mini|Alfred Wellm (1987) Pause für Wanzka oder die Reise nach Descansar ist der Titel eines 1968Alfred Wellm: „Pause für Wanzka oder Die Reise nach Descansar“. Berlin und Weimar 1968. publizierten Romans des Schriftstellers Alfred Wellm. Erzählt wird die Geschichte eines Lehrers, der Anfang der 1960er Jahre in der DDR die individuelle Förderung der Kinder propagiert und damit in Konflikt gerät zur Ideologie der Volksbildung zum Kollektiv.

Überblick Nach seiner Pensionierung will Gustav Wanzka endlich seine immer wieder aufgeschobene Reise zum Fischerdorf Descansar (spanisch: Ruhe) am nördlichen Meer antreten. Stattdessen schreibt er seine Erinnerungen an seine vierjährige Tätigkeit als Lehrer einer kleinen Stadtschule im Gebiet der Mecklenburgischen Seenplatte auf. Eingeschaltet in seine Memoiren sind Rückblicke auf seine Kindheit beim Großvater, seine erste Lehrerzeit in der Weimarer Republik und auf seinen Entschluss, sein Amt als Schulrat aufzugeben und sein Bildungsideal an einer Schule umzusetzen. Im Zentrum seines Interesses steht die Förderung des mathematisch hochbegabten Schülers Norbert Kniep, und das führt zu Konflikten mit dem an der Erziehung zum Kollektiv und entsprechend diszipliniertem Verhalten orientierten Kollegium.

Die beiden Teile des Romans enden jeweils mit Wanzkas Niederlage. Er findet sich damit aber nicht ab und unternimmt nach seiner Pensionierung anstatt seiner lange geplanten Reise einen Alleingang an den Institutionen vorbei und verhilft Norbert zum Besuch einer Oberschule. Parallel zum Streit um das bessere Schulsystem entwickelt sich die Rivalität mit seinem ideologischen Kontrahenten Seiler um die Junglehrerin Marlott Sommerfeld, die sich am Ende für Wanzkas Pädagogik entscheidet.

Handlung Vorgeschichte Gustav Wanzkas Verständnis für Norbert und die anderen Landkinder hängt mit seiner eigenen Biographie zusammen. 1900 geboren, wurde er von seinem Großvater, dem „Heiden“, geprägt. Der Fischer brachte ihm am Haff das Fischen und den Krähenfang bei. Zugleich öffnete er ihm mit drei Lexikonbänden die geistige Welt (Kap. 1). Er träumte davon, dass sein Enkel einmal Wissenschaftler werden würde, und war mit dessen Berufswahl nicht zufrieden.

Wanzka deutet die erste Phase als Lehrer nur an: Orientierung an der Reformpädagogik Kerschensteiners. Förderung des mathematisch begabten Schülers Martin, der im Zweiten Weltkrieg ums Leben kam, Ehe mit Anka. Entlassung 1933, weil er nicht dem NS-Lehrerbund beitreten wollte. Umzug mit seiner Frau ins Fischerhaus seines inzwischen gestorbenen Großvaters. Tod Ankas am Ende des 2. WKs. Wanderung von Dorf zu Dorf, Arbeit auf dem Bau, dann als Landvermesser. Eintritt in die Kommunistische Partei. Im Winter 1946, Versuch, über einen Lehrgang für Neulehrer wieder in den Schuldienst zu kommen. Entlassung wegen seiner falschen Altersangabe. Der russische Schuloffizier Norwikow entdeckt die Gemeinsamkeit ihrer pädagogischen Vorstellungen und stellt ihn als Schulrat ein (Kap. 9). Nach 15-jähriger Tätigkeit wünscht er sich, mit 61 Jahren wieder als Mathematiklehrer Kinder zu unterrichten (Kap. 2,) und wird vom Leiter der Behörde Zibulka der Schule in Mirenberg zugeteilt.

Wanzkas Bildungsideal und sein Traum von der Entdeckung eines zweiten Einstein Wanzka (Sanskrit „vancha“ = Wunsch) hat sich die Förderung der individuellen Begabung der Kinder als Ziel gesetzt: „Jedes Kind hat seinen guten Stein. Es geht nun darum, ob man ihn entdeckt. Ich bin übervoll von Selbstzutrauen. Ich rede mir ein, dass ich in jede Kinderseele blicken kann […] Aber angenommen […] du fändest wieder einen Mathematiker?“ (Nr. 7). Er fühlt sich wieder jung und will den Schülerinnen und Schülern auf der kindlichen Ebene begegnen: er fängst wie die Jungen Sperlinge als Eulenfutter, erzählt, wie er als Kind Krähennester ausgeräumt und die Jungen getötet hat, und erhält dafür im Kollegium den Spottnamen „Krähenbeißer“. Er nimmt die Schüler in Schutz, lügt für sie, um sie vor Strafen zu bewahren, v. a. für das von ihm entdeckte Mathematik-Genie Norbert. In Norbert, den Wanzka wegen des häufig gebrauchten Wortes „Konsequent“ nennt, sieht er sich selbst als Kind. Seiner Sozialisation durch den Fischer-Großvater entspricht die Bindung des Jungen an den Nachbarn, den Schuhmacher „Meister Jeromie“ in Domjüch-Mühle, der ihn schon als Kind durch seine erlebten sagenhaften Seefahrergeschichten beeindruckt hat und ihn zu einer Lehre überreden will.

