Das Pjatakov-Abkommen war ein 1931 geschlossener Wirtschaftsvertrag zwischen Georgi Leonidowitsch Pjatakow als Vertreter der Sowjetregierung und deutschen Industriellen über den Kauf von Maschinen und Ausrüstungen zur Industrialisierung der Sowjetunion.

Das Abkommen Der Vorsitzende des „Rußlandausschußes der Deutschen Wirtschaft“ Hans Kraemer äußerte im Jahre 1928, dass er auf Grund seiner genauen Kenntnis sagen könne, dass in der deutschen Wirtschaft kein Interesse mehr am Handel mit Russland bestehe.Hans-Jürgen Perrey: Der Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft. Die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen der Zwischenkriegszeit. München 1985, S. 73.

Die Initiative zum Abkommen ging von der Sowjetunion aus, die Anfang 1931 auf Anregung und Leitung des Volkskommissars für die Schwerindustrie Grigori Konstantinowitsch Ordschonikidse führende Vertreter der deutschen Industrie einlud. Vom 26. Februar bis 9. März 1931 reiste daraufhin eine 17-köpfige Industriedelegation nach Moskau. Darunter waren Peter Klöckner als Delegationsleiter, Wolfgang Reuter, Conrad von Borsig, Karl Köttgen, Ernst Poensgen, Arthur Klotzbach und Walter Borbet.

Der Reichsverband der Deutschen Industrie und der „Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft“ waren gegen die Reise.Perrey: Der Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft. S. 150 f.

Die Verhandlungen fanden am 10. bis zum 14. April 1931 in Berlin statt. Am 14. April wurde es unterzeichnet. Von deutscher Seite unterzeichneten Kraemer, Karl Köttgen und Wolfgang Reuter

Die UdSSR sagte zu, zwischen 15. April und 31. August 1931 zusätzliche Bestellungen im Wert von 300 Millionen Reichsmark bei deutschen Elektro-, Maschinen- und Metallfirmen zu tätigen. Die Firmen konnte sie sich frei aussuchen. Man einigte sich auf eine Anzahlung von 20 % und eine Kreditfrist von 28,8 Monaten.

Das Jahr 1931 wurde zu einem Rekordjahr für den deutsch-sowjetischen Handel, die Bestellungen stiegen gegenüber dem Vorjahr um 62,3 % und erreichten die Höhe von 919,3 Millionen Mark.

Während der Regierung Papen im Jahr 1932, gingen die sowjetischen Aufträge, u. a. wegen ihrer scharfen antisowjetischen Töne, zurück.Harold James: Reactions to the Depression and the Banking Crisis in Interwar Germany. In: Harm G. Schröter, Clemens A. Wurm (Hrsg.): Politik, Wirtschaft und internationale Beziehungen. Studien zu ihrem Verhältnis in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Mainz 1991. S. 73.

+ Anteil des sowjetischen Imports an der deutschen Produktion des Jahres 1932Rolf-Dieter Müller: Das Tor zur Weltmacht. Boppard am Rhein 1984, S. 230.Dampf- und Gasturbinen, Dampfpressen versch. Art90 %Kräne und Lokomobile 80 %Metallbearbeitungsmaschinen70 %Träger, Bagger, Dynamomaschinen usw.60 %Formeisen, Nickel, Metallgebläse, Ventilatoren usw.50 %

Die amerikanischen Werkzeugmaschinen-Exporte in die Sowjetunion machten 1931 bis 1934 29,7 Millionen Dollar aus, die britischen zwischen 1930 und 1935 27,1 Millionen Dollar, die deutschen dagegen im selben Zeitraum 141,5 Millionen Dollar.Bogdan Musial: Stalins Beutezug. Berlin 2010, S. 47.

Der deutsche Botschafter in Moskau Herbert von Dirksen, der maßgeblich am Zustandekommen des Abkommens beteiligt war, schrieb am 25. Februar 1931 an Bernhard Wilhelm von Bülow, das Russland auf absehbare Zeit der sein wird, diesen müsse man durch , sichern.Christoph Mick: Sowjetische Propaganda, Fünfjahrplan und deutsche Russlandpolitik 1928–1932. Stuttgart 1995, S. 426. In seinen Memoiren schrieb Dirksen, dass er damals glaubte, dass die Sowjetunion hinsichtlich der Ersatzteile von Deutschland abhängig sein werde und es nicht schaffen würde, selbst modernere Maschinen zu bauen, und diese dann immer wieder in Deutschland kaufen werde. Außerdem würde die Sowjetunion in politische Berührung mit der Außenwelt kommen. Die deutschen Ingenieure in der Sowjetunion stellten laut ihm eine ausgezeichnete Informationsquelle dar, so dass kein Land vorher und nachher ein so eingehendes Informationsmaterial verfügte wie Deutschland in diesen Jahren.Herbert von Dirksen: Moskau Tokio Berlin. Stuttgart o. J., S. 104 ff.

