mini|Chadīdscha, Darstellung des 16. Jahrhunderts im Promptuarium Iconum Insigniorum, 16. Jahrhundert Chadīdscha bint Chuwailid (; geboren um 555; gestorben um 619) war die erste Ehefrau des islamischen Propheten Mohammed und die einzige, mit der er in Einehe lebte. Sie war die Mutter seiner Töchter Zainab und Fātima sowie mindestens dreier weiterer Kinder.

Leben Chadīdscha war Tochter von Chuwailid aus dem quraischitischen Clan der Asad. Vor der Ehe mit Mohammed war sie schon zweimal verheiratet gewesen, das erste Mal mit Abū Hāla at-Tamīmī, einem Klienten des mekkanischen Clans der ʿAbd ad-Dār, und das zweite Mal mit ʿUtaiyik (oder ʿAtīk) ibn ʿĀ'idh aus dem mekkanischen Clan der Banū Machzūm. Die Reihenfolge dieser Eheschließungen sowie der ism-Name und die Abstammung von Abū Hāla sind umstritten. Die meisten Überlieferungen besagen, dass sie Abū Hāla zwei Söhne mit den eigentlich weiblichen Namen Hind und Hāla gebar, und ʿUtaiyik eine Tochter mit dem Namen Hind. Von Abū Hāla wurde sie möglicherweise verstoßen, aber ʿUtaiyik hinterließ sie als Witwe. ʿUtaiyiks Neffe as-Sā'ib ibn Abī s-Sā'ib wurde später Mohammeds Handelspartner.Watt: Khadīdja. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Bd. IV, S. 898b.

Bevor Chadīdscha Mohammed heiratete, verfügte sie über eigenen Grundbesitz und konnte sich im Handel betätigen, was ihr wahrscheinlich durch das Fortbestehen matrilinearer Verwandtschaftsverhältnisse ermöglicht wurde. Im Jahre 605 oder früher beauftragte sie Mohammed, für sie eine Handelsreise nach Bosra in Syrien zu unternehmen. Nachdem er diese Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit erfüllt hatte, bot sie ihm die Ehe an. Bei der Eheschließung soll Chadīdscha durch ihren Onkel ʿAmr ibn Asad vertreten worden sein, während Hamza ibn ʿAbd al-Muttalib Mohammed vertrat. Das Paar lebte dann eine Zeit in einer Wohnung (bait) in dem Haus (dār) ihres Neffen Hakīm ibn Hizām ibn Chuwailid in Mekka. Hakīm war es auch, der ihr den Sklaven Zaid ibn Hāritha besorgte.

mini|hochkant|Der Engel Gabriel erscheint im Haus des Propheten Mohammed, während Chadīdscha anwesend ist. Türkische Buchmalerei aus dem Siyer-i Nebi, ca. 1594 Die islamische Überlieferung stellt Chadīdscha als eine treusorgende Ehefrau dar und attestiert ihr große Anteilnahme an den religiösen Erlebnissen ihres Mannes. Ibn Hischām berichtet, dass sie sich bei seinem ersten Offenbarungserlebnis am Berg Hirā' große Sorgen machte und Boten nach ihm ausschickte, da er ungewöhnlich lange wegblieb. Nach dem Erlebnis habe er sich unverzüglich zu ihr begeben, sich eng an ihre Seite gesetzt und ihr von der beängstigenden Begegnung mit dem Engel erzählt, woraufhin sie ihm Zuspruch leistete und ihn aufrichtete. Sofort danach sei sie zu ihrem Cousin Waraqa ibn Naufal, einem mit den „heiligen Schriften“ vertrauten Christen, geeilt, der ihr bestätigte, dass Mohammed der erwartete Prophet seines Volkes sei.Decker: Frauen als Trägerinnen religiösen Wissens. 2013, S. 107f.