Norberts Mutter arbeitet in der Genossenschaft und hat wenig Zeit für den Sohn (Kap. 5). Wanzka entdeckt ihn, als er sich allein auf dem Bahngelände herumtreibt Er versucht ihn in ein Gespräch zu ziehen und findet langsam Zugang zu ihm. Als der Zehnjährige nach dem „toten Punkt“ einer Lokomotive fragt, entdeckt Wanzka sein Interesse für technische Probleme und Berechnungen (Kap. 2). Er überredet den Schulleiter–Stellvertreter Bartuleit die schon vorbereitete Unterrichtsverteilung zu ändern und ihn als Klassenlehrer der 5c, Norberts Klasse, einzusetzen. Die Förderung des Kindes wird für ihn zur Hauptmotivation seiner Arbeit und dessen Aufstieg zum Nobelpreisträger zur fixen Idee.

Wanzka unterrichtet phantasievoll nach spontanen Einfällen (Kap. 4) und verwirrt dadurch den fleißig nach erlernten Mustern operierenden Klausgünther, den Neffen des Optikers der Stadt. Die Kinder sollen Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, z. B. wann der Papierkorb in den Hof gebracht und entleert werden muss. Er provoziert sie zu Diskussionen über eine vereinfachte Heraklit-Hypothese, alles sei Feuer. Die dadurch entstehende Lautstärke und Unruhe nimmt er in Kauf, auch dass die Schüler diese Freiheiten bei seinen Kollegen ausprobieren und deren Ordnungssystem durcheinanderbringen. Verschmutzte Schulbücher und Atlanten sind ihm, da sie Gebrauchsspuren zeigen, lieber als kaum benutzte und deshalb sauber erhaltene. Er vertritt diese Auffassung laut im Lehrerzimmer. So gewinnt er zwar das Vertrauen der Kinder, gerät dafür aber in Streit mit den Kollegen, die anderer Meinung sind und sich bei der Schulleitung über ihn beklagen (Kap. 7). Wanzka will den Schülerinnen und Schülern lebensnahe Aufgaben stellen mit realistischen Zahlen. Die besorgt er sich beim Kreisamt in Neuleppin von seinem ehemaligen Kollegen, dem Planungsvorsitzenden Hey. Dieser ist zuerst misstrauisch, freut sich dann aber am Interesse an seinen Zahlen (Kap. 7). Ohne Wissen der Schulleitung richtet Wanzka sich mit Hilfe des Hausmeisters Pikors eine Kammer auf dem Dachboden der Schule ein (Kap. 4), bastelt dort Anschauungsmaterialien wie Quader und Pyramiden oder Parabelfolien für den Tafelanschrieb. Parteigenosse Pikors weiß viel über die Schule zu erzählen und lässt Wanzka hinter die Kulissen schauen: Ereignisse aus der Vergangenheit, z. B. Disziplinschwierigkeiten mit aufsässigen Jungen. Die Bodenkammer wird Wanzkas Rückzugs- und Vorbereitungsraum. Dort trägt er in die 31 Schülerhefte der 5c Beobachtungen über die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler ein. Sein Traum ist es, einen berühmten Mathematiker zu entdecken. Er glaubt ihn in „Konsequent“ gefunden zu haben, fördert ihn und richtet seinen Unterricht an ihm aus. Zugleich hat er ein schlechtes Gewissen, den fleißigen, aber wenig kreativen Klausgünther zu wenig zu beachten (Kap. 5).

