mini|Selbstporträt als Märtyrerin (um 1615) rahmenlos|klasse=skin-invert-image|Autographer Namenszug (1635) Artemisia Gentileschi (eigentlich: Artemisia LomiLomi war der eigentliche Name ihres Vaters, Gentileschi im Grunde ein Künstlername, den er aber aus seiner mütterlichen Familie übernommen hatte. Luca Bortolotti: Lomi (Gentileschi), Orazio. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Volume 65 (2005), online (italienisch); Abruf am 8. November 2021.Luca Bortolotti: Lomi (Gentileschi), Artemisia. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Volume 65 (2005), online (italienisch); Abruf am 6. November 2021.Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 8–9.; * 8. Juli 1593 in Rom; † nach 31. Januar 1654 in Neapel) war eine italienische Malerin des Barock. Sie gilt als bedeutendste Malerin ihrer Epoche.
Leben Artemisia war die Tochter und das erste Kind des damals in Rom lebenden Malers Orazio Gentileschi und der Prudenzia Montone; sie hatte fünf Brüder, von denen zwei im Kindesalter starben.Luca Bortolotti: Lomi (Gentileschi), Orazio. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Volume 65 (2005), online (italienisch); Abruf am 8. November 2021.Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 7. Durch den Tod ihrer Mutter wurde sie 1605 zur Halbwaise. Artemisia stand oft Modell für ihren Vater, der auch frühzeitig ihr Talent erkannte und sie in der Malerei unterrichtete. Bereits ab etwa 1609, also mit 15 oder 16 Jahren, soll sie auf professionellem Niveau gemalt haben. Davon zeugt das 1610 datierte und signierte Bild Susanna und die Alten in Schloss Pommersfelden, dessen alleinige Autorenschaft Artemisias allerdings wegen der malerischen Feinheit und Reife in der Vergangenheit von vielen Autoren angezweifelt wurde.
Etwa zur selben Zeit arbeitete ihr Vater mit Agostino Tassi zusammen, der häufig zu Gast im Hause Gentileschi war, und offenbar auch Artemisia in der Kunst der Perspektive unterrichtete. In der Folge kam es zu tragischen Ereignissen, die das Leben der jungen Frau und ihren Ruf in der Nachwelt für immer prägten: Im März 1611 vergewaltigte Tassi Artemisia.Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 8.Violence and Virtue: Artemisia Gentileschi’s “Judith Slaying Holofernes”. artic.edu; abgerufen am 3. Oktober 2020. Dies war nicht nur ein persönliches Trauma, sondern kam einer gesellschaftlichen Katastrophe gleich, denn Jungfräulichkeit und Reinheit waren in der damaligen Zeit das höchste Gut eines jungen Mädchens, und auch ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt und die Ehre ihrer ganzen Familie hingen davon ab. Tassi erpresste daher Artemisias Schweigen mit einem Heiratsversprechen, das er gar nicht einlösen konnte, da er verheiratet war. Daraufhin strengte Orazio im Mai 1612Volker Barth: Artemisia Gentileschi. In: P. M. History, Januar 2005, S. 81. einen Prozess gegen Tassi an, in dessen Verlauf Artemisia zur Überprüfung ihrer Aussage mit Daumenschrauben gefoltert und zudem einer entwürdigenden gynäkologischen Untersuchung unterzogen wurde. Letztlich wurde Tassi am 27. November 1612 verurteilt, durfte aber wählen zwischen fünf Jahren als Sträfling auf einer Galeere oder Verbannung aus Rom. Tassi zog Letzteres vor. Eine im Jahr 2023 publizierte neue Biografie von Susanne Partsch stellt die „Interpretation des Werks der Malerin als Aufarbeitung eines Vergewaltigungstraumas“ in Frage.Carmela Thiele: Die Pin-Up-Girls des 17. Jahrhunderts. In: taz, 8. Januar 2024, S. 16 (online). Rezension zu Susanna Partsch: Artemisia Gentileschi. Molden Verlag, Graz 2023.
