Rujm Faridiyyeh, das auch unter den Namen Rujm el-Faridiyyeh, Rujm al-Faridiyah und Rujm Faradeeyh (arabisch: Rujm, Rujma = Grabstein, Stele o. ä.) bekannt wurde, war die moderne Bezeichnung einer nabatäischen und/oder spätrömischen befestigten Straßenstation unmittelbar an der Via Traiana Nova. Die allgemeine Lehrmeinung sprach die kleine Anlage als römische Fortifikation an.Burton MacDonald: Wadi el Hasa Archaeological Survey 1979–1983, West-Central Jordan. Wilfrid Laurier University Press, Waterloo, Ontario 1988, ISBN 0-88920-965-0, S. 226. Abweichende Aussagen wie die des britisch-australischen Provinzialrömischen Archäologen David L. Kennedy, gingen von einer StraßenstationDavid L. Kennedy, Derrick N. Riley: Rome’s Desert Frontiers from the Air. University of Texas Press, Austin 1990, ISBN 0-292-77045-6, S. 86–88; hier: S. 86. oder wie der britische Archäologe George MacRae Findlater, von einer antiken oder islamischen Karawanserei aus.George MacRae Findlater: Imperial control in Roman and Byzantine Arabia. University of Edinburgh, 3003, S. 41. (= Dissertation) Nach Ausweis der geborgenen Keramikscherben wurde die Befestigung in byzantinischer Zeit offenbar nicht mehr verwendet. Die zwischen 2013 und 2014 mittels Bulldozer ohne vorhergehende archäologische Untersuchungen vollständig zerstörte Fundstelle befand sich rund 30 Kilometer südlich der Stadt Kerak im Gouvernement at-Tafila in Jordanien.

Forschungsgeschichte Rujm el-Faridiyyeh wurde bereits 1937 von Fliegern der Royal Air Force aus 60 Metern Höhe aufgenommen.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 15. Die in Zusammenarbeit mit dem jordanischen Antikendienst tätige Wadi el Hasa Archaeological Survey (WHS – „Archäologische Untersuchungen im Wadi el-Hasa“), war von 1979 bis 1983 mit einer fachübergreifenden Mannschaft an einer systematischen archäologischen Untersuchung der Südflanke des Wadi el-Hasa unter der Leitung des kanadischen Biblischen Archäologen Burton MacDonald tätig. MacDonald, der vielfach Pionierarbeit an den unterschiedlichsten jordanischen Fundstätten leistete, bezeichnete den Fundort von Rujm al Faridiyyeh, den Fundplatz-Nr. 406 seiner Untersuchungen, als seinen wichtigsten.George MacRae Findlater: Imperial control in Roman and Byzantine Arabia. University of Edinburgh, 3003, S. 39. (= Dissertation) Die Anlage wurde erstmals während seiner Forschungen nach wissenschaftlichen Maßstäben vermessen.George MacRae Findlater: Imperial control in Roman and Byzantine Arabia. University of Edinburgh, 3003, S. 41. (= Dissertation), S. 113.

Nach einer ersten kleinen Zerstörung durch Bulldozer in den 1980er Jahren, wurde die Anlage zwischen 2013 und 2014 ohne vorhergehende archäologische Untersuchungen durch Planierraupen vollständig zerstört.

Lage Die Befestigung befand sich an der Via Traiana Nova, nachdem die von Norden kommende Straße das südliche Ufer des mächtigen Wadi el-Hasa hinaufgewunden hatte und sich am östlichen Ufer des Wadi Ja’is, einem Nebentrockental zum Wadi el-Hasa entlangzog. Das Wadi el-Hasa wiederum mündete an seiner südöstlichen Ecke in das Tote Meer.David L. Kennedy, Derrick N. Riley: Rome’s Desert Frontiers from the Air. University of Texas Press, Austin 1990, ISBN 0-292-77045-6, S. 86–88; hier: S. 86–87. Es gab eine eindeutige Verbindung zwischen der antiken Straßentrasse und dem Bau der unmittelbar daran gebauten Befestigung.George MacRae Findlater: Imperial control in Roman and Byzantine Arabia. University of Edinburgh, 3003, S. 114. (= Dissertation) Die Befestigung stand nahe an dem tief über einen Steilhang abfallenden Ostufer des in das Kerak-Plateau eingeschnittenen Wadis Ja’is, das vom Rujm el-Faridiyyeh aus nach Norden in das Wadi el-Hasa entwässerte.

