmückt, das Bett aus einem einzigen Saphir gefertigt. In der Nähe des Palastes stehe ein Turm mit einem gigantischen Spiegel, zu dem man über 125 Stufen hinaufsteigen müsse. In diesem Spiegel könne der König die Geschehnisse in allen Provinzen seines Reiches verfolgen und jegliche Verschwörung gegen den Thron erkennen.
Es gebe außerdem einen weiteren Palast, dessen Bauplan Gott dem Vater des Johannes in einer Vision gezeigt habe. Zu dem Bau habe man die wertvollsten Edelsteine und Gold als Mörtel verwendet. Wer dort eintrete, verliere jegliches Hungergefühl und sei, wenn er ihn wieder verlasse, wundersam gesättigt, gestärkt und von Krankheiten geheilt. In einer Ecke des Thronsaales entspringe eine Quelle. Wer von ihr koste, schmecke das, was er gerade zu essen oder zu trinken wünsche. Wer mehrmals von der Quelle trinke, werde dreihundert Jahre alt und sich dabei immer im besten Jugendalter befinden. Die Eingangspforte sei 130 Ellen hoch, aus funkelndem Kristall, umgeben mit reinstem Gold, und sie öffne und schließe sich ohne Berührung von selbst.
Der Brief endet mit einer Erklärung, dass Johannes sich den Titel „Presbyter“ aus Bescheidenheit gegeben habe, da seine Untergebenen alle von solch hohem kirchlichen und weltlichen Rang seien, dass kein noch so wohlklingender Titel seiner Macht und Größe gerecht werde.Zusammengefasst nach der deutschen Übersetzung des Otto von Diemeringen. In: Friedrich Zarncke: Der Priester Johannes. Abhandlungen der philologisch-historischen Classe der Königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, Bd. 8, Nr. 1, Hirzel, Leipzig 1876, S. 148–154
Die Beschreibung des Landes und der prächtig ausgestatteten Paläste des Priesterkönigs Johannes erinnert an die Schilderungen von Dschanna, wie sie dem Koran und den Hadithen zu entnehmen ist. Die islamischen Visionen vom Paradies waren im Westen aus Berichten von Reisenden sehr wohl bekannt und kulminierten 1264 in dem mittelalterlichen Buch Liber Scalae Machometi, der lateinischen Fassung der Kitab al-Miraj.Deutsche Übersetzung: Edeltraud Werner: Die Jenseitsreise Mohammeds: Liber Scale Machometi. Kitab al-mi'raj. Religionswissenschaftliche Texte und Studien, Georg Olms, Hildesheim 2007, ISBN 978-3-487-13424-6 Die Erzählungen dürften auch dem unbekannten Verfasser des Briefes geläufig gewesen sein, der zweifelsohne einem gelehrten, geistlichen Umfeld angehörte.Edward Brooke-Hitching: Der Atlas des Teufels – Eine Erkundung des Himmels, der Hölle und des Jenseits. Knesebeck, München 2002, ISBN 978-3-95728-610-9, S. 189
Rezeption Hinter dem Pseudonym Jean de Mandeville verbirgt sich ein unbekannter Autor, der zwischen 1357 und 1371 aus unterschiedlichen Quellen eine französischsprachige Erzählung über eine abenteuerliche Reise ins „Heilige Land“, den Nahen und Mittleren Osten und das geheimnisvolle Reich des Priesterkönigs Johannes zusammenfügte. In dem Werk tauchen die verschiedenen Narrative aus dem Johannes-Brief auf, so zum Beispiel die wasserlose Wüste, der Fluss mit Edelsteinen, der Heerzug mit den vorangetragenen, goldenen Kreuzen, die gehörnten Menschen und andere Fabelwesen. Den Palast des Priesterkönigs, ausgestattet mit den bereits im Johannes-Brief erwähnten kostbaren Gegenständen, verortet Mandeville in Susa.P. Hamelius: Mandeville’s travels. Translated from the French of Jean d’Outremeuse. Publiziert für: Early English text society, K. Paul, Trench, Trübner & Co., London 1919, Kapitel XXXI: Of the Ryall Estate of the Prestre John / of a riche man that made a mercureylous castell and clepted it Paradys / of his sotyltee. (übersetzt aus dem Mittelenglischen: Von den tatsächlich existierenden Ländereien des Priesters Johannes / eines reichen Mannes, der eine wundersame Burg errichten ließ und sie Paradies nannte / von seiner Klugheit.) Die Bedeutung des Mandeville-Textes liegt nicht in seinem Wahrheitsgehalt, sondern vielmehr in seinem weitreichenden Einfluss. Mandevilles „Reisen“ ist eines der populärsten Werke der europäischen Literatur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Einige der führenden Kartographen jener Zeit betrachteten es als Quelle verlässlicher Informationen. Der Text wurde in zehn Sprachen übersetzt, und es sind heute noch zahlreiche Ausgaben erhalten.
Zu den Autoren, die sich im Laufe der Zeit von der legendären Figur des Priesterkönigs Johannes inspirieren ließen, gehört der Florentiner Theologe und Dichter Giuliano Dati. In dem um 1493 erschienenen Gedicht La gran magnificentia del Prete Gianni o Primo cantare dell’India beschreibt er die Provinzen, Städte, Reichtümer, Gebräuche, Taten und Triumphe des „Prete Ianni“ von Indien anhand des Johannes-Briefes. Die bald darauf folgende Fortsetzung Secondo cantare dell’India befasst sich mit den seltsamen Fabelwesen, die angeblich im fernen „Indien“ beheimatet sind, so zum Beispiel: Einäugige (Monoculi), Hundsköpfige (Cynocephali), Schattenfüßler (Sciopedi) und kopflose Menschen (Blemmyae).
Suche in Asien Papst Alexander III. sah sich genötigt, direkt auf den Brief des Priesterkönigs zu antworten und entsandte im Jahr 1177 seinen Leibarzt Magister Philipp mit einer persönlichen Botschaft an „den überaus lieben Johannes, den berühmten und großartigen König der Indien“Gemeint sind die beiden Indien: India citerior und India ulterior (“the very dear John, illustrious and magnificent king of the indies”) in „das unbekannte Gebiet jenseits des Turms zu Babel“ (“the unknown territory beyond the Tower of Babel”).Zitate aus: Igor de Rachewiltz: Papal envoys to the great khans. Stanford University Press 1971, ISBN 978-0-8047-0770-1 Er ersuchte um Unterstützung für einen weiteren Kreuzzug gegen die Muslime, doch Philipps Reise endete ohne Ergebnis, er blieb verschollen.Johannes Fried: In den Netzen der Wissensgesellschaft. Das Beispiel des mittelalterlichen Königs- und Fürstenhofes. In: Johannes Fried und Thomas Kailer (Hrsg.): Wissenskulturen: Beiträge zu einem forschungsstrategischen Konzept. De Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-05-003777-6, S. 167