Um herauszufinden, ob Mohammed bei seinen Offenbarungen von einem Engel oder einem gefährlichen Dämon (šaiṭān) aufgesucht wird, soll Chadīdscha einen Test angewandt haben: Als ihm der Engel erschien, forderte sie ihn auf, sich nacheinander auf ihren linken Schenkel, auf ihren rechten Schenkel und in ihren Schoß zu setzen, wobei sie beim letzten Mal zusätzlich ihren Schleier zurückschlug. Bei jedem Mal fragte sie Mohammed, ob er den Engel noch sehe. Während er bei den ersten beiden Malen den Engel noch sah, verschwand dieser, als Mohammed in ihrem Schoß saß und sie den Schleier (ḫimār) zurückgeschlagen hatte. Da wusste sie, dass es sich um einen Engel und keinen Dämon handelte. Zugrunde liegt die Vorstellung, dass ein Engel in der Anwesenheit einer tugendhaften, verschleierten Frau verweilen darf, sich bei anzüglichem Verhalten und Entblößung ihres Körpers aber entfernt, während den Dämon dieses Verhalten nicht gestört hätte.Decker: Frauen als Trägerinnen religiösen Wissens. 2013, S. 114f.

Nach der islamischen Überlieferung war Chadīdscha die erste Person, die an Mohammeds religiöse Botschaft glaubte.Decker: Frauen als Trägerinnen religiösen Wissens. 2013, S. 113f. Bei all seinen Auseinandersetzungen mit Gegnern soll sie ihn loyal unterstützt haben. Ibn Hischām beschreibt dies wie folgt:

Erst nach Chadīdschas Tod im Jahre 619 ging Mohammed weitere Ehen ein. Chadīdscha blieb aber die einzige Ehefrau Mohammeds, die ihm mehrere Kinder schenkte. Wie die anderen Ehefrauen gilt sie als eine der „Mütter der Gläubigen“.

Die Kinder Chadīdschas mit Mohammed Chadīdscha hatte mit Mohammed mindestens fünf Kinder, nämlich vier Töchter – Fātima, Ruqaiya, Umm Kulthūm und Zainab – und einen Sohn namens al-Qāsim, der schon im Kindesalter starb. Von ihm hatte Mohammed auch seine Kunya Abū l-Qāsim. Neben al-Qāsim erwähnt die Überlieferung noch einen Sohn namens ʿAbdallāh, der jedoch möglicherweise mit al-Qāsim identisch war. Die in der Überlieferung ebenfalls erscheinenden Namen at-Tāhir und at-Taiyib waren Beinamen, die für den einen oder die beiden Söhne verwendet wurden.

Das Haus von Chadīdscha mini|Die Ausgrabungen am Haus von Chadīdscha im Dezember 1989. Das Haus von Chadīdscha, das sich einige hundert Meter nordwestlich der Kaaba befand, wurde später von dem umaiyadischen Kalifen Muʿāwiya b. Abī Sufyān gekauft und in eine Moschee umgewandelt.Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 42. Informationen zu Lage, Aufbau und Geschichte dieses Gebäudes finden sich in den mekkanischen Lokalchroniken von al-Azraqī (gest. 839), al-Fākihī (9. Jahrhundert) und al-Fāsī (gest. 1429).Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 41–48. Auch verschiedene muslimische und europäische Reisende, die das Haus in der frühen Neuzeit besichtigten, liefern in ihren Reiseberichten Beschreibungen des Hauses,Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 87–111. das aufgrund seiner großen Bedeutung in der frühislamischen Geschichte von den muslimischen Gläubigen besonders verehrt wurde.

Nach der Eroberung Mekkas durch die Wahhabiten wurde das Gebäude 1925 zerstört. 1951 erhielt Scheich ʿAbbās Yūsuf Qattān von König Abd al-Aziz ibn Saud die Erlaubnis, an der Stelle ein dreistöckiges Gebäude mit einer Koranschule zu errichten.Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 74f. Als 1989 der äußere Hof der Heiligen Moschee erweitert wurde, wurden die Gebäude in dem Viertel nordwestlich der Moschee abgerissen, darunter auch die Koranschule von Qattān. In der Zeit vom 29. November bis zum 26. Dezember 1989 hatte ein Grabungsteam unter Leitung von Ahmed Zaki Yamani Gelegenheit, das Gelände zu sichten.Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 115. Die Grabung ist in einem Band der Al-Furqan Islamic Heritage Foundation dokumentiert. Der Band enthält nicht nur zahlreiche photographische Aufnahmen von der Grabungsstätte, sondern auch Grundrisszeichnungen und Rekonstruktionsmodelle des Hauses. Nach dem Ende der Grabungen wurde das Grundstück mit feinem Sand wieder zugeschüttet.Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 156f. Es ist heute vollständig durch Bodenplatten im Umfeld der Heiligen Moschee bedeckt.Yamani: The house of Khadeejah Bint Khuwaylid. 2014, S. 44f.