Baugeschichte Befestigung mini|Der während der Wadi el Hasa Archaeological Survey erarbeitete Plan des Rujm el-Faridiyyeh unmittelbar an der Via Traiana Nova Die Anlage wurde bei Meile 58Nelson Glueck: Deities and Dolphins. The Story of the Nabataeans. Farrar, Straus and Giroux, New York 1965, Pl. 89. unmittelbar an der Via Traiana Nova errichtet. Obwohl das verstürzte Bauwerk nicht genauer datiert werden konnte, schien es MacDonald, in diesem Fall ein rund 36 m (Ost–West) × 42 m (Nord–Süd) großes rechteckiges Kleinkastell vor sich zu haben. Die Fortifikation befand sich rund 70 Meter nördlich der Quelle Ain al-Faridiyyeh und war mit seiner östlichen Umfassungsmauer parallel zur Via Traiana Nova ausgerichtet. Die Befestigung erfüllte Bedingungen des Zentralhoftypus mit abgehenden Räumen, die unmittelbar an die Umfassungsmauer angebaut waren. Diese Räume schienen auf mindestens drei Seiten des rechteckigen Innenhofs existiert zu haben. Es fehlte jedoch jeder Hinweis auf Wehrtürme, wie sie vom klassischen Standardtypus der spätrömischen Quadriburgia bekannt sind. MacDonald berichtete 1984 auch von „kürzlichen Beschädigung durch einen Bulldozer“ und gab an, dass die östliche Umfassungsmauer noch am besten erhalten war. Dort hatten sich sechs Schichten aus gut verlegtem Opus pseudoisodomum erhalten. Die untersuchten Keramikfunde, die von diesem Fundplatz stammten, wurden zumeist ganz grob als „nabatäisch/römisch“ identifiziert. Detailliertere Analysen durch MacDonald und seiner Mannschaft, bestimmten 320 frührömisch-nabatäische (ca. 63 v. Chr.–135 n. Chr.) sowie 70 spätrömische (ca. 135–324) Scherben. Die Archäologen stellten fest, dass sich nur in sehr geringem Maße bemalte nabatäische Keramik an dieser Fundstelle fand. Auch Kennedy bestätigte die überwiegenden keramischen Funde für die nabatäische und römische Epoche, was für eine fortgesetzte Nutzung der Fortifikation nach der Annexion des Nabatäerreiches während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahr 106 n. Chr. sprach.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. Zur Sicherung der neugewonnenen Gebiete ließ der Kaiser zwischen 107 und 114 n. Chr. mit der Via Traiana Nova eine von Süden nach Norden verlaufende Militärstraße entlang des damaligen Limesverlaufs ausbauen, die von der Hafenstadt Aila (Akaba) am Roten Meer bis zum Legionslager Bostra im heutigen Syrien reichte. Die dort stationierte Legio III Cyrenaica zeichnete für den Bau der Straße verantwortlich.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Romanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 36.

Findlater, der sich 2003 in seiner Dissertation sehr kritisch mit den bis dahin erfolgten Bewertungen der Anlage als militärisches Bauwerk beschäftigte, fand diese Einschätzung als „etwas irreführend“ und forderte, Rujm Faridiyyeh solle „nicht als militärischer Fundplatz aufgeführt werden“. Er gab an, dass einige der bisher dem Militär zugeschriebenen turmlosen Zentralhofanlagen, wie El-Hammam und El-Mutrab, Karawansereien entsprechen würden und schlussfolgerte, der Typus sei ein häufiges Merkmal der nahöstlichen Architektur in der antiken und islamischen Periode. Er betonte insbesondere die nur bei ihm in Rujm el-Faridiyyeh erwähnte spätislamische Keramik (1174–1918)Samuel Thomas Parker: The Roman frontier in central Jordan. Final report on the Limes Arabicus Projekt 1980–1989. Band 1 (= Dumbarton Oaks studies 40) Harvard University, Washington, D.C. 2006, ISBN 0-88402-298-6. Tabelle 2.1. und gab als weiteres Argument für eine zivile Nutzung der Fundstelle zudem die Häufigkeit ähnlicher Bauten an der Via Traiana Nova an.