Ausfallbürgschaften Ludwig Kastl hielt das politische System der UdSSR für instabil. 1927 erfuhr er von britischen Kabinetts- und Regierungsmitgliedern, dass im ganzen Kabinett die Absicht vorherrsche die . Nicht zuletzt durch solche Einschätzungen hielt man Geschäfte nur mit fast hundertprozentiger staatlicher Garantie für vorstellbar.Perrey: Der Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft. S. 70 f. Kraemer schrieb 1932, dass die deutsche Industrie anscheinend veranlasste, Engagements einzugehen, die mit einem mehr oder minder großen Risiko verbunden sind. Jedoch gab es in dieser Zeit kaum einen deutschen Unternehmer, der ein Geschäft mit der UdSSR ohne siebzigprozentige Ausfallbürgschaft der öffentlichen Hand abschloss.Perrey: Der Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft. S. 177.

Öffentliche Reaktion Während industrienahe Zeitungen das „Russen-Geschäft“ lobten, wurde es von der katholischen, sozialdemokratischen, nationalsozialistischen und der Hugenberg-Presse heftig kritisiert. Der Vorwärts war empört über die Propagandahilfe für die KPD. Die katholischen Zeitungen fanden Geschäfte mit der Sowjetunion wegen der Religionsverfolgungen unmoralisch, die rechte Presse beklagte die Erhöhung der Gefahr eines sowjetischen Überfalls auf Europa durch Stärkung des sowjetischen Rüstungspotenzials.Mick: Sowjetische Propaganda. S. 425.

Beurteilung Für Thomas Weingartner verfolgte die sowjetische Führung mit dem Abkommen das Ziel, Deutschland wirtschafts- und kreditpolitisch langfristig an die Sowjetunion zu binden.Thomas Weingartner: Stalin und der Aufstieg Hitlers. Berlin 1970, S. 38. Rolf-Dieter Müller urteilt, dass diese sowjetischen Aufträge die deutsche Rüstungsindustrie vor dem Bankrott retteten und der Reichsbank eine Valutareserve verschafften, und damit Hitlers Aufrüstungspolitik überhaupt erst möglich machten.Müller: Tor zur Weltmacht. S. 231. Der marxistische Historiker Günter Rosenfeld schreibt, dass die für Friedliche Koexistenz wirkenden Faktoren im Jahre 1931 stärker waren als die , außerdem habe die Verschärfung der Widersprüche im imperialistischen Lager durch die Weltwirtschaftskrise die Bildung einer Antisowjetfront verhindert.Rosenfeld: Sowjetunion und Deutschland. S. 408. Hinter dem Motiv stand auch das Konzept der „Entbolschewisierung“ Russlands durch wirtschaftliche und kulturelle Durchdringung. Gustav Stresemann äußerte dazu in einem Gespräch mit Austen Chamberlain und Aristide Briand am 14. Juni 1927, dass er für halte, man müsse vielmehr Russlands Wirtschaft verknüpfen, dass der Weg für eine Evolution in Russland geebnet werde.Rosenfeld: Sowjetunion und Deutschland. S. 283. Die Evolution des bolschewistischen Systems wurde von der deutschen Wirtschaft als unausweichlicher Prozess betrachtet, da alle Vertreter der Wirtschaft die Auffassung teilten, dass das bolschewistische Experiment in kurzer Zeit zum Scheitern verurteilt sei. In diese Evolution wollte man sich einschalten und sie im deutschen Sinne beeinflussen. Doch das stalinistische System verschloss sich weitgehend gegen die wirtschaftlichen Infiltrationsversuche.Rolf-Dieter Müller: Das Rußlandbild der Wirtschaftseliten im »Dritten Reich«: Problemskizze und Hypothesen. In: Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Das Russlandbild im Dritten Reich. Köln 1994, S. 369.

Literatur Günter Rosenfeld: Sowjetunion und Deutschland. 1922–1933. Berlin 1984, S. 380–420.

Einzelnachweise

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