Um möglicher böswilliger Nachrede in Rom zu entgehen, heiratete Artemisia Gentileschi bereits am 29. November 1612 den Florentiner Maler Pietro Antonio Stiattesi, einen Bruder des Notars, der den Gentileschis im Prozess beistand, und zog mit ihm Anfang des Jahres 1613 nach Florenz. Das Paar hatte vier gemeinsame Kinder: den noch im selben Jahr am 20. September geborenen Giovanni Battista, Cristofano (* 8. November 1615) und Prudenzia (auch Palmira genannt; * 1. August 1617) sowie die früh verstorbene Lisabella (13. Oktober 1618 – 9. Juni 1619).
Darüber hinaus nahm Artemisia nun quasi als Künstlernamen den Nachnamen ihres Onkels Aurelio Lomi – und eigentlichen Namen ihres Vaters – an und nannte sich „Artemisia Lomi“. In den Jahren um 1620 führte sie eine außereheliche Beziehung zu ihrem Mäzen, dem Florentiner Bankier Francesco Maria Maringhi, offenbar mit dem Wissen ihres Ehemanns.
mini|links|hochkant|Judith und ihre Magd (ca. 1613–14); 114, 0 x 93,5 cm, Öl auf Leinwand; Palazzo Pitti, Florenz Auf künstlerischer Ebene wurde ihr in Florenz schon bald die Anerkennung der Kenner und Kollegen zuteil. Dabei konnte sie nun unabhängig von ihrem Vater ihren eigenen persönlichen Stil entwickeln. Eines der ersten Beispiele dafür ist das 1612–13 entstandene berühmte Gemälde Judith enthauptet Holofernes (Museo di Capodimonte, Neapel),Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 18. das oft als persönliche Auseinandersetzung oder Abrechnung der Künstlerin mit ihrem traumatischen „Schlüsselerlebnis“ gedeutet wurde. Von dem Bild malte sie um 1620 eine nur wenig, vor allem im Kolorit, veränderte zweite Fassung, die sich in den Uffizien befindet und die früher für das „Original“ gehalten wurde. Dieses Motiv hatten vor ihr unter anderem auch Tintoretto, Caravaggio und Adam Elsheimer gemalt, und es war im Frühbarock ohnehin sehr beliebt. Ihre Version interpretiert Judith als kaltblütige Mörderin und fällt durch die schockierend naturalistische Darstellung auf. Gentileschi setzte sich mit der biblischen Geschichte mehrfach auseinander: Um 1613–14 entstand auch die im Vergleich etwas harmlosere und malerisch elegante Judith und ihre Magd (mit dem Haupt des Holofernes) (Palazzo Pitti; siehe Abb.), die in der Komposition eindeutig auf ein Bild ihres Vaters zurückgeht.
1615 erhielt sie ihren ersten größeren Auftrag von Michelangelo Buonarroti dem Jüngeren, einem Großneffen von Michelangelo: die sogenannte Allegorie der Neigung („allegoria dell’inclinazione“) in der Casa Buonarroti. Artemisia wurde 1616 die Ehre zuteil, als erste Frau an der florentinischen aufgenommen zu werden. Sie pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Malern, Dichtern und anderen illustren Persönlichkeiten, wie Cristofano Allori und Galileo Galilei, wurde sehr bekannt und fertigte etliche Werke für die Medici an, wobei sie besonders vom Großherzog der Toskana, Cosimo II., gefördert wurde. Zu den signierten Werken Artemisias aus ihrer Florentiner Zeit gehören eine Magdalena im Palazzo Pitti (Galleria Palatina) und das 1620 datierte Bild Jaël und Sisara in Budapest (Szépművészeti Múzeum).
mini|Judith und ihre Magd mit dem Haupt des Holofernes (1625); 183,9 x 141,6 cm, Öl auf Leinwand; Detroit Institute of Arts 1621 kehrte sie als anerkannte Künstlerin nach Rom zurück, gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter; die Ehe zerbrach aber bald. In Rom zählten zu ihren Mäzenen unter anderem Kardinal Francesco Barberini, der Neffe von Papst Urban VIII., und der Cassiano dal Pozzo. Sie kam nun in Berührung mit dem gemäßigten und eleganten Tenebrismus von Simon Vouet und anderen nordischen Meistern wie Gerrit van Honthorst oder Hendrick ter Brugghen. Dies spiegelt sich besonders in dem meisterhaften Gemälde Judith und ihre Magd mit dem Haupt des Holofernes (1625; Institute of Arts, Detroit) mit seinem raffinierten Spiel von Licht und Schatten (siehe Abb.).Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 33.
Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt in den 1620er Jahren war Artemisia vermutlich in Genua – wahrscheinlich zeitgleich mit ihrem Vater Orazio, irgendwann zwischen 1621 und 1624 – und ganz sicher in Venedig.Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 27–29.Bortolotti spricht nur von Venedig und nimmt einen dortigen Aufenthalt um 1627–28 an. Luca Bortolotti: Lomi (Gentileschi), Artemisia. In: Dizionario Biografico degli Italiani. Volume 65 (2005), online (italienisch); Abruf am 6. November 2021. Es ist bekannt, dass sie in Venedig über Vermittlung des spanischen Grafen di Oñate, Iñigo-Vélez de Guevara, ein Bild Herkules und Omphale für König Philipp IV. malte, das heute verloren ist.
Im Auftrag ihres bereits erwähnten Mäzens Cassiano del Pozzo, der „kuriose“ Porträts sammelte, malte Artemisia das berühmte Selbstporträt als Allegorie der Malerei (1630), das sich heute in Kensington Palace befindet;Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 35. manche Autoren äußern allerdings die Vermutung, dass dieses Bild erst während ihrer Zeit in England entstanden sei, also um 1638.
Ab 1630 war Artemisia dann in Neapel, das damals eine der wichtigsten Städte Europas und dreimal so groß wie Rom war und außerdem ein blühendes Kunstleben und eine eigene Malerschule besaß. Ganz ungewöhnlich für Artemisias bisheriges Schaffen ist die Verkündigung Mariä, die sie noch im selben Jahr vollendete und die möglicherweise für die Kirche San Giorgio dei Genovesi bestimmt war (heute im Museo di Capodimonte).Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 38 In dieser Komposition folgte sie bereits dem in Neapel modernen, besonders eleganten Tenebrismus; anders als in ihren früheren Bildern, wo sie sich meistens in den weiblichen Hauptfiguren selbst porträtierte, verlieh die mittlerweile 37-Jährige diesmal dem Engel ihre Gesichtszüge, während die Madonna ein junges Mädchen von südeuropäischer Schönheit ist. In Neapel versuchte sie Kontakt zu ihren bisherigen Kunden zu halten und bekam auch Aufträge von ausländischen Herrschern, insbesondere wieder von Philipp IV. von Spanien, für den sie um 1633 eine Geburt Johannes des Täufers malte, die zu einem größeren Zyklus für den Buen Retiro-Palast gehörte; die anderen Bilder wurden von Massimo Stanzione und Paolo Finoglia beigesteuert. mini|Anbetung der Könige (ca. 1636); 311 x 206 cm, Öl auf Leinwand; Kathedrale von Pozzuoli Besonders außergewöhnlich – für eine weibliche Künstlerin – war der Auftrag für drei Altarbilder, die sie um 1635 bis 1637 für die Kathedrale von Pozzuoli malte, mit einer Darstellung der Hl. Procolo und Nicea, dem Martyrium des hl. Gennaro und einer Anbetung der Könige (heute im Capodimonte bzw. im Museum der Certosa di San Martino).Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi, Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 39, 40 und 41. Zu den signierten Werken dieser Phase gehören außerdem die 1632 datierte Klio (Muse der Geschichte) sowie das typisch neapolitanisch wirkende Gemälde Corisca und der Satyr (beide in Privatsammlungen).
Trotz ihrer neapolitanischen Erfolge und der großen Anerkennung, die ihr von ihren lokalen Malerkollegen entgegengebracht wurde, gefiel es ihr in Neapel nur „mäßig“, und sie versuchte über ihre brieflichen Kontakte, irgendwie von dort wegzukommen. Dies schien nicht zu gelingen, doch erhielt sie 1635 eine Einladung nach London an den Hof König Karls I., an dem ihr Vater inzwischen als Hofmaler tätig war. Sie folgte dieser Einladung aber erst 1637 oder 1638 und unterstützte wahrscheinlich den schon kranken Orazio bei der Gestaltung des Deckengemäldes im in Greenwich mit einer Allegorie des Friedens und der Künste unter der englischen Krone.Tiziana Agnati: Artemisia Gentileschi. Art Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz, 2001, S. 41. Im Februar 1639 starb ihr Vater in London.