Der amerikanische Provinzialrömische Archäologe Samuel Thomas Parker, der mit einer Mannschaft aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen von 1980 bis 1989 im Rahmen des Limes Arabicus Projects archäologische Expeditionen an den arabischen Limes unternahm, stellte fest, Rujm al Faridiyyeh hätte die „dicht besiedelte Region im Westen“ geschützt.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 84. Dort lagen im Hinterland die Siedlungen und landwirtschaftlichen Betriebe, die unter anderem mit den bedeutenden Handelsstädte im Land und entlang der Mittelmeerküste in nabatäisch-römischer Zeit prosperierten. Findlater sah Parkers Bewertung dieses Fundplatzes als „völlig falsch“ an, da er den Ort topographisch als „schwierig“ und „unpraktisch“ bewertete.

Wachtürme Rund 70 Meter westlich von Rujm al Faridiyyeh befindet sich ein Wachturm unmittelbar an der Klippe über dem rund 60 Meter tiefer eingegrabenen Wadi Ja’is. Mit diesem Turm konnte rund 70 Meter weiter südlich verlaufende Quelle Ain al-Faridiyyeh im Blick behalten werden, deren Wasser bei Niederschlägen in das Wadi hinabstürzten.Wachturm bei Ein zweiter Turm, befand sich rund einen Kilometer nördlich, wie die Fortifikation ebenfalls direkt westlich an der antiken Straßentrasse.David L. Kennedy, Derrick N. Riley: Rome’s Desert Frontiers from the Air. University of Texas Press, Austin 1990, ISBN 0-292-77045-6, S. 86–88; hier: S. 88. Dieser Straßenturm war schon Jahre vor der Zerstörung des Rujm al Faridiyyeh mutwillig durch eine Planierraupe zerstört worden.Straßenturm bei Findlater wollte sich bei seiner Beurteilung dieser Türme nicht festlegen. Die Wachtürme in der jahrhundertelang befestigten Grenzzone sah er in seiner Dissertation als einen „allgegenwärtiger Teil der Landschaft“ der „auf viele Arten interpretiert werden kann“.

Straßentrasse und Meilensteine Die Via Traiana Nova, die unmittelbar an der Befestigung vorbeiführte, besaß an dieser Stelle ein Fundament aus vor Ort gesammelten Feldsteinen. Das Straßenbett war von erhöhten Bordsteinen eingefasst und an dem untersuchten Abschnitt sechs Meter breit.Shelagh Gregory, David L. Kennedy (Hrsg.): Sir Aurel Stein’s Limes Report Teil 1, (= BAR International Series 272) Oxford 1985, ISBN 0-86054-349-8, S. 436 f. Im Umfeld des Rujm el-Faridiyyeh veröffentlichte der deutsche Theologe und Orientalist Peter Thomsen (1875–1954) im Jahre 1917 an der Trasse eine Abfolge von Meilensteinen aus der Zeit von Trajan bis Konstantin.Peter Thomsen: Die römischen Meilensteine der Provinzen Syria, Arabia und Palaestina. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. Deutscher Verein zur Erforschung Palästinas, Band 40, 1/2 (1917), S. 1–103; hier: S. 52–54, Nr. 133–154. Seine Nr. 133 wurde unmittelbar vor dem nördlichen Übergang der Straße über das Wadi el-Hasa entdeckt, die Nummern 134 und 135 lagen in kurzer Entfernung bereits nach der Furt am östlichen Ufer. Nach Thomsens Angabe befand sich der bei ihm mit der Nummer 140 genannte Stein nur wenig nördlich des am Rujm el-Faridiyyeh gelegenen Straßenturms. Seine anschließende Nummer 141, die aus drei Steinen bestand, kann etwas südlicher von der Befestigung verortet werden. Alle vier Meilensteine wurde bereits kurz vor 1900 während einer Forschungsreise durch den österreichischen Althistoriker Alfred von Domaszewski (1856–1927) und dem deutsch-amerikanischen Philologen Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917) beschrieben.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 1: Die Römerstraße von Mâdebâ über Petra und Odruh bis El-Akaba, Trübner, Straßburg 1904, S. 81. Auf der Nummer 140 fand sich keine Inschrift. Die Nummer 141a trug eine stark fragmentierte Inschrift:.

] P(ius) F(elix) Au[g(ustus) p(ater)] patr[iae proco(n)s(ul)] cons(ul) [