Rezeption Chadīdscha-Erzählungen in der osmanisch-türkischen Literatur In der osmanisch-türkischen Literatur ist Chadīdschas Eheschließung Mohammeds Gegenstand zahlreicher Werke in Versform, Prosa und Prosimetrum. Diese Werke, die mit dem Ziel verfasst wurden, die Fürsprache des Propheten Mohammed zu erbitten oder Segen zu erlangen, sind teils eigenständige Texte, teils Abschnitte eines größeren Werkes oder Gedichts.Topbaş/Selçuk: “Klasik Türk Edebiyatındaki Hazret-i Hatice Kıssaları Üzerine”. 2025, S. 314. Schon 1976 machte Abdülkadır Karahan auf eine „Geschichte von Chadīdschas Heirat mit Mohammed – Friede sei über ihm“ (Hikāyet Hatice tezvic Muhammad alaihis-salām) aufmerksam, die ihm in Handschriftenform vorlag.Karahan: “Un nouveau mathnawī de la littérature turque ottomane: Le Mevlid Haticetül-Kubrā, ou la description du mariage de Khadija avec le Prophète”. 1976, S. 230. Dieses Werk hat die Gestalt eines Volksromans in Masnawī-FormKarahan: “Un nouveau mathnawī de la littérature turque ottomane: Le Mevlid Haticetül-Kubrā, ou la description du mariage de Khadija avec le Prophète”. 1976, S. 231–232. und wird in einigen Handschriften auch unter dem Titel „Die vornehme Geburt der großen Chadīdscha“ (Mevlūd şerif Haticatül-Kubrā) geführt.Karahan: “Un nouveau mathnawī de la littérature turque ottomane: Le Mevlid Haticetül-Kubrā, ou la description du mariage de Khadija avec le Prophète”. 1976, S. 231, 235. Nach Auffassung Karahans wurde das Werk im 14. oder spätestens zu Anfang des 15. Jahrhunderts abgefasst.Karahan: “Un nouveau mathnawī de la littérature turque ottomane: Le Mevlid Haticetül-Kubrā, ou la description du mariage de Khadija avec le Prophète”. 1976, S. 235.

Das Werk erzählt, wie zur Zeit, als Mohammed zu einem jungen Mann geworden ist, seine väterliche Tante ʿĀtika Mittel sucht, um für Mohammed eine Ehefrau zu finden. Da ihr Bruder Abū Tālib ibn ʿAbd al-Muttalib nicht über ausreichend Mittel verfügt, sucht sie die reiche Witwe Chadīdscha auf, mit der Bitte, Mohammed eine Anstellung in ihrem Karawanenhandel zu geben, damit dieser dort ausreichend Geld verdienen kann, um zu heiraten. Chadīdscha nimmt ʿĀtikas Vorschlag begeistert an, zumal sie in einem Traum gesehen hat, wie der Mond in ihren Busen fiel, was als Hinweis darauf gedeutet wird, dass sie den letzten der Propheten ehelichen würde. Als die Karawane nach Syrien aufbricht, gibt Chadīdscha ihrem Sklaven Maisara, der die Karawane anführt, die Anweisung, besonders auf Mohammeds Wohlbefinden und Komfort zu achten. Zum Zeitpunkt der Rückkehr, als die Karawane noch drei Tage von Mekka entfernt ist, schickt Maisara Mohammed mit einem Brief an Chadīdscha nach Mekka, in dem er die sichere Rückkehr der Karawane verkündet. Chadīdscha empfängt Mohammed mit großem Respekt und gibt eine schriftliche Antwort, und Mohammed kehrt noch am selben Abend zur Karawane zurück.Karahan: “Un nouveau mathnawī de la littérature turque ottomane: Le Mevlid Haticetül-Kubrā, ou la description du mariage de Khadija avec le Prophète”. 1976, S. 233.