Wanzkas Streit mit der Pädagogik des Kollegiums Wanzka erlebt nun die Schule nicht mehr aus der Perspektive des Schulrats und der Schulverwaltung, d. h. aus den Akten und von gelegentlichen Schulbesuchen her, sondern aus den Alltagssituationen der Lehrerinnen und Lehrer, die das Jahr über 78 Pläne zu beachten haben, die alle zeitaufwändig in Versammlungen und Konferenzen kollektiv beraten wurden (Kap. 7). Einerseits kritisiert er die Pläne: In allen amtlichen Berichten fehle, der „Punkt, in dem es um die Liebe geht, die Liebe zu den Kindern. […] Ein Bericht über die Lehrerleidenschaft? Über die Neugier eines Klassenlehrers? […] Es liegt in der Natur der Dinge, dass man darüber nicht berichten kann; das Wichtigste hat den purpurnen Mantel um, so ist es unantastbar für Berichte“ (Nr. 32). Deshalb werde es in den Plänen nicht aufgeführt. Andererseits vermisst Wanzka die zu geringe Beobachtung und Förderung des einzelnen Kindes durch das heterogene Lehrerkollegium. In seiner Beschreibung konzentriert er sich auf folgende Personen:

Rektor Zabel: diensteifrig, aber im Auftreten schwach wirkend Konrektor Richard Bartureit:, bürokratischer Administrator, kennt alle Regeln und Verordnungen des Schulamtes genau, achtet auf Ordnung, möchte zum Schulrat aufsteigen und liefert regelmäßig Erfolgsberichte ab (beste Schule im Kreis). Als Briesenbach, Wanzkas Nachfolger als Schulrat, für sich selbst einen Nachfolger sucht und Bartureit im Auge hat, rät der von ihm konsultierte Wanzka ab, denn er hält ihn nicht für geeignet. Zudem hat er gemerkt, dass die dem Schulamt gemeldeten Erfolgsmeldungen der Mirenberger Schulleitung nicht der Wirklichkeit entsprechen und nur Fassadencharakter haben (Kap. 17). Herbert Seiler: gut aussehender Sportlehrer („Zackzack“), erfahrener Segler, umschwärmt von den Frauen Manthey und Sommerfeld, autoritär–sozialistisch–linientreu, Vertreter der Kollektiverziehung und Watzkas bildungsideologischer und persönlicher Gegner Frau Manthey: Musiklehrerin, erzählt oft von ihrem Schwager im Westen und seinem Mercedes, Witwe, hofft vergeblich auf eine neue Verbindung mit Seiler, dann mit Wanzka Marlott Sommerfeld: Junglehrerin, grazile, mädchenhafte Erscheinung, schwankt pädagogisch-menschlich in ihrer Zuneigung zwischen Wanzka und Seiler, verlobt sich mit Seiler, trennt sich am Ende des Romans von ihm. Stier: Biologielehrer, Raucher, belegt den einzigen Sessel des Lehrerzimmers, Gähnzwang Bintzeck: kam 1947 aus dem Westen in die SBZ, Einstellung als Englisch-Lehrer, aber Probleme mit den Eltern und Versetzung nach Mirenberg, Individualist, reist in den Sommerferien durch die Welt und behauptet, sich überall auszukennen, kommentiert jede Situation mit einem Zitat aus der Literatur oder einer Spruchweisheit, erzählt gerne Geschichten mit unsicherem Wahrheitsgehalt, malt Aquarelle, eines davon zeigt ihn in seiner Abneigung gegenüber seinem Beruf. Wanzka interessiert sich für Bintzecks Werke, gewinnt dadurch sein Vertrauen und erhält seine Selbstenthüllung als Geschenk. Auch unterstützt er Wanzka bei Abstimmungen im Kollegium und hätte ihn gern als Freund und Reisegefährten. Doch Wanzka hat eine andere Lebens- und Berufseinstellung. Junglehrer Kriegelstein: Chemielehrer, unterstützt Wanzka bei seinem Eintreten für Norbert Fräulein Otto: Pionierleiterin, zuerst auf Seilers Seite, kooperiert dann mit Wanzka Kirsch, Vogt, Schippel, Frau Romanowski: „Stille Arbeitsbienen“, spielen im Kollegium keine Rolle

Wanzkas Unterstützung des verhaltensauffälligen Norbert bringt ihm Konflikte mit dem Kollegium ein. Es beginnt mit der Aufsässigkeit des Jungen gegenüber Lehrerinnen und Lehrern und seiner Weigerung, Anweisungen auszuführen. Als der Sportlehrer Seiler ihn auffordert, sein Hemd „zackzack“ auszuziehen, und dabei nachhilft, beißt er ihm in die Hand (Kap. 5). Es kommt zum Disziplinarverfahren. Wanzka hat herausgefunden, dass Norbert sich schämte, eine Zeichnung zu zeigen, die Meister Jeromie ihm in Seemannsmanier auf den Oberkörper gemalt hatte, und versucht dies als mildernden Umstand vorzubringen. Doch er wird nicht gehört und Norbert erhält beim Fahnenappell eine öffentliche